Hubert Grimme.
Mohammed.
Vorwort.
Uic vorliegende Lebensbeschreibung Mohammeds, der sich als notwendige Ergänzung eine Darstellung seiner Lehre anschlie- ßen soll, beruht durchgängig auf schon veröffentlichtem Quellen – material, seien es nun occidentalische oder orientalische Drucke, worin, wie ich glaube, alle wertvollen Nachrichten erschöpfend genug geboten werden. In ihrer Benutzung habe ich teilweise ein anderes Verfahren beobachtet, als die meisten meiner Vorgänger und bin in Folge dessen öfters dazu gelangt, bis- her geltende Anschauungen nicht teilen zu können. Den Tradi- tionen gegenüber hielt ich eine vorsichtigere Haltung für durchaus notwendig. Niemand kann bezweifeln, daü besonders die älteren Sammlungen derselben viel Uchtes und Unentbehrliches zur Geschichte Mohammeds liefern: ebenso sicher ist es jedoch, dato die beabsich- tigte Fälschung auf keinem tiebiete der Litteratur mit solcher Unver- frorenheit gearbeitet hat, wie gerade hier. Zu einer untrüglichen Methode der Scheidung von Echtem und Falschem ist man aber bei weitem noch nicht gelangt : dazu bedürfte es erst einer Anzahl von Fiuzeluntersuchungen über Sammler. Gewährsmänner, Inhalt und Form der Traditionen. Noch ist man vielfach nur auf sein subjek- tives Urteil angewiesen: doch dieses sagt immer wieder, dal.’: man nicht radikal genug vorgehen kann, um den von Fälschun- gen strotzenden Hoden zu säubern. Weiler bieten die Traditions- sammlungen neben entstellten Nachrichten leider viel zu viel Unwichtiges, das, mag es echt oder nicht echt sein, jedenfalls gar nicht für die Geschichte zu verwerten ist. Was kümmert es uns, die wir nicht den Nachäffungstrieb der stets rückwärtsschauenden Muslime teilen, zu wissen, wie der Urophet Toilette machte, welche seine Lieblingsspeisen waren, oder welche Namen er seinen Pferden, Kseln und Kamelen beilegte! Endlich kranken alle Tra- ditionen an dem Übel, daü sie nur den Geist der medinische n,
VIII
Vorwort.
nie den der früheren, mekkanischen Epoche des Islams wieder- geben. Das bleibt ihnen als größter Mangel anhaften, selbst wenn es einmal dahin käme, dato wir mit ziemlicher Sicherheit die Geseliichtslügen und Verdrehungen der späteren Hoftheologen, die Füllphrasen der ersten Biographen nachweisen könnten.
Waren wir also bei Behandlung der Geschichte Mohammeds auf die Traditionen allein angewiesen, so könnte man sich wie «•in Wüstenwanderer vorkommen, dem eine reiche Wasserspie- gellllig erscheint , aber kein Wasser. Doch sprudelt uns zum (ilücke noch ein starker Quell geschichtlicher Wahrheit in dem Koran. Diesen habe ich versucht, in recht ergiebigem Maße aus- zunutzen. Zwar mahnt auch hier vieles zur Vorsicht: nicht die Krage, ob der Koran überhaupt als authentisch anzusehen sei. was ich durchaus bejahen zu müssen glaube, auch nicht seine Textform, die sich ohne wesentliche Varianten rein von Moham- meds /eil bis auf die unsrige hinübergerettet hat, sondern die Aneinanderreihung und Erklärung seiner Stücke. Noch hat ein jeder es nötig, der Leben und Lehre Mohammeds bearbeiten will, selbständig eine neue Anordnung der Suren zu unternehmen, weil auch die besten Arbeilen darüber, z. B. Nöldekes Geschichte des (Jorüns, nicht den Anspruch erheben, unumstößlich richtige Er- gebnisse erzielt zu haben. Gegenüber den mekkanischen Suren muß der Kritiker die philologische Goldwage in die Hand neh- men, um au dem Gehrauche gewisser Worte und Wendungen die allmähliche Entwicklung der islamischen Lehrsitze nachzuwei- sen: bei den med mischen Suren aber, deren Text l. berlieferung und Kommentatoren mit einer Külte scheinbar thatsächlicher Er- klärungen begleiten, muß er sich hüten, nicht eben so viel, wie jene, wissen zu wollen. Vielmehr ist der Wortlaut des Koraus immer besonders da genau nachzuprüfen, wo die orientalische Auslegung am zuversichtlichsten auftritt. Daß es im allgemeinen für uns an der Zeil ist, über den Zaun, den die Muslime um den Koran gemacht haben, hinwegzugehen, wird wohl jeder zugeben.
Zu meiner Art der Verweisung und .Namensschreibung möchte ich noch bemerken: Von verschiedenen Autoren, die man ge- wöhnlich nach einem occidentalischen Drucke citiert, standen mir nur orientalische Ausgaben zur Verfügung , weshalb sich meine Imitate auf diese beziehen. Es sind besonders folgende Werke: Bühari, Sahih, (Jähira, a. I2HH d. IL, Baidäwi, Korankommentar i v mil dem der Galälain am Hände), Constantinopel, a. 1303: Ihn el-Atir, Kämil, Uähira. a. l’MTA: Mas üdi, Murfig cd-dahab, am
Vorwort.
IX
Hände von Bd. I— X des Ihn el-Atir; Ibn Qotaiba, Kitäb el- Ma’arif, Qähira, a. 1800. Den Wäqidi habe ich in der verkürz- ten Übersetzung von Wellhausen benutzt. Was weiter die Na- mensschreibung anlangt, so habe ich mich nach dem am meisten gebräuchlichen Transskriptionssystem gerichtet, wie es sich in den Grammatiken von Caspari-Müller und Socin findet, glaubte jedoch, die uns Deutschen geläufigen Buchstaben q und sch (statt k und beibehalten zu sollen. Einigemal bin ich gewissen konventionellen Schreibungen gefolgt, so in den Worten Moham- med (statt Mohammed), Koran (statt Qor’än), Kalif statt Halifa u.a.
Es erübrigt mir noch die angenehme Pflicht, Herrn Professor Th. Nöldeke in Strasburg, sowie Herrn Prival-Dozenten S. Reckendorf in Freiburg i. Br. für manche freundliche Winke bei der Ausarbeitung des Buches meinen Dank auszusprechen.
Freiburg i. d. Schweiz, im März 1892.
Der Verfasser.
Bemerkung /ur Aussprache der arabischen Consouanteu.
d bedeutet emphatisch gesprochenes d.
d . das weiche tli des Englischen !Z. B. in the).
t ■ tisch, im ägyptischen Dialekte g.
g „ gutturales r.
h , h mit Reibungsgeräusch.
b a hartes ch.
s , emphatisch gesprochenes s.
) , emphatisch gesprochenes t.
t a das harte th des Englischen z. B. in Uiank .
z . weiches s.
z . weiches emphatisch gesprochenes s.
den Spiritus lenis des Griechischen (im Wortanlaute habe ich den Laut nicht geschrieben). „ einen rauhen Kehllaut, durch starkes Zusammendrückt n der Stimmritze und Hervorstoßen der Luft gebildet
1 ii Ii a 1 t.
I. Kapitel.
Arabische Zustünde vor «lern Islam. Mohammed und die Art
seines ersten Wirkens.
Bodengestaltung und geographische Einteilung Arabiens 1. — Seine Be- wohner 3. ™ % Politische Zustände zu Ende d*-s sechsten Jahrhunderts n. (Ihr. I.
‘HeligiOse Zustände 5. — Mekka und seine Bedeutung tf. * Mohammeds Geburt und Jugendzeit 8. Orientalische Traditionen flher seine Berufung zum Propheten 10. — Ihr Unwert 11. — Falsche Vorstellung vom Hanifen- tume 12. — Das sozialistisch-religiöse Eehrsystem des ältesten Islams 14. — Belege dafür aus den ältesten Suren No. 101, UV. IM», lu?, 102, 92, 90, 89,
«8t »\ 74 — ia
II. Kapitel.
Stiftung der ersten Gemeinde. Entwicklung der islamischen Re- ligion bis znr Übersiedelung Mohammeds nach Jatrib.
Die ersten Mitglieder der Gemeinde 21. Bund Gottes 25. — Wirken der Mitglieder und ihres Meisters 25. — Verhältnis zwischen Predigt Moham- meds und Koran 27. — Entstehung des Korans 27. — Mohammed gegenüber seinen Stammesgenossen :’S. — Seine Erfolge hei den Mekkanern 29. — Über- gang des ältesten Islams zur Beligionsgenossenschafl 29. — Was ilie Mekka ner in Mohammed sahen 32. — Erste Eeindseligkeiten gegen die Gemeinde 33. Zweiniidige Auswanderung von Gläubigen nach Abessinien 31. — Omars Bekehrung .’15. — AbachUefiungsmaßregeln der Qoraischilen gegen den Stamm Häschim 3<;. Wiederaul ‘hebung derselben .’17. — Mohammeds Nacht- räge 37. — Verluste für den Propheten 38 Predigt in Täif 39. – Ei>tes Zusammentreffen mit Einwohnern von Jatrib 40, — Zustände in Jatrib 40. — Erste ‘Aqaha 42. — Ihre eigentliche Betleutung 12. — Zweite ‘Aqaba 13 — Zusätze und Fälschungen in den darauf bezüglichen Traditionen 45. — Über- siedelung der Gemeinde nach Jairib U>. — Nigra Mohammeds 47. — Bemer- kungen über Mohammeds Lebensalter.
Inhalt.
XI
III. Kapitel.
Politik Mohammeds in .la tritt. Kinlriilti-r Feststellung «los Kultus.
Inner»» Fehden.
Neues Arbeitsfeld 49. — Verhältnis der Muhägirrtn zu den Ansär 50. – Verbreitung des Islams in Jajrib M. — Christen und Juden in Jatrib 52. — Iteform des islamischen Kultus, Gehetsordnung frt. — Fasteneinrichtung 55. — Speisegesetze 56. — Qibla 57. — Jetzige Bedeutung der Zagatpflicht r>7. — Wachsende Abneigung de« Propheten gegen das Judentum 58. – Rachege- danken gegen Mekka 58. — – Mittel zur Verwirklichung derselben 51». — Gebot der Ka’haverehrung GO. — Fälschung der Alirahamtradition (50. — Abraham in mekkanischen Suren W. — Abraham in medinischen Suren <>.’5. – Kora- nisches Gezänk mit tlon Juden H7. — Wirlt Mohammed den Juden Fälschung ihrer hl. Schriften vor? <j9. — Der Koran und die Christen 70. — Verlegung
kämpfe 72.
- Forderung des Glaubenskampfes
- — Entstehung der Partei der Kninken oder Feiglinge 74. Sogenannte Gemeindeordnone von Jatrib
- — Zeit ihrer Entstehung 76. — Inhalt 77. — Wortlaut 7a
IV. Kapitel.
Die ersten kriegerischen Ereignisse des Islams, vou Badr
bis (Html.
Erste Versuche, den Frieden mit Mekka zu stören: Streifzfige der Mu- bAginui 82. — Überfall im Thale Nahia 88. — Neubestimmung hinsichtlich des hl. Monats 84. — Auszug nach Badr 85. — Überredung der Ansär zur Teil – iiahme am Kani|»l”f 84. – Rachezug der Mekkaner gegen Medina 95. — Kriegseifer Mohanimeds 95. – Seine Niederlage am Berge Ohod 90. — Abzug Abu Snfjäns 97.
Y. Kapitel.
Wachsende äußere Maeht des Islams bis znm F«!!«» Mekkas. Charakterbild Mohammeds.
Koranische Hechtfertigungs- und Trostrede 99. — Versuche einer fried- lichen Missimiierung H’l. — Wiedeivrw.irhen der Kampllust : Vertreibung der Jttden Vom Stamme Nadir inj. M”ha,uiued mit der Messe ymi liadr In:;, – Ziig in das Hochland UM. – Zug gegen die Benu Mosjali’i l”l. — .Mo- hammed und lbn Obaj 104. — Neuer Zug der Mekkaner gexen Medina 105. – Befegtjgung der siadt !<*;. Hria^.-i nn^ Ki7. — Wiedjgaqfliebujag derselben 108. — Mohammeds Rachezug gegen den Stamm Qoraiza 109. — Bekriegung
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XII Inhalt.
zahlreicher Beduinonstämme III. — Die Expedition nach Hodaibijja ein Kriegs – zug 112. — Kritische Lage des Propheten 113.— Friedensvertrag auf 10 Jahre mit Mekka 114. — Koranische Rechtfertigung desselben 115. — Bedeutung des Vertrages für den Islam 116. – Eroberungszüge ge^en Haihar und andere jüdische Kolonien 118. — Die letzten Juden in Hhjaz 12». — Wallfahrtszug Mohammeds nach Mekka 121. — Obertritt des ‘Amr und H&lid zum Islam
- — Nachrichten über HotsHmflcTi ftp die Wcltherrs< lu r zur Annahme des
Islams 122 — Ihre IJnglaubwflrdigkeit vom Standpunkte der koranischen An – schauung und ihre Unechtheit 123. — Niederlage der Muslime bei Mu’ta 127.
- Aufkündigung des Vertrages von Hodaibijja 1 28. — Kaniptrede gegen Mekka 129. — Mutlosigkeit der üoraischiten 133. — Einnahme und schonende Be – handlung der Stadt 134. Mekkas Islam verglichen mit dem von Medina 13T>. — Mohammed als Staatsmann. Feldherr und Herrscher 130. — Sein moralischer Niedergang 138. — Seine Stellung zu den Weihern 139. — Sein Wesen gegen – über der Gemeinde Iii. — Idealtypus von ihm im Koran 142.
VI. Kapitel.
Vordringen des Islams bis an die natürlichen Grenzen Arabiens. Einrichtung der centralen Verwaltung. Mohammeds Tod.
Gewaltsame Bekehrung der Umgehung von Mekka 143. — Kriegszug Tiiifs und der Hawüzinstämiiie gegen Mohammed 144. — Schlacht bei Honain 14f». — Erfolglose Belagerung Täifs 1 4 ti. — Spaterer Vergleich mit Taif 117. – Verteilung der Beute von Honain 147. – Unzufriedenheit bei den Altgläu- bigen 148. — Veranlassung zum Zuge nach Tabük 149. — Koranische Schelt- reden 150. — Erfolge des Zuges nach Tabük IM. — Unduldsamkeit gegen Mu- ualiq 1;”)2. – Begelung des Steuerwesens 152. — Kopfsteuer 138. — Sadaqn lf>4. — Nachmalige Ergänzungen Dinars 155. Vorteile der übergetretenen Stämme 156. – Gesandtschaften der Araber 1 ;”>**. Temim, Taj, Hanifa . r )7. — Bekehrung von Oman und Jemen 186, — Den Heiden wird die Wallfahrt nach Mekka verboten 160. — Abschiedswallfahrt Mohammeds 161. — Predigt. Einsetzung des reinen Mondjahres 162. – Vorbereitungen zu eiuem neuen Feldzuge 163. — Krankheit und Tod Mohammeds 163—164.
Corrigcnda.
Seite 5, Z. 4 v. u. ließ Taimä st. Taimä. _ s. 9, Z. 2.3 v. o. 1. Kultüm st. Kultum. — S. 24, Z. 8 v. u. 1. Übaid st. Obaid.- S. 25, Z. 10 v. o. 1. Moham- med st. Muhammed. — S. 26. Z. 12 v. o. I. raka a st. raqa’a. – S . r »2, Z. I v. u. 1. vorher st. zuerst. — S. 57. Z. 12 v. u. I. Hauptpflichlen st. Haupt- nichten. — S. 62, Z. 13-14 streiche man: und jeden Guten von seinen Nach- kommen — S. 73, Z. 10 v. o. I. Muhügirün st. Muhagirün. — S. H»4, Z v. o. I. Ärger statt Arger.
I Kapitel.
Arabische Zustände vor dein Islam. Mohammed und die Art
seines ersten Wirkens.
Mehr als irgend ein größeres Gebiet des Orients kann die Halbinsel Arabien den Anspruch erheben, von jeher sich selbst überlassen, von keinem auswärtigen Volkselernente dauernd be- einflußt gewesen zu sein. Ihre nach allen Seilen abgeschlossene Lage, Wüsten an der Nordgrenze, hafenlose, gefährliche Küsten, soweit das Meer sie berührt, seltsame Bodenverhältnisse im In- neren, aus denen sich als schlimmste Folge für den Menschen der fast gänzliche Mangel an fließendem Wasser ergeben muß, alles wehrte das Eindringen des Eroberers wie des Forschers ab und bildete bei der autochlhonen Bevölkerung den Typus primi- tiver Eigenart aus. Einfachheit bis zur Einseitigkeit ward so ihr Hauptmerkmal hauptsächlich unter dem Banne der Einför- migkeit, die ihr Land in allen seinen Weiten zur Schau trägt.
Dasselbe, im wesentlichen eine Tiefebene, wird hart an der Westküste von einem von Norden nach Süden streichenden Sand- sleingebirge, dem Sarät, d. i. Rücken durchzogen, in welchem das armenisch-syrische Hochgebirge seinen Abschluß findet. Das Innere der Halbinsel gliedert sich nur gering durch die nord- westlich laufenden Gebirgszüge Agä und Sahna, zusammen jetzt SchammAr genannt, mit ihren südlichen Ausläufern, in welchen die Granitformation des Sinai sich fortsetzt. Im übrigen herrscht der Sandstein vor, sowohl im nördlichen Steppengebiete, wie
Grimm»: Mohammed I. 1
-■
•2 Das Lehen Mohamn.eds.
in dem gewaltigen Wustenbecken SQdarabiens und der Wüste Dahnä, welche jene beiden Gebiete verbindet. Au Halliger als alles dieses, ja last einzig in ihrer Art. sind die zahlreichen, weit ausgedehnten Harren, d. h. Strecken vulkanischen Eruptiv- gesteins, zu welchen nur der Mainau und die Trachonen ein Analogon stellen: ihnen verdank! Arabien seine wildartigsten, doch auch seine fruchtbarsten Gegenden. Ihr Hauptgebiet ist Nordarabien; als eine Art Centrum kann die Stadt Medina auf- gefaßt werden, insofern sich unweit derselben der östlich neben dem Sarat in gesonderten Gliedern laufende Zug, ferner die in der westlichen Verlängerung des Schammär sich erstreckende Harra von rjaibar, die weitläufigste von allen, endlich der südlich bis Mekka reichende Komplex von Harren am meisten nähern. 1 ) An- dere größere Gruppen werden von den arabischen Geographen östlich und südlich von Schammär, nach Faid und Jemäma ver- legt, *) wie denn auch Südarabien derselben keineswegs entbehrt.
Aus Mangel einer klar in die Augen springenden natürlichen Gliederung Arabiens wurden den Alten politische Gesichtspunkte für die Einteilung maßgebend. Fnter den Begriff Arabia Felix 8 ) faßten sie die ganze eigentliche Halbinsel, deren Völker ihre Unab- hängigkeit bewahrten, zusammen ; Arabia Petraea war ihnen jenes Gebiet arabisch sprechender Völker, das von der Südspitze des Golfes von Aila bis Palästina reichend und im Osten durch die gerade Verlängerung des syrischen Ostens begrenzt, seit Hadrian römischer Herrschaft unterstand , während Arabia Üeserta den persischen Besitz darstellte, welcher südlich von den ersten An- höhen des arabischen Mittellaiides, östlich von den Euphratmün- tiungen begrenzt ward. Diese Einteilung wurde von den arabischen Geographen der Kalifenzeit entsprechend umgestaltet: Arabia Petraea und Deserla werden nunmehr zu Schäm (Syrien) und’Iraq (Baby- lonien) gerechnet, Arabia Felix, auf arabisch Jemen oder Rechts- land *) beschränken sie auf Südarabien , weil ihr imaginärer
1 j Vergleiche ilie geologisch* Karte hei Duughly, Travels in Arahia Deserla.
? ) Vergl. Lolh, Die Vulkanregionen von Arahien. DMZ. Band XXII.
p. 3T.5 IT.
■) In späterer Zeit auch firofi-Arabien genannt . vergl. Philostor- gius III. 4.
) Felix hezw. Eudainion ist eine irrtümliche Übersetzung von Jemen, wel- che in der (fruuilhi’ilfiituug „reehU”, in abgeleitetem Sinne .gluYkhVh” bedeutet.
[. Kapitel. Arabische Zustände vor dem Islam u. s w.
3
Standpunkt Mekka ist Der” Raum zwischen Mekka und der alten Nordgrenze Jemens, unweit Tabük, wird für sie dadurch Higfiz, d. h. Mittel- oder Scheideland, dessen Ostgrenze aber nie ganz klar fixiert worden ist , indem einige sie durch das ganze Mittelland bis an die wostöstliche Wasserscheide Arabiens reichen lassen, 8 ) spätere jedoch lieber dieselbe einige Tagereisen landeinwärts von Meditia und dem Sarät ansetzen und hierdurch noch Raum für eine andere Landschaft Nagd oder Hochland gewinnen. An die- ses lassen sie Hagar oder Bahrain, den Küstenstrich längs dem persischen Meerbusen, sich anschließen, dessen südwestliche Fortsetzung Jemäma ist, mit Bahrain zusammen auch l Arüg* genannt. Weiter wird Jemen wieder in verschiedene Teile zer- legt, und zwar in Tihäma, d. i. die schmale Küstenebene am roten Meere, Nagd, das Küstengebirge, el-Ahqäf, die menschen- leere Sandlläche des Inneren, Hadramaut, einen Strich an der Südküste Tili t großem Hinterlande, und Oman, den östlichen Vorsprung.
Eine Einteilung nach ethnographischem Prinzipe wird bei Arabien dadurch sehr erschwert, daß das Volk, welches dasselbe bewohnt , sich zwar mit dem Gesamtbegriff Araber nennt, den Gedanken dieser Einheit aber durch weitgehendste Schei- dung in Teile und Teilchen wieder aufhebt. Die älteste, nie ganz vergessene Spaltung trennt sie in Süd- und Nordaraber, obwohl diesen Begriffen schon lange vor Auftreten des Islams die geo- graphische Berechtigung fehlte, da sich der Norden und Süden in großen Wanderungen durchkreuzt und gemischt hatten. Als eigentliche Einheit wurde überall nur der Stamm angesehen, der in Unterstämme, Geschlechter und Familien wiederum zer- fiel ; feste Verbände mehrerer Stämme gehörten schon zu den Seltenheiten. Vor dem Auftreten Mohammeds gruppierten sich die Hauptstämme Arabiens ungefähr in folgender Stel- lung: Im Higäz bewohnten das Küstengebirge die Muzaina, (iohaina, endlich, bis Mekka reichend, die Huzä l a ; die Binnen- gegenden die Bali in der Gegend von Taima. die Gatatan um rjaibar herum, die Umgegend von Medina die Salül und Sulaim,
‘) Vergl. Sprenger, Die alte Geographie Arabiens. Bonn 1875. p. 9.
‘) Vergl. Maqdisi, Imperium Moslemicum, p. wo als Hauplteile Arabiens nur Higäz, Jemen, ‘Oman, Hagar, als Einzellandschaften auch noch el-Ahqäf, el- Asihhar, Jeinama und Qorh angeführt werden.
1 *
4
Das Leben Mohammeds.
südlichere Teile die Hawäzin und Hurjail. Im Nagd bevölkerten die Kalb die nördliche Ebene, die Ka’b ben Habi’a den Landstrich Falag, die engverbündeten Taj und Asad die Thaler des Scham- märgebirges. Bahrain gehörte vornehmlich den Abd-el-Qais, Jemäma den mächtigen Tamim, Numair ben Amir und Bähila. Tihämastämme waren die Kinäna und Bakk, im Gebirge östlich von Mekka saßen die Taqif : in Jemen ordneten sich in der Rich- tung von Norden nach Süden: die Hat’am, Madhig, Xahd, Mu- räd, Hamdän. I.Iimjär. Von anderen Stämmen des Südens seien nur noch die Azd in ‘Oman erwähnt : von den Mischstämmen im Euphraf gebiete und in Syrien kann hier abgesehen werden.
In politischer Beziehung waren um den Ausgang des sechs- ten Jahrhunderts die guten Tage Arabiens vorbei : die ehemalige Selbständigkeit hatte einer umfassenden Beeinflussung von außen Platz gemacht, welche an einzelnen Stellen vollständiger Unterwerfung glich. Das alte Kulturreich der Sabäer oder Süd- araber hatte sich überlebt, und seine Gebiete waren den Abes- siniern als Kampfpreis im Jahre 525 n. Chr. zugefallen. Da die nationale Kraft nicht mehr ausreichte, um diesen Erbfeind wie- der abzuschütteln, so fand Persien gute Gelegenheit in den Be- freiungskampf einzugreifen ; das Land wurde nun zwar von den Axumiten geräumt, doch in eine persische Satrapie verwandelt. Damit umspannte der persische* Einfluß das Mittelland Arabiens von allen Grenzen her, mit Ausnahme der nordwestlichen ; denn die Nordostmark mit den Weidegefilden am unteren Euphrat, das Reich der Könige von Hira, halte von alters her im Vasallen- Verhältnisse zu Persien gestanden, die Ostküste von Bahrain bis Omän war zinspflichtig, ein Teil des Nagd lag nach dem Unter- gange des vielverheißenden nationalen Königtums der Kinda in der persischen Interessenzone, und der Besitz von Südarabien mit seinen bedeutenden Handelsplätzen vollendete die Umschlie- ßung. Im Nordwesten hatte indessen auch der große Gegner des Sasanidenreiches, Ostrom, das seinige gethan, den Fuß möglichst weit in arabisches Gebiet hineinzusetzen. Der größte Teil des alten Nabatäerreiches, jener seltsamen Frucht arabischen Handelsgei- slos und griechisch-aramäischer Kultureinwirkung , das von der Graberstadt Higr bis nach Petra und an die Grenze der Damas- cene gereicht hatte, war im sicheren Besitze der Byzantiner und bildete die Provinz Arabia mit Bostra als Hauptstadt. Ein
I. Kapitel. Arabische Zustände vor dem Islam u. s. w. 5
arabisches Fürstengeschlecht , das der foissaniden , war Hüter dieser Grenzen, um sowohl die Kriegsscharen der Könige von Hira und der Sasaniden abzuwehren wie die Beduinen der Wüste ZU überwachen.
Somit hatten nur die Stämme von Higäz, Nagd und Jemäma \ ihre alte Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Aber es fehlte ihnen au einem nationalen Mittelpunkte, ein Mangel, den selbst die Handelsstadt Mekka, welche den Verkehr zwischen Jemen, Syrien und dem Euphrat vermittelte, für Higäz nicht ersetzen konnte.
Arabien hatte aber nicht nur seine politische Macht, son- dern damit auch seine uralte Religion fast ganz verloren; hier hatten, wie überall im Altertume, Staatswesen und Kultus, An- hänglichkeit an das Vaterland und an die vaterländischen Götter nur eine und dieselbe Wurzel gehabt. Mit der Schwächung des Sabäerreiches fingen schon die großen südarabischen Götter Attar und Almaqah zu wanken an, und jüdische Propaganda begegnete sich mit christlicher angesichts der sabäischen Riesentempel. Das Judentum trug, nachdem es auf noch unerklärte Weise, der Tra- dition nach in Folge der Zerstörung Jerusalems, in Südarabien eingedrungen war, den größeren Erfolg davon, und durchsetzte, besonders als ungefähr vom Jahre 300 n. Chr. die Landesfürsten es begünstigten, weite Schichten des Volkes mit monotheistischen Ideen. Der Verbreitung des Christentums aber, welches von Ostrom aus hier gepflanzt worden warM und von den Abessini- ern weiter gepflegt wurde, stellte sich die nationale Abneigung gegen letztere stark in den Weg, wogegen das Judentum als staatserhaltendes Element galt. So war es fast ein Vorteil für die sporadischen christlichen Niederlassungen, Nagrän , ‘Aden u. a., daß die Chosroen Herren im Lande wurden, da diese über- all ihren Christen, allerdings vornehmlich den Nestorianern, Schutz und Gunst angedeihen ließen. Eine große Lebenskraft entfaltete das Christentum aber in deti nördlichen arabischen Landesteilen, welche unter oströmischer Herrschaft standen , vor allem im städtereichen Haurän, während wiederum die jüdische Religion durch den heidnischen Higäz hin in zahlreichen, alten Enklaven, z. B. Medina, Wädi-l-Qora, FJaibar, Tairnä, ihre Bekenner zählte.
Die Religion der unabhängigen Araber stand auf der primi- tivsten Entwicklungsstufe; die Idee großer, überirdischer Götter
»j Vergl. Philostorgius, III. 4.
Das Leben Mohammeds.
läßt sich bei denselben schwer nachweisen. Dagegen war der Stammes- und Hausgötter , deren Wesen an bestimmte Orte und Gegenstände, wie Standbilder, Bäume und Steine, gebunden gedacht wurde, eine nicht geringe Zahl: je klein- licher aber die Anschauung von diesen Gottheiten sich er- hielt, um so furchtbarer mußte die vielnamige Schicksals- macht in der Phantasie der Araber wachsen. Die Götter waren im allgemeinen keine großen Kaktoren des Öffentlichen Lebens, und keine Begeisterung loderte zu ihnen auf, ja nicht ein Vers unter den tausenden, die uns erhalten sind, enthält ihren Preis. Man führte sie bei Beteuerungen im Munde und pflanzte ihre Erinnerung in Personennamen vielfach verstümmelt von Geschlecht zu Geschlecht fort: traditionelle Opfer von Feld- früchten und dem Überschüsse der Herden wurden ihnen als Abgabe dargebracht, und vor allein besuchte man berühmt gewor- dene Kultstätten zu bestimmten Zeiten und verrichtete dort längst unverständlich gewordene Geremonien. Doch nicht letzteres allein, sondern fast mehr noch das Bedürfnis gegenseitiger Annähe- rung und Handelsinteressen ließ diese Zusammenkünfte fortleben, besonders da um jedes Gotteshaus auch ein Gottesfriede, ein Kaum, in welchem jedermann sicher war, sich ausbreitete. So konnten sich bei den Heiligtümern große Märkte entwickeln, auf welchen sowohl die materiellen , wie die geistigen Waaren der Stämme ausgewechselt wurden. Die Suprematie in solcher Hin- sicht war im Laufe der Zeit der Stadt Mekka ») zugefallen. Ihre Bedeutung für ganz Higäz verdankte sie zum guten Tei.e der Anziehungskraft ihres Heiligtums, welches vermutlich auch den ältesten Teil der Stadt darstellt. 8 ) Dasselbe, Bah\Haus, oder Ka ba, Würfel, genannt, nimmt den mittelsten Raum in einem von Nor- den nach Süden laufenden, nur auf drei Schlucht wegen zugäng- lichen Thale ein: ein kunstloser Steinbau von kubusartiger
l ) Altertümliche Namen für Mekka lind Hekka und Nässa, vgl. Tabari 1, 1182; beiden alten Ge<»graphen entspricht diesem Orte Macoraba resp. Macca- riba, was nach Glasers ansprechender Übersetzung eben nur .Heiligtum* bedeutet.
- Vergl. el-Bekri, Geogr. Lexikon p. Mi: Ks sagt el-Kalbi (der Haupt- gencaloge der Araber;: Ehemals pflegte man die Wallfahrt zu machen, doch hinterher sich wieder zu zerstreuen. So blieb Mekka d.h. sein Tempelbezirk ) unbewohnt und menschenleer.
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I. Kapitel. Arabische ZuslAndc vor dein Islam u. s. w. 7
Form, wahrscheinlich Statuen im Inneren, in der Wand ein schwarzer, heiliger Stein: 1 ) rings herum ein bescheidener Kaum für prozessionsartige Umläufe abgesteckt. Die einzige Quelle Mekkas, Xamzarn, entspringt innerhalb dieser Einfriedigung, durch die Nähe des Heiligtums und ihren Nutzen für die Stadt selbst heilig.
Das Verdienst , in dieses wasserarme, unfruchtbare Felsen- thal den Verkehr West- und Mittelarabiens gelenkt zu haben, ge- bührt dem praktischen Sinne eines Teilstammes der Kinäna der Qoraisch, welche den Tempelbezirk besiedelten. War die Gottes- verehrung im mekkanischen Tempel auch gleicherweise wie in allen anderen zur Formel erstarrt, so daß der Gott des Bezirks kaum noch mit seinen wahren Namen, sondern allgemeiner als „Herr des Gotteshauses” verehrt wurde, so sorgten doch die Qoraisch dafür, daß das in den Monat Du-l-rjigga fallende jahr- liche Tempelfest mit größter Feierlichkeit abgehalten wurde. Sie wachten über Aufnahme, Unterhalt und Sicherheit ihrer Pilger und fügten zudem die heiligen Stätte Mina und Muzdalifa in den Rahmen einer Feier und die Grenzen eines Harams mU ein, so daß keine andere religiöse Veranstaltung Mittelara- biens sich mit der mekkanischen messen konnte. Mit Geschick nutzte man nun den Zusammenfluß der vielen tausend Pilger zu Handelszwecken aus und gab besonders dem Wüstenaraber Ge- legenheit, seinen Jahresbedarf sich in solcher Zeit zu ver- schaffen. Der so gewonnene Ueichtuin mag die Mekkaner in- stand gesetzt haben, bald den ganzen Karawanenhandel der Westküste in die Hand zu nehmen und einheitlich einzurichten. Ein den Arabern sonst fehlender Sinn für gemeinsames Beraten und Handeln förderte das Emporkommen der Qoraischitenmacht am meisten. Ging derselbe auch nicht so weit, daß ihre verschiedenen Geschlechter und Familien , welche getrennte
l ) Auf den Sleinkult bei den allen Arabern fällt etwas Lieht durch Auffindung der in der Felsenhalie von el-Higr. dem sog. Lisvän, befindlichen Wandnischen, in welchen Stelen, einzelne und mehrere zus unmen, ausgespart sind und zwar in solcher Größe, daß sie nicht gut als Piedestale für Götter- bilder, sondern als die Idole selbst angesehen werden müssen. Unter einer ‘Jerselben ist zu lesen: Gebetsstelle (mesgedä, Moschee/, welche gemacht hat X. X. u. s. w.;. Vergl. Doughty, Travels in Arabia Deserta p. 180.
8 Das Leben Mohammeds.
Stadtquartiere inne hatten, alle Privatsachen einem allgemeinem Forum zur Entscheidung unterbreitet hätten, so gab es doch zur Regelung der öffentlichen Angelegenheiten eine aus Repräsentan- ten der mächtigsten Familien gebildete Behörde, die Mala’, welche in dem Rathause unweit der Kaba, Där-en-nadwa ge- nannt, das ihr gemeinsamer Ahnherr Qosai errichtet haben soll, zu tagen ptlegte. Als Gegenstände ihrer Beratung wurden angeführt: Entschlüsse über Krieg und innere Politik, Aufstecken der Kampffahnen, Schließung von Ehebündnissen. ‘) Doch wird jedenfalls auch die Aussendung der jährlichen Karawanen, von denen besonders zwei, je eine im Winter und Sommer, als die wichtigsten galten, in der Hand der Mala’ gelegen haben: denn dieselben waren fast immer Unternehmungen gemeinschaftlicher Natur, an welchen sich die verschiedenen Familiencirkel je nach Macht und Vermögen beteiligton , vielleicht auch Nachbarorte partieipierten, wie das östlich im Gebirge gelegene Tai!’. 2 ) Durch solche Einrichtungen war Mekka allen übrigen Slamniesnieder- lassungen im Higäz vorangeeilt und konnte als die einzige wirkliche Stadt Mittelarabiens angesehen werden.
Aus dem mekkanischeri Geschlechte der Benu Häschim, das weder unter die größten noch angesehensten der Stadt zählte, entstammte der religiöse und politische Reformator Arabiens, Mo- hammed. 3 ) Sein Geburtsjahr liegt im Dunkel, die Tradition hat das Jahr 571 n. Chr. dazu erhoben. Der Vater ‘Abd- Allah ben Abd-el-Mottalib starb, ehe das Kind geboren war. die Mutter Amina blieb demselben nur bis in sein sechstes Lebensjahr erhal- ten. Zwei weitere Jahre soll der greise Groüvater Abd-el-Mot- talib das Kind in seine Pflege genommen haben ; da auch er starb, kam Mohammed mit acht Jahren unter die Vormundschalt seines Oheims Abu Tälib ( Abd-Menäf), eines älteren Bruders des Abd- Alläh; dieser erzog ihn richlen aus den Jugendjahren des dereinstigen Propheten haben für uns gar keinen Wert, da sie teils willkürlich erdacht, teils gewaltsam aus koranischen Redensarten herausgedeutet sind. Das
») Vergl. Belädorl p. 52.
•) Der Ausdruck , Doppelstadt Sure 43. 30. worunter wohl Mekka und Taif zu verstehen sein werden, zeigt, wie solidarisch die Interessen dieser gar nicht engverwandten Orte waren.
*j Genau Muhammad, d. i. der «ehr Gepriesene.
I. Kapitel. Arabische Zustände vor Hein Islam u. s. w. 0
einzige ganz authentische Zeugnis über die erste Lebensperiode Mohammeds giebt der Koran in Sure 03, 3-8:
.Nicht hat dein Herr dich erniedrigt oder geha&t, Doch das Jenseits ist dir besser als das Diesseits : Und dein Herr wird dich zur Zufriedenheit begaben. Fand er dich nicht verwaist und gab dir doch Unterkunft? Auf der Irrbahn fand er dich und leitete dich recht; Und er fand dich bedQrftig und hat dich bereichert.
Hieraus empfangen wir die(?ewißheit,daßMohainmeri in seiner Jugend verwaist gewesen, ;ils Neide erzogen ward und erst nach Über- windung dürftiger Verhältnisse zu genügendem Besitze gelangte. Diesen letzten Umschwung führte allem Anscheine nach seine erste Verheiratung herbei. Nachdem er nämlich bei Abu Tälib zu einem tüchtigen Kaufmanne geworden war, auch an verschiede- nen Handelsreisen, besonders nach Syrien, teilgenommen hatte trug ihm eine begüterte mekkanische Witwe FJadiga . die seine Strebsamkeit schätzen gelernt, die Ehe an. Fünfundzwanzigjährig verband sich Mohammed mit der Vierzigjährigen und erwarb dadurch zu den früheren Vorzügen des Charakters, die ihm den Beinamen Amin, der Treue, eintrugen, den für Mekka besonders wichtigen Vorzug nicht unbedeutenden Besitzes. Seiner Verbin- dung mit Hadiga entsprangen zwei Söhne und vier Töchter, (Jäshn, ‘Abd-Alläh, ‘) Huqajja, Umm Kultuni, Zainab und Fätima, von denen aber die ersteren früh starben. Der arabischen Sitte nach erhielt Mohammed vom Namen des ältesten Sohnes den Zunamen Abu-l-Qäsim, Vater des (Jäsim.
So erreichte er bereits das reifere Mannesalter, ohne sich unter seinen .Mitbürgern in einer Weise hervorgethan zu haben, die auf außergewöhnliche Bcanlagung oder ungewöhnliche Ulücks- erfolge zurückzuführen gewesen wäre. Auch die fabelsüchtige spätere Tradition zeigt sich unfähig, groläeZüge oder Vorbedeutendes für des Mannes späteres Wirken in diese Reifeperiode einzuschie- ben; der unwahrscheinliche Bericht von einer Schiedsrichtorrolle. die Mohammed zufällig bei der Neuerrichlung derKaba zugefallen wäre, könnte höchstens nur für seinen klugen Takt, nicht für hervorragende Geistesgaben als Beweis dienen.
‘i Jahir und Tajjib sind nach Ma&’üdi V. p. .S!» nur lleinaniert einen Abd-Alläh. nicht die Namen von zwei weiteren Söhnen.
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Das lieben Mohammeds.
Ungefähr vierzig Jahre war Mohammed alt, bis dahin ein Mensch wie alle anderen; da wird er nach der üblichen Anschau- ung des Orients auf dem Wege des Wunders und der Vision zum Ausnahmemenschen, mit dem Gott selbst in Verbindung tritt, um durch ihn eine neue Religion auf Erden zu gründen und auszu- breiten. Diese naive Vorstellung drückt sich in einer Reihe von Traditionen aus, welche im Gesamtbilde, zu der sie z. B. Ihn Ishä<|, der beste unter den filteren Biographen des Propheten, verknüpf!, folgendermaßen aussehen.
Mohammeds Inspiration begann damit, dalä er im Schlafe wahre” Traumbilder sah, die wie Morgenschimmer über ihn ka- men; darauf erwachte in ihm die Lust der Einsamkeit. Er gewöhnte sich daran, jährlich einen Monat lang auf I.Iirä, einem Berge unweit Mekka, zu verweilen, um nach der Weise der heidnischen Mekkaner den Brauch des sog. Tahannut auszuüben. 1 ) Zu Ende des Monats verrichtete er dann die heiligen Umläufe um dieKa’ba und kehrte in sein Haus zurück. Als er im ( MTenbarungsjahre und zwar im Monat Ramadan wieder mit seiner Familie Mekka ver- lassen hatte, nahte sich ihm in einer Nacht der Engel Gibril ( Gabriel) auf Gottes Geheiß mit einem Schriftstücke und sprach: Lies! Mo- hammed widersetzte sich und antwortete: Ich lese nicht, *) worauf ihn der Engel so stark preßte, daß er meinte, sterben zu sol- len. Zweimal wiederholte der Engel seine Aufforderung und zwei- mal beharrte Mohammed auf seiner Weigerung. Dann bequemte er sich endlich zur Frage: Was soll ich lesen V worauf der Engel ihm vorlas: Lies im Namen deines Herrn, der schuf — die Men- schen schuf aus geronnenem Blut – Lies! Dein Herr ist der Reichste an Ehren — der mit ,dem Schreibrohre lehrte — die Menschen lehrte, was sie nicht wußten. •”)
Solches sprach Mohammed nach, worauf der Engel ihn ver- ließ; er erwachte, eilte ins Freie bis zur Mitte des Berges und
‘) Was dieses Worl besagt, ist aus keiner der zahlreichen Umschreibun- gen zu entnehmen. Ibn lshäq erklärt: fromm sein, Ibn Hischam stellt es gleich mit tahannuf, sich für sündig halten (? . Bühäri 1. 1 mit ta’abbud, sich dem Dienste Gottes gewisse Nächte lang unterziehen. Sollte es vielleicht eine Art Tempeldienst, wie den der späteren Mugäwir, bedeuten?
*) Nicht die Unfähigkeit zu lesen, sondern die Weigerung es zu thun. liegt in der Antwort Mohammeds.
‘) Es ist der Anfang von Sure % ; die genauere Übersetzung folgt später.
t. Kapitel. Arabische Zustände vor dem Islam u. s. w.
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vernahm dort von neuem eine Stimme: 0 Mohammed, du bist «ler Gesandte Gottes und ich bin Gibril. Auf diese Eröffnung hin blieb er in Verzückung stehen, bis ihn einige Leute, welche Hadiga ihm nachgeschickt hatte, also fanden.
Beklommenen Herzens vertraute er seinem Weibe die Er- scheinung an und empfing von ihr Worte des Trostes und der Ermutigung. Auch Waraqa ben Naufal, ein Verwandter der Ha- diga, der die heiligen Bücher der Juden und Christen gelesen hatte und selbst Christ geworden war, gab sein Urteil dahin ab. daß der große Nomos, der auf Mose herabgekommen sei , sich nun auf Mohammed gesenkt habe. Als letzterer bald darauf Hirä verließ und dieKaba umwandelte, sagte ihm derselbe Waraqa schon Ver- folgung, Verkennung und Anfeindungen voraus.
Da der Geist von nun an häufiger auf Mohammed herab- kam, prüfte ihn Hadiga als kluge Frau auf seine Echtheit und fand heraus, daß es wirklich ein Engel und kein SchahYin ‘Satan) sein müsse. Da bekannte sie sieh als erste Glaubige und bemühte sich fortan, von dem Propheten jede Beunruhigung und Belästi- gung fernzuhalten.
Zum großen Kummer Mohammeds stockte einige Zeit später die Offenbarung, angeblich drei Jahre lang, bis Gibril den Beginn einer gnadenvollen Zeit mit Sure 93 ankündigte. ^ Auch ward jetzt dem Propheten die Gebetspflicht auferlegt, der Engel als sein Lehrmeister kam täglich und gewöhnte ihn an regelmäßiges Beten zu bestimmten Tageszeiten.
Das ist der Faden der Darstellung bei Ibn Ishäq; derselbe ist nun zwar kein Quellenschriftsteller im eigentlichen Sinne und hat mit Scheere und Feile an der Ausgleichung älterer und jüngerer Traditionsstücke gearbeitet, wie sie Bühäri und Muslim gesammelt hatten, doch gilt vor» seinem und allen anderen Berichten über Mohammeds erste Offenbarungen, mögen sie verarbeitet bei den Historikern oder im Urzustände bei den Traditionisten auftreten: sie sind für uns fast wertlos und führen zu keiner glaubwürdigen Erklärung des Anfangstadiunis des Islams. Denn davon ganz ab- gesehen, daß sich die Hauptzüge in ihnen leicht als Frucht ober- flächlicher oder gewaltsamer Koranexegese nachweisen lassen, verlieren sie ihren Haupthalt dadurch, daß von den Gewährs-
‘) Nach Buh. in wurde die Fatra oder l’ause durch Sure 71 beendet.
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Das T.eben Mohammeds.
männern dieser Traditionen keiner in der Lage war, den wirkli- chen Vorgang genau wissen zu können. Unter ihnen fehlen durchaus die alten mekkanischen Gefährten Mohammeds, und diese Lücke kann selbst Äischa, die Lieblingsfrau des Propheten in Medina, deren Name mit einer Reihe der höchstgeschätzten Bericht»* verknüpft ist, mit ihren gefälligen Plaudereien nicht ausfüllen. Fehlt nun das Zeugnis der ältesten Gefährten, so bleibt nur das- jenige des Korans beweiskräftig, und dieses deckt sich in nichts mit den späteren Fabeln.
Sehen wir also von allem ab, was die orientalische Tradi- tion berichtet, und fragen wir uns: Ist der Islam als eine Folge und Fortsetzung von früher bestellenden religiösen Strömungen anzusehen oder steht er auf eigener Basis und trägt er seine Er- klärung in sich selbst ?
Die jetzt beliebteste Antwort hierauf lautet, daß Mohammed dem Vereine oder, wenn ein solcher geleugnet wird, der Geistes- I richtung der Hanifen nahe gestanden und aus ihr die religiösen Ideen des Islams entnommen hätte. Es sollen vor und während der Zeit Mohammeds an verschiedenen Orten Arabiens, so in Mekka, Täif und Medina Männer gelebt haben, die von den ab- sterbenden Ansichten und Gebräuchen des Heidentums unbefrie- digt gelassen einen Ersatz dafür in der Religion Abrahams gesucht hätten. Dieses Streben habe die einen derselben dem Ghristen- tume in die Arme geführt, so den Mekkaner Waraqa; andere, wie Zaid ben ‘Amr aus Mekka und Abu Qais aus Medina, seien auf den Konfinien des Juden- und Christentumes stehen geblieben, damit zufrieden, den Gott Abrahams zu verehren, die Götzen und Opfermahlzeiten zu meiden, predigend aufzutreten, der barbari- schen Sitte, neugeborene Kinder lebendig zu begraben, sich ent- gegenzusternmen, endlich sieh der Ascese hinzugeben. In solchem habe das Wesen des sogen. Hanifentumes bestanden. Es läge nun sehr nahe, mit Leuten dieser Tendenz Mohammed direkt in Ver- bindung zu bringen, wenn nicht alles dagegen spräche, daß es jemals ein irgendwie organisiertes Hanifentum gegeben hätte. Das Wort Hanif, wie es uns im Korane und bei alten Dichtern entge- gentritt, 1 ) wird allem Anscheine nach weder mit Sprenger durch Mo- notheist, noch mit Wellhausen durch christlicher Ascet, sondern
Verjd. zunächst Kam il des Mubarrad j». 181, wn es in «ler Erzählung vom Tode des Bistäm ben Qais beiftt „Histiim aber war ein Christ.. . Da
I. Kapitel. Arabische Zustande vor dem Tslarn u. s. w.
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durch Heide zu übersetzen sein. Ks ist ein aramäisches Lehn- wort mit dem Wurzelbegriff „ Unrein” und muti auf jüdischer oder christlicher Seite als Benennung für die arabischen Götzen- diener gebräuchlich gewesen sein. ‘) Die damit Bezeichneten lielien sich das Wort gefallen und wandten es wohl selbst von sich an, weil ihre Sprache sie nicht das Verächtliche desselben heraushören ließ. Auch Mohammed acceptierte in späteren Suren des Korans die Bezeichnung Heide als Titel für Abraham, da er ihn weder den Juden noch den Christen als ihren Religionsange- hörigen überlassen wollte, ferner auch für die Menschen im Natur- zustande gleich nach der Geburt, milderte aber das Anstößige darin durch den ständigen Zusatz : obwohl nicht Vielgötterei Für
(nachdem B. tötlich verwundet wari wollte sein Bruder zu seinem Volke zu- rückkehren. Bistäm aber rief ihm zu: Ich will ein Heide (Hanif) sein, wenn du zurückkehrst.* Hier ist der Gegensatz von NasrAni, Christ, und Hanif, Heide, wohl klar. Ferner möchte ich die drei von Wellbausen, Skizzen und Vorarbeiten III. p. 206 gesammelten GedichLslellen zur Bedeutung von Hanif lolgendermafien übersetzen:
1) „Die Ausläufer der Wolke über el-Mala gleichen Christen, die an- heben Wein zu trinken, nachdem sie einen Heiden getroffen haben ” Christ sein und Wein trinken sind dein arabischen Dichter fast zusammengehörige Begriffe, vergl. Kitäh el-Agäni VII. p. 178, wo der Dichter el-Farazdaq zu el-Ah{al kommt, letzterer ihn nicht erkennt, und fragt: Ich bin Christ und du bist Heide (Hanif) ; welcher Trank ist dir der liebste? Jeuer antwortet: Deiner (d. b. der Wein). Ebenfalls VII, p. 187. Hier sagt derselbe el-Ah|al zu jenem: Ihr seid zwar eine Genossenschaft von Heiden (Hanifen), doch sollen wir nicht von unserem Weine trinken? Hörte Farazdag, der schon Muslim war, in Hanif wohl nur den koranischen Begriff desselben heraus, so w ird der christliche Dichter das Wort wahrscheinlich noch ganz im alten Sinne ge- braucht haben.
2) „(Die Kamelstute resp. Gazelle) rastet dort, wie ein Heide in den bei- den Monaten Gumäda und den beiden Monaten Safar.’ Die Winterkälle der (Üumädamonate und die Unbilde des Herbstes zwingen den heidnischen Wü- stenaraber, sich müfiig zu Hause zu hallen.
3] „Bötliche Weine von Gorgan, den kein Heide i,zu einem Tempel) hingebracht, der keine Stunde im Kessel gesiedet, bei dessen Feuer kein mur- melnder christlicher Priester nachts zugegen war, und über dem. wahrend er kochte, kein Babbiner gebetet hat, brachte mir Jahja u s.w. Zu erstcrem Ausdrucke sei bemerkt, daß nach Ihn Hischam p. 128 die heidnischen Pilger sich ihren Lebensunterhalt für den Aufenthalt am Festorte selbst mitbrachten.
‘) Auch Mohammed bezeichnet in seiner letzten Sure (9, 28) die Götzen- diener als Schmutz (na£as).
u
Das I,eben Mnhainmeds
sich und seine Gemeindegenossen fand er das Wort vermutlich nicht ganz passend und vermeidet die Anwendung darauf.
Mithin kann von einem Hanifentume als einer religions- historischen Erscheinung keine Hede sein, und die beliebte An- nahme, auf einem solchen den Islam basieren zu lassen, ist nicht haltbar. Doch hat der Islam in seiner frühesten Form es auch gar nicht nötig, auf eine vorher bestehende Religion zurückgeführt und durch sie in seinen Lehrmeinungen erklärt zu werden: denn näher betrachtet ist er keineswegs als ein Religionssystein ins Lehen getreten, sondern als ein Versuch sozialistischer Art, ge- wissen überhandnehmenden irdischen Mißständen entgegenzutreten.
Die Bedingungen, unter welchen in der Geschichte sozia- listische Bewegungen aufzutreten pflegen, waren zu Mohammeds Zeit in Mekka vorhanden ; die gesellschaftlichen Verhältnisse waren zu jenen Gegensätzen herangereift, welche leicht Merkmale bedeu- tender Handelscentren werden. Einer Klasse von Reichen, die alle Macht in Händen hatten, standen zahlreiche unter dem Drucke einer unbarmherzigen Wucherwirtschaft leidende Besitzlose gegen- über. 1 ) Gegen erstere schleudert der Koran die gewili nicht grund- losen Anklagen von Sucht nach immer größerem Besitze, von Betrug, Anwendung falschen Malies und Gewichtes, sinnlosem Vergeuden des Erworbenen einerseits oder geizigem Aufhäufen ohne Ende andrerseits, endlich von Unzufriedenheit bei genügendem Lebens- unterhalte. 1 ) Auf der Kelirseite wird hervorgehoben, wie die Dürftigen
‘) Data der Wucher in Mekka zu Hause war, gehl zur Genüge aus dein koranischen Verbote desselben (2. “276 ff.) hervor, dessen Spitze, wie die Kriegs- drohung v. 279 darthut, gegen Mekka sich richtete. Dasselbe Verbot soll Mo- bamrned auf der Abschiedswallfahrt wiederholt und damals zugleich die Wucherror- derungen des Abbas für erloschen erklärt haben. Vergl Ihn Hisch. p. !HJH. Auch in Täif, dessen soziale Verhältnisse den mekkanischen am meisten verwandt waren, diktierte Mohammed gleich nach der Kapitulation die Auf- gabe des Wuehetgewerbes, vgl. Beläd. p. 56. — Die Nachricht von einem Wohlthätigkeitsbunde verschiedener mekkanischcr Geschlechter hilf el-fudnl vergl. Ibn Hischäm bei Ihn Ishäq p. 85 ff.), der den Schutz der Familienmit- glieder und Fremden gegen Vergewaltigung bezweckte, ist kaum genügend verbürgt ; wenn aber derselbe je bestanden hat, so war seine Wirkung, wie aus den Verfolgungen Mohammeds und seiner Anhänger hervorgeht, faktisch gleich Null.
■) Vergl. LOS, 1, 100, H, X\, 1 ff . 89, lfi u. s. w.
I. Knpitel. Arabische Zu.«tflnde vor dem Warn u. s. w. ift
hungern, die Bettler abgewiesen werden die Waisen ihres Erbteils verlustig gehen, die Sklaven umsonst nach Befreiung und Loskauf trachten.’) Uni solche Gegensätze unter dein Gesichtspunkte der ausgleichenden Gerechtigkeit aufzuheben, fordert Mohammed, der sowohl in seiner Jugend das Los des armen Waisen gekostet, wie später sich der Klasse der Besitzenden genähert hatte, mit allem Nach- drucke, daß jedermann eine bestimmte Steuer zur Unterstützung der Bedürftigen zahlen müsse. Dadurch soll eine Gleichheit auf friedlichem Wege hergestellt werden, ganz entgegen allen anderen sozialistischen Bestrebungen der Vorzeit, die stets eine starke Tendenz zu gewaltsamen Veränderungen der Verhältnisse bekundeten.
Da jedoch Mohammedsich sagen mußte, da Li zur Realisierung seiner Idee sein Wort und Einfluß nicht ausreichen werde, so stellte er hinter dieselbe als geistiges Zwangsmittel die Lehre von dem Weltgerichte. Er bezeichnet die Reichen, insoweit sie mit ihrem Besitze sich brüsten oder nach beständiger Vermeh- rung desselben trachten,) als Sünder, ja als die eigentliche sün- dige Klasse, die deshalb unfehlbar nach dem Tode im Gerichte nicht bestehen würden, falls sie nicht vorher ihre Seele reinigten und rechtfertigten. Das Letztere kann mit Erfolg nur durch die Leistung der Armensteuer geschehen, welchedeshalbZakätd i. Reini- gung oder Mä’ün d. i. Hülfsmittel genannt wird. 8 ) Der Koran ver- sichert: Selig derjenige, welcher seine Seele durch Abgaben rei- nigt, verloren derjenige, der sie (durch Versäumen derselben) verkümmern läßt.) Den so Gereinigten stehen die Freuden des Paradieses in Aussicht, die Unreinen aber erwartet der Flammenschlund, wenn dereinst über sie zu Gericht gesessen wird.
Das Einführen einer obersten Gerichtsinstanz zur Aburteilung der Menschen brachte es von selbst mit sich, daß Mohammed dieselbe etwas näher charakterisieren mußte. Er erklärt also, daß der Richter Gott sei, und zwar derjenige Gott, welchen die Mek- kaner verlassen hätten, weil ihr Streben nur auf Reichtum gerich-
‘) Vergl. 107, 2 f., HO,. 1 f. u. s. w. 7 ) Sinn von istagna.
‘) Letzteres Wort einmal in 107, 7. Das gebräuchliche Verbum ist tazakka, sich reinigen, •j Vgl. »1. <♦ f.
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Das Leben Mohammeds.
tet gewesen sei; denn Reichtum erzeuge Götzendienst. 1 ) Das Wesen des Richters als Gott bringt die Pflicht seiner Verehrung von Seiten der Menschen mit sich , die sich besonders in der Form des unterwürfigen Neigens und Niederfallens 2 ) zu äußern hat.
Damit erweist sich der Ideengehalt des Islams als erschöpft. Islam ist dieses System insofern schon zu nennen, weil dieser an und für sich spätere Ausdruck doch dein Kernbegriff Zakdt sinn- verwandt ist und die durch die Reinigung erfolgende Rettung s ) des Menschen bezeichnet.
Erklärt sich die sozialistische Basis des mohammedanischen Systems unschwer aus den abnormen Verhältnissen der Stadt Mekka, so weist der metaphysische Ausbau desselben auf mono- theistische, dem arabischen Heidentume fremde Einwirkung. Man erkennt in ihm das allen jüdischen wie christlichen Lehrmeinun- gen, die in Arabien vertreten waren, gemeinsame Glaubensgut, welches sich eher als die vielen spezifischen Unterschiede dem heidnischen Araber aufdrängte, ja bei der weiten Verbreitung der einzelnen Religionen aufdrängen mulHe. Vollends ein Mann von Mohammeds Veranlagung, der zudem auf seinen Reisen über die Grenzen seines Vaterlandes hinausgeschaul hatte, konnte sich vor die- sen andringenden Einflüssen nicht abschließen ; doch nahm er nicht mehr noch minder in sich auf, als für die Begründung und Abrun- dung seines sozialistischen Systems notwendig schien. Ihn zum Mitgliede einer bestimmten Religionsgesellschall zu stempeln, geht nicht au, da man in seinen ersten Lehren ganz die Ilinübernahme von charakteristischen Zügen vermint, die auf irgend eine derselben deuten würden.*) So läßt das Fehlen jeglicher Chrislologie nicht
‘) Vergl. 96, (J f. Taga, vom Menschen gebraucht, bedeutet nicht über- mütig sein , sondern Götzendienst treiben , aualog dem Namen tagüt, Götzendienst.
‘•’ Arabisch salla und sagada. Das die Steuer-, nicht die Gebetspflicht, die wichtigere, deshalb wohl auch ältere von beiden ist. geht schon daraus hervor, dali jene verschiedenemal (z. H. M>, !U, 9) allein eingeschärft wird, diese aber immer nur in Verbindung mit der Zakäl.
3 j Hei dem Verb, aslama ist das Objekt .sich” oder Ähnliches zu er- gänzen : vgl. 2, 106: er rettete Gott gegenüber sein Antlitz.
*) Das Vorstehende wird noch bestätigt durch die Betrachtung der im Korane gebrauchten biblischen Namen. In ihrer Gesamtheit stimmen sie nicht zu einem der uns bekannten Idiome oder der religiösen Litteratur innerhalb eines
I. Kapitel. Arabische Zustünde vor «lern Islam u. s. w. 17
zu, ihn zum Anhänger irgend einer christlichen Sekte ZU stem- peln ; sein Anschluß an die in späteren Suren genannten $äbier, in denen man gewisse gnoslische Sekten, wie die Elkesaiten, viel- leicht auch die Mandäer erkennen mag, würde gewiß die Entleh- nung der Taufe und Wiedertaufe im Gefolge gehabt haben. Auch das reine Judentum müßte sich durch Betonung der Messiasidee und der Formen des Jahwekultes auf der Stelle verraten; nichts von dem spricht aus den älteren Suren. Indessen, da Mohammed nicht zufällig in die Sphäre monotheistischen Einflusses geraten war, sondern demselben fast an keiner Stelle Arabiens entgehen konnte, so darf es nicht Wunder nehmen, wenn mit der späteren Weiterentwicklung seiner Lehre auch die religiösen Entlehnungen zunehmen und bestimmtere Färbungen tragen, je nach der Seite, von welcher her sie sich aufdrängten.
Hat man also ein Recht, den Islam als das naturgemäße Er- gebnis sowohl der sozialen Verhältnisse Mekkas wie der vereint- wirkenden monotheistischen Strömungen Arabiens anzusehen, dann fällt der letzte Grund, di<- Meinung des Orients zu teilen, wonach Mohammed als gottbegeisterter Prophet der Welt eine absolut neue Lehre vorgetragen habe; dann ist es auch unnötig, ihn durch Visionen, welche ein langes Brüten über religiöse Dinge in ihm hervorgebracht hätte, in die Lehrlaufbahn gelangen zu lassen, wie die neuere Wissenschaft der orientalischen Tradition nachsagt und demgemäß den Koran erklärt. Mohammed will weder ein Gottesbole noch Prophet sein, er weist seine Gegner, die sein Auf- treten auf übernatürliche Kräfte zurückführen wollen, mit Ent- schiedenheit zurück und nennt sich höchstens einen Prediger und Warnboten. l )
Als Proben, in welchem Maße die älteren Küranteile von den eben entwickelten Ansichten beherrscht werden, mögen nachstehende Suren und Surenfragmente dienen.
solchen, sehen vielmehr alle stark arabisiert aus. was für ungenaue mündliche Knllehuung spricht. Näher betrachtet erkennt man freilich gewisse Schichten, unter denen die südarabische oder äthiopische dominiert. Auf dieselbe gehen außer Worten wie Hahmän, Müsa. Eljasa’ auch alle griechischen Klanges zurück, wie Jünus, Jljäs, vielleicht auch Jblis wliabolos) und etwa Idris (Theodo- rus?i. Wirkungen von Volksetymologie zeigen sich in Jahja. Sulaimän u. a. Weiteres bei den dogmatischen Erörterungen des zweiten Teiles. ‘) Mudakkir, nadir u. s. w.
Ort mm«: Ifehmari I. 2
18
Das Üben Mohammeds.
S. 104.
Wehe jedem Placker und Menschenschinder! – der Güter sammelt und zählt — im Glauben, sein Gut mache ihn unsterblich. — Gewiß, er soll in die ! I una ge- schleudert werden! — Und was lehrt dich, was Hutama sei? — Allähs Feuer, das entflammte — das aufsteigt über den Seelen
— sich über ihnen wölbt — in auseinandergehenden Glutsäulen. 1 )
S. 100.
Bei den Himmelswesen, die gleich schnaubenden Rossen da- hineilen — daß Funken entsprühen vom Anschlage — sich mor- gens über die Niederung verbreiten — die Botschaft eindringlich ru- fen — sie sammeln und vermitteln! – Der Mensch ist gegen seinen Herrn voll Trotz; — dieser aber wird es ihm einst bezeugen; — und gewaltsam ist der Mensch in der Liebe zum Gut. — Weiß er nicht, wann erweckt wird der Inhalt der Gräber — und dargelegt wird der Inhalt der Herzen — daß ihr Herr sie dann kennt? 8 )
S. 9*>.
Preise den Namen deines Herrn, der da schuf — den Men- schen schuf aus zähem Blut! — Preise! er ist der hochgeehrte — welcher das Schreibrohr zu gebrauchen lehrte — den Menschen damit lehrte, was er nicht wußte. — Gewiß! der Mensch treibt Götzendienst — weil er sich reich geworden sieht;
— doch zu deinem Herrn geht die Rückkehr. — Was aber hältst
‘) Hutama ist ein absichtlich dunkel gehaltener Ausdruck mit der Grundbedeutung ,Zemialmung*. Mohammed liebt es in der ältesten Periode den Begriff der Hölle (Gahannam Gehenna) durch kühne Neubildungen seinen Zuhörern zu verstarken. Ist das Wort zu unverständlich, so läßt er selbst die Erkläruni,’ darauf folgen.
‘) Zu dem ältesten Beiwerke der Suren gehören die Schwüre, die ge- wöhnlich zu Anfang derselben stehen. Mohammed schwört meist bei sicht- baren Dingen, besonders Naturerscheinungen, welche die Nacht und der Mor- gen beraufbringen, daneben auch bei allerhand Sinn- und Geschmacklosem, z. B. Feige und Olive. Eine besondere Art bilden die Schwüre, die nach ara- bischem Dichterstile aus Adjektiven bestehen, zu denen irgend ein nahe lie- gendes Nomen zu ergänzen ist, z. B. in Sure 7«, 77, 51, 37 und an obiger Stelle. Daß in allen solchen Fällen Mohammed sich als Ergänzung Himmels- wesen oder Engel hinzudachte, soll später noch dargethan werden.
t. Kapitel. Arabische Zustände vor dem I.sliim u. s. w. 19
du von einem, der da hindert — einen Knecht, der sich nieder- wirft? — Was meinst du, wenn dieser der Rechtleitung folgte — oder Gottesfurcht anbefahl V — Was meinst du, wenn jener aber ein Leugner und Abwendiger ist? — Wußte er nicht, daß Gott es sieht ? — Gewiß, wenn er nicht abläßt, so wollen wir ihn beim Stirnhaar packen — beim lügnerischen, sündigen Stirnhaar! — Dann rufe er seine Genossen ! — Wir rufen dann die Höllenscher- gen. — Gewiß, gehorche ihm nicht, fall nieder und strebe nach der Nähe (Gottes)! »)
S. 107.
Was hältst du von dem. der das Gericht leugnet? — Er ists, der den Waisen bedrängt — nicht an Speisung des Dürftigen denkt. Drum wehe denen, die zwar niederfallen — doch oft säumig sind im Niederfallen — die sich wollen zei- gen — und das Hülfsmittel (Almosen) verweigern!»’)
1 Die Sure bildet ein Ganzes, wenn auch mit sprunghafter Verbindung ihrer Teile. Der Anfangsvers drückt weiter nichts aus, als eine Duxologie wie in Hl, 1, $Ö, 11, 76, 25, «9, 52, wo sabbaha, haddala, dakara synonym zu unseren qara’a stellen. Auf der schiefen Obersetzung: Lies (oder Predige) im Namen deines Herrn, wird sich die Tradition von der ersten Erscheinung Gibrils vor dem Propheten aufgebaut haben. Der Sinn des ersten Teiles, der bis v. 9 geht, ist folgender : Preis sei dem Herrn, dem Schöpfer des Men- schen, dem Ehrenreichsten, der den Gebrauch des Schreibens gelehrt hat und durch das Geschriebene den Menschen in bisher unbekannten Wahrheilen unterwies, d. h. entweder durch die heiligen Schriften der .luden und Christen, welche Mohammed nach Hörensagen kannte, oder durch die ersten aufgeschrie- benen Suren. Dieser Offenbarung jedoch folgen die Menschen nicht, weil sie der Reichtum zu Vielgötterei hingeführt hat; doch, weil von Gott erschaffen, müssen sie auch einst wieder zu ihm zurück. Zur Veranschaulichung des verstock- ten Sinnes der Keichen wird das Folgende angefügt. Einer derselben will einen Diener (Gottes), d. h. Mohammed oder jemand von seinen Genossen an der Erfüllung der religiösen Pflichten mit Gewalt hindern. Ihm wird die Drohung zu teil, Gott werde ihn dereinst an seiner Stirnlocke, dem Zeichen des freien Mannes, fassen und der Höllenwache (Zabänija, ein dunkler Ausdruck, hinter welchem sich vielleicht ein alter Dämonenname verbergen könnte) überliefern. Zum Schlüsse die Mahnung, den Verführern nicht zu gehorchen, niederzufallen und sich Gott nahe zu bringen ; vielleicht daß mit letzterem Ausdrucke die Zaqät, als das wahre Mittel in Gottes Nähe zu gelangen, ange- deutet wird. Ähnlich schließt S. 94: Verlange nach deinem Herrn!
■) Die drei ersten Verse scheinen an die abseits von der Gemeinde stehenden, die folgenden an die nachlässigen, säumigen Anhänger Mohammeds
2 *
Das Lehen Mohanuneils.
S. 102.
Euch richtet zu Grunde die Sucht nach Mehr — bis ihr hinwandert zu den Grabgefilden. — Gewiß, ihr werdet es er- fahren – ja gewiß, ihr werdet es erfahren! ~ Gewiß, wenn ihr doch wüßtet die Wissenschaft des unfehlbar Sicheren! — Dann sollt ihr sehen die Glut — dann sollt ihr sehen das unfehlbar Sichere selbst! — Alsdann sollt ihr gefragt werden nach dem (früheren) Wohlleben. ‘)
S. 92.
Bei der Nacht, wenn sie hereinbricht — bei dem Tage, wenn er sich erhellt — bei dem, was das Männliche und das Weibliche schuf! — Euer Trachten ist verschieden! – Wer spendet und sich hütet — und für wahr hält das (Jute — dem wollen wir es zum Glücke gestalten; doch wer geizt und nach Gelde trachtet — und Lügen schilt das Gute — dem wollen wir es zum Unglücke gestalten. – Nicht nützt ihm sein Reichtum, wenn er ins Verderben sinkt! — Uns liegt die Rechtleitung ob — unser ist das Jenseits und Diesseits. — Drum warne ich euch vor dem Feuer mit seinen Flammen – das nie- mand heizt als der Sündige der, welcher leugnet und sich abwendet. — Doch dem Gerechten werden wir es fern halten — der seine Habe herbringt, um sich zu reinigen
— der das (Jute nicht thut der Vergeltung halber – sondern nur um zu seinem höchsten Herrn selbst zu gelangen ; und für- wahr, er soll zufrieden werden.
S. 91. 1-10.
Bei der Sonne und ihrem Glänze bei dem Monde, der ihr nachfolgt — bei dem Tage, der (die Erde) erhellt — bei der Nacht, der sie überfäll» — beim Himmel und was ihn errichtet
— bei der Erde und was sie geschichtet — bei der Seele und was sie gebildet — und ihr eingeflößt ihre Frevel und ihre Gottes- furcht! — Selig, wer sie reinigt — unselig, wer sie verkümmern läßt.*)
gerichtet zu sein. Daß ma’iin (Hfllfsmittel) sich im Sinne mit zaqät decken wird, gelit schon aus seiner Verbindung mit saliit. »1er Gebetspflicht, hervor. ‘) Das unfehlbar Sichere ijaqin) ist »las Gericht.
*) Die Seltsamkeit, daß Gott mehrmals (v. *>— 8, auch 92, ‘•>) hei sich selbst schwört, nia« ein Anzeichen sein, wie ungeschicki sich Mohammed anfangs
f. Kapitel. Arabische Zustande vor dem Islam u. s. w.
?!
S. 90. 1-16.
Ich schwöre bei diesem Gau — dem Gau, darin du seßhaft bist — beim Erzeuger und was er erzeugt! — Wir erschufen den Menschen in Trotz; — glaubt er drum, es werde keiner ihn über- mftgen? — Er spricht: Ich verthat Vermögen in Fülle; — glaubt er, daß keiner es wahrnahm? — Machten wir ihm nicht zwei Augen — eine Zunge und zwei Lippen — und führten ihn zu den zwei Höhen. – Wagt er sich nicht auf die Aqaba? — Was aber lehrt dich, was die ‘Aqaba? — Freilassung eines Sklaven- nackcns — oder Speisen am Tage des Hungers — den Waisen deines Geschlechts — den Dürftigen, der da ächzt!»)
S. 89. 14—30.
Der Mensch, wenn ihn sein Herr prüft und ihn ge- geehrl macht und ihn mit allen Gütern ausstattet, sagt: Mein Herr hat mich geehrt — doch prüft er ihn und triebt ihm nur das tägliche Brot, so spricht er: Mein Herr hat mich niedrig gemacht. — Ja, aber ihr ehrt nicht den Waisen — bemüht euch nicht den Armen zu speisen – verschlingt das Erbgut in gierigem Zuge — und hängt mit all eurer Liebe nur am Gute. — Gewiß, wenn die Erde zu Stücken zergehl — dein Herr kommt und die Engelschaar in Keinen steht — Gehenna nahe gebracht wird, da möchte der Mensch sich warnen lassen, doch verstreichen ließ er sich die Warnung. — Und er spricht: Hätte ich vorgesorgt für mein Leben! — Dann teilt ihm einer seine Strafe zu — dann schnürt ihm einer seine Banden fest. — Doch du, ruhige Seele
in der Holle fühlt. Gott sprechen zu lassen: vielleicht aber ist hier, wie in verschiedenen anderen älteren .Suren nicht Gott, sondern Mohammed der Hedende.
1 V. :l treht wohl auf Göll und den Menschen. Was die beiden Hohen (nagdain) in v. 10 sein sollen, ist äußerst dunkel. Soll man an die Ansiedeluni,’ der Araher aur den beiden Hochländern, einem im Arabischen möglichen Ausdrucke für Hochland und Tiefland, denken? Die ‘Aqaba (Pal scheint der Vorläufer des sabil ulluh i Hohenweg Gottes) zu sein, und wird wie letzterer die Sache oder Keligion Gottes bedeuten.
22
Das Leben Mohammeds.
— keim- zurück zu deinem Herrn, zufrieden, willkommen! — Gehe ein mit meinen Dienern! — Gehe ein in meinen Garten! 1 )
S. 83. 1—6.
Wehe den Schmälerem! — die, wenn sie sich zu- messen lassen, von den Leuten volles Maß fordern — doch wenn sie ihnen messen oder wiegen, betrügen. — Meinen sie dann nichl, daß sie erweckt werden — zu einem Tage, einem großen — zum Tage, da die Menschen stehn vor dem Herrn der Welten?
S. 80. 1 — 10.
Er runzelte die Stirne und drehte den Kücken weil der Blinde zu ihm kam. — Doch was glaubst du, vielleicht giebt er einmal die Keinigungssteuer — läßt sich mahnen und nützt die Mahnung aus. — Dem, der sich reich dünkt — ihm wirst du ent- gegengehen; — doch läßt er sich nicht reinigen, so ists nicht deine Schuld. — Wer aber zu dir kommt werkthätig — und gottesfürchtig — an dem brauchst du nicht weiter zu arbeiten. 1 )
S. 74. 1-17.
O du in Decken Eingehüllter! — Siehe auf, mahne! — Dei- nen Herrn preise! — Deine Kleider reinige! — Den Schmutz meide! — Thue nicht das Gute, um daran zu gewinnen — und
*) In v. i r >— 2« scheint mir nur dann ein Sinn zu kommen, wenn man l;i nirht als negierende, sondern als beteuernde Partikel auflaßt. Vergl. lä uqsimu. ich schwöre, kalä, fürwahr und ähnliches.
*) Aus dem geschraubten Wortlaute dieses Surenanfangs scheint mir doch das eine klar hervorzugehen, daß darin nicht, wie man bisher annahm, ein Verweis Gottes an Mohammed zu suchen sei. Vielmehr kann der Tadel in ilen ersten zwei Versen .nur einen der Reichen Mekkas beireffen, welcher « ineiu blinden Bettler hartherzig das Almosen versagte. Ahasa, er runzelt die Stirne, wird auch 74, 22 von derselben Gesellschaftsklasse gesagt, und ta- walla. er dreht den Rucken, ist der häutigste Ausdruck fflr das verächtliche Ablehnen der Lehren Mohammeds, bes. der Gebets- und Steuerpflicht, vergl. 1’k 31 f. Zudem kommt es sonst nie vor, daß Gott zu seinem Gesandten in der dritten Person spricht, sondern er redet ihn direkt in der zweiten an, wie auch hier in v. 3 geschieht. In v. 3 und 4 betont Gott die Möglichkeit, daß auch bei den Reichen die Bekehrung noch erfolge, und spornt zum Schlüsse Mohammed an, seine Hauptarbeit nicht sowohl den schon geretteten Gemeinde- mitgliedein. als vielmehr «len hilfsbedürftigen Sündern zuzuwenden.
[. Kapitel. Arabische Zustände vor dem Islam u. s. w. 33
harre deines Herrn! — Einst wenn in die Drommete gestoßen wird — dann ist ein grimmer Tag — unmilde für die Leugner. — Laß mich mich mit meinem Geschöpfe allein abrechnen! — Mit ihm, dem ich ausgebreitete Habe verschafft — und Söhne, die ihn umgeben — und angenehm eingerichtet das Leben. — Und doch hat er Lust nach Mehr — doch unsere Mitteilun- gen vernimmt er schwer. — So werde ich ihm aufbürden, was ihm den Rücken beugt. *)
‘) Kin Zuruf Gottes an Mohammed, sich von seinem Huhelager zu er- heben, die Menschen zu warnen und seinen Herrn zu preisen. Das Reinigen der Kleider und Meiden de< Schmutzes wird gewöhnlich bildlich vom Abthun alles heidnischen Greuels verstanden, doch könnte man eben so gut an das Anlegen reiner Kleider zum Zwecke, sich dem mekkanischen Gotteshause zu nähern und an die Entfernung des Körperschmutzes denken, den die Mekka- pilger bis nach Verrichtung der gelobten Opfer an sich zu tragen pflegten.
IL Kapitel.
Stiftung der ersten Gemeinde. Entwicklung der islamischen Religion bis zur Übersiedelung Mohammeds nach Jatrib.
Von den vorbezeichneten Ideen gewaltig erregt begann Mo- hammed denselben nach außen Verbreitung und Geltang zu ver- schaffen. Dieses wird man sicli für den Anfang so zu denken haben, daß er zuerst in den nahestehenden Kreisen der Familien- mitglieder und Freunde dafür wirkte und wirken ließ. Als erster Anhänger wird sein noch im jugendlichsten Alter stehender Vetter ‘Ali ben Abi Tälib genannt; ihm, den er an Kindesstatl angenommen haben soll, 1 ) konnte er die neuen Anschauungen leicht schon in die Erziehung mit einfließen lassen. Andere Nachrichten wollen die Priorität dem Freigelassenen Mohammeds, Zaid ben Marita, zu- erkennen. Der erste Gläubige aus fremdem Geschlechle, dem der Benu Taim, wurde Abu Bekr. Dieser, zwar ein nur schlichter Kaufmann, doch wegen seiner Geschäftserfahrung und Biederkeit von anderen oft zu Diensten und Gefälligkeiten in Anspruch ge- nommen, erwies sich als ein passendes Werkzeug fürstille Propaganda. Es gelang ihm außer seinem Stammesbruder Talha b. Obaid-Alläh einen Vertreter aus dem mächtigen Qoraischitengeschlechte der Benu Omajja, Otmän b. “Affan, ferner aus verschiedenen anderen Familien den Zubair b. el-‘Awwäm, ‘Abd-er-Rahman b. Auf, Sa’d b. Abi Waqqäs zu Teilnehmern der neuen Bewegung zu machen, und von jedem derselben gingen neue Kreise der Verbreitung aus. Auch Weiber werden unter den ersten Gläubigen namhaft gemacht,
«) Tabari. I |». 115» ff.
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II. Kapitel. Slilfunp der ersten Gemeinde u. s. w. 25
vor allen Hadiga. Mohammed mag dieselben ihres vielfach wichtigen Einflusses halber aufgenommen haben, wenn auch der Gesamtcharakter seiner Ideen rein männlichen Geist atmete, und er nie daran gedacht hat, dem Weibe zu der ihr von den heidnischen Arabern versagten Gleichberechtigung mit dem Manne zu verhelfen. 1 ) So entstand bald ein Rund, zusammengesetzt aus den verschiede- nen Schichten des Stammes Ooraisch, in welchem die wenigsten Mit- gliederder wohlhabenden, die<MehrzahlderärmerenKlasseangehörI en, alle jedoch strebsame, thatkräftige Elemente darstellten : ein histo- rischer Beweis, was Muhammed vortrug. Enges Festhalten unter sich und an den neuen Ideen wird der nächste Zweck der Ver- einigung gewesen sein: denn diese Tendenz predigt der Koran in älteren wie in jüngeren niekkanischen Suren: Haltet fest am Bunde Gottes, den ihr eingegangen seid, und trennt nicht auf den Eid. nachdem er abgelegt worden; ihr habt Gott für euch zum Bür- gen genommen.*) Und der Pflichtenkodex schreibt zweimal «leid- lich vor: Haltet den Bund, denn das ist Forderung ! a )
Die Gründung eines Bundes, später Bund Gottes (ahd-Alläh » genannt, war also der erste Erfolg Mohammeds auf dem einge- schlagenen Pfade.
Das innere Wirken des Bundes wird vornehmlich in der Leistung der Reinigungssteuer von jeglicher Habe bestanden haben zur Verteilung an Dürftige und Bettler; 4 ) eine weitere Pflicht war die regelmäßige s ) Gebetsübung (saläl), welche auszusetzen oder auch nur zu vernachlässigen verpönt wurde. 0 ) Dato hierin der Kern des späteren fünfmaligen Pflichtgebetes liegt, scheint sicher: doch nach Zahl und Zusammensetzung war das ältere Gebet ungleich einfacher. Wahrscheinlich wurde im ganzen Verlauf von Mohammeds mekkanischer Lehrperiode täglich nur dreimal gebetet, analog dem jüdischen Ritus, und zwar in der Morgendämmerung, um Sonnenuntergang und während der Nacht, also zu Zeiten, da die Bundesmitglieder unbeschadet ihrer Tagesarbeit sich versammeln
‘i Wie wenig die Weiher im öffentlichen Loben bedeuteten, gehl dar&Ufi hervor, daß’ ihr Zeugnis vor Gericht als nicht beweiskrüfti): jralt. veiyl. 13, 17. ? i 1«, !« f. Die älteste Stelle ist jedoch 70. 32. *) 17, 3« und <$, •) »2, 17 t 70, 24 f. •) 70, 23. •) 107, 6.
26 Das Üben Mohammeds.
konnten. 1 ) Das Nachtgebet konnte nach Belieben länger oder kurzer verrichtet werden, „die Nacht hindurch mit Ausnahme eines kleinen Teils, die halbe Nacht oder weniger oder mehr.” *) Solche Vi« gilien waren, wenn irgendwo, so in Mekka am Platze, dessen er- quickende Sommernächte nach drückender Tagesglut berühmt waren 3 ) und vom Volke ausgenutzt wurden, um sich mit Erzählung und Plauderei (samar) zu unterhalten ; 4 ) man wird sie daher lie- ber für eine Erfindung Mohammeds als für eine Entlehnung aus ir- gend einem anderen Kulte ansehen. Dem Gange der Gebetsübun- gen ist nicht genau nachzuforschen : sie werden abwechselnd in Lobpreisungen (sabbaha), Recitierung heiliger Geschichten (liad- data, dakara) und Prosternationen (sagada, raqa’a) bestanden ha- ben. Auch Koranstücke mögen eingeschoben worden sein, nachdem einmal ein fester Bestand von solchen vorhanden war; denn auch qara’a wird, wie all die vorgenannten Ausdrücke, synonym mit salla gebraucht. ^
Endlich wird ein Leben nach festen, sittlichen Prinzipien und Wetteifer in der Ausübung aller von den Reichen Mekkas ver- säumten humanen Pflichten dem Bunde am Herzen gelegen haben. 6 )
Mittelpunkt der Gemeinde und Leiter aller gemeinsamen Sachen war natürlich Mohammed. Fiel ihm bei der Zakät das Annehmen und Austeilen der Gaben zu, wie man unbedenklich nach der Weise der späteren Zeit annehmen darf, so ordnete er auch den Gebetsritus an und leitete seine Ausführung. Dadurch gewann er sowohl materielle Machtmittel wie tiefgehenden geistigen Einfluß, und die Gemeinde geriet mehr und mehr in unlösbare Abhängigkeit zu ihm. Doch noch ein festeres Band erstrebte Mo- hammed, um die Geister an sich zu ketten, indem er das kora- nische Wort erschallen lieti, dessen Klang je länger um so mehr mit magischem Eindruck auf seine Anhänger wirkte. Der wahr- scheinliche Gang in der Entstehung des Korans mag schon hier skizziert werden, wenn ihm auch noch ein späteres Kapitel ge- widmet werden soll.
‘) 76, 25 f., 62, 48 f., 60, 36 f., 11, 116, 17, 80 f. etc. ‘) 73, 2-4.
*) Maqdisi. Imperium Moslemicum p. 71. Vgl. auch 23, 69. •) 23, 69. ») 17, 80.
•) 70, 22-35
Tl. Kapitel. Stiftung der ersten Gemeinde u. s. w. 57
Der Islam, so innig er später mit dem Koran verquickt er- scheint, begann nicht mit demselben und zwar weder mit dem Korane als Ganzen noch mit einer der 114 Suren desselben ; der Islam entsprang aus Mohammeds Predigten, womit derselbe bis zu seinem Tode fortfuhr auf seine Umgebung zu wirken. Koran und Predigt unterscheiden sich nach Form und Inhalt ganz wesentlich. Mo- hammeds Predigten, deren verschiedene von den Biographen mit- geteilt werden, befolgen durchaus die Regeln eines Prosa- Vortrages, der überzeugen soll, vor allem das Gebot der Verständlichkeit und Klarheit: seine Koransuren hingegen, besonders die älteren, fallen auf durch Unverständlichkeit, seltsame Verworrenheit und gezwungen poetische Form. Hätte er sich nie deutlicher ausgedrückt, als er es in dem älteren Bestände des heiligen Buches thut, er wäre Gefahr gelaufen, von seinen Gegnern verhöhnt, l ) und was schlimmer, von seinen besten Freunden nicht verstanden zu werden. Dem Hohne seiner Feinde verfiel er allerdings infolge des Zusammentreffens verschiedener Umslände gar bald, doch die Anhänglichkeit seiner Gemeinde in guter wie schlimmer Zeit ist ein Beweis, daß sie die Gedanken ihres Meisters sich zu eigen gemacht hatte.
Eine Eigentümlichkeit des Korans zeigt deutlich die Richtung, woher er seinen Ursprung genommen hat. Die meisten ältesten Suren wenden sich nicht an eine Mehrheit von Zuhörern, ge- schweige an die mekkanische Heidenschaft, sondern an einen Ein- zelnen. Als dieser muß fast immerMohammed angenommen werden. So sind es eigentlich Selbstgespräche, in welchen Mohammed sich Gott, seinem höchsten Bundesgenossen, so nahe fühlt, daß er sich selber sagt : Dein Herr thut dir dies und das. Darauf werden in kaum merklichem Übergänge die Suren allmählich Gott selbst in den Mund gelegt, um zunächst Rat, Hoffnung, Trost, Entsagungsmut dem Prediger, weiterhin Vorhaltungen und Warnungen der Gemeinde oder der Menschheit zukommen zu lassen. Gott redet — das ist die große poetische und prophetische Fiktion, in welche Moham- med sich mehr und mehr hineingewöhnt, um so eher, als er von der Herrlichkeit seiner Lehre, der Unübertrefflichkeit seiner Heils- vorschläge wirklich überzeugt war; Gott redet — wenn man von der Menschenrede Klarheit verlangt, und Mohammed selbst als
‘) Wie wenig Nutzen beim öffentlichen Vortrage von Koranstellen in Mekka herauskam, bezeugt eine recht glaubhalle Tradition bei Ibn Hischam p. ‘JU2.
2*
Das Lehen Mohammeds.
menschlicher Prediger solche nicht entbehren will, so muß Gott eine andere Sprache führen, die, wenn sie auch nicht gerade das Gegenteil der menschlichen Klarheit also Unklarheit zum Prinzipe hat, doch sich in ein dunkel Gewand hüllen darf, aus dessen Falten dann hie und da ein heller Lichtstern hervorblitzt. In dieser Vorstellung entwarf Mohammed seine ersten Suren und trug sie darauf der Gemeinde vor, die in ihnen leicht den Sinn vorhergehender längerer Predigt wiedererkannte und sie als reli- giöse Merksprüche behalten mochte.
Wie lange er nur im engeren Kreise der Gemeinde wirkte, ohne sich die Kraft zuzutrauen, als Prediger frei vor ganz Mekka aufzutreten, ist kaum zu bestimmen. Die mohammedanische Tradition spricht von drei Jahren nach Empfang der Offenbarung, während derer er sich gescheut habe seinem Volke zu predigen. Mag diese Angabe genau sein oder nicht, sie bestätigt doch di«* von uns an der Hand anderer Umstände angenommene Zeit der mehr latenten Wirksamkeil, ohne aber deren hohe Bedeutung zu betonen.
Mohammed, dessen Hauptsorge den ans verschiedenen Ge- schlechtern zusammengewürfelten Gläubigen sich zuwendete, war doch vorsichtig genug, die Familienbande, welche ihn an die Ha- schimiden knüpfte, in keiner Weise zu lockern. Denn der ganze Halt eines Arabers lag in seiner Zugehörigkeit zum Stamme — – seine Freiheit, Unverletzlichkeit, kurz alle seine Hechte wurden ilim von diesem und nur von diesem garantiert. Nun hatte Mo- hammed zwar das Mißgeschick, den Haschimiden mit seiner Lehre nicht sonderlich zu gefallen; das beweist die verhältnismäßig ge- ringe Anzahl von Anhängern, die diese ihm bis zu seiner Flucht nach Medina stellten. Die Meisten verhielten sich passiv, wenige direkt feindlich, wie sein Oheim, Abu Lahab, der, vielleicht durch Sure 111, von ihm gereizt, bald sein offener Gegner wurde, so dato er seine Söhne ‘Otba und Otaiba, nachdem sie kaum die Ehe mit Mohammeds Töchtern Ruqajja und Umm Kultuni eingegangen, dieselben wieder zu entlassen zwang. ‘) Doch alles das erschütterte Mohammeds Stellung nicht, besonders da sein Oheim und Vormund Abu Tälib, der Obmann der Haschimiden, seine Hand nicht von ihm
l ) Ibn Qotaiba, p. it>.
II. Kapitel. Stillung der ersten Cemoinde u. s. vv
29
abzog, wiewohl auch er bis zum Tode mit der neuen Lehre sich nicht befreundete.
Als die Zeit gekommen war, dali Mohammed glaubte auch bei der großen Menge der Qoraischiten Boden für seine Lehre zu finden , begann er ihnen in maßvoller Predigt seine Botschall zu verkünden. Er verwahrte sich dagegen, irgend welchen Zwang auf sie auszuüben, 1 ) er betonte seine selbstlose Absicht: Nicht fordere ich einen Lohn als nur liebevolles Entgegenkommen in der Verwandtschaft. *) Doch statt der erhofften Tage des Tri- umphes kamen nur solche der Prüfung. Die Reichen dünkte seine Lehre von den freiwilligen Abgaben unbequem, der Hinweis auf ein göttliches Gericht vage und lächerlich. Auch nahmen sie an der Person des Predigers AnstolA mit Worten, die der Koran aufbewahrt hat:
Wir sehen dich gering unter uns; wäre nicht deine Fa- milie, so würden wir dich steinigen ; auch bist du kein Macht- haber über uns. ‘)
Ja, wäre doch dieser Koran einem Manne aus der Doppel- stadt (Mekka-Täif) geotfenbart, der zu den Großeil zähltet 4 )
So sah Mohammed bald ein, daß er den Mekkanern gegen- über aus der Geduld eine Tugend machen müsse, und es häu- fen sich darum im Korane die halb auf Ergebenheit, halb auf Resignation deutenden Ausrufe: Gieb ihnen noch Frist/’) lali sie thören und spielen,’ 1 ) wende dich ab von solchen, die sich ab- wenden, 7 ) gehe von ihnen weg ! 8 ) Doch enthalten diese Worte neben dem Entschlüsse, sich nur der Beschäftigung mit der gläubigen Gemeinde hinzugeben, noch einen wichtigen Nebensinn, der einer Verschiebung von Mohammeds ursprünglichem Lehrsysteme ent- springt. Der Widerstand der Gegner richtet sich im Streite der Meinungen am liebsten gegen das schwächste Argument. Dieses war in dem ältesten Islam das Weltgericht. Um die an und für sich sehr vernünftige Forderung der Zakät übergehen zu dürfen, verlegten die Qoraischiten sich darauf, jenes zu bekämpfen. Man
‘) 50, 44 etc.
») 42, m.
*) 11, 93 zwar von Schu’aib gesagt, doch mit deutlichstem Bezüge auf Mohammed.
*) «, »». – •’•) W. 17. – – •) 70, 42. – J – M, 30. – 9 i 04. (5.
Das Leben Mohammeds.
zieh Mohammed der Lüge hinsichtlich seiner Drohung und Aus- malung des Gerichtstages und brachte es durch den Eifer der Gegenrede dahin, daß der Prediger, nun gereizt, um so hartnäckiger diese Position zu halten suchte. Deshalb fing er an zur Er- höhung des Eindruckes geheimnisvoller vom Gerichte zu orakeln, besonders auf die oft wiederholte Frage : Wann die Stunde des- selben sei, nicht mehr wie ehemals sein gänzliches Nichtwissen zu bekennen, sondern möglichste Nähe derselben wahrscheinlich zu machen : Wir warnen euch vor naher Strafe ! J ) Gedulde dich schön ! Sie sehen ihn fei n, wir sehen ihn nah, den Tag, da der Himmel wie geschmolzenes Erz ist u. s. w. »)
Mit Beispielen ehemaliger Strafgerichte, wie sie nach der Bibel oder auch nach altarabischer Sage über verschiedene Völker ergangen waren, erhärtete er die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit von Gottes Gericht, und füllte damit nicht nur die Suren, sondern ge- wiß auch seine Predigten in jener Zeit aus. Diesen Deklamationen setzten aber die Mekkaner die gleiche skeptische Miene entgegen, wie früher, und brachten schließlich den Prediger durch den Wunsch, daß er den schlimmen Tag noch beschleunigen möge, in nicht geringe Entrüstung:
Den Ungerechten wird ihr Teil zugemessen, wie er ihren Vorgängern gemessen wurde; darum brauchen sie mich nicht um Beschleunigung anzugehen. »)
Die nicht glauben, sie wünschen die Stunde schnell herbei, doch die Gläubigen erbangen vor derselben. 4 )
In Folge phantastischen Weiterbrütens kam Mohammed da- zu, die Parallele zwischen jenen Völkern und Mekka immer schärfer zu ziehen, bis sich in seinem Geiste die Idee festsetzte, ein irdi- sches Strafgericht, bestehend in der Vertilgung der gottlosen Stadt, werde außer dem allgemeinen vor dem Throne Gottes in Bälde hereinbrechen :
Darum laß sie, bis sie ihr Tag erreicht! Doch trifft die Frevler noch andere Strafe als diese allein, aber die meisten von ihnen wissen es nicht. 5 )
Und sie sagen noch: Unser Herr, beschleunige uns doch, was uns als Strafe vor dem Tage der Abrechnung zugemessen ist ! *)
») 7H, 40. – •) 70, 5 f. – ») ol, 59. — «) 41 17. – ») SS, 4:», 47. – • i 3S, 16.
- Kapitel. Stiftung der ersten Gemeinde u. s. w.
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Sind sie so sicher, daß ihnen nicht unverhofft eine Strafe von Gott komme oder daß die Gerichtsstunde plötzlich, ohne ihr Wissen, schlägt ? l )
Als auch dieser etwas gewaltsame Versuch, die Mekkaner einzuschüchtern und zu Gläubigen zu machen, sich als erfolglos erwies, trat Mohammed einen Rückzug an: er wird der Ansicht, die nahe Strafe könne nur durch Gottes Rahma, Barmherzigkeit oder Langmut, aufgeschoben sein. Dieser wichtige Begriff erneuerte den Islam auf der ganzen Linie seiner Lehren, indem er alte zu weit ge- hende Meinungen mäßigte, andere Gesichtspunkte erschloß, über- haupt eine ganze Periode begründete. f )
Das eine Beispiel von dem allmählichen Übergange der all- gemeinen Gerichtsidee zur genau fixierten Vernichtung Mekkas kann einen Begriff davon geben , wie Mohammeds älteste Lehre durchaus nicht unveränderlich und stabil gedacht werden darf, vielmehr je nach Bedürfnis und äußeren Eindrücken sich umwan- delte. In ähnlicher Weise veränderten sich auch die Lehren von Gott und seiner Stellung zu den Heidengöttern, vorn Buche Gottes und dem aus ihm abgeleiteten Korane Mohammeds sowie den diesem gleichgestellten Gesetzesvorschriften von Mose und Jesus, von der erst individuell, später generell gedachten Schöpfung des Menschen — kurz, das ganze dogmatische Element des Urislams erlitt eine weitgehende Verschiebung und Ausbildung, hingegen erwuchs auf der sozialen Seite kein neuer fruchtbarer Gedanke. So wech- selte in nicht gar langer Zeit der Charakter der von Mohammed angeregten Bewegung; statt sozialer Reform mit greifbaren irdi- schen Zielen entstand eine Religion mit metaphysischen Zwek- ken. Die Bundesmitglieder oder Gläubigen, wie sie jetzt heißen, haben seither die erste Pflicht, an die Dogmen ihres Meisters zu glauben, an zweiler Stelle steht erst die Ausübung von guten Werken.
«) 12, 107.
*) Dieselbe darf jedoch nicht als zusammenfallend mit der von Sprenger konstruierten Zeit des Vorkommens des sttdarabischen Gollesnamens Pahmän in Koransuren angesehen werden , da letztere aus verschiedenen später zu entwickelnden Gründen kaum als abgeschlossene Gruppe anzusehen sind. Die Periode aber, in welcher nicht nur das Wort Rahma häufig wird, sondern auch sein Begriff den Koran beherrscht , ist ihrer Zeit nach durchaus einheitlich.
32 Das Leben Mohammeds.
In wie langen Zeiträumen diese innere Entwicklung des Is- lams stattfand, ist nicht zu ermitteln; auch was an äußern Vor- gängen berichtet wird , leidet an chronologischer Unsicherheit ; kaum dalä ihre Reihenfolge einigermaßen feststeht.
Hinter dem Unglauben, den Mohammed den Mekkanern vorwirft, wird anfänglich kaum mehr als Gleichgültigkeit zu suchen sein: eine tiefergehende Hegung wegen Verletzung ihres heidnisch-religiösen Gefühls oder wegen Beleidigung der allen Götter scheint ihnen ganz gefehlt haben. Rührte doch der Prediger nicht an das, was allein sie verletzen oder schädigen konnte, an die Verehrung ihres Heiligtums, zu dessen Werthaltung er vielmehr in der Allern Zeit selbst angespornt hatte mit den Worten: So mögen sie denn dem Herrn dieses Tempels dienen, der sie sättigt, so daß sie nicht hungern, und sie sicher stellt, so daß keine Furcht sie überfällt, 1 ) während er später zwar den Ka’ba- dienst nicht mehr ausdrücklich anempfahl, doch die Sicherheit inner- halb des Tempelunikreises als eine Gnade Gottes anpries. *) So ward das Treiben Mohammeds lange mit harmlosen Blicken an- gesehen, ihm selbst zwar mancherlei, doch nichts Ehrenrühriges nachgesagt. Man verglich ihn mit einem Besessenen (magnün) oder einem Zauberer (sähir) wegen seines Aullretens und des In- haltes seinerErgüsse, nannteihn einen Dichter und Wahrsager ^kähin), wozu die Form seiner wahrscheinlich häutig in die ( Wentlichkeit gedrungenen Koranstücke Grund genug gab; denn diese stehen ihrer Ausdrucksweise nach keinem Zweige der altarabischen Litle- ratur näher als den Sprüchen der Wahrsager und Hegenmacher. Erst mit der Zeit laufen verächtlichere Ausdrücke unter: a £in Besesse- ner, den ein anderer abgerichtet hat” 3 ); dieser andere sei aber, ein Nichtaraber. *) Das letztere Gerücht, wonach Mohammed nur das Werkzeug verkappter Hinlermänner sei, wurde durch den Stadtklatsch stark ausgebeutet : der Koran giebt davon folgende Andeutung:
Es sagen die Ungläubigen : Es ist eitel Schwindel , den er erdichtet mit Hülfe gewisser anderer Leute zu Lug und Trug. Und sie sagen: Ammenmärchen, die er sich aufschreibt, und die ihm vorgesagt werden morgens und abends. 5 ).
‘) 10K» 3-4. – ■>) S7, 9», 67. »t 14, 13. – – «) I«, 10f>. ‘•) 25. ii f. Sprenger (Mohammed und der Koran, Berlin 18K), S. M IV) glaubt aus dieser und andern zu phantasicvoll aufgefaßten Stellen als Moham-
II Kapitel. Stiftung der ersten Gemeinde u. s. w. Sil
Hätte sich Mohammed durch solche Vorwürfe sehr getroffen gefühlt, er würde wahrlich nicht die Thorheit begangen haben, sie im Koran selbst auf die Nachwelt zu bringen.
Ganz unwahrscheinlich sind die von den Biographen vorge- brachten Geschichten von geharnischten Protesten, welche schon in der frühesten Zeit des Islams die mekkanischen Großen ‘Otba, Schaiba, Abu Gahl u. a., kurz, die Mala”, bei Abu TAlib gegen das Treiben seines Mündels eingelegt haben sollen ; nicht minder un- glaubwürdig lauten die glänzenden Anerbieten von Gütern und Würden, um damit dem kühnen Prediger den Mund zu stopfen.’) Wenn ohne Zweifel im Laufe der Jahre eine starke Gegenströ- mung gegenüber Mohammed sich bemerkbar machte, so ist die- selbe nur durch die richtige Erwägung entstanden, data die Zu- sammensetzung und das Wachstum seiner Gemeinde eine dro- hende Gefahr für das althergebrachte Staatswesen bildeten. Ein aus rang- und besitzlosen Leuten gemischter Bund , der jeden, welchen Stand und welche Familie er auch vertrete, aufzunehmen bereit war, selbst einzelne zweifelhafte Elemente nicht von sich abstieß, *) drohte mit seiner nach mehreren Hunderten zählenden Masse die Schranken der Geschlechter zu durchbrechen und die aristo- kratischen Kreise zu überfluten. Besonders als Hamza, ein Oheim Mohammeds, an Ritterlichkeit und Kraft vielleicht der ausge- zeichnetste Vertreter der Familie Häschirn, in heftiger Aufwallung darüber, daß Abu Gahl seinen Neffen öffentlich beleidigte, sich
meds Alterego einen „Presbyter einer judenchristlichen Gemeinde, der im Zölibat lebte und gelehrt war* erkennen zu sollen. Ihre vereinte Thätigkeit soll so vorsieh gegangen sein (S. 66): „Sie einigen sich zur Ehrn Allahs jetzt zu einem regelmäßigen Gründerkomplott. Mohammed bearbeitete die ihm diktier- ten Historiae priorum, trug sie als OtTenbarung vor und der Presbyter mit zwei Schwertfegern, Sklaven aus Byzanz, fungierten als Klaqueurs. ” <!). Ich bilde mir ein, daß die Anklage: Leute kommen morgens und abends zu ihm und sagen ihm vor, auf Mifikennung der täglichen Gebetsversammlungen beruhe.
•) Ibn Hisch. p. 167 f., 185 f.
*) 26. 111—14: Sollen wir dir glauben, da dir die Verworfenen fol- gen? Noah (= Mob.) sprach: Nicht weiß ich, was sie gethan haben, die Abrechnung mit ihnen steht nur Gott zu , und ich werde keinen Gläubigen verstoßen. 88, 62: Was ist uns? Sehen wir nicht Männer, die wir einst zu den Schlechten gezählt hatten (sagen die zur Hölle verstoßenen Mekkaner beim Anblicke der Paradiesbewohner) ?
Orimme: Mohiramed I. 3
Das Leb0O Mohammeds
für dessen Sache entschied und von da ab nachhaltig vertrat, da begriff man in Mekka die Gefahr, die aus der langsam, doch stelig wachsenden Propaganda des Islam entstehen mußte, und man sah sich nach den ersten Gewaltmitteln gegen denselben urn, konnte solche aber, wenn man nicht sofort Streit und Zwietracht unter den Familien hervorrufen wollte , in voller Scharfe nur gegen Unfreie und Sklaven anwenden. So soll damals Biläl, Mo- hammeds späterer Gebetsrufer, gemartert worden sein, bei welcher Gelegenheit Abu Bekr ihn loskaufte und frei ließ, wie er schon vorher mit sechs anderen Sklaven gethan hatte. Gegen die Freien aber bediente man sich der Einschüchterungen und Drohungen ; so ging der fanatische Abu Gahl selber bei den angesehenen Muslimen herum und fuhr sie an : Wir werden dafür sorgen, daß dein Einfluß brach gelegt, deine Stimme im Rate belanglos, deine Würde erniedrigt wird. Bei Kaufleuten setzte er hinzu: Wir wer- den deinen Handel vernichten und dein Gut ruinieren. ‘) So wuchs die Spannung in Mekka und reifte einem gewaltsamen Bruch entgegen. Doch Mohammeds politischer Sinn , der hier zum erster Male bemerkbar wird , schaute vor und ahnte , was als härteste Maßregel gegen ihn in Anwendung kommen konnte: die durch die Majorität der Familien erzwungene Trennung zwi- schen ihm und seinen Anhängern, so weit sie nicht Haschimiden waren. Er verfiel daher auf das Mittel, eine größere Zahl derselben durch Entsendung nach dem christlichen Abessinien dem Einflüsse ihrer Familien zu entziehen. In einem Zwischenräume von we- nigen Monaten schickte er zwei Züge seiner Anhänger über das Meer, einen von ungefähr 10 Mann, wohl nur zum Zwecke, um Vorkehrungen zur Aufnahme des zweiten über 70 Mann zählen- den zu treffen. Der Umstand, daß keiner der Auswanderer mit Ausnahme des Wortführers, Ga far ben Abi Tälib, zur Familie Häschim gehörte, hingegen die übrigen größeren Geschlechter Mekkas, Umajja , Abd-ed-där, Zohra , Mahzüm u. a. stark unter ihnen vertreten waren, ist sehr bemerkenswert und läßt diese Aussendung nur in Verbindung mit dem bald folgenden Gewalt- edikte gegen die Haschimiden recht verstehen. Doch blieb die Elite des Bundes, ‘Abu Bekr, Hamza, Talha um die Person ihres Meisters geschaart in Mekka zurück. Mohammed entsandte die
») Ihn Hiwh. 207.
II. Kapitel. Stiftung der ersten Gemeinde u. s w.
3b
Auswanderer nicht etwa als Missionäre , um dem Islam neuen Boden zu erwerben , sondern nur damit sie denselben ihrerseits nicht verlören ; daß er sie zu diesem Zwecke aber nach Abessinien verpflanzte, ist für das Verständnis des damali- gen Islam« höchst interessant. Politisch war der Abessinier nicht gerade des Arabers Freund, eher sein Feind, da er mehr als einmal seinen Fuß in kriegerischer Absicht in dessen Land gesetzt hatte. Darum muß lediglich die Religion der westlichen Nachbarn , das Christentum, Mohammed bewogen haben, bei ihnen ein Asyl für seine Gemeindegenossen zu suchen ; so wenig stand oder glaubte sich der Reformator Mekkas im Gegensatze zu den christlichen Lehren, daß er die Genossen ohne Furcht, sie möchten den seinigen ent- fremdet werden oder irgendwie Anstoß erregen , in christliche Lande ziehen ließ. ‘)
Die Auswanderer erreichten , was sie erstrebt hatten , einige Jahre ruhigen Aufenthalt im Reiche des Negus von Abessinien. Für Fabel muß die Tradition von der Gesandtschaft der heidni- schen Mekkaner an letzteren behufs Auslieferung der Muslimen gelten samt den vielfachen Zuthaten: Bestechung derBatriks oder Patriarchen, Examen der religiösen Meinungen der Auswanderer und ungnädige Entlassung der Qoraischiten. Gab es doch kein Gesetz in Mekka, welches das Fortziehen freier Männer unter- sagte. Zudem hätten die Feinde Mohammeds eher mit Freude als mit Zorn die Auswanderung, welche immerhin eine Schwächung der Gemeinde bedeutete, ansehen müssen.
In die Lücke, welche durch die Entsendung so vieler Gläu- bigen in der Gemeinde entstand, trat aber bald nach diesem Ereignis ‘Omar ben cl-rjattab aus dem Geschlechte derBenu ‘Adi ben Ka’b. Dieser außerordentliche Mann, noch in erster Jugendkraft und Jugendglut , voll Lebenslust und deshalb lange ein Verächter der in stiller Eingezogenheit wirkenden Gemeinde, soll die erste weiche Regung beim Anblicke der ausziehenden Emigranten gefühlt
■) Im Koran findet sich nur eine Stelle, welche man auf die Auswanderung nach Abessinien deuten könnte: 16, 43—44: Denen, welche für (iott auswandern, nachdem man ungerecht mit ihnen umgegangen ist, werden wir ein schönes Heim in der Welt bereiten; der Lohn im Jenseits aber wird noch größer sein, falls sie es wissen — ihnen, die ausharren und auf ihren Herrn ihr Vertrauen setzen.
3 *
Das Lehen Mohammeds.
haben. Worte des Korans,’) die der Zufall ihm entgegentrug, bewirkten eine Umwandlung seines „Ileidentrotzes”, und bald stellte sich zum Erstaunen Mohammeds sein ehemaliger Feind als thal kräftiger Mitarbeiter an seine Seite. Daß die Benu Adi in der Liste der Gläubigen bald eine zahlreiche Vertretung hatten, -) wird allem Anscheine nach eng mit Omars Bekehrung zusammen- hängen.
Jetzt aber zögerten die Aristokraten Mekkas nicht länger, das letzte Mittel anzuwenden, welches die Verbreitung des Islams innerhalb der Xichthaschimiden hindern oder zurückstauen könnte: eine Scheidewand aufzurichten , wodurch es Mohammed unmög- lich wurde, in innigem Verkehre mit den Seinigen zu bleiben. Man verpflichtete sich gegenseitig, jedes Gonnubium und Com- mercium mit den Benu Häschim und den Benu-l-MoUalib abzu- brechen , mit modernem Ausdrucke , sie zu boykotten. Die Maß- regel galt jedenfalls nur Mohammed, doch konnte man ihn nicht einzeln , sondern nur in seinem ganzen Stammesverbande angrei- fen. Letzterer aber bewährte seine altarabische Treue dem Manne gegenüber, der weder unter ihre Ersten noch Ältesten zählte und bald nachher vom Schicksal dazu bestimmt war, alle alten Slam- mesbanden durch Proklamation einer über denselben stehenden Staats- und Keligionssystems aufzuheben. Um besser zusammen- halten zu können , siedelten sich alle Haschinüden im Quartiere des Abu Tälib an 8 ), nur Abu Lahab, der mit andern mekkani- schen Stämmen verschwägert war, soll sich auf deren Seite ge- schlagen haben.
Auf die Dauer mußte die harte Maßregel trotz der Vorsicht, womit Mohammed einen Teil seiner Gemeinde nach Abessinien gerettet hatte, und obgleich sein persönlicher Schutz ihm von seiner Familie gewährleistet wurde, üble Früchte für den Islam bringen. Das zeigte sich, als etliche der Emigranten zurückzu-
‘) Wie sehr auch die medinische und mekkanische Tradition hinsieht* lieh ‘Omars Bekehrung von einander ahweiehen, der Kernpunkt heider, die Einwirkung koranischer Worte, scheint richtig zu sein.
*) Vgl. die Liste der Badrkämpfer bei Ihn Hisch. p. 489 f.
a ) Das a Gefängnis in der Schlucht”, wie man diese Übersiedelung lange aufgefaßt hat. ist durch den Doppelsinn des Wortes schib: 1) Schlucht, 2) Straüe iin Mekka, wo die Stadt sich his in die sie umgebenden Schluchten ausdehnt entstanden.
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II. Kapitel. Stiftung tl.’i- ersten Gemeinde n. n. w. ^7
kehren versuchten: ihre Familien versagten ihnen bis auf wenige den Schutz, so daß sie sich entschließen mußten entweder recht- los, unter steter Gefahr ihres Lebens in Mekka zu bleiben- oder sich unter die umwohnenden Stämme zu zerstreuen. Es ist hier- aus ersichtlich, daß die Familie Häschim nicht gesonnen war, für Mohammed mehr zu thun als ihre Pflicht erheischte; sonst hätte ein Schutzverhältnis oder eine Verbrüderung mit den verspreng- ten Muslimen sich leicht anbahnen lassen. Doch nicht einmal einem Abu Bekr, an dessen Rufe nicht der Schatten eines üblen Verdachtes saß, trug man den Anschluß an, so daß derselbe für einige Zeit die Stadt verließ und erst zurückkehrte, als er in einem Manne aus den umwohnenden Stammen einen Beschützer fand. Mehr als jemals war jetzt die Losung des Islams : Geduldiges Ausharren — selbst wenn der Faden der Geduld fast reißen wollte, wie denn Abu Bekr, da ihm ein Frecher einstmals bei der Ka’ba mit Schmutz bewarf, und er sich darüber vergeblich bei zufallig anwesenden Mekkanern beschwerte, schmerzlich ausrief: Mein Gott, wie bist du nachsichtig!
Nachdem der Abschließungsvertrag gegen die Haschimiden zwei bis drei Jahre lang in Krall gewesen war, konnten die Qo- raischiten hoffen, ihren beabsichtigten Zweck erreicht und Mo- hammed durch lange Isolierung innerhalb seines Geschlechts des Einflusses auf die auswärtigen Gläubigen beraubt zu haben. So vermochten fünf Männer, als Vertreter von fünf Geschlechtern, durch ihr Bemühen es durchzusetzen , daß das Dokument des Übereinkommens, welches in der Ka’ba niedergelegt worden war, vernichtet und das Gleichheitsverhältnis aller mekkanischen Ge- schlechter unter einander wieder hergestellt wurde.
Mohammeds Sache beginnt jetzt trotz der wiedererlangten freien Bewegung zu stagnieren, wenigstens melden die Quellen nichts von wichtigen Bekehrungen. Um die Periode jedoch nicht zu inhaltslos erscheinen zu lassen, pflegen die Biographen in die- selbe das sogenannte Wunder der Nachtreise von Mekka nach Jerusalem zu setzen, wie es in S. 17. 1. angedeutet wird:
Preis ihm , der seinen Diener nachts reisen ließ von der Mesgid el-l?aräm zur Mesgid el-aqsa, um weiche herum wir Se- gen bereitet haben > auf daß wir ihm von unseren Mitteilungen einige zeigten.
Das Leben Mohammeds.
Diese skizzenhafte Darstellung wird in Mohammeds münd- licher Erzählung oder Predigt vollständiger gelautet und verschie- dene der Details, wie sie in der umfangreichen späteren Tradition sich vorfinden, schon enthalten haben. Doch Zweifel und Wider- spruch selbst in der eigenen Gemeinde mochten Mohammed be- wegen , dem Korane nur den nichtssagenden Auszug einzuver- leiben und auch diesem nur den Charakter eines Traumes , nicht mehr eines Wunders zu verleihen durch Zusetzung von v. 62:
Und so sagten wir dir: „Dein Herr ist den Menschen nahe*, und machten das Traumbild , welches wir dich sehen ließen, nur zu einer Prüfung für die Menschen; desgleichen auch der« fluch- würdigen (Höllen-)Baum im Korane l ) : schrecken wollen wir sie, doch mehrt es nur ihren Drang nach Götzendienst. *)
Ist es richtig, die Sure 17 in diese Zeit zu setzen, so dürfte man aus ihr noch entnehmen, 3 ) daß Mohammed eine Zeit lang, etwa in den Tagen der Abschließung, gewillt gewesen, den Gegnern Zugeständnisse zu machen, doch bald seinen ganzen Mut wiedergefunden hatte und auch den Anstrengungen , ihn aus Mekka zu entfernen, einstweilen noch widerstehen zu können glaubte. Sodann erhielte man auch einen Anhalt, um die un- gefähre Zeit des von Mohammed angedrohten zeitlichen Strafge- richts über Mekka, das hier noch mit Zuversicht angekündigt wird, 4 ) festzusetzen.
Eine neue Zeit der Verluste schloß sich bald an den Moment der wiedererlangten Freiheit des Islams, Verluste, welche die Zu- kunft des Predigers in trübes Dunkel hüllten. Mohammeds Oheim und Schutzherr, Abu Tälib ben el-Mottalib starb, er, der nach Ihn Ishäqs Worten „des Propheten Arm, Bollwerk seiner Sache, Verteidiger und Helfer gegen sein Volk” gewesen war, und dieser Schlag wurde noch verstärkt durch den fast gleichzeitigen Tod der Frau Mohammeds, rjadiga, „der Zeugin für die W’ahrhaftig-
•J 87, 60 f. u. s. w.
l ) Mohammed kommt später im Koran nie mehr auf das Gesicht zu spre- chen, ein Beweis, daß er kein Gewicht darauf legte. Als Traum bezeichnet es auch ‘Aischa in einer ihr zugesprochenen Tradition: Nicht entfernte sich der Leib des Gesandten Gottes, sondern Gott ließ nur seinen Geist reisen, cf. Ibn Hisch. p. 285. Doch schon bald darauf wurde ein poetisch ausgeschmückter Bericht kolportiert, dem die Folgezeit in dem Mi’räf oder Aufstieg zum Him- mel den brillanten SchlußefTekt anfügte.
») 17, 75-78. *) 17, 17 f. 60.
II. Kapitel. Stiftung <ler ersten Gemeinde u. s. w.
keit des Islams”. War Abu Tälib auch ein hartnäckiger Heide bis an sein Lebensende geblieben , so hatte er doch stets die schützende Hand über seinen Neffen gehalten, vielleicht weniger aus Wohlwollen, als aus strengein Pflichtgefühl, und hierdurch bewirkt . daß der geistigen Bewegung des Islams Raum und Luft nicht fehlte. Das wurde jetzt bedeutend anders : ist auch nicht überliefert, wem nunmehr die leitende Rolle der Familie Häschim zufiel, sicher war es kein für Mohammed günstig gesinnter Mann, vielleicht gar ein persönlicher Gegner , der bei der Abwägung seiner Verpflichtungen den Nutzen der ganzen Familie über die Erhaltung des Einzelnen setzte.
Trennte sich nun wirklich die Mehrzahl der Haschimiden von Mohammed , oder kündigte letzterem die Erkaltung der Sym- pathieen eine nahe Trennung an – kurz, der Prediger faßte den verzweifelten Entschluß, seine frühere Drohung den Heiden gegenüber , sich zu entfernen , damit das Strafgericht um so schneller über sie käme, jetzt aus Gründen der eigenen Sicherheit auszuführen. Sein Ziel war die Stadt Täif, östlich von Mekka im Gebirge gelegen , seine Absicht der Anschluß an eines der dortigen Geschlechter, was nach altarabischem Rechte zwar nicht unmöglich war, doch kaum geschehen konnte, ohne als Heraus- forderung an die Qoraischiten zu gelten ‘) Die Einwohner Täifs, der Stamm Taqif, welcher bis dahin in bestem Freundschafts- und Handelsverkehr mit Mekka gestanden hatte , fanden denn auch bald heraus , daß bei einer Verbindung mit Mohammed der Vorteil nur auf dessen Seite fallen würde; so bereiteten sie dem Ankömmling aus Mekka den übelsten Empfang : von Witzeleien zu Schmähungen und Thätlichkeiten übergehend drängten sie ihn endlich mit Gewalt aus dem Stadtbezirke hinaus.
Mit geknickten Hoffnungen kehrte Mohammed nach Mekka zurück, wo er zwar seine größten Gegner, immerhin aber auch noch seine (Jetreuen hatte. Jetzt begann er die Agitation für seine Lehre nach einer andern Richtung als bisher; hatten ihn die Stadtbewohner zurückgewiesen, so konnte er immer noch hoffen, bei den einfacheren Kindern der Wüste Gehör zu finden. Zu diesem Zwecke mischte er sich von nun an gern unter das Ge- wühl der arabischen Stämme, welche sich zu den Festzeiten in
1 Vgl. Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. Bd. IV. 2*.
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Das Leben Mohammeds.
Mekka ansammelten , predigte ihnen seine Grundsätze und trug ihnen Teile des Korans vor. Denn schon war eine ziemlich um- fangreiche Sammlung koranischer Stücke vorhanden, vielfach ab- weichend von der ältesten Surengattung, verständlicher, lehrhafter als jene, ein Spiegel mehr des religiösen Sinnens von Mohammed als der ursprünglichen sozialistischen Gedanken. Doch kein Erfolg begleitete den Prediger: daß er seine Lehren nicht selbstlos vortrug, sondern als Preis ihrer Annahme die Schutzpllicht für seine eigene Person beanspruchte, dünkte die Hörer eine anmaßliche Forderung. So ging er von den Vertretern des Stammes Kinda, ohne Gehör gefunden zu haben, zu den Benu “Abd-AllAh (Diener Allahs), einem Unterstamme der Kalb; auch bei diesen fruchtete selbst der Hinweis auf ihre schon im Namen liegende Mission nichts. Die Abfertigung, welche ihm sodann die BenuAmir gaben, konnte nicht derber ausfallen, als sie geschah ; sie schloß damit, daß sie übel Lust hatten , ihre Brust zur Zielscheibe der Araber zu machen wegen eines Mannes wie Mohammed.
So vieler verlorener Anstrengungen bedurfte es. um endlich diejenigen Leute zu linden, welche wie geschaffen waren zur Auf- nahme und Anerkennung des arabischen Gottesboten, die Be- wohner von Jatrib, dem nachmaligen Medina.
Jatrib, ursprünglich eine reine Judenstadl . zu den in Nord- arabien zahlreichen jüdischen Ansiedelungen gehörend, war schon zu Bedeutung und Reichtum gelangt, als eine Invasion seitens der arabischen Benu Qaila, die sich aus den beiden Teilstämmen FJazrag und Aus zusammensetzten, die ursprünglichen Stadtherren stürzte. Doch einigte man sich dahin, daß beide Momente ne- beneinander wohnen blieben, die Araber als die politisch-herr- schende Partei, die Juden als die schwächere Minderheit, welche den- noch ihrer höheren Kultur und ihrer reichen Habe wegen eine ach- tungsgebietende Holle neben jenen spielte. Durch die Nachbar- schaft der Juden wurden die Aus und rjazrag, obwohl sie in ihrem starken Stammesgefühle nicht leicht fremden Wesen zu- gänglich waren, dennoch unbewußt mit fremden Ideen durch- tränkt. So wurde ihnen der religiöse Begriff von der Einheit Gottes, vom Prophetentun), besonders aber die Idee vom kommen- den Messias geläufig, den die Juden als Kriegstursten erwarteten, um, wie sie ihren heidnischen Mitbürgern gegenüber durchblicken ließen, einstens sie wieder zu Sieg und Herrschaft zu führen.
II. Kapitel. Stiftung der ernten Gemeinde u. s. w.
II
Übertrug nun einmal ein Araber diese Lehre auf arabische Be- griffe und setzte an Stelle des National-Jüdischen das National- Arabische, erklärte besonders die Araber für das von Gott be- gnadigte Volk — dann konnte der schlummernde religiöse Samen bei den StAmmen Jatribs aufgehen, Jatrib war aber auch reif für einen Schiedsrichter oder Herrscher: die Bruderstamme Aus und IJazrag hatten es seit der Besitznahme der Stadt durchaus an Maßnahmen fehlen lassen , wodurch ihre beiderlei Interessen gleich und ruhig neben einander gedeihen konnten. Zudem hatte das Gemeindewesen keinen einheitlichen Mittelpunkt, wie die Ka’ba zu Mekka , und die ackerbauende Bevölkerung kannte keine gemein- samen Handelsunternehmungen großen Styls, in denen die ( v )orai- schiten Meister waren. ‘) Brachen in Jatrib die bei den Arabern unvermeidlichen Familienfehden aus, dann lag bei dem Mangel an Gemeinsinn stets die Gefahr nahe, dato der Krieg sich durch die ganze Stadt entzünde. So war noch kurze Zeit vor dem Zusam- mentreffen mit Mohammed eine mörderische Fehde, der soge- nannte Hatihkrieg, ausgetragen, auf welche, da Hazrag den Er- folg ganz allein davongetragen hatten , bald ein Gegenschlag mit dem Tage von Bu’ät folgte, an dem ganz Jatrib samt den um- wohnenden Feldarabern auf einander schlug, doch nichts anderes erreicht wurde, als eine gewaltige Schwächung aller Parteien. Deshalb blieb alles in einem latenten Kriegszustande, da Hazrag um die verlorenen Früchte des ehemaligen Sieges grollte, und Aus mit den Juden auf seiner Seite das lange Jahre hindurch vergossene Blut der Ihrigen noch nicht genügend gerächt sah.
Dergestalt waren die Verhältnisse in Jatrib, als Mohammed in den Tagen des lebhaften Markttreibens, mit welchen» die große Festzeit in Mekka schloß, einer Gruppe von sechs Männern , An- gehörigen des Stammes ijazrag, sich zugesellte und ihnen seine Lehre vortrug mit Hervorhebung seiner Eigenschaft als Gesandter Gottes. Die Leute stutzten , da sie Ideen vernahmen , die ihnen von den Juden her bekannt waren; die Möglichkeit, daß Gott seinen Propheten aus den Reihen der Araber erweckt habe, schmeichelte ihrem nationalen Bewußtsein. Sie äußerten deshalb bald ihre Liebereinstimmung mit dem, was Mohammed ihnen pre-
1 Man könnt«* den verschiedenen Geist beider Städte dtirrh ein»» Pa- rallele mit Athen und Thehen annähernd verdeutlichen.
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Das Leben Mohammed*.
digte, und nahmen nach Beendigung der Pestzeit die neue Märe mit in ihre Heimat. Hier wirkte ihre Rede so günstig für Mo- hammeds Sache, daß im nächsten Jahre die Pilgerkarawane von Jatrib schon zwölf Anhänger des neuen Propheten nach Mekka führte. Dieselben sollen mit Mohammed bei nächtlicher Zusam- menkunft in einer unweit Mekka gelegenen Schlucht (aqaba) einen förmlichen Vertrag eingegangen sein, vorwiegend religiöser Natur, doch in einer Wendung schon auf Schließung eines po- litischen Vertrages mit Mohammed deutend, von folgendem Wortlaute :
Wir wollen Gott keinen Nebengott beigesellen, nicht stehlen, nicht ehebrechen, unsere Kinder nicht löten,keine Verläumdungen vor- bringen und in billigen Dingen ihm (dem Gesandten Gottes) nicht zuwider handeln.
Mohammed gewährleiste darauf seinerseits: Wenn ihr euer Versprechen treu haltet, so wird das Paradies euer Lohn: setzt ihr euch aber über einiges desselben hinweg, so habt ihr es mit Allah zu thun, der euch Strafe oder Verzeihung zu Teil werden lassen kann.»)
Nach Ablegung des Gelübdes entließ Mohammed die Männer in ihre Heimat, gab ihnen aber als Begleiter einen seiner ältesten Gemeindegenossen mit, Mos ab ben Omair, später der Moqri oder Koranvorleser genannt, damit er den Bewohnern von Jatrib die neue Religion lehre und den Unterricht mit Vorträgen von Koranstücken als Ersatz für die fehlende Predigt des Meisters würzen solle.
Wie die arabischen Quellen die Verhandlungen zwischen Mohammed und den Jatribinern schildern, drehten sich dieselben von Anfang an nur um Annahme des Islams. Dagegen spricht jedoch vieles. Mohammed bedurfte für sich selbst dringender eines sicheren Schutzverhältnisses als für seine Religion größerer Ver- breitung. Dieses war es, was er von den oben genannten arabi- schen Stämmen erbeten und nicht erhalten hatte ; an die Hazrag aber durfte er dieses Ansinnen um so leichler stellen, als er mütterlicherseits mit rjazrag verwandt war und gerade mit
‘) Andere Schlußwendung : Setzt ihr euch aber über einiges desselben hinweg und werdet im Diesseits der Übertretung überführt, so geltet ihr als Ungläubige bleibt solches aber geheim bis zum Tage der Auferstehung, m» werdet ihr alsdann mit Allah zu tbun haben u. s. w.
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demselben Unterstamme der Renu Naggär, dem die sechs Männer der ersten Zusammenkunft angehörten. l ) Seinen auf Anschluß an diesen Stamm zielenden Wunsch mögen die Leute, welche er für sich einzunehmen verstanden hatte, nach Jatrib getragen haben , und die folgende ‘Aqabazu- sammenkunft wird , wenn auch noch nicht die Bewährung der- selben , so doch den ersten Schritt zu derselben bedeutet haben, worauf Mohammed mit seinen neuen Freunden seine allgemein- sten religiösen Grundsätze in einer Predigt austauschte. Letzteres geht aus der Form des oben genannten Vertragsgelübdes bei Bü- foäri hervor, wo dasselbe als richtige Predigt Mohammed allein in den Mund gelegt wird, während spätere Biographen aus ihrer ersten Hälfte ein Gelöbnis der Jatribiner, aus der zweiten Moham- meds Antwort formen. Auch die folgenden Ereignisse sprechen für unsere Auffassung.
Es gelang den Bemühungen des klugen Mos’ab binnen Jah- resfrist den Islam in Jatrib zu ziemlicher Blüte zu bringen, doch fast nur unter den Angehörigen des Stammes rjaznig, während Aus sich ziemlich zurückhaltend zeigte. ‘) Als die Zeit des mek- kanischen Festes wieder herankam, zu welchem, wie gewöhnlich, auch Jatrib ein starkes Kontingent von Pilgern stellte, benutzten die Neubekehrten diese günstige Gelegenheit, mit ihrem Propheten in Verbindung zu treten. Nach Verrichtung der üblichen religiösen Gebräuche ließ Mohammed sie zu einer heimlichen Zusammen- kunft in derselben Schlucht, wo ein Jahr zuvor die Annäherung der zwölf ersten Proselyten geschah, entbieten. 73 Männer und 2 Frauen fanden sich hier auf seinen Ruf in nächtlicher Stunde ein. Nach einer religiösen Einleitung, bestehend im Vortrage von Koranstücken und Gebeten, ging Mohammed auf die Hauptsache über und sprach: Ich will mit euch in Verbindung treten, unter der Bedingung, daß ihr mich schützen wollt wie eure Weiber und Kinder. Da ergriff der alte Schaich el-Barä seine Hand, ge- lobte im Namen aller den Schutz und schloß das Abkommen. Mit einer wahrscheinlich altheidnischen Verbrüderungsformel, nicht etwa mit einem Segensspruche oder Gebete, gab Mohammed die-
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M Vgl. Ibn Hisch. p. 107 und 287.
*) Noch lange nach Mohammeds Übersiedelung machte sich diese Zu- rückhaltung gegen den Propheten geltend, und es ist nicht zufallig, daß seine meisten Gegner. z.B. Abu’Amir, die Munänq vor der Ohodschlat.ht u.a. Ausiten waren.
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Das Treben Mohammeds.
sem Akte einen unauflöslichen Charakter, indem er ausrief : Friede gegen Friede, 1 ) Blut gegen Blut, ihr ein Teil von mir und ich von euch; bekriegen will ich, wen ihr bekriegt. Frieden halten, welchem ihr ihn haltet! Zum Schlüsse wurden auf seinen Wunsch zwölf Helfer oder Burgen (naqib) erwählt, neun von Hazrag, drei von Aus, und darauf die Versammelten in aller Stille entlassen. *)
So verlief die berühmte zweite Aqaba; ihr Krgebnis war die endgültige Anschließung Mohammeds an Jatrib , zumal an den Stamm Ha/rag. Jatrib war bereit, ihn aufzunehmen, nicht als Propheten und religiösen Gesetzgeber, für welchen ihn nur eine Minderheit von neugewonnenen Glaubigen ansah, so doch als Schulzfreund. Ob die mekkanische Gemeinde ohne weiteres in den Vertrag , welchen ihr Meister geschlossen , miteinbegriffen war, möchte wahrscheinlich dünken ; denn durch den Zuwachs an Kraft, welchen er damit in das kriegsgeschwächte Jatrib ein- führte, konnte er in den Augen der Araber die Bitte um Anglie- derung besser begründen als durch irgend welche religiöse Hinweise.
Dank seiner überlegenen Politik hatte Mohammed demnach endlich den festen Punkt in fremder Welt errungen, dessen er bedurfte; an diesem konnte sich nunmehr sein religiöser Anhang fest- setzen, von ihm aus die Agitation für Allahs Ruhm und seines Propheten irdische Herrschaft die weitesten Kreise ziehen. Denn wovon noch kein Bewohner Jatribs oder sonst ein Araber einen Begriff hatte, daß die Religion den ganzen Menschen be- herrschen müsse, und daß, wer sich Gott hingebe, auch seinem Stellvertreter und Gesandten zu gehorchen habe — das schrieb jetzt der aus der Unfreiheit zur Freiheit gelangte Mann von Mekka in sein neues Programm.
‘» el-hadmu eigentlich Blut, für welches keine Sühne geleistet zu wer- den braucht.
-i Man rindet den Vertrag in der zweiten ‘Aqaba vielfach mit dem Na- men „Kriegsvertrag- bezeichnet im Gegensatz zu dem „Weibervertrag* der ersten. Der erslere Ausdruck ist verständlich, da allerdings von gegensei- tiger Hülfe im Kriege, wenn auch nicht vom Glaubenskriege, wie lbn Hisch. p. 304 will, die Hede ging; die Bezeichnung Weibervertrag wird aber wohl erst daher stammen, daß ein den Bedingungen nach gleicher bei der Einnahme dor Stadt Mekka von den Weibern geleistet werden mußte, cf. ‘Jabari Annales I. Uli,’, f.
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Wir haben nur den Kern der Aqabafrage geben wollen, losgelöst aus der dichten Hülle, welche die Tradition mit beson- derem Behagen um dieselbe gehäuft hat. So läßt sie die zwölf Naqib von Mohammed nach dem Musler der zwölf Apostel Christi gewählt sein , wodurch denselben eine ausgezeichnetere Stelle und Aufgabe in dem religiösen Gemeinwesen zugeteilt wor- den wäre. Daß dem aber nicht so ist, beweist ein Blick auf die spätere Geschichte des Islams, wo nicht die geringste Andeutung einer höheren Stufe oder Bevorzugung der Gewählten zu finden ist, beweist ferner der Koran, welcher einer solch wichtigen Institution nicht einmal gedenkt. ‘) Auch ein«’ direkte Fälschung scheint in die Darstellung eingeschmuggelt zu sein durch die Er- wähnung des Oheims Mohammeds, des el-‘Abbäs ben el-Mottalib bei der letzten Verhandlung in der Aqaba. Mohammed, heißt es, sei in alleiniger Begleitung des el-‘Abbäs in die Mitte der Jatribiner ge- treten; letzterer habe zunächst das Wort ergriffen zum Preise seines Neffen, der, obwohl er sicher und mit Ehren in seiner Vaterstadt zu leben vermöchte, doch den mächtigen Drang ver- spüre, mit .latribs Bewohner sich zu verbrüdern : diese möchten es daher als ihre Pflicht ansehen, ihn mannhaft, wenn es gälte, gegen seinen Gegner zu verteidigen ; wenn sie dazu nicht bereit seien, auf den großen Vorteil, ihn zu besitzen, lieber verzichten. Das Erscheinen eines el-‘Abbas, welcher noch lange Jahre nach der ‘Aqaba nichts mit Mohammeds Bestrebungen gemein hatte, bei einer geheimen Zusammenkunft ist höchst auffallend, zumal er nach seiner Eintrittsrede sich spurlos verliert. Man traut seinen Augen nicht, daß ein so kluger Politiker, wie Mohammed, die Vermitt- lung des el-‘Abbas, des Heiden und Feindes, benutzt haben sollte, um sich den Männern von Jatrib, zu welchen er schon zwei Jahre lang enge Beziehungen hatte, wie einen Fremden vorstellen zu lassen. Es giebt keine Erklärung dafür, als eine Namensverwechselung
•) In *», 15: Und schon hat Gott den Bund der Sohne Israels ange- nommen, und erweckt haben wir aus ihnen zwölf Naqib, und Gott sprach: „Ich bin mit euch; drum wenn ihr das Gebet verrichtet, Zaqät gebt u. s. w. will ich eure Sünden bedecken und euch in die paradiesischen Gärten ein- gehen lassen’ sind wohl die zwölf Söhne Jakobs, die jüdischen Stammväter, gemeint; doch ist es interessant, daß auch diese Naqib im Anschluß an ein vorhergehendes Bündnis auftreten.
Das L«ben Mohammeds.
anzunehmen. Eine Tradition *) berichtet nämlich, der Hazragide el-‘Abbäs ben ObAda habe seinen Genossen den Propheten zur Bundesvereinbarung empfohlen, mit ganz ähnlichen Worten, wie sie dem el-‘Abbäs ben el-Mottalib in den Mund gelegt werden. Hier- auf habe Mohammeds religiöse Rede und sodann der Handschlag stattgefunden. Statt dieses Jatribiners el- Abbäswird eine spätere Ge- schichtsschreibung, der in mehr als einem Falle die Tendenz nachgewiesen werden kann, auf Kosten der historischen Wahr- heit das zum Kalifate gelangte Geschlecht des mekkanischen el- l Ab- bäs zu verherrlichen, liilschlich den Oheim des Propheten in die Aqabascene versetzt haben.
Bald nach der letzten “Aqaba bedeutete Mohammed seinen Anhängern in Mekka, sich darauf einzurichten, um zu ihren neuen »Brüdern” f ) nach Jatrib überzusiedeln. Die meisten ent- schlossen sich schnell zu diesem folgereichen Schritte und be- werkstelligten ihren Umzug schon in den ersten Monaten nach Ablauf der Festzeit. Welche Spaltung hierdurch in einzelne Familien hineingetragen wurde, kann daraus ersehen werden, daß zwar Abu Bekr, doch nicht sein Sohn Abd-er-Rahman auswan- derte, hinwiederum Abu Hudaifa sich vor seinem Vater Otba trennte, um der Gemeinde zu folgen; vom Geschlechte Häschim blieb fast die ganze ältere Generation zurück, dazu verschiedene von den Jungen, z. B. Tälib, Alis Stiefbruder. Die Emigranten verließen Mekka, nicht ohne vorher allerhand Belästigungen er- fahren zu haben, und stiegen vorläufig, bevor ihr Meister selbst erschien, in Qobä, einem Vorort von Jatrib, bei Familien des Stammes IJazrag ab. Es sind ungefähr vierzig Namen von ausgewanderten Männern überliefert, so daß die ganze Kolonie mit Weibern und Kindern, die Muhägira (Auswanderer- schaft), wie sie jetzt zum Unterschiede von den neuen Gläubigen in Jatrib, den Ansär oder Helfern heißt, auf 150 – 200 Köpfe anzuschlagen ist. 8 ) Diese Anzahl verstärkte sich bald noch durch die Muslimen, welche vor Jahren nach Abessinien gezogen und
‘) Ibn Hisch. p. 299. ‘) Ibn Hisch. p. 314.
3 ) Die in Mekka zurückgebliebenen Gemeindegenossen müssen wohl zu- meist Renegaten geworden sein, wie denn schon unter den in der Schlacht bei Badr gefallenen Mekkanern fünt ehemalige Gläubige aufgezahlt werden, vgL Ibn Hisch. p. 456.
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von dort auf die Kunde von der glücklichen Wendung der Lage Mohammeds alsbald nach Jatrib hinübersetzten.
Mohammed mit Abu Bekr und dem jungen Ali hielt in Mekka aus, bis das Werk der Übersiedelung seiner Gemeinde be- endet war; dann entschwand er mit Abu Bekr plötzlich den Augen seiner Mitbürger. Drei Tage lang hielt er sich, um even- tuelle Verfolgungen irre zu führen, nördlich von Mekka, in der Höhle Taur, verborgen, durch das Bewußtsein der neuen, dankbareren Aufgabe, die ihm bevorstand, getröstet und ge- hoben, wie er lange Zeit nachher noch im Koran bekennt :
Wenn ihr ihm (Mohammed) nicht beisteht, so hat ihm doch Gott beigestanden, da ihn die Ungläubigen vertrieben hatten, als sie selbander in der Höhle waren Da sprach er zu seinem Ge- nossen: Sei nicht betrübt! Gott ist mit uns. Da ließ Gott seine Himmelsruhe auf ihn nieder und stärkte ihn mit Heerschaaren, die ihr nicht sähet, und machte so den Anschlag der Ungläubi- gen zu.nichtc, den Plan Gottes aber siegreich. 1 )
Am vierten Tage gelang es ihnen, unbemerkt auf zwei Ka- melen, welche Abu Bekr vorher schon gekauft hatte, zu ent- weichen, und nach mehrtägigem angestrengten Ritte trafen sie Mon- tag, den 12.Rebi I (uug. d. 24. >-eptcmber 622 n. Chr.) in Qoba ein. Als drei Tage später auch ‘Ali, der die Rückgabe verschiedener Pfänder noch zu besorgen gehabt hatte, hier angekommen war, hielt Mohammed seinen bescheidenen Einzug in die Stadt Jatrib und nahm Wohnung im Hause des Maas]. 1 )
‘) 9. 40.
•) Wir haben bisher absichtlich davon abgesehen, eine Chronologie der besprochenen Begebenheiten aufzustellen, weil alles, was an näheren Daten zu dieser Periode überliefert ist, der reinen Willkür der mohammedanischen Biographen entstammt, und sich auch kein Mittel entdecken läßt, um sichere Bestimmungen aufzustellen. Liegt doch schon die Fixierung des Geburtsjahres von Mohammed im Argen! Wenn es vielleicht eine glaubhafte Tradition ist, daß der Prophet im .Jahre des Elefantenkiieges* (d. i. des Zuges der Abes- sinier gegen Mekka) geboren sei, letzterer aber 20 Jahre vor das ,Jahr des Frevlerkrieges” falle, so gewinnen wir damit nur zwei undatierbare Ereignisse mehr, doch keine Daten. Um einige halbwegs richtige Zeitangaben für das Le- ben Mohammeds zu bekommen, muß man in der Rechnung von seinem To- destage, dem 13. Rebl’ I. a. 11. d. H. (8. Juni 632; ausgehen. Seine Lebens- dauer soll nun 60, 63 oder 65 Jahre betragen haben; hierbei fällt besonders auf, daß die Traditionen für alle drei Angaben den einen Gewährsmann, Ibn
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Das Leben Mohammeds.
•Abbas, anführen; daneben tritt Mohammeds Frau’Aischa sowohl für die 63, wie für die 60 Jahre als Zeuge in der Oberlieferung auf, vgl Mas’üdi V. 78 (T. Am schwächsten ist jedenfalls die Zahl 6, r > bezeugt. Nehmen wir nun nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung die mittlere Zahl (vi für die glaubhafteste an, so fragt es sich, ob diese <53 Jahre Sonnen- oder Mondjahre waren. Die Rechnurg nach letzteren hat Mohammed im Jahre 10 d. H. dadurch begrün- det, daß er die gelegentliche Einfügung von Schaltraonaten, wodurch die heid- nischen Araber ihr Jahr ?u einem Sonnenjahre vervollständigten, verpönte j der Kalif ‘Omar ließ sodann nach diesem Prinzipe die Zeit bis zum Tage der An- kunft des Propheten in Jalrib umrechnen, setzte aber nicht denselben, son- dern den Anfangstermin, d. i. den 1. Moharrani des betreffenden Jahres (IT), oder 16. Juli 622) als Keginn der mohammedanischen Zeitrech- nung fest. Da man nun damals schwerlich Veranlassung genommen haben wird, auch die ganze frühere Lebenszeit des Propheten nach Mondjahren um- zurechnen, so beständen also die 63 Jahre aus 10\, Mond- und 52*/« Sonnen- jahren. Von letzteren lallen etwas mehr als 10 Jahre auf die Zeit der öffent- lichen Wirksamkeit in Mekka, nach dem sicheren Zeugnisse im Liede des Sirma (vgl. Ihn Misch, p. 350, Mas’üdi V. 7.’1, Ihn Qotaiba p. 50, wo als Verfasser Hassan b. Täbit genannt wird : ,.Er weilte unter Qoraisch einige 1<> Jahre predigend, ob er einen Wahrhaftigen, einen Sinnesgenossen träfe.” Darf man nach dem arabischen Sprachgebrauche diese unbestimmte Zahl für eine Bezeichnung der Zahlen 11—13 nehmeu.so wäre Mohammed irn 41. bis 43. Jahre aufgetreten. Dazu stimmt eine Angabe des Korans S. 10, 17, wonach jener schon ein Lebensalter ( omr = 40 Jahre) zurückgelegt hätte, ehe er daran dachte, seine Lehren vorzutragen. So scheint es, daß es mit den 63 Lebens- jahren seine Richtigkeit hat, und Mohammed wäre dann im Jahre 569 nach Christus geboren. Die Tradition von den 60 Jahren wird auf die Bemühung zurückgehen, die Zahlen möglichst abzurunden, so daß 40 Jahre vor das öffentliche Auftreten, 10 auf die Zeit des Wirkens in Mekka, 10 auf die in Medina fallen ; die Lebensdauer von 05 Jahren kann man sich dadurch ent- standen denken, daß späterhin auch Mohammeds mekkanische Jahre in Mond- jahre umgerechnet wurden, und daher zu 6 ! noch l’/? hinzukamen.
IE. Kapitel.
Politik Mohammeds in Jatrib. Endgültige Feststellung des Kultus.
Innere Fehden.
Eine neue Ära, eine Zeit der Um- und Ausbildung trat für den Islam ein, da Mohammed mit seinen Gemeindegenossen den Fuß nach Jatrib setzte. Der erste Islam, auf Mekkas Boden ge- pflanzt, war ausgerottet : aus reinem Humanitätsprincip entstanden und anfangs mit Begeisterung von den Klassen, welchen er Bes- serung ihrer sozialen Lage versprach, aufgenommen, war er doch zu bald auf undurchdringlichen Fels gestoßen, auf den des starren Stammes- und Klassengeistes, an welchem die Kraft der neuen Ideen sich abstumpfte. Nicht die alten Götter Arabiens hatten eine sie bekämpfende Religion zurückgeschlagen, sondern die altarabische Gemeindeverfassung triumphierte über den Gottesstaat.
Mohammeds Arbeit erschien vergebens gethan, sein Leben verfehlt, denn die beste Zeit des Mannesalters war scheinbar an uto- pischen Zielen vergeudet. Eine Gunst des Schicksals hatte ihm Jatrib als Zufluchtsort gewährt, und Ruhe schien seiner hier zu harren. Doch das ist das Große in Mohammeds Leben , daß er je älter, desto jugendlicher, je häufiger geschlagen, desto kampflustiger sich zeigt ; daß er aus jeder Schlappe genug Elasticität des Geistes davonträgt, um frischer als zuvor wieder auf dem Plane zu erscheinen. Vor allem aber offenbart sich jetzt immer glänzen- der seine politische Gewandtheit, mit welcher ersieh allen neuen Ver- hältnissen gegenüber aufs beste anpaßt. Jatrib war in vieler
Ofimme: Moh«mm*d 1. 4
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Pas Lehen Mohammeds.
Beziehung das Gegenteil von Mekka. Hier eine stark centrale Richtung: zwar viele Geschlechter, doch alle gleichen Stammes und dessen stark bewußt; in Jatrib dagegen verschiedene sich kreu- zende Elemente: jüdische und arabische Stämme, in letzteren noch zwei Gegenströmungen, FJazrag und Aus. Mekka blühte äußer- lich bei seiner Staatsverfassung , weshalb jede principielle Neue- rung leicht als Verschlechterung des Bestehenden verschrieen wurde; Jatrib aber hatte mit seinen bisherigen Einrichtungen so üble Erfahrungen gemacht , daß fortgesetztes Predigen gegen das Alte wohl aufmerksame Hörer finden konnte. Mohammed trug diesem großen Unterschiede Rechnung und nutzte dazu seine im- merhin recht günstige äußere Stellung aus. Den Mekkanern hatte er zu wenig imponiert, da seine Stellung, sein Leben und sein Pre- digen den Stempel des Anspruchslosen, Geduldigen, Entsagungs- vollen gegenüber Reichtum und Hochmut trugen ; seine Gemeinde galt für einen zusammengelaufenen Schwann von geringwertigen, ja schlechten Elementen. In Jatrib aber kehrte er vom ersten Tage an seine geistige Würde als Rasül alläh , Gesandter Gottes, seine irdische Machtstellung als Haupt der Muhägirün oder Flucht- genossen, hervor; und auch letztere gewannen im Schutze des Stammes Fjazrag schnell eine selbstbewußte Auffassung ihrer Ein- heit und Macht.
Mohammeds erste Sorge in Jatrib war, die Seinigen fest an- zusiedeln. Hierin kamen ihm die neuen Freunde thatkräftig ent- gegen und legten selbst Hand an, um die nötigen Häuser zu bauen ; ferner überließen die Ansär den Muhägirün , welche meist mit leeren Händen ausgewandert waren, einen Teil ihrer Äcker unter der Bedingung, daß die Hälfte der Erträge als Pachtentschädigung ihnen jährlich abgetreten würde. ) Weiter vermittelte er ein inniges Verhältnis zwischen den Seinen und den Jatribinern dadurch, daß er die Hervorragendsten beiderseits bewog, sich mit einander zu ver- brüdern, „in Gott sagt Ihn Hischäm, -) um anzudeuten, daß es ein religiöser Akt gewesen sei; doch hat derselbe jedenfalls einen stark politischen Beigeschmack gehabt. Die Brüderpaare bestanden zur Mehrzahl aus je einem der Fluchtgenossen und einem Mitgliede des Stammes rjazrag; vom Stamme Aus nahmen
‘) Vgl. Muslira, §ahih. II. 159— «0. ») p. 344.
III. Kapitel. Politik Mohammeds in Jatrib u. s, w. 51
nur wenige, und zwar nur Leute aus dem Geschlechte der Benu ‘Abd-el-Aschhal an der Verbrüderung teil.
Inzwischen rückte die Verbreitung des Islam in Jatrib Schritt für Schritt voran. Wenn auch kaum anzunehmen ist, daß vor Mohammeds Ankunft, ja schon vor der zweiten ‘Aqaba, wie Ibn Hischäm ‘) will, die neue Lehre die ganze Stadt bis auf wenige Familien von Aus – Allah beherrscht habe, so dürfen doch die 72 Teilhaber der zweiten ‘Aqaba als Muslime und Stellvertreter einer ganz ansehnlichen Zahl von Anhängern Mohammeds betrachtet werden. Diese machte nach der Übersiedelung des Propheten solche Fortschritte, daß die Majorität der Stadtbevölkerung bald aus Gläubigen bestand ; denn anders ist es nicht zu erklären, daß Mohammed , ‘ der bei seinem Eintritte in den Stadtverband kei- nerlei Ausnahmerechte erhalten hatte, sich in kaum zwei Jahren zur leitenden, gesetzgebenden Persönlichkeit machen konnte. Am festesten war der Islam im Stamme rjazrag gewurzelt, welcher mit all seinen Unterabteilungen wenigstens dem Namen nach bald gläubig war. Der Stamm Aus, vielleicht mit Ausnahme der Benu ‘ Abd-el-Aschhal, verhielt sich kühler gegen den Propheten; der Umstand, daß aus seinem Schöße noch lange nachher die mei- sten principiellen Gegner Mohammeds hervorgingen, läßt für die frühere Zeit wenigstens Gleichgültigkeit gegen die neuen Bestre- bungen vermuten. Als ganz heidnisch und zwar bis in das Jahr 5 d. H., als der Islam schon längst die Kampfesprobe bestanden hatte, werden vier Familien des Benu Aus-Alläh angeführt ; daneben aber wird noch angedeutet, daß in manchen Familien die alte und neue Religion zugleich vertreten waren. 2 ) Da Mohammed von ihrer Seite kaum Gegnerschaft erfuhr, so gewöhnte er sich daran, sie zu übersehen; er mochte es vorausfühlen, daß in dem Maße, wie die Gemeinde die alten Hechte der Stämme absorbie- ren würde, die Heiden, deren einziger Stützpunkt der Stammeszu- sammenhang war, zu reinen Nullen werden müßten. Eine sehr früh gegen die Heiden Jatribs gerichtete Bestimmung scheint S. 2, 220 zu sein, in welcher den Gläubigen beiderlei Geschlechts verboten wird, Ehen mit Ungläubigen einzugehen. Größere Bedeutung maß Moham- med mit Recht zwei anderen Faktoren bei, den Christen und
») p. 293.
») Vgl. Wäqidi, übers, von Wellhauseii p. ifc.
4 *
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Das Leben Mohammeds.
Juden von Ja£rib. Erstere, von dem Koran an verschiedenen Stellen bezeugt, werden von den Biographen, wie es scheint, zu wenig gewürdigt. Einzig Abu Amir, „der Mönch” genannt wegen seines ascetischen Lebens, wird als angesehener und ein- flußreicher Vertreter des Christentums erwähnt. Doch kann man aus Andeutungen schließen, daß derselbe eine kleine Gemeinde, sämtlich Ausiten, wie er selbst, um sich gesammelt hatte ; und wie gründlich er und die Seinen ihren christlichen Standpunkt vertraten, geht aus den heftigen Gegenreden Mohammeds im Ko- ran hervor, noch mehr aber aus Abu ‘Amirs tragischem Ge- schicke, daß ihn Mohammeds Haß nachmals zwang, sich mit einer Anzahl seiner Stammes- oder vielleicht Religionsgenossen ‘) zu den Mekkanern zu flüchten (mit denen vereint er in der Ohodschlacht kämpfte) und nachher beim Überhandnehmen des Islams Abessinieri aufzusuchen, wo er noch vor seinem Gegner starb. Zu schwach, um als politische Partei angesehen zu werden, erfuhr die Christengemeinde doch als Monotheisten , welche sich auf Offenbarungsschriften stützten, von Seiten der Propheten anfangs viele Beachtung; indessen weit mehr Interesse bezeugte derselbe für die Judenschart von Jatrib, die in der Stadt und rings her- um als Schutzgenossen der herrschenden arabischen Stämme, der Benu ‘Auf, el-rjarit, en-Nag£är, Sä’ida, Guscham, el-Aus, Ta’laba, ferner in eigenen selbständigen Stämmen z. B. Qo- raiza, Nadir. Qainuqä’ zahlreich und mächtig angesiedelt war. Diesem Elemente kam Mohammed anfangs mit der vollen Ver- trauensseligkeit eines Mannes entgegen , der religiöse Gleichheit voraussetzt. Hatte er doch in seiner letzten mekkanischen Zeit die Heiden vielfach an jüdische Adresse gewiesen, um sich die Wahrheit der islamischen Lehren bestätigen zu lassen.*) Zwar mußte ihm der Umstand, daß die Juden Jatribs durchaus keine Anstalten machten seiner Gemeinde beizutreten , die Augen etwas öffnen, doch legt ein Koranvers der frühesten Zeit in Jalrib für seine Achtung ihnen und allen monotheistischen Gläubigen gegenüber noch klares Zeugnis ab:
‘) Die Zahl schwankt zwischen 15-. r «0, vgl. Ihn el-Aiir II. 56.
*) 2ß, 107. Ist dieses nicht ein Zeichen für sie, daß die Weisen unter den Söhnen Israels« die Offenbarung kennen ? 28, f»2. Und jene, denen wir zue st die Schrift gaben (d. h. die Juden) glauben an das Wort u. s. ir,
III. Kapitel. Politik Mohammeds in Jn^rih u. s. w. 63
S. 2,58. Die Gläubigen, die Juden, die Christen und §äbier, wenn sie an Gott und den jüngsten Tag glauben und Gutes thun, empfangen ihren Lohn von ihrem Herrn; keine Furcht möge sie erfassen noch Betrübnis.
Somit verzichtet Mohammed sogar darauf, als Gesandter Gottes von den oben genannten verehrt zu werden ; die alte mekkanische Idee: Jedem Volke sein Prophet, also Mohammed nur ein solcher für die Araber, schimmert einmal noch im Ko- ran durch. Traten die Juden nun nicht in die Gemeinde ein, so fühlten doch beide Teile das Bedürfnis einer An- näherung; das führte sehr bald zum Abschlüsse eines Vertrages, dessen nähere Bestimmungen aber leider nicht auf uns gekommen sind. *) Bei dem friedlichem Zusammenleben mit den Juden fand Mohammed vielfache Gelegenheit, seine religiösen Kenntnisse zu klären ; mancher in früherer Periode mißverstan- dene Punkt erfährt im Koran jetzt stillschweigend seine Berich- tigung, und für eine Reihe neuer Satzungen werden die der Juden und vielleicht auch der Christen von Jairib jetzt seine Muster. Mohammed fand bei beiden eine feste und würdige Gottesdienst- ordnung , unumstößliche Satzungen , durch deren Beobachtung das Leben nach innen wie außen einen religiösen Anstrich er- hielt. Hiervon dasjenige zu entlehnen, was seine Gemeinde noch nicht kannte, in manchem einzelnen, was allen schon gemeinsam war, seine Vorbilder noch zu überbieten , das schien ihm ein reicher Gewinn für seine Religion und zudem das beste Mittel, um sowohl den großen Zuwachs von Gläubigen schnell an die Zucht und den Gehorsam des Islams zu gewöhnen , als auch den Gegensatz der vergangenen Zeit, wo der Gottesdienst mehr ein Geheimdienst gewesen, zu der neuen Periode der Freiheit kennt- lich zu machen. So erhielt der Islam im ersten Jahre der Flucht durch die Reform des Kultus nach jüdisch-christlichem Vorbilde besonders hinsichtlich der Gebete, des Fastens und der Speisegebote seinen Stempel aufgedrückt.
Zuerst scheint an der Gebetsordnung geändert worden zu sein. Nachdem durch vereinte Bemühungen der Fluchtgenossen und der Ansär in wenig Monaten ein Gebetshaus von einfacher Form, der Urtypus der meisten späteren Moscheenbauten , ent-
‘) Die Thatsache selbst bestätigen Beladon 17, Ihn el-Aür Vi. bl Ihn Sa’d u. a.
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Da* Lehen Mohammeds.
standen war, wurde die Abhaltung der täglichen Gebete, welche vorher an jedem beliebigen Orte stattfinden konnte , ‘) in demselben zur Pflicht gemacht Förmlichkeit und Regelmäßigkeit ward jetzt die Seele des Gebets. Zunächst scheint dasselbe durch- schnittlich verlängert worden zu sein, wie es von dem Morgen- gebete Ihn el-Atir, *) bezeugt ; sodann sagt eine neue Vorschrift des Korans: 3 ) Das Gebet ist für die Gläubigen an feste Zeiten ge- bunden. Welche Zeiten gemeint sind, wird gewöhnlich nur aus der Tradition geschlossen, doch scheint es, als ob der Koran richtigere Auskunft geben könne. In mekkanischen Suren ist nie von mehr als drei Gebetszeiten die Hede: Tagesbeginn und -schluß und der Nacht, und so oft ohne nähere Be- zeichnung von „dem Gebete” oder „den Gebeten” gesprochen wird, kann höchstens an die Dreizahl derselben gedacht werden. In der ältesten Sure aus Jatrib 4 ) aber wird mit auffälliger Wen- dung gesagt: Hütet die Gebete und „das mittlere Gebet”: diese Hervorhebung des letzteren hat nur dann Sinn, wenn es sich um etwas Neues, Besonderes handelt. Es scheint, als habe Moham- dem seinen Anhängern damit die Innehalt ung des später zuhr, d. h. Mittag genannten Gebets anbefohlen, welches wegen seiner Stellung zwischen Morgen- und Abendgebet mit Hecht das mitt- lere heißen kann. Demnach weist die frühmedinische Zeit vier täglich zu wiederholende Gebete auf. Darüber, wann das fünfte hinzugekommen ist, welches der spätere Mohammedaner an der Scheide von Nachmittag und Abend zu verrichten pflegt, fehlt jeder Anhalt. & ) Die festen Gebetsstunden, besonders aber das Hauptgebet am Freitag mit obligater Predigt Mohammeds soll- ten zu Versammlungen der ganzen Gemeinden werden: deshalb wurde das Laden zum Gebete, der ‘Adän, nach jüdisch-christ- lichem Muster eingeführt, anfänglich wie im jüdischen Ritus mit der Trompete, sodann mit dem Näküs, der hölzernen Klapper der Christen, bis Mohammed in der menschlichen Stimme und zwar
- M Vgl. Ibn el-Attr II. 41.
») II. 41. – •) 4. 104. – *) 2. 239/
*) Nur über das Wie der Entstehung erlaube ich mir eine Vermu- tung. Das Wort ‘asr, Spätnachmittag, bedeutet ursprünglich und vielleicht noch in Sure 103 auch die Zeit vor Aufgang der Sonne — fegr : es könnte mit- hin eine irrthflmliche Trennung dieser Synonyma der Grund zur Annahme eines fünften Pflichtgebets geworden sein.
III Kajütel. Politik Mohammeds in Jatrib u. s. w. .’».’.
zunächst der des ehemaligen Sklaven Biläl das geeignetste Organ zu erblicken glaubte. *)
Daß nicht ohne Mühe an Stelle der früheren Willkür die nun- mehrige feste Norm in der Ausübung der Gebete eingeführt wor- den ist, und es längerer Zeit bedurft hat, bis sie der Gemeinde in Fleisch und Blut überging, ist aus folgender Koranstelle deutlich zu entnehmen :
S. 62, 9—11. Ihr Gläubigen, wenn zum Gebete am Ver- sammlungstage (Freitage) gerufen ist, so beeilet euch hin zur Predigt und laßt das Geschäft ruhen. Solches ist euch besser, wenn ihr es wissen wollet.
Ist das Gebet beendigt, so zerstreut euch über das Land, trachtet nach der Gnade Gottes und gedenkt häufig Gottes, dafi es euch möge wohl ergehen.
Doch sehen sie Handelsgelegenheit oder Vergnügen, so ren- nen sie davon und lassen dich (Mohammed) stehen. Sprich, Got- teswerk ist besser als Handel, und Gott ist der beste Nährvater.
Eine weitere Institution, welche Mohammed im Judentum vorfand, war das Fasten. Vor der Übersiedelung nach Jatrib war dasselbe für die Gemeinde der Gläubigen ein fremder Begriff. Mit Bühän anzunehmen, die Qoraischiten und mit ihnen Moham- med hätten einen Fasttag, den Äschürätag (9. uder 10. Muhar- ram) gehalten, hieße ein jüdisches Reis auf heidnischen Stamm pfropfen; denn ‘Aschürä, selbst schon ein aramäisches Wort, be- deutet den jüdischen Jörn Kippür (10. Tag des 7. Monats). An- dere Nachrichten *) setzen richtiger die Bekanntschaft Moham- meds mit der jüdischen “Fasteneinrichlung in die medinische Zeit, und es will scheinen, als ob er dieselbe eine Zeit lang für die Gemeinde obligatorisch gemacht habe. Denn abgesehen davon, daß die Traditionen andeuten, auch nach Einsetzung des Fasten- monats habe der Aschürätag noch einige Bedeutung für die Gläubigen gehabt , 3 ) kann vielleicht auf die Einführung des jüdischen Fastens aus S. 2, 170 geschlossen werden:
‘) Der Laderuf lautet: Allah ist groß idreima) wiederholt), ich be- zeuge, daß kein Gott außer Allah (zweimal), ich bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Allahs ist (zweimal , heran zum Gebete zweimal . heran zur Heili- gung .zweimal), Allah ist groß (dreimal !
*) Z. B. Tabari L 1281.
■) In Mekka wird derselbe zur Zeit noch offiziell als Kastlag innegehal- ten, ?ergl. Snouck-Hurgronje : Mekka.
Das Leben Mohammeds.
Ihr Gläubigen, auferlegt ist euch das Fasten, wie es aufer- legt wurde euern Vorgängern (d. h. Völkern , denen auch eine Offenbarung zu teil ward, spez. den Juden), daß ihr euch hüten möget.
Die Einsicht, daß das Fasten der Gemeinde fromme oder vielleicht die bald hervortretende Abneigung gegen das Judentum ließ Mohammed aus dem einen Fasttage bald mehrere machen :
S. 2, 180. Bestimmte Tage lang (ist das Fasten geboten), wer aber von euch krank ist oder auf Reisen, der faste eine An- zahl anderer Tage, und solche, die es können , mögen dafür einen Dürfligen speisen. Daß man sich an das Gute hält, ist nützlich ; daß ihr aber fastet, ist für euch das Bute, wenn ihr es wissen wollt.
Endlich ging er noch einen Schritt weiter und setzte statt einzelner Tage einen ganzen Monat, den Ramadan, als Fasten- zeit ein; ob ihm dafür das Vorbild der christlichen Qua- dragesima maßgebend gewesen ist, erscheint recht zweifelhaft, weil die Neueinrichtung schon in eine Zeit fallen dürfte, wo Mo- hammed den wenigen Christen von Jatrib, speciell dem Abu Ämir eher feindlich als freundlich gegenüber stand. Er begründet das Gebot mit einer Motivierung sehr zweifelhafter Art:
S. 2, 181. Der Monat Ramadan — es ist derjenige, in wel- chem der Koran offenbart wurde, als Rechtleitung für die Men- schen , als Beweismittel der Recht leitung und der Erlösung; darum wer von euch in diesem Monate anwesend ist (in Jatrib), der faste während desselben ; wer aber krank oder auf Reisen ist, der wähle sich eine Anzahl anderer Tage : Gott will es euch leicht und nicht schwer machen.
Die Bestimmung der Tagesgrenzen, innerhalb welcher ge- fastet werden soll, ist ganz jüdisch und schließt sich auch im Ausdrucke an eine jüdische Vorlage an :
S. 2, 183. Eßt und trinkt (Nachts), bis ihr einen weißen Fa- den von einem schwarzen unterscheiden könnt, zur Zeit der er- sten Dämmerung.
Fasttage als Strafmittel gegen Verletzung islamischer Vorschrif- ten, z. B. Tötung von Gläubigen (4, 94), Ehescheidung nach heid- nischem Ritus (58, 5) iL s. w. bilden die späteste Ergänzung der mohammedanischen Fastengesetzgebung.
Neben dem Fasten spielt der nahe liegende Begriff des Unterschieds erlaubter und verbotener Speisen im Judentume
UL Kapitel. Politik Mohammeds in Mrib u. s. w. 57
eine große Rolle; was Wunder, wenn Mohammed auch hierin wieder offene Zugeständnisse an dasselbe macht und zwar mit einem mißachtenden Seitenblicke auf die weitergehende Ascese der christlichen Mönche:
S. 2, 163. Ihr («laubigen, eßt von dem, was erlaubt und gut ist auf Erden und folgt nicht den Fußstapfen des Satans, denn er ist euch ersichtlich feind.
S. 2, 168. Verboten ist euch nur das Aas, Blut, Schweinefleisch und was einem andern als Allah geschlachtet ward ; wer aber dazu (zum Essen von Götzenopferfleisch) gezwungen wird, also es nicht in vermessener, feindlicher Absicht ißt, der hat keine Sünde gethan.
Mohammed gefiel sich darin, diese Verbote von jedenfalls sehr heilsamer Art, die im Namen Gottes nur Vorschriften der Natur wieder- holen, später noch bis ins Genauere auszuführen, so in S. 5, 4 : seltsam klingt es aber, wenn er darauf diese Verordnungen wohl- gefällig die Vollendung des Kultus und den Schlußstein der Gnade Gottes nennt.
Endlich soll Mohammed schon in Mekka, wie es zwar in der Tradition steht, doch nicht über jeden Zweifel erhaben ist, die jüdische Qibla, d. h. die Richtung des Gesichts nach Jerusalem beim Beten eingeführt haben ; gewiß aber ist, daß er in Jatrib diesen Brauch mit seiner Gemeinde bis in die Mitte des zweiten Jahres der Flucht ausübte.
Auf die Frage, welche der äußeren Gebräuche des älteren Islams von jüdisch-christlichem Einflüsse unangetastet blieben, wäre fast nur die Zakät zu nennen, allerdings in längst entstell- ter Form. Die Armensteuer galt noch als eine der Hauptfliehten der Gemeindegenossen, doch nicht mehr als die oberste. Über ihre Verwendung verlautet kaum ein Wort; es scheint, als sei sie zu einer Privatsteuer an den Propheten geworden, woraus demselben ein Schatz zu freiester Verwendung besonders für politische und kriegerische Zwecke erwuchs; denn eine Abgabe für Dürftige, Bettler und Verwaiste, Reisende, endlich zum Los- kauf von Sklaven geht jetzt bereits neben der Zakät her und wird durch den Propheten öfters energisch verlangt. »)
War das Jahr 1 der Flucht für Ansiedelung, Wachstum und Kräftigung der Gemeinde, für Ausgestaltung der äußeren Formen
‘} Vgl. 2, 172, 473, 275 und örters.
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Das Lebtn Mohammeds.
des Kultus hochbedoulend gewesen, so gestaltete sich das Jahr 2 zum entscheidenden für die Richtung, welche der Islam endgültig einschlagen sollte. Es empfangt seinen Gharacter durch zwei Vorgänge, die im Grunde genommen nur einen einzigen dar- stellen: starke Deklination von der kaum eingeschlagenen jüdisch- christlichen Richtung in Religion und Leben, sodann Inklination zur Einführung eines arabisch-heidnischen Zuges in den Islam, um dadurch den Kampf um Mekkas Besitz, den Glaubenskrieg (Gihäd) im engeren Sinne zu entzünden.
Fragt man, ob äußere Umstände den Propheten in diese Bahn gedrängt haben, oder ob er selbst mit bewußter Absicht den Umschwung lenkte, so kann man nur letzteres bejahen. Keine zuverlässige Nachricht bürgt dafür, daß im Benehmen der Juden zu dem Islam eine Veränderung stattgefunden habe, durch die der Prophet berechtigt oder gezwungen wäre, andere Sai- ten ihnen gegenüber aufzuspannen; ebenfalls kann durch nichts erwiesen werden, daß die Qoraischiten durch feindselige Gesin- nung und Bethätigung einen Hader zwischen sich und dem Pro- pheten oder der Stadt Jatrib jemals angeregt hätten. Es bleibt einzig die Annahme übrig: Mohammed hat sich mit der Zeit auf einen Standpunkt gestellt, von dem aus die Juden- schaft entbehrlich, Abrechnung mit Qoraisch an der Zeit er- schien. Zwischen all den frommen Redensarten des Korans taucht plötzlich ein Wort auf, bald deutlich, bald zwischen den Zeilen er- kennbar, welches zwar mit allem, was vorher Religion hieß, in schärf- stem Widerspruche steht, doch gewaltsam zum religiösen Begriffe ge- macht wird : das Wort „ Rache – . Es ersetzt die mekkanische Parole „Geduld” fast unmerklich, denn der letzlere Begriff schillerte zu verschiedenen Zeilen in mancherlei Nebenbedeutungen : Ausdauer im Gebete und in der Hoffnung, Geduld gegenüber dem Unglau- ben, dem Hohne der Gegner, endlich Erwartung des furchtbaren Strafgerichts, das Gott selbst über die Feinde des Islams verhängen werde.
Diese göttliche Rache, mit der Mohammed den Mekkanern so lange und so eindringlich drohte, hatte sich verzögert ; der Pre- diger glaubte die Strafe nicht mehr zu erleben ; die göttliche Langmut, sah er, breitete ihre Flügel über dem Volke der Leugner und Sünder aus, und so fing er an, statt der Rache Allahs seine Barmherzigkeit zu betonen. Dm versetzte ihn das Glück nach Jalrib,
III. Kapitel. Politik Mohammeds in Jatril. u. s. w. ftf
Ansehen und Macht winkten ihm ; nach kaum einem Jahre zählte er die Majorität der Stadtbewohner unter seine Anhänger: jetzt hätte er kein Araber sein müssen, um nicht die bitteren Ge- fühle gegen seine Vaterstadt in den Gedanken der Rache, des Krieges ausströmen zu lassen. Aber Prophet und Krieger, wie reimte sich das zusammen ? Hatte doch nicht Mose, nicht Abra- ham oder irgend einer der Gottesmänner, nach deren Weise er zu wandeln vorgab, ihm ein derartiges Beispiel geliefert ! Dafür winkte ihm jetzt eine neue Gestalt aus der Bibel, der Kriegs- könig Saul (Tälüt), zwar nicht selber ein Prophet , doch von einem Propheten gesalbt , damit er seinem Volke Anführer im Rachekriege sei. „Wie sollten wir nicht kämpfen für Gottes Sache, da man uns aus unsern Häusern, von unsern Kindern ver- trieben hat/ so läßt der Koran die streitlustigen Söhne Israels ausrufen *)»und so redete auch Mohammed des öfteren jetzt zu seinen Anhängern und suchte getlissentlich die freiwillige Auswanderung als Vertreibung und Vergewaltigung von Seiten der Mek- kaner darzustellen. Wenn aber die Rache die Anschauung ver- träte, Schwert des göttlichen Zornes zu sein, nur für Allah und die Ausbreitung seiner Religion zu kämpten, so würde dem furcht- baren Schauspiele, das die Zukunft enthüllen sollte, ein erhabe- ner Hintergrund nicht ganz fehlen ; doch solches anzunehmen wehrt uns das Gewebe von Fälschung, Lüge und Trug, welches Mohammed spann, um darin zuerst die Gesinnung seiner Getreuen zu verwirren, sodann seine Feinde zu fangen. Eine längere, schlau durchdachte Reihe von Vorschriften und Einrichtungen ge- hörte dazu, um in dem nach außen ganz friedlich gesinnten Ja- trib den Kampfgedanken zuerst möglich zu machen, danach ständig zu unterhalten Die angewandten Mittel lassen sich folgen- dermataen skizzieren : Einsetzung der Ka’ba als Heiligtum des Islams
- Begründung derselben durch Fälschung der Abrahamtradition
— den Juden, die gegen letzteres Verfahren ihren Widerspruch erhoben, zum Trotze, den Gläubigen zur Anspornung der Ka ba- verehrung: Verlegen der Qibla von Jerusalem nach Mekka — koranische Rechtfertigung eines möglichen Kampfes mit den Un- gläubigen, in welchem Gottes Hülfe verheißen wird – dann Gottes Befehl zur Offensive gegen Qoraisch — endlich als letzte Konsequenz
»j % 247.
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Das Leben Mohammeds.
Proklamation eines beständigen Kriegszustandes aller Gläubigen zum Angriffe gegen die andersgläubigen Araber.
Wie früher bemerkt, hatte Mohammed im Koran dem mekkanischen Heiligtume außer in dem sehr alten Surenfragment 106 keine Beachtung geschenkt, geschweige denn dessen Verehrung als einen wesentlichen Faktor seiner Religion angesehen. Nur den Frieden im Bannkreise der Stadt, allerdings eine Folge des Heiligtums, erwähnt er einige Mal, um des großen Himmelsgottes Güte zu veranschaulichen. Wenn er nicht gegen den Ka badienst gepredigt hat, so darf man dieses gerade so wie seine Schonung den echtmekkanischen Götzen gegenüber als begreifliche Rück- sichtnahme auf den Lokalgeist erklären. Doch außerhalb Mekkas, in Jat.rib hätte ihn sein religiöser Standpunkt zwingen müssen, den tief heidnischen Ka’bakult mit derselben Strenge zu verur- teilen , mit welcher er und seine Feldherren später gegen die übrigen Tempel verfuhren. Aber der Prophet von Jatrib folgte nicht mehr den Forderungen seiner Religion allein, sondern auch der Politik, und ein Meisterzug auf letzterem Gebiete war es, die Ka’ba als geistigen Magneten zu gebrauchen, um die Ge- müter der Seinigen von Mekka, der tief gehaßten Stadt, doch wiederum anziehen zu lassen. Noch deutlicher wird dieses po- litische Spiel durch das Gebot, die Ka’ba nicht nur zu verehren, sondern auch zu besuchen, also was dem Heiden Gewohnheit war, dem Muslim zur Pflicht zu machen. Solch gewagtes Vorgehen konnte nur bei einer Motivierung gelingen, die glaubwürdig und religiös genug aussah, um nicht den Gläubigen heidnisches Ärgernis zu berei- ten. Mohammed erfand nun dieselbe, indem er die Person Ab- rahams (Ibrahims) in einen engen Zusammenhang mit der Ka ba brachte, letztere von demselben auf Gottes Befehl bauen und ihn als ersten Wallfahrer alle Festgebräuche späterer Zeit ausüben ließ. Daß nicht etwa Selbsttäuschung bei Mohammed im Spiele war, sondern vollständig beabsichtigter Betrug, ergiebt sich klar aus einer Gegenüberstellung der mekkanischen und medinischen Koranst eilen, welche von Abraham handeln.
In ersteren ist Abraham eine Gestalt , welche zwar gleichberechtigt in der Reihe der früheren Gottesmänner steht, doch besondere Bevorzugung nicht genießt; fast nur seine Ju- gendgeschichte wird in verschiedener Variation vorgeführt der Ähnlichkeit wegen, welche Mohammed darin mit seiner eigenen
III. Kapitel. Politik Mohammeds in Jatrib u. s. w.
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Lage fand; aus seinen Alterstagen wird kurz erzählt, daß er die erblich gedachte Prophetenbeanlagung auf seine Söhne Isak und Jakob, wie es in wunderlicher Konfusion stets in rnekka- nischen Suren heißt, fortgepflanzte. Ismael, der auch einige Mal unter den Boten Allahs genannt wird, 2 ) steht fernab von Abraham ohne irgendwelche Verbindung mit ihm; als Stammvater der Araber erwähnt ihn keine Stelle. — Genau betrachtet enthält das Bild des Abraham in mekkanischen Suren folgende Züge :
In Sure 87, 19 und 63, 38 ist zunächst von Schriften (suljuf) des Moses und Abraham die Rede, als alten Quellen der neuen islamischen Wahrheit. Es wäre aber vergebens, dieses wörtlich zu nehmen und bei Mohammed die Kenntnis von apokryphen abrahamischen Schriften zu suchen. Mohammed, welcher selbst nach dem Verkehre mit den schriftkundigen Juden von Jatrib kaum eine Vorstellung von den Büchern Moses besaß, der immer nur von einem Jn&il (Evangelium) des Jesus, statt von den Büchern der 4 Evangelisten spricht, verband noch weniger in diesen alten Suren mit den „Schritten Abrahams” einen klaren Begriff. In der Darstellung von Abrahams Leben ist der wichtigste Punkt seine Hinwendung zum wahren Gotte, die in Zügen, wie sie der Bibel fern, doch zumeist in rabbinischen Schritten enthalten sind, ausgemalt wird; vielleicht, daß S. 43, 25— 27 die älteste Dar- stellung derselben ist:
Da sprach Abraham zu seinem Vater und seinem Volke: Ich bin frei von dem, was ihr anbetet;
Nur jener, welcher mich gebildet hat, leitet mich recht.
Das machte er zu einem ewigen Plane für seine Nachkom- men, daß sie sich bekehren möchten.
Diese Umrisse werden nun in weiteren Suren in mehr oder weniger glücklicherweise a sgeführt, so in S. 37, 82—112. Dem mündlichen Vorwurfe des Götzendienstes fügt Abraham hier einen thatsächlichen Beweis für die Ohnmacht der Götzenbilder hinzu. Er tritt an sie heran und tragt: Warum eßt und redet ihr nicht? Dann zerschlägt er sie und predigt den hinzulaufenden Leuten Alläh, den mächtigen Schöpfer, den Gegensatz aller von Men-
•) 38,47 in einer Reihe mit Eljasa’und Ou-l-kifl; «, 86 mit Erjaga*. Jünus und Lüt zusammen.
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Das Lehen Mohammeds.
schenhand gemeißelten Bilder. Das erzürnte Volk trachtet ihn auf einem Holzstoß zu verbrennen. Er aber spricht zuversicht- lich : Feh gehe zu meinem Herrn , der mich rechtleiten wird. Wie er gerettet wird, ist ausgelassen ; x ) es folgt sofort die Ver- heißung eines trefflichen Sohnes. Als dieser heranwuchs, wird dem Vater im Traume der Befehl, ihn zu schlachten. Beide ergeben sich dem Gebote mit Geduld. Durch Gottes Einschreiten wird aber der Knabe gerettet, darauf das Ganze als eine Prüfung erklärt und Abraham vor der Nachwelt verherrlicht , so daß man seinem Namen stets den Gruß hinzufügen soll : Friede über ihn ! In ungeschickter Anknüpfung wird dann nochmals gesagt : l T nd wir verhießen ihm den Isak als einen Propheten und Hei- ligen und segneten ihn und Isak und jeden Guten von seinen Nachkommen. Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß der mibenannte Sohn, der geopfert werden sollte, nicht etwa mit Ismael, sondern mit dem nachgenannten Isak als identisch von Mohammed an- gesehen wurde.
Vergröbert findet sich dieselbe Geschichte, doch ohne den Zusatz von der Opferung des Sohnes, in S. 29, 15—24. Angehängt ist die Bekehrung Lots, sodann werden Isak und Jakob als zwei Söhne Abrahams angeführt. In S. 2ti, C>{» — 104 ist besondets die Warnungspredigt Abrahams länger ausgesponnen, ohne aber charak- teristisch zu werden, als nur in der Bitte /.u Gott : Verzeihe auch meinem Vater, daß er zu den Irrenden gehört. S. 21, 52 — TA er- zählt, wie Abraham alle Götzen bis auf den G roßten zerschlägt und dann auf die drohende Frage des Volkes, wer der Thäter sei, erklärt: Dieser, ihr Größter, hat es gethan. Zum Feuertode bestimmt, vermag keine Flamme ihn zu versehren, denn : Feuer sei kalt und laß Abraham unverletzt ! befiehlt Gott und rettet ihn und Lot in das Land , in welchem die Welten gesegnet sind, d. h. Kanaan. Schluß: Und wir gaben ihm den Isak und Jakob als ein Gnadengeschenk , machten alle zu Heiligen und zu Vorstehern, recht zu leiten nach unseren Befehlen, und olVen-
‘) Das Fehlende ergänzen zahlreiche Stellen in rabbiuischen Schriflen auch außer dem vom Koran beeinflußten Buche Hajaschar), wonach Abraham von den Flammen nicht angerührt deshalb von Nimrod begnadigt und be- schenkt wird und in Frieden davon ziehen darf; vgl. B. Beer: Leben Abra- hams, Anm. 13*3.
III. Kapitel. Politik Mohammeds in Jatrib u. s. w. 63
harten ihnen die Ausübung der guten Werke, die Gebetsverrich- tung und die Leistung der Zakat, und sie dienten uns.
S. 15, 51—58 und 11, 72 – 79 erzählen die Einkehr der Engelsboten bei Abraham, bevor sie in die sundige Stadt Lots eingingen ; mit manchem biblischen Zuge paart sich wieder der Irrtum von zwei Söhnen Abrahams, Isak und Jakob.
In S. 19, 42—50 wird noch einmal die Abwendung Abra- hams von den Götzen geschildert, worauf ihm von seinem Vater mit Steinigung und Trennung: gedroht wird. Abraham erwie- dert fromm : Friede sei mit dir ! Ich will für dich meinen Herrn um Verzeihung anflehen, denn er ist mir hold.
Auch in der sehr späten mekkanischen Sure 6 ist der Typus von Abraham noch ganz im alten Stile gehalten, wenn auch einzelne Zathaten anders sind als die früher erwähnten:
74—84. Ahraham hat sich von den Götzen seines Vaters Äzar losgesagt und forscht nun der Spur des wahren Gottes nach. Er sucht ihn zuerst in einem Sterne der Nacht, doch dieser ver- schwindet, dann in der aufgehenden Mondscheibe, bis auch diese untergehl. Nun erblickt er die glänzende Sonne und spricht: Dieses ist mein Herr! Doch nach ihrem Untergange fängt er an ein noch höheres Wesen zu ahnen: „Ich habe mein Angesicht zu dein gerichtet, welcher Himmel und Erde gebildet hat, als Hanif, ») doch nicht der Vielgötterei ergeben”, v. 84. Und wir schenkten ihm den Isak und Jakob, die wir beide rechtleiteten.
Fügt man noch die Stellen S. S 43, 25—27, 42, 11, 38, 45—46, an, in denen jedoch kein neuer Zug sich findet, so kann als feststehendes Resultat gelten : In den Suren von Beginn bis zu Schluß der mekkanischen Periode ist ein einheitlicher Abrahamtypus ausgeprägt, welcher mit Mekka und der Kaba, mit Arabien und den Arabern nichts zu thun hat.*)
In einer ganz anderen Form tritt uns aber der Abraham ent- gegen, welcher in medinischen Suren redet und handelt. Bis auf einige entstellte Reste der älteren Gestalt, wie S. 60, 4. Lossagung von den Götzen und Fehdeerklärung seinem Volke gegenüber, Zweifel, ob er
D h. Heide.
‘) Daß 37, 100 mit Baid&wi und den Öulälain zu übersetzen ist : Nach- dem er dazu gelangt war, daß er ihm zur Hand ging, nicht mit Rückert- Müller: Als er mit ihm den Lauf vollbracht (sei. zwischen §afä und Marwa). sei hier beiläufig erwähnt.
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Das Leben Mohammeds.
seinem Vater, der ihm nicht folgt, bei Gott helfen könne, i», 115. Lossagung auch von seinem Vater, 2, 280. Einwurf gegen einen Ungenannten bezüglich seines Anspruches, Herr über Leben und Tod zu sein, endlich 2, 262. thatsächlicher Beweis Gottes Abra- ham gegenüber, daß er Totes ins Leben zurückzurufen im stände sei — bis auf diese Kleinigkeiten ist jetzt Abraham ein Araber auf Mekkas Flur und Stammvater des arabischen Volkes.
In Mekka schließt Gott einen Bund mit ihm, hilft ihm das heilige Haus bauen, die Gebräuche einsetzen und die Menschen zur Wallfahrt nach Mekka einladen. An Abrahams Seite steht der arabische Ismael als Gehülfe seiner Werke , aus Abrahams Munde tönt schon klar die Verheißung des zukünftigen arabi- schen Propheten, und die Heligion Abrahams ist es, welche als die einzig wahre der Welt zur Nachahmung dienen soll. Die Frechheit der Fälschung wird noch ersichtlicher, wenn man den scheinheiligen Ton der bezüglichen Stellen beachtet:
2, 118, Da versuchte den Abraham sein Herr mit gött- lichen Plänen, er aber erfüllte sie. 1 ) Dann sprach er: Ich will dich zu einem Vorbild für die Menschen machen. Darauf jener: Auch einige von meinen Nachkommen? Sprach Gott: Mein Bund erstreckt sich nicht auf Ungerechte.*)
- Und da machten wir das Haus (von Mekka) zu einem Sammelplatze und einer Freistatt für die Menschen und schlössen mit Abraham und Ismael einen Bund: Reiniget ihr beide mein Haus denen, die es umwallen, sich bei ihm aufhalten, den Nieder- gebeugten und Kniefälligen.
- Da sprach Abraham; Herr, mache diese Flur ge- sichert und versorge von ihren Bewohnern jeglichen, der an Gott und den jüngsten Tag glaubt, mit Früchten. Darauf Gott: Wer aber ungläubig ist, den friste ich eine kleine Weile un;l zwinge ihn dann zur Pein der Hölle. Übel ist es, dort einzukehren.
- Alsdann legten Abraham und Ismael die Fundamente des Hauses: Herr, nimm dieses an von uns, der duder Hörende, der Allwissende bist!
- Herr, mache uns zu deinen Ergebenen (Muslimen) und bilde dir aus unserem Samen eine Gemeinde Ergebener; zeige
‘) Geht wohl auf die Opferung des Isak.
-) Die frühere Lehre von dem in Abrahams resp. Noahs Familie erb- lichen Prophetentume wird also modificiert
tH. Kapitel. Politik Mohammeds in Ja tri b u. s. w. 65
uns unsere Weihgebräuche und verzeihe uns, der du der Verzeihende, der Erbarmer bist.
- Herr, erwecke unter ihnen einen Gesandten von ihnen, daü er ihnen deine Kunden lese, sie das Buch und die Weisheit lehre und sie reinige (durch die Zak.U) ; denn du bist der Er- habene und Weise.
- Wer aber strebt der Religion Abrahams entgegen, außer solchen, die ihre Seele bethören ? Ja, ihn haben wir im Diesseits auserwählt, und im Jenseits gehört er zu den Heiligen. 1 )
Um den neuen Lehrsatz eindringlicher zu machen, wieder- holt ihn Mohammed noch an zwei Stellen:
S. 90. Das erste Haus, welches für die Menschen gegrün- det wurde, ist das zu Kekka, s ) ein Ort des Segens und eine Rechtleitung für die Welten.
- In ihm sind klare Beweise: der Wohnort Abrahams; wer dort eingeht, ist gesichert, und Allah gilt es, wenn den Menschen die Wallfahrt zum Hause zur Pflicht gemacht worden ist, wenig- stens denen, welche dazu imstande sind.
- Wer aber ungläubig ist — nun, Gott kann der Welten entbehren.
- Sprich: O ihr Männer der Schrift, weshalb leugnet ihr Gottes Mitteilungen V Ist doch Gott eures Treibens Zeuge.
S. 22, 27. 3 ) Da siedelten wir den Abraham am Orte des heiligen Hauses an und geboten: Geselle mir nichts bei; reinige mein Ilaiis denen, die es umwallen und umstehen, den Kniefälligen und Niedergebeugten.
- Und lade ein die Menschen zur Wallfahrt, daß sie dir kommen mögen zu Fuß und auf all den schlanken Kamelen, her- vor aus all den tiefen Felsschluchten.
- Sowohl um ihren Vorteil wahrzunehmen, als auch um den Namen Gottes auszusprechen an bestimmten Tagen über dem Vieh , das er ihnen zur Nutzung gegeben : Nun eßt davon, doch speiset auch den Elenden, den Bettler.
•) Der letzte Vers ist wieder Gott seiher in den Mund gelegt. *i Bekka, angeblich ein älterer Xatne für Mekka.
*) Die Stelle ist bezeichnend genug in die mekkanische Sure 22 cinge- schwär/t; dasselbe Verfahren laßt sich an H, 38 — 42 und 16, 121—121 beobachten.
Grimme; Mohammad I. 5
flf> Das Leben Mohammeds.
.10. Sodann um den Zustand ihrer Unreinheit 1 ) zu beenden, ihre Gelübde abzutragen und das uralte Haus zu umwallen.
- Also sei es; wer die Vorschriften Allahs ehrt, dem wird es gut ergehen bei seinem Herrn u. s. w.
Man hat Versuche gemacht, das eben geschilderte Bild von Abraham nicht auf die Phantasie Mohammeds , sondern auf mekkanischf Lokalsagen zurückzuleiten ; doch kann man dieselben als gescheitert ansehen. *) Man würde auch schwer begreifen, weshalb Mohammed nicht vor seinen Landsleuten selbst an diese Tradition öfters angeknüpft und sie ihrer alten Stadtsagen gemahnt hätte. So aber füllt gerade sein früheres Schweigen schwer in die Wagschale gegen die Echtheit; denn willkürliche Neue- rungen in der Ka’batradition durfte er wohl unkundigen Männern von Jatrib und seinen gehorsamen Gläubigen, doch schwerlich den heidnischen Mekkanern auftischen.
Die Fälschung der Geschichte Abrahams konnte nicht vor sich gehen, ohne daß die Juden Verwahrung dagegen einlegten und den jüdischen Charakter desselben verteidigten. Mohammed nahm es aber auf sich, für seine Erfindungen einzutreten ; so entspann sich ein geistiger Kampf, von dessen Hitze und Länge eine verhält nismüm’g große Anzahl von Koran stellen Zeugnis giebt, wo von Abraham gesprochen und er weder als Jude noch Christ, sondern nur als Ham’f oder Heide, dabei aber als Gegner der Götzen hingestellt wird.
‘) Arab. Tatet. Derselbe besteht darin, dafi der Festpilger weder Haare noch Nägeb pflegen oder sehneiden darf: erst nach Ablauf der Kestzeit erfolgt eine allgemeine Reinigung.
) Am subjektivsten geht bei aller angewandten Gelehrsamkeit R. Dozy (Die Israeliten zu Mekka von Davids Zeit bis ins V. Jahrhundert unserer Zeit- rechnung, Leyden lSfi-Ti vor, der eine zweimalige Besiedelung Mekkas durch Juden annimmt ; von diesen sei als Nachahmung ihrer religiösen Feier zu Gilgal das mekkanische Fest samt allem späteren Zubehör eingerichtet. Nach ihrer Vertreibung durch arabische HuzA’stämmc habe irrtümlich die Tradition auf einen Mann Ibrahim übertragen, was ursprünglich Werk der Ibrijjlm (Hebr&en ge- wesen sei u. s. w. u. s. w. — Mohammeds Phantasie ist vielleicht befruchtet worden durch die jüdische Sage vom Garten, den Abraham bei Beer Scheba’ als Ruhestätte für Pilger angelegt habe, in welchem nach anderen Berichten aucli ein Haus zu deren Bewirtung stand. Der leiblichen Speisung aber soll er noch Belehrung und Predigt beigefügt haben , vgl. Beer : Leben Abrahams fn».
HI. Kapitel. Politik Mohammeds in Jatrib u. s. w. 67
Mohammeds Beweisführung ist gewaltthätig und stützt sich ganz auf sein subjektives Wissen oder, nach seiner Ausdrucks- weise, auf das Wissen Gottes:
S. 2, 134. Sagen sie: Abraham und Ismael samt Isak, Jakob und den (zwölf) Stämmen waren Juden oder Christen ? Sprich : Wißt ihr es besser oder Gott?
Später verbietet er den Gegnern ganz die Rede, da sie mit ihrer nach Abrahams Zeit geoffenbarten Thora und mit den Evangelien gar nicht befugt seien, über die Frage zu urteilen :
S. 3, 58. Ihr Männer der Schrift, warum streitet ihr (gegen mich) wegen Abrahams? Wurde doch Thora und Evangelium erst nach ihm geoffenbart. Wollt ihr nicht klug werden !
- Habt ihr gestritten über das, wovon ihr ein Wissen habt, was streitet ihr nun über etwas, wovon ihr keines habt? Gott weiß, doch ihr wißt nicht
»10. Nicht Jude noch Christ war Abraham, sondern Hanif und Muslim, dabei ein Gegner der Götzen.
61, Am nächsten aber stellen dem Abraham die, welche ihm nachfolgen, dieser Prophet (Mohammed) und die Gläubigen.
In diesen und ähnlichen Auseinandersetzungen mit den Juden darf man wahrscheinlich den Wendepunkt von der Freund- schaft zur Gegnerschaft auf beiden Seiten erblicken. Jeder kam dem anderen zum ersten Male in sein Gehege, Mohammed ver- griff sich an der jüdischen Dogmatik und diese störten ihm seine Politik. Der Streit dauerte, einmal begonnen, als Gezänk mit Worten und ^ gelegentlichen Thätlichkeiten von Seiten der über- mächtigen Muslimen bis nach der Schlacht von Badr — von da ab wird die Entscheidung mit Wort und Schwert zugleich erstrebt. Nur die Anklagen gegen die Juden hat die Weltgeschichte aufbe- wahrt, von ihrer Verteidigung ist nichts erhalten. Doch spricht auch so noch vieles zu ihren Gunsten, vor allein die Maßlosig- keit, die ganze gehässige und plumpe Kampfesart des Tyrannen von Medina ihnen gegenüber. Uneingedenk der Vorteile, welche er sich aus ihrer Religion für seine Sache angeeignet hat, sieht er jetzt nur noch Schlechtes bei ihnen ; er greift sie an in ihren Vorfahren und ihrem eigenen Thun und Glauben. Der gelindeste Vorwurf ist noch, daß sie so inkonsequent handelten, zu behauptende seien gläu- big, und nähmen dennoch .Mohammeds Offenbarungen nicht an.
5 •
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Das Lohen Mohammad«.
Das Buch Gottes, als eines gedacht, ol> es nun Thora, Evangelium oder Koran heiße — zwischen denen allen nur ein zeitlicher Unterschied vorhanden sein soll — verleugnen sie überhaupt nach der Auflassung des Propheten, wenn sie die Echtheit eines Teils des- selben leugnen.
S. 2, 85. Sagt man ihnen: Glaubt an das, was Gott geoffen- baret hat, so antworten sie: Wir glauben an das, was uns ge- ofTenbarl wurde ; was aber darüber hinaus geht, verleugnen wir.
Vergebens ist da die Beteuerung Mohammeds : Letzteres ist aber die Wahrheit, welche das Eurige bestätigt.
Ähnlich S. 2, 95. Nun, da ein Gesandter von Gott zu ihnen kam, zur Bestätigung dessen, was sie glauben, wirft ein Teil von den Männern der .Schrift das Buch Gottes hinter ihren Bücken, wie wenn sie es nicht kannten.
Daraufhin ergießen sich über sie alte Beschuldigungen : S. 2, 86. Ja, ihr habt niemals euren Propheten geglaubt und sie zu öfteren Malen getötet. Die Sünden des Volkes Jsrael in der Wüste, wie sie Bibel und Legende schildern, die vielfache Bun- desübertretung müssen die Jatriber Juden zum l’berdruü sich vorhalten lassen : auch da« sie „ Maria verleugneten und verleum- deten und sprachen : Getötet haben wir den Messias Jesus, Sohn Marias”, wird ihnen nicht geschenkt. J ) Einigemal sucht er ihnen falsche Glaubensartikel nachzuweisen : die Endlichkeit der Höllenstrafen, die allerdings vom Talmud gelehrt , doch sei- ner schrofferen Auflassung entgegen war , *) ihre Behauptung, nur Juden und (.1 bristen gingen in das Paradies ein, erklärt er für subjektive Meinung (ämäni). 8 ) Gelegentlich * tindet er sie auch dem Götzendienste ergeben, da sie an Gibt und Tägüt glauben,*) Engel und Propheten sich zu Herren nehmen, r> ) Ezra für Gottes Sohn erklären. ß )
Weiterhin erschöpft er sich in maßlosen Angriffen gegen den Charakter der Juden von Jatrib; er wirft ihnen Doppelzün- gigkeit und Lüge vor:
S. 2, 71. Treffen sie Gläubige, so sagen sie: Wir glauben; sind sie aber unter sich, so sagen sie: Berichtet ihr ihnen noch,
‘) 4, lf>:. r. – ‘} 2, 74. – ») 2, 106. – *) 4. 54. – •) 8, 74 “) II, HO. Diese Anschuldigung stammt aus Mohammeds letzter Zeit und scheint jeder thats.irhlirhen Unterlage zu enthehren
II!. Kapitel. Politik Mohammede in Jatril) u. «. w.
was Gott euch eröffnet hat, damit sie darüber bei eurem Herrn (am Gerichtstage) disputieren, ihr Thoren !
S. 3, 72. Verschiedene von ihnen beschäftigen ihre Zangen mit der Schrift, damit ihr annehmen sollt, es sei aus der Schrift. Doch ist es nicht daraus. Auch sagen sie: Dieses ist von Gott, und es ist doch nicht von Gott.
Er sieht einen Beweis von Neid darin , daß sie Gläubige wieder zu Ungläubigen machen wollen, *) und freventlichen Stolz in ihrer Behauptung, Gottes liebste Kinder zu sein :
S. 2, 88. Wenn ihr allein die Gewähr des jenseitigen Lebens bei Gott habt, so wünscht euch doch den Tod Doch fin-
det man unter den Menschen keine, die so sehr am Leben han- gen wie sie, selbst nicht unter den Götzendienern.
Daß nur ihre Verstandslosigkeit sie abhalte, den von Gott nach seiner Gnadenfülle erwählten Knecht Mohammed anzuer- kennen, ist eine Auffassung, die den Propheten genugsam charak- terisiert. Nicht zu kontrollieren, doch vielleicht glaubhafter als die vorstehenden Beschuldigungen ist die Klage über Betrügereien und Wucher :
S. H, (»8. Mancher von den Männern der Schrift giebt dir, wenn du ihm ein Talent (= 1200 Dinare) anvertraust, dasselbe wiedef ; duch auch mancher, dem du nur einen Dinar giebst, giebt ihn dir nicht eher zurück, als bis du lange bei ihm stehst. Denn sie sagen: (legen uns können die Ungebildeten nicht an.*)
Wenn vielfach behauptet wird, Mohammed habe den Juden Fälschung ihrer eigenen heiligen Schriften zum Vorwurfe ge- macht, so zeigt eine nähere Prüfung der bezüglichen Stellen, daß diese Anschuldigungen anders zu fassen sind. War es doch nach Mohammeds Grundauffassung unmöglich, da Li Gott eine Fälschung der einmal geoffenbarten Wahrheit zulassen könne. So ruft er S. 3, 87 den Juden zu: Kommet mit der Thora und lest sie, wenn ihr wahrhaft seid! Nein, nur wie die Juden trotz ihrer Schrift, welche das Wahre enthalte, zu falschen Ansichten und Behauptun- gen kommen könnten, das findet der Prophet seltsam und er- schöpft sich in Erklärungen darüber. Bald rindet er den Grund in ihrer Unwissenheit:
‘) 2. loa.
• i Cber «la.« Zinsennehmen und Verschlingen <les Vermögenji amlerer rergl. 4,
70
Das Leben Mohammed«.
S. 2, 73. Unter ihnen sind Ungebildete, welche die Schrift nicht kennen, sondern subjektiven Meinungen folgen, und nur mutmaßen.
S. 2, 107. Juden und Christen lesen das Buch nach der Weise der Unwissenden — weshalb er sie mit Eseln vergleicht, die Bücher schleppen. ‘) Bald neigt er dazu, daß sie den Sinn der Schrift geheim halten :
S. 2, 141. Die, welchen wir die Schrift gaben, kennen sie zwar so gut, wie sie ihre Kinder kennen , doch verheimlicht ein Teil von ihnen wissentlich das Wahre.
S. 2, 154. Die, welche verheimlichen, was wir an Beweisen geoflfenbart, und die Leitung, nachdem wir sie den Menschen im Buche erklärt habet» — diesen flucht Gott und fluchen alle, die zu fluchen vermögen. *)
Wenn ferner von einem „Verrücken des Wortes” (oder der Worte) öfters die Rede ist, so bezieht sich dieser Vorwurf wiederum nicht auf das geschriebene Thorawort, sondern auf islamische Glaubensformeln und Redensarten, mit welchen die Juden nicht ehrerbietig genug umgingen , dieselben auch wohl durch kleine Abänderungen lächerlich machten :
S.2, 70. Schon hatte ein Teil von ihnen das Gotteswort ge- hört ; doch sie verdrehen es wissentlich , obwohl sie es ver- standen haben.
S. 5, 16. Sie verdrehen das Wort von seinen Stellen und haben einen Teil von dem, was ihnen gepredigt ward, vergessen, und unaufhörlich nimmst du Trug an ihnen wahr.
Einige recht harmlos aussehende Beispiele solcher Ver- drehung, die aber von dem Propheten als schwere Beleidigungen aufgefaßt wurden, finden sich S. 4, 48 f.
In der Hitze des Streites unterschied Mohammed kaum mehr zwischen Juden und Christen ; alle Männer der Schrift, unter welchem Namen er beide zusammenfaßt, galten in seinen Augen jetzt als Gegner des Islams, wie es die Heiden in der früheren Periode gewesen waren. Deshalb kann man die Mühe sparen, all die Seitenhiebe, welche Mohammed den Christen allein noch zudenkt, zu wiederholen ; waren dieselben doch zu sehr in der
»J 62, 5.
‘) D. h. die Engel und Menschen, vgl. 2, 1 r>* Ii, 81.
III. Kapital. Politik Mohammeds in Jatrib u. ». w. 71
Minderheit, um starke Angriffe zu verlohnen. Zudem mochte der Umstand , daß sie Araber waren . den Propheten zu größerer Schonung stimmen, so daß er ihnen gelegentlich sogar einige liebenswürdige Redensarten zukommen läßt. 1 )
Die fortwährenden Verdächtigungen und Angriffe gegen die Juden seitens des Propheten hatten zur Folge, daß auch die Gläubigen jeden Rest der Rücksicht für ihre jüdischen Mitbürger verloren und kaum noch ihre Menschenrechte würdigten. So wagte es selbst ein Mann von der Rechtlichkeit eines Abu Bekr, einst- mals in die Judenschule einzudringen, um den Rabbiner ange- sichts seiner Zuhörer zu schlagen : so erachtete man es für ein lustiges Abenteuer, eine Schaar Juden, welche in der Moschee zusammensaßen und sich unterhielten, einen nach dem anderen zu mißhandeln und hinauszuwerfen.
Inzwischen hatte Mohammed den Juden zum Trotze um die Mitte des Jahres 2 d. H bestimmt: Die Gebetsrichtung ist nicht mehr Jerusalem, sondern das Heiligtum von Mekka. Schon mußte die neue Abrahamslegende ihre Wirkung ausgeübt haben, daß die Mehrheit in der Gemeinde sich ruhig dem Befehle fügte. Einzelne freilich — Mohammed nennt sie Thoren — fragten: Was ist der Grund, daß man sich von der alten Qibla abwendet, worauf der Prophet zuerst mit der Ausrede antwortet«- : Gottes ist der Aufgang wie der Untergang, f ) scheinbar als wäre die Richtung beim Gebete etwas Gleichgiltiges. Dann aber entschul- digt er sich gewissermaßen bei den Gläubigen, daß er ihnen die Qibla nach der Seite von Jerusalem aufgezwungen habe, „wie- wohl sie beschwerlich war”, und läßt dann Gott sagen: Wir sehen, du wendest dein Gesicht umher am Himmel; so wollen wir dich zu einer Qibla hinwenden, die dir wohlgetällt : Wende dein Gesicht (o Mohammed) hin zur Mesgid-el-Harüm, und wo ihr (Gläubigen) immer seid, wendet euer Gesicht hin nach die- ser Richtung. *) Die Männer der Schritt, fügt er hinzu, würden, auch wenn du ihnen jeden Beweis brächtest, deiner Qibla nicht folgen ; du aber folgst nicht der ihrigen, und so der eine nicht der Qibla des anderen. *)
‘) M, 27. 5, «5.
») 2, 136. •) 2, 138 f. — •) 2, HO.
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Das Lebet] Mohammeds.
Damit war deutlich genug /wischen der mohammedanischen Gemeinde und den Juden das Tafeltuch durchgeschnitten. Jetzt, da die Augen der Gläubigen tagtäglich die Richtung von Mekka suchen mußten, konnte Mohammed leise mit den Watten, welche er unter dem Gewände trug, rasseln, er konnte es wagen, den Gihäd (Kampf) in gelindester Form als eine von Gott erlaubte Abwehr der Feinde zu proklamieren. Die Tradition scheint Hecht zu haben, wenn sie S. 22, 39 tT. als die älteste auf den Gihäd bezügliche Äußerung des Korans ansieht: etwas schüchtern, in absichtlich dunkler Sprache wird hier die Kampferlaubnis gegeben und begründet:
- Ja, Gott wehrt ab von denen, die glauben , (ihre Feinde); denn Gott liebt nicht all die Betrüger und Tndank- baren.
- Erlaubnis ist erteilt denen , die kämpfen , weil sie ungerecht behandelt wurden : Gott aber hat die Kraft , ihnen beizustehen. —
- Denen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, einzig deshalb, weil sie sagten: Gott ist unser Herr. Übernähme es nicht Gott, die Menschen abzuwehren, die einen von den an- deren, so würden vernichtet Klöster und Kirchen, Synagogen und Moscheen, in welchen der Namen Gottes häutig gepredigt wird. Gott aber hilft gewiß denen, welche ihm hellen, denn er ist stark und gewaltig.
Daß Mohammed sich herabläßt , eine neue Satzung mit Gründen zu begleiten — wenn es auch solche sind, die eher für das Gegenteil seiner Behauptung passen würden — gestattet einen Schluß auf das Neue und Gewagte seines Thuns zu machen. Die Annahme, die medinische Abraham- und Kaba- Legende sei zur Vorbereitung des Kampfgebotes erfunden, wird durch die gewiß nicht zufällige Aufeinanderfolge ihrer breitausge- malten Darstellung und der frühesten 6ihädverse in derselben Sure bestäügt. »)
‘) Ohne triftigen Grund setzen verschiedene arabische Autoren, t B. lbn Qotaiba und Ibn Hischäm, letzterer wohl deshalb, weil er seinen Helden mit dem fertigen Islam in Jatrib einziehen lassen will, diese Proklamation in die letzte Zeit des mekkanisehen Aufenthaltes; .Mas’üdi. vorsichtiger und ver- gleichender in den chronologischen Daten, weist sie dem .lahre 1 der Flucht
III. Kapitel. Politik Mohammeds in .lalrib IL 8. w 7.1
Nach Inhalt und Ausdruck steht der genannten Stelle am nächsten S 2, 186—189; schon ist die Beziehung auf Mekka deutlicher, die Kampfesforderung energischer und rücksichtsloser. Noch wird nicht die reine Offensive verlangt : da flott nicht die liebe, welche sich feindlich heweisen ; doch soll ein von den Feinden vorgegebenes Mal.» mit gleichem Maüe wiedergewogen werden. Ks ist, als warle Mohammed nur die erste beste Ge- legenheit ab, wo ^oraiseh sich eine Blöße gegen die Gläubigen geben würde, und deshalb muß diese Stelle in die Zeit der ersten Streifzüge der Muhägirün von Waddan bis Badr gehören, auf denen es galt, die Mekkaner in die Kampfesnotwendigkeit zu treiben. Gott spricht :
1 86. Kämpfet für Gottes Sache gegen die, welche euch be- kämpfen, fangt jedoch nicht den Streit an: denn (Jott liebt nicht, die den Streit beginnen.
- Und tötet sie, wo ihr sie trefft, verjagt sie, von wo sie euch verjagt haben ; schlimmer als Totschlag ist Ärgernis. Be- dtu»_;5| sie aber nicht bei dem geweihten Golteshause, bis sie bei demselben euch bekämpfen ; haben sie aber. gegen euch gekämpft, so tötet sie Das ist der Lohn der Ungläubigen.
- Doch stehen sie ab — nun, Gott ist verzeihend und barmherzig.
181». Und bekämpfet sie, bis kein Ärgernis mehr besteht und der Gottesdienst Allah allein gilt: doch stehen sie ab, dann sei keine Feindschaft als nur mit den Frevlern.
- Was den heiligen Monat anbetrifft und die Weih- tümer, so ist auch im heiligen Monate die Vergeltung erlaubt ; drum, wer sich feindlich gegen euch beträgt, gegen den seid in gleichem Maße feindlich, wie er gegen euch. Fürchtet Gott und wisset, daü Gott solchen beisteht.
So weit also hatte Mohammeds Geist die Gihädidee ent- wickelt, als der beabsichtigte Krieg mit Mekka wirklich ausbrach und der im allgemeinen für die Gläubigen glückliche Forlgang desselben dem Glaubenskampfe die weitere Richtung gegen Ge- samt-Arabien als nächsten Vertreter der ungläubigen Menschheit vorzeichnele.
zu ; doch würde nach unseren bisherigen Kombinationen die erst* Hälfte des Jahres 2 am besten dafür passen.
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Das Lelwn Mohammeds.
Die immer offener zu Tage tretende Sucht Mohammeds, möglichst alles vor dem Forum der Religion zu entscheiden, hatte, noch bevor das letzterwähnte den Feinden Jatribs durchbrechende Kampfgesetz seine Vollendung erhielt, eine Gegenpartie ins Leben gerufen, die zwar geneigt war, den Propheten auf seinem ur- sprünglichen Gebiete, dem der religiösen Oberleitung anzuerkennen, ihm aber dort entgegen zu arbeiten suchte, wo seine Reformen die Freiheit des Einzelnen und die alten Rechte der Stämme gefähr- deten. Der Stamm Aus war es, — er, in dessen Schöße fast alles, was sich am längsten gegen Mohammed eine eigene Meinung be- wahrte, die zahlreichsten Heiden , die Christen, die stammc.– stolzeslen Araber zu finden waren — welcher den Kern dieser Partei bildete. 1 ) Ein großer Teil derselben stand unter dem gei- stigen Einflüsse des Abu ‘Amir, doch die maßgebendste Persön- lichkeit war merkwürdigerweise ein Mann von . I rag, ‘Abd- Alläh ben Ubaj. Vor Mohammeds Ankunft der erklärte Führer seines Stammes und Träger der Ehrenkette desselben, wurde er zum Gegner des Propheten erst dann, als dieser auf Kosten aller, die in All-Jatrib etwas gegolten hatten, seine Macht zu erweitern dachte. Doch war seine Kanipfesweise die eines ehrlichen Geg- ners; mit offener Gegenrede, ohne Gehässigkeit und Leidenschaft gelang es ihm mehrfach, wie die späteren Ereignisse zeigen werden, die Absichten Mohammeds zu durchkreuzen; doch der Erfolg war selten dauernd, da letzterer mit feinem Ränkespiele jeden Verlust bald doppelt zu ersetzen wußte. Der Koran bezeich- net die Anhänger dieser Partei mit mehreren Namen ; in frühe- ren Stücken nennt er sie „die, in deren Herzen Krankheit ist”, was so viel wie Zweifler 2 ) bedeuten mag, um ihre Orthodoxie zu verdächtigen ; später kommt der Ausdruck Munäfiq auf, was nicht, wie bisher gebräuchlich, mit Heuchler, sondern mit Feig- ling zu übersetzen ist, da das Wort eigentlich von der Maus, die in ihr Loch zurückläuft, gebraucht wird. Dieses Bild scheint einer Un- mutsäußerung des Propheten zu entstammen wegen des Zauderns und Widerstreben* der Betreffenden, auf seine Kriegspläne jeder- zeit einzugehen. Anscheinend vor der Badrschlacht entstanden, wird es doch erst nach dem Mißgeschicke von Ohod, welches
‘) Vgl.Ibn Hisch. p.35r> ff. ‘) So nach Ibn Hisch. p. 364.
III. Kapitel Politik Mohammeds in Jatrih u. s. w.
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Mohammed den Feiglingen in die Schuhe schob, allgemein ge- bräuchlich. »)
Daß die Munafiq nur den Grundsatz der Verteidigung, nie des Angriffs gegen den Propheten hatlen , daneben in religiösen Dingen eine gewisse Freiheit liebten, geht aus vielen Zügen hervor, welche von ihnen in der Tradition erhalten sind. So soll Mohammed einmal selbzweit an der Rurg des ‘Abd-Alläh vorübergezogen sein : als er den Besitzer mit einer Anzahl seiner Leute im Schat- ten lagern sah, trat er hinzu, begrüßte sie und begann dann eine Rede im Predigttone zu halten. ‘Abd-Alläh hörte derselben in würdiger Haltung schweigend zu und entgegnete nur darauf: Es giebt nichts Schöneres als deine Rede, wenn sie wahr ist; doch bleibe besser in deinem Hause und trage sie denen vor, welche zu dir kommen; dringe sie aber nicht dem auf, der nicht zu dir kommt, auch trage keinem in seine Gesellschaft das hinein, was ihm nicht Lust macht. Zwar suchte die Umgebung ‘Abd-Allahs diese Worte durch Ergebenheitsphrasen abzuschwä- chen, doch auf Mohammeds Gesichte war der Ärger darüber deutlich zu erkennen.
Ein anderer, der blinde Mirba” ben Qaizi, trat dem Prophe- ten, als dieser beim Auszuge nach Ohod den Weg über sein Grundstück nahm, entgegen und verbot ihm den Durchgang. Dieses genügte, um ihn den Mißhandlungen der Begleiter auszusetzen, bis endlich Mohammed mit bitteren Worten der Verachtung von ihm abzulassen befahl.
Moattab ließ sich nach der Niederlage von Ohod die Äuße- rung entschlüpfen : Wäre an unserer Sache(d. h. der des Islams) etwas, so wären wir nicht geschlagen : fortan stand derselbe bei Moham- med im Geruch eines argen Munäfiqs. Das sind nur kurze Schlaglichter auf die Fehden im Innern Jatribs, die vor und mit dem Kriege nach außen sich abspielten, und von deren flauptmo- menten die Geschichte leider schweigt ; doch hat uns ein glücklicher Zufall ein Dokument erhalten, in welchem gewissermaßen ein Friedensschluß der Parteien angestrebt wird, die sogenannte Ge- meindeordnung Jatribs. Daß es nicht in Mohammeds Absicht lag.
l ) In Sure 8, die von der Verteilung der ßeute von Btdr u. s. w. han- delt, 6nden sich beide Namen neben einander : in den Suren, die nach Ohod fallen (‘mit Ausnahme von iö und dem vielleicht frflhmedinischen Schlüsse von fl ist der erstere verschwunden.
Das Leben Mohammeds.
hierdurch die städtischen VerhAltnisse dauernd zu regeln, geht zur Genüge aus den Ereignissen der Folgezeit hervor, wo er sich un- beschränkte Rechte anmaßt ; es scheint vielmehr diese Urkunde, wie manche andere des Propheten, nur bestimmt zu sein, dem Bedürfnisse des Augenblicks zu dienen. In der Zeit nach dem Siege von Badr abgefaßt, 1 ) zeigt dieselbe das Bestreben Mohammeds, ange- sichts des von Mekka zu erwartenden Hachezuges noch einmal, und zwar das letzte Mal, den Nichtmuslimen mehr Hechte einzuräu- men, als er sonst gethan. Das Dokument gipfelt in folgenden Punkten :
l ) Wellhausen (Skizzen und Vorarbeiten, Bd. IV) will die Urkunde in den Anfang der medinischen Periode bis spätestens vor Badr setzen, wofür er als Beweis geltend macht die bescheidenen Befugnisse, welche Mohammed sich darin beilege, weiter ihre Nichtabnahme in den Koran, endlich die liberale Eingliederung nichtmuslimischer Elemente in die Gemeinde Gottes. Diese Gründe vermögen mich nicht von dem Alter des Schriftstückes zu aberzeugen : abgesehen davon, daß Mohammed weder in früher noch später Zeit Verträge in den Koran aufgenommen hat. ist die Bolle, welche er in unserer Urkunde spielt, eher anmaßlich als bescheiden zu nennen. Wenn er sich das Schicds- richteramt in allen Gerichtssachen beilegt, so raubt er den Stämmen eine ihrer ursprünglichsten, bedeutendsten Kompetenzen, noch mehr, wenn er das Becht, zu Felde ziehen zu dürfen, von seiner Erlaubnis abhängig macht. Also war neben seiner Allmacht in religiösen Dingen die I/eitung der Frie- dens und Kriegsangelegenheiten schon ganz in seiner Hand- Dieses hohe Maß von Gewalten scheint mir der Hauptbeweis , daß der Sieg von Badr. die Quelle der Stärkung für den Propheten und seine Gemeinde, schon er- rungen sein mußte, als der Vertrag entstand. Steht doch ferner auch die Praxis des Gihads in voller Blüte, und die häufigen Au.- drücke „fiir Gottes Sache, für die Beligion kämpfen” müssen schon thatsächlichen Vorgängen, nicht nur abstrakten Ideen entsprochen haben. Dazu wird die Teilnahme am Gihäd geradezu als das Band erwähnt, welches nach der Überschrift die Nicht- gläubigen mit den Gläubigen zu einer Gemeinde verknüpf!. Mohammed ver- steht sicli angesichts der drohenden Büstungen Mekkas zu einem Zugeständnis, wie er es ohne zwingenden Grund nicht hätte machen dürfen, und, einmal aus der Gefahr entschlüpft, nicht gesinnt war. länger zu bewilligen. Somit ist p. 1 gerade als Kriterium tür den relativ jungen Ursprung wichtig. Für die Zeit nach Badr sprechen endlich p. UO und 40; die feindliehe Behandlung von Qoraischilcn, welche er in denselben allen vorsehreibt, konnte vor Badr nur von der Muhägira verlangt werden, nicht aber von den übrigen Elementen Jatribs, die keinen Grund zur Feindschaft hatten und deshalb nicht einmal den Besuch Mekkas aufgaben, wie aus Bübari III. 1. hervorgeht. Erst Badr bildete für die Stämme von Jatrih die Kluft, die sie von Qoraisch trennte, während die Fluchtgenossen sich vom ersten Tage ihres Aufenthalts in Me- dina an in feindlichem Gegensatze zu ihrem Stamme wußten Somit scheint die Zeitbestimmung Wellhausens der Korrektur zu bedürfen.
III. Kapitel. Politik Mohammeds in Jatril» u. s. w. 77
Die Definition der Gemeinde wird von dem ehemaligen engeren Begriff der Gemeinschaft der Gläubigen oder Muslime erweitert zur Gemeinschaft der Gläubigen von Mekka und Jatrib samt denen, welche ihnen Heeresgefolge leisten und als Verbün- dete im Glaubenskrieg mitkämpfen , so daß jetzt Heiden und Juden mit den Altgläubigen ohne Unterschied gleich gestellt wer- den. Dabei soll aber der Dualismus von Gemeinde und .Stäm- men oder Geschlechtern nicht aufgehoben werden, vielmehr blei- ben letztere, wie sie waren, *) d. h. selbständige Teile im großen Ganzen. Diese Selbständigkeit wird , obschon feierlich gewähr- leistet, durch die weiteren Bestimmungen, welche die bestehenden l’artikulargewalten tief schädigen, fast in Frage gestellt. Denn die Geschlechtsverbände, unter denen bezeichnenderweise auch die Muhägira oder Emigrantenkolonie genannt wird, behalten zwar die Pflicht Sühn- und Lösegeld für die Ihrigen zu zahlen, ver- lieren aber zu Gunsten der Gemeinde und Mohammeds fast alle ihre Rechte. So wird ihnen vorgeschrieben , keinen Krieg nach außen zu beginnen ohne Mohammeds Erlaubnis (p. 86) ; Kriege unter sich, innerhalb der Stadt, werden ihnen unmöglich gemacht durch die Verfügung, daß die Thalebene von Jatrib künftig Frie- densgebiet, Haräm, nach dem Muster von Mekka sei (p. 39). Im Glaubenskriege sollen die Einzelnen keinen Separatfrieden schlie- ßen dürfen (p. 17), in eigenen Streitigkeiten aber den Friedens- vermitlelungen anderer zugänglich sein (p. 45). Hinsichtlich des Prozeß- und Strafrechts wird ihnen alle selbständige Befugnis ge- raubt ; jedwede Art von richterlichen Entscheidungen geschieht vor dem Forum Mohammeds (p. 23 und 42); wenn Blutrache für einen Gläubigen eintreten soll, so stehen alle Gläubigen vereint gegen den Mörder (p. 21). Das unbeschränkte Schutz- und Gastrecht der Stämme wird dadurch eingeschränkt, daß keinem Qoraisehi- ten Schulz und Hülfe gewährt werden darf (p. 20 und 43); fer- ner dürfen die Gläubigen keinem „Neuerer” (ein sehr dehnbarer Begriff!) Obdach und Schutz zukommen lassen. Das freie An- schlußrecht erleidet die Verkürzung, daß der Klient eines Gläu- bigen, falls dieser nicht einwilligt, mit keinem Geschlechte in Eid- genossenschaft treten darf. Den Juden Jatribs, welche mit ge- ringer Ausnahme (Benu Schotaiba und Gafna) nicht eigene Stämme
‘) Sinn von ‘ala rib’atihim.
l)as Leben Mohammeds.
bildeten , sondern in einem Klientelverhältnis zu den arabischen Geschlechtern standen, wird gleiches Hecht, wie ihren Patronen zugesichert, dazu Anerkennung ihrer Religion (p. 25).’) Doch müssen dieselben, so lange die Gläubigen Krieg führen, Abgaben wie jene leisten «p. 24 und 38), abgesehen davon , daü sie bei einem feindlichen Angriffe auf die Gesamtheit der Kontrahenten noch zu Kriegsdiensten verpflichtet sind. Die den Juden gewid- meten Artikel scheinen unter dem Einflüsse starken Mißtrauens gegen sie geschrieben zu sein, welches sich durch häufige Mah- nungen zur ehrlichen Innehaltung der Verpflichtungen, sowie im Hinweis auf die schlimmen Folgen bei Übertretungen Luft macht. Nach diesen Vorbemerkungen dürfte das Verständnis des Wortlautes der Urkunde keine größeren Schwierigkeiten bieten :
Im Namen Gottes, des Allerbarmers ! Dieses ist eine Ur- kunde von Mohammed, dem Propheten (zur Feststellung der Be- ziehungen) zwischen den Gläubigen und Muslimen von Qoraisch und Jajrib, sowie denen, welche ihnen Heeresfolge leisten, mit ihnen verbündet sind und den Glaubenskrieg mit ihnen kämpfen.
1) Dieselben bilden eine Gemeinde gegenüber den Menschen.
2) Die Emigranten von Qoraisch bleiben ein selbständiger Teil derselben, zahlen unter sich Sühngeld und lösen ihre Gefan- genen, mit gerechter Beihülfe seitens der Gläubigen.
3—10) Die Benu ‘Auf (und el-Hnrit. und Saida und Guscham und en-Na&gär, *) die Benu ‘Amr (und en-Nabit und el-Aus) fl ) bleiben selbständige Teile derselben, zahlen ihr bereits verschuldetes Sühngeld, und jeder Verband (von ihnen) löst seine Gefangenen, mit gerechter Beihülfe seitens der Gläubigen.
11) Überhaupt unterlassen es die Gläubigen keinem der Ihrigen gegenüber, welcher Verpflichtungen hat, eine Beisteuer zum Löse- oder Sühngelde zu geben.
l i Es könnte scheinen, als ob Abu ‘Amir mit <len Christen von Aus zur Zeit «1er Abfassung des Vertrages sich schon mit Mohammed überwürfen und nach Mekka gewendet habe; im anderen Falle wäre es billig gewesen, auch ■ len Christen Religionsfreiheit zuzusichern.
‘) Unterstämme von Hazrag.
*) Unterstämme ron Aus.
III. Kapitel. Politik Mohammeds in Jatril) u. s. w. 79
12) Kein Gläubiger darf mit einem Beisassen eines Gläu- bigen gegen den Willen des letzteren eine Eidgenossenschaft eingehen.
13) Die Gläubigen, die Gottesfürchtigen stehen gegen jeden von den Ihrigen, welcher sich überhebt oder einen Akt der Un- gerechtigkeit, des Truges, der Feindseligkeit oder der Gewaltsam- keit unter den Gläubigen ausübt; allesamt sollen sie gegen einen solchen vorgehen, auch wenn es der Sohn eines unter ihnen wäre.
14) Kein Gläubiger darf einem anderen Gläubigen wegen eines Ungläubigen töten noch einem Ungläubigen gegen einen Gläubigen helfen.
15) Die Schutzgemeinschaft Gottes ist eine allgemeine, er (Gott) schützt den Geringsten unter ihnen gegen sie ; so sind die Gläubigen einer des anderen Schutzherr gegen die Menschen.
16) Wer von den Juden uns (Mohammed) folgt, dem soll Hülfe und Beistand zu Teil werden , so daß sie ungeschädigt bleiben und keine Verbündung gegen sie entsteht.
17) Der Friede der Gläubigen ist ein allgemeiner: ein Gläubiger darf nicht für sich, mit Ausschlußeines anderen Gläubigen, Frieden schließen in einem Kampfe für die Sache Gottes, und nur unter Bedingungen, welche für alle gleich und billig sind.
18) Alle Truppen, die mit uns (Mohammed) zu Felde zie- hen, wechseln im Reiten ab.
19) Von den Gläubigen ist einer des anderen Bluträcher, wenn es Blut betrifft, das für die Sache Gottes vergossen ist.
20) Die Gläubigen, die Gottesfürchtigen sind im Besitz der schönsten und richtigsten Leitung (Religion); ein Götzendiener aber darf keines Qoraischiten Habe oder Person in Schutz nehmen und nicht seinetwegen einem Gläubigen entgegentreten.
21) Wer überführtermaßen an einem Gläubigen einen Mord begangen hat, den trifft, wenn nicht etwa der Anwalt des Ge- mordeten sich zufrieden erklärt, die Rache der gesamten Gläu- bigen, und keiner darf Partei für ihn nehmen.
22) Kein Gläubiger, welcher den Inhalt dieses Verlrages anerkennt und an Gott und den jüngsten Tag glaubt, darf einem Neuerer helfen oder ihn bei sich autnehmen; wer aber ihm Hülfe und Aufnahme gewährt, den trifft der Fluch Gottes und sein Zorn am Auferstehungstage, wo weder Umkehr noch Ersatz von ihm angenommen wird.
Das Leben Mohammeds.
23) Alles, worüber ihr uneins seid, muß vor das Gericht Gottes und Mohammeds (Heil über ihn !) gebracht werden.
24) Die Juden steuern mit den Gläubigen, so lange diese Krieg führen. *)
25) Die Juden der Benu ‘Auf bilden eine Gemeinde mit den Gläubigen, (wobei ihre Religion wie die der Muslimen gelten soll) und zwar ihre Klienten und sie selbst ; nur wer Ungerech- tigkeit oder Trug begeht, der stürzt sich samt seinen Hausge- nossen ins L 7 nglück.
2»?— 31) Von den Juden der Benu-n-Naggär (und der el- Härit und der Säida und der Guscham und der el-Aus und der Ta’laba) gilt das Gleiche wie von den Juden der Benu Auf; nur wer Ungerechtigkeit oder Trug begeht, der stürzt sich und seine Hausgenossen ins Unglück.
32) Gafna, der Teilstamm von Ta laba, gilt wie dieser selbst.
38) Von den Benu Schotaiba gilt das Gleiche wie von den Juden der Benu Auf, doch Ehrlichkeit sonder Trug vorausgesetzt.
34) Die Klienten vom Stamme Ta’laba gelten wie die- ser selbst.
35) Die Teilstämme ‘) der Juden gelten wie diese selbst. 30) Keiner von ihnen (den Kontrahenten des Vertrags) darf
ohne Erlaubnis Mohammeds zu Felde ziehen; doch Verwundun- gen zu rächen soll keiner gehindert sein ; wer einen Angriff auf den anderen macht, der büßt es an sich und seinen I lausgenossen, außer wenn ihm Unrecht widerfahren ist. Gott aber wacht über die redlichste Ausführung dieses Punktes.
37) Die Juden haben Steuern zu zahlen wie die Gläubigen: beide Teile helfen sich gegen den, der die Teilhaber dieses Ver- trages bekriegt, freundliche gegenseitige Beratung und Treue son- der Trug vorausgesetzt ; keiner wird seinen Eidgenossen betrügen, der Unrecht Leidende aber genießt die Hülfe (der Gemeinde).
38) Die Juden steuern mit den Gläubigen, so lange diese Krieg führen.
‘) Ist in p. wiederholt; da der Paragraph die wichtigste Pflicht der Juden, das Sleuergehen enthalt, ist er vielleicht absichtlich zweimal gesetzt.
•j Ich erblicke in bitäna einen pluralis fractusvon batn, wenngleich der- selbe in unseren Lexicis nicht aufgeführt ist; Wellhausen übersetzt: Freundschaft.
III. Kapitel Pnli’ik Mohammeds in Jatiib U. s W. Hl
89) Die Thalebene von Jatrib ist Friedensgebiel für die Teilhaber dieses Vertrages.
40) Der Schutzgenoß gilt wie der Schutzherr, so lange er nicht Schaden und Trug anrichtet.
41) Ks darf kein Weib Schutzrecht empfangen, außer mit Erlaubnis ihrer Familie.
42) Alles, was unter den Teilhabern dieses Vertrages an Neuerungen oder Reibereien, die zu Gewaltsamkeiten führen könn- ten, vorkommt, muß vor das Ciericht Gottes und Mohammed», des Gesandten Gottes, gebracht werden ; Gott aber wacht über die frömmste und ehrlichste Ausführung dieses Vertrags.
43) Die Qoraischiten und ihre Helfer dürfen kein Schutz- recht empfangen.
44) Gegenseitige Hülfe wird geleistet gegen den, welcher Jatrib überfallt.
45) Werden sie (die Juden) zur Annahme eines friedlichen Ausgleichs gemahnt, so sollen sie ihn annehmen : das Gleiche zu thun soll ihnen den Gläubigen gegenüber zustehen, außer wenn diese einen Keligionskrieg führen.
45a) Jedem einzelnen liegt es ob, an dem, was seinen Ver- band verpflichtet, teilzunehmen.
46) Von den Juden der el-Aus, ihren Klienten und ihnen selber, gilt das Gleiche wie von den Teilhabern dieses Vertrages, bei reinster Ehrlichkeit gegen die Teilhaber dieses Vertrages ‘) und Ehrlichkeit sonder Trug vorausgesetzt. Wer aber Trug anstiftet, der wird selbst den Schaden davon haben. *)
47) Gott wacht über die gewissenhafteste und ehrlichste Ausführung dieses Vertrages. Diese Urkunde schützt nicht den Ungerechten oder Betrüger. Wer zu Felde zieht, ist sicher wie der, welcher in Medina bleibt, nur nicht der Ungerechte und Be- trüger. Gott aber ist der Schutzherr derer, die ehrlich und fromm sind, und Mohammed der Gesandte Gottes.
‘) Dieser Paragraph scheint nachträglich uls Ergänzung von p. Ä6— 81 zugesetzt zu sein ; die in p. ;J0 genannten Bcnu-I-Aus sind im Gegensätze zu dem in p. Ui gemeinten Gesamtstamme der Aus die Aus-AlUh, ein l’uler- stamm desselben.
») Vgl. 4, 111.
Grimm«: Muh»mni«i I.
6
IY. Kapitel.
Die ersten kriegerischen Ereignisse des Islams,
von Badr bis Ohod.
•
Gleich mit den ersten Erlassen über die Erlaubtheit, ja Verdienstlichkeit des Kampfes für den Glauben hatte Moham- med begonnen, die praktische Nutzanwendung daraus zu ziehen und mit den Seinen diejenigen, welche er zu den wahren Glau* bensfeinden stempeln wollte, die Qoraischiten. aufzusuchen, um Vorteile über sie zu erlangen. Aber deckte ihn für den Anfang die göttliche Erlaubnis in den Augen der Manner von Medina so genügend , daß seine Züge von Beginn an populär waren V Gewiß nicht: vielmehr mußte sich Mohammed darauf beschrän- ken, von Zeit zu Zeit nur seine Muhägirün aufzubieten , die als selbständige Glieder des Stadtkörpers freieste Bewegung zum Han- deln hatten. Die Ansär auch schon hinzuziehen, lag vorerst außer seiner Möglichkeit; die festen Schranken ihrer Stammver- bände mußten ihn noch zurückschrecken. Daher richtete er sein ganzes Bestreben nun darauf, mit seinen wenigen Fluchtgenossen d;is Verhältnis Medinas zu Mekka so schnell und gründlich zu trüben, daß ein allgemeiner Krieg, in welchem die ganze Stadt .die Waffen ergriff, die Folge sein mußte.
Von Ende des ersten Jahres bis Mitte des zweiten führte er selbst dreimal seine Fluchtgenossen in den Teil des Higäz hin- aus, der alljährlich von zahlreichen Handelskarawanen der Mekka- ner durchkreuzt wurde. Seine Absicht auf diesen Zügen wird von den Biographen nicht verheimlicht: es galt, Qoraischiten
IV Kapitel. Die ersten kriegerischen Ereignisse des Islams u. s. w. BD
anzugreifen. Doch verliefen diese Versuche, die Streifzüge nach Waddan (= Abwa), Buwat und ‘Oschaira (= ‘Osaira), ohne nennenswerten Erfolg. Ebensowenig erreichten ‘Obaida und Harnza, die mit kleinen Reiterschaaren ausgeschickt wurden ; ob- schon sie den Feind zu (Jesichte bekamen, wagten sie doch nicht gegen seine Übermacht zu kämpfen. ‘) Da verfiel Mohammed, der den Kampf um jeden Preis erzwingen wollte , auf ein Mittel, das eben so raffiniert wie unversucht war; er beschloß den Gottesfrieden, der im heiligen Monate Ra£ab alle Araber am Kriegführen hinderte, zu durchbrechen, um sein ( )pfer unerwartet zu überfallen. Das Frevelhafte an diesem Unternehmen hotTle er im Vertrauen auf seine blindgehorsamen Genossen durch eire geschickte Einkleidung zu verdecken. So schickte er gegen Ende des Monats Scha’bän acht Fluchtgenossen unter Führung des ‘Abd-Allüh ben Gahsch in die Umgegend von Mekka aus: ihre Order gab er ihnen nicht mündlich, sondern schriftlich in einem Schreiben mit, das sie erst nach einem Marsche von zwei Tagen öfl’nen sollten. Als diese Frist um war, entsiegelte der Führer den Brief und las : Ziehe weiter bis ins Thal Nahla 2 ) und lauere dort den Ooraischiten auf. 8 )
Abd-Allah verstand den Kampfbefehl und begab sich an den bezeichneten Ort. Kaum hatte er denselben erreicht, so kam auch schon eine mit mekkanischen Produkten , Leder und ge- trockneten Datteln beladene Karawane der Ooraischiten an. Die Begleitmannschaft derselben schöpfte sofort Verdacht gegen die muslimischen Heisenden, beruhigte sich aber, als sich einer von ihnen nach Pilgerart geschoren zeigte. Nach einigem Min- und Herreden, ob man den heiligen Monat Hagab, an dessen Ende man war, durch Kampf entweihen dürfe , beschlossen die Mus- lime den Angritl’, da sie befürchteten, die Karawane möchte bei längerem Zögern ihrerseits auf das heilige Gebiet von Mekka ent- weichen. VVäqid ben ‘Abd-Alläh ging voran und tötete den
‘) Daß am Zuge nach VVaddän keine Ansär teil nahmen . herichlel el- Atir II. 41; hei alten anderen Zügen ist es von Ihn I Hachum angemerkt. Da- zu kommt da» gewichtige Wort des Waqidt, der sagt : Bis zur Schlacht von Badr war keiner von den Medinern an einer Unternehmung beteiligt [p. BS),
*) Zwischen Mekka und Täif gelegen.
s ) So nach Waqidt p. 35, wahrend Ihn Misch, zur AhschwHchuiig noch hinzusetzt: Und henachrichtige uns von ihrem Thun.
6 *
84
Das I.ehen Mohammeds.
Führer Aus ben el-Hadrami mit einem Pfeilschusse; die anderen folgten seinem Beispiele nach, nahmen zwei Leute gefangen, zer- sprengten den Rest und führten die reiche Beute im Triumphe nach Medina. Hier erregte der Vorfall in weiten Kreisen pein- liches Aufsehen; Mohammed selbst bezichtete die Kampfer einer falschen Auslegung seines Befehls, die Gläubigen waren erregt über die Verletzung des heiligen Monats, alle übrigen fürchteten die gerechte Erbitterung der Mekkaner. Um diese Aufregung zu dämpfen, griff Mohammed zu einem Mittel , das von nun an bei ihm immer beliebter wurde, er Meli den Koran als Epilog sprechen : l )
S. 2, 214. Sie fragen dich nach dem heiligen Monate, über den Kampf in demselben. Sprich: Kämpfen während dessel- ben ist arg, doch ärger ist in (iottes Augen das Abdrängen vom Wege Gottes, der Unglaube bezüglich seiner und der Mesgid-el- haräm, endlich die Vertreibung seines Volkes aus derselben ; schlimmer als kämpfen ist Ärgernis geben ; nie möchten sie aber aufhören zu kämpfen, als bis sie, wenn sie könnten, euch eurer Religion entfremdet hätten; wer sich derselben aber entfremden läßt, der sterbe, denn er ist ein Ungläubiger u. s. w.
Mit so schwächlicher Sophistik wurde das alte Völkerrecht gebogen, und die Gemeinde erkannte, indem sie fürderhin schwieg, die Veränderung an: bald darauf löste Qoraisch die beiden Ge- fangenen ein, von denen jedoch einer sich auf die Seite der Gläu- bigen schlug. Was mit der Beute geschah, wird in verschiedener Weise berichtet ; wahrscheinlich nahm sie Mohammed den Kämpfern ab und behielt sie für sich.
Wenn diese kleine Razzia von den arabischen Historikern als wichtig aufgefaßt wird und den bedeutungsvollen Namen „Klein-Badr” erhält, so geschieht es, weil sie zum Vorspiele und zur Veranlassung des ersten großen Kriegserfolges der Muslimen wurde. Kaum einen Monat nachher erfuhr Mohammed, der seine Spione innerhalb und außerhalb Medinas hatte, daß die große 1000 Kamele starke Karawane der Qoraischiten, auf welche er in Oschaira ehedem vergeblich gefahndet hatte, von Syrien her
‘) Man Wachte üherhaupt, wie die Koranausspn’u he in Medina stets hinter fertigen Thatsachen herschreiten, im Gegensatze /a den mekkanischen, die stets auf die Zukunft hinweisen.
IV. Kapitel Die ersten kriegerischen Ereignisse des Islams u. s w.
ihren Rückzug angetreten habe unter Begleitung des klugen und entschlossenen Abu Sufjän und einer Schutzmannschaft von 30 bis 40 Mann. Mit allen Mitteln der Überredung versuchte jetzt der Prophet, außer seinen Fluchtgenossen auch eine größere Anzahl von Ansär zum Abfangen der reichen Beute anzutreiben. Gott mußte sprechen:
S. 47, 4. Wenn ihr die Ungläubigen trefft, so schlagt sie auf den Nacken, bis ihr sie geschwächt habt; alsdann schnüret ihre Bande !
- Hinlerher entweder Gnade oder Loskauf, bis der Krieg seine Bürde niederlegt! Wollte es Gott, so ließe er sich nicht von euch helfen, aber prüfen will er einen von euch durch den andern. Die aber auf Gottes Wege sterben, deren Werke wird er nicht verdienstlos machen.
- Gehorchet Gott und gehorchet dem Propheten, und macht eure Werke nicht unnütz!
- Und zeigt euch nicht schwach, indem ihr ruft : Frie- den, da ihr doch die Überlegenen seid; denn Gott ist mit euch und wird nicht versäumen, eure Thaten zu belohnen.
Nur mit einem Widerstreben ließen sich endlich die Ansär herbei, dem Willen ihres Meisters zu folgen und die Warten zu ergreifen. Diese Thatsache, welche die Biographen möglichst zu vertuschen suchen, geht aufs Deutlichste aus dem Koran selbst hervor, wo es heißt:
- 8, 5. Wie dein Herr dich aus deinem Hause ausziehen hieß mit der Wahrheit, da zeigte sich eine Partei unter den Gläu- bigen widerspenstig.
- Und sie haderten gegen dich in betrelT der Wahrheit, nachdem sie doch ihnen klar gemacht war, und es war ihnen, als würden sie sehenden Auges zum Tode geschleppt
Noch bevor Mohammed mit seiner Schaar, die aus etwas mehr als 300 Kriegern zusammengesetzt war, ‘) Medina verließ, hatte Abu Sufjän durch Zwischenträger von der drohenden Ge- fahr Kunde erhalten und einen Eilboten nach Mekka mit der Bitte um schleunigste Hülfe gesendet. Sofort rüsteten die Ge- schlechter ein Heer, entschlossen die Blutrache für Nahla jetzt
») Ibn Hisch. zählt als Badrkämpfer S3 Kluchtgenossen, Hl M;i n ner von Aus, 170 von tfazrag auf.
Djis I/«’l»en Mohammeds.
gründlich zu vollstrecken und Mohammed nicht leichten Kaufes da- von kommen zu lassen. Seine Hauptgegner, ‘Otba und Schaiba. Umajja, Abu Gahl und el-‘Abbäs hielten sich für verpflichtet, persönlich mitzuziehen und übernahmen die Kosten der Verpfle- gung für das Heer , das in der stattlichen Stärke von , .»r>0 Fußgängern und 100 Heitern 1 ) ausrückte. Fast gleichzeitig — es war am 8. Hamadän — doch ohne von ihnen gehört zu haben, war Mohammed von Medina aufgebrochen, nachdem er dem’Alidas Fähnchen der Fluchtgencssen, dem Sa d ben Mo’ad dasjenige der Ansär anvertraut hatte. Er zog einige Meilen auf der Mekkastraße nach Südwesten und schwenkte dann westlich ab. dem kleinen Orte Badr zu. Dieser lag am Schnittpunkte des Karawanenweges nach Syrien und der Straße, die Medina mit der Meeresküste verband, in einer Oase mit zwei Quellbächen. 8 ) wo einmal in jedem Jahre die Araber der Umgegend einen größeren Markt ab- hielten. Einige Stationen vor Badr erreichte den Propheten die Nachricht vom Anmärsche der (joraischitischen Streitmacht, und es kam der kritische Augenblick, da er im Kriegsrate den ihn begleitenden An.sär die Bitte um Hülfe im bevorstehenden Kampfe vorzutragen hatte. Während die Tradition hier wiederum nur von Willfährigkeit und Gehorsam zu berichten weiß, zeigt der Koran, daß die Sache nicht so glatt verlief. Der Prophet sah sich gezwun- gen, ihnen reiche liottesverheißungen zu machen und die Hülfe von 1000 Engeln, die hinter ihnen stehen würden, zu versprechen. •’) Eine ungestörte Nacht sowie einen erfrischenden hegen deutete er den Seinen gleichfalls als Siegeszeichen (Jottes und wußte ihnen von einem Traume zu erzählen, worin (iott ihm die Zahl der Feinde nur gering hatte erscheinen lassen. So mit Auf- bietung aller religiösen Mittel gelang es. die An.sär beim Heere zurückzuhalten und die Vorbereilungen zum nachhaltigen Uberfalle der Karawane zu treffen. Doch Abu Sufjün, der alle Wege im Higäz wohl kannte und auf seiner Hut war, vermied Badr und schlug sich gegen alle Erwartungen auf einer Straße nahe der Meeresküste durch. Als er so sich und seine Hüter ge- rettet sah, schickte er den heranziehenden Mekkanern davon
‘ Vgl. Wäqidi p. 44.
»J Vgl. el-Bekrl unter IJa.lr.
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IV. Kapitel. Die ersten kriegerischen Ereignisse des Islams u. s. w. 87
Nachricht und riet zugleich vom Weitermarsche ab, da ein Kampf überflüssig geworden sei. Jetzt aber bewirkte die siegesgewisse Stimmung, in welcher das große Heer ausgezogen war, daß man den Beschluß faßte, wenigstens bis Badr vorzurücken und dort drei Tage zu lagern, um Mohammed Trotz zu bieten. Ehe man jedoch den Ort erreichte, war es diesem schon gelungen, sich hier fest- zusetzen ; alle Brunnen bis auf einen hatte er verschütten lassen, hinter diesem aber, eine Anhöhe im Rücken, seine Truppen auf- gestellt. l ) So waren die Mekkaner unter ungünstigen Verhält- nissen zum Angriffe gezwungen ; einige von ihnen erkannten den Nachteil, doch der hitzige Abu Gahl schlug alle Erwägungen durch den Ilmweis auf die schuldige Blutrache nieder.
Also begann am 17 oder 19 Ramadan, – jedenfalls war der Tag ein Freitag — das berühmte Treffen von Badr. Dasselbe hatte nur wenig mit den Schlachten großen Stils, wie sie der Islam wenige Jahrzehnte nachher schlug, gemeinsam. Die Qorai- schiten kämpften ganz nach alter Beduinenart; Gruppen von drei, vier Streitern traten vor die Reihe und riefen sich ihre Gegner zu Einzelkämpfen heran, wobei die große Masse des Heeres in Un- thätigkeit zuschaute. Brachten diese Bemühungen der Einzelnen kei- nen Erfolg, so schickte man aus der Ferne eine Wolke von I Teilen meist überflüssiger Weise auf den Feind. Bei solcher Kampfweise konnte die Überzahl des Heeres niemals zur Geltung kommen. An- ders hatte Mohammed seine Leute gewohnt ; er ließ sie eine gerade, festgeschlossene Schlachtreihe bilden, aus der sich niemand ohne seine Erlaubnis vorwagen durfte. *) Doch diente ihm die feste Reihe nur als Mittel einer kräftigen Defensive ; die höhere Kunst, sie auch für den Angriff zu verwerten, lernte er erst in späteren Kämpfen. Ferner machte er den Seinen zu strenger Pflicht, mit den Geschossen so zu sparen, daß sie stets noch mit einigen versehen blieben. 8 ) Diesen wenigen doch wichtigen Neuerun-
‘j Ein gutes Bild der Stellung giel>t H, 43: Da wäret ihr an der nähe- ren * nördlichen.’! Berghöhe, sie aher an der entferntem , die (feindliche) Bei- lerei aher stand tiefer als ihr.
*) Dieses für Arabien neue strategische Prinzip eingerührt zu haben, ist Mohammeds oder seiner Berater Verdienst , und der Koran hilft ihm das- selbe empfehlen : 81, 4. Gott liebt die, welche aur seinem Wege kämpfen in einer Reihe, als seien sie ein festgefugtes Gebäude.
😐 ) Vgl. Biiljün III. 7.
88
Das Lehen Mohammeds.
gen verdankte er es, daß bei Badr sich der Vorteil auf seine Seite neigte. Die Qoraischiten schickten ihre besten Helden, einen nach dem anderen vor die Schlachtreihe ; Mohammed stellte ihnen wenige, aber die Tüchtigsten, besonders einen Hamza und Ali entgegen, und vor ihren Stößen und Hieben sank die Blüte des mekkanischen Adels, Otba und sein Sohn Walid, Schaiba, Uniajja beu Halaf, der Stammvater der spätem muslimischen Könige, Abu Gabi, der Erzfeind des Propheten, Abu-I-Bahtari und mit ihnen eine unverhältnismäßig große Zahl — zwischen 50 und 70 — von Edeln Mekkas in den Staub.
I m die Schlacht zu Gunsten Mohammeds zu entscheiden, scheint kein letzter GesamtangrilV notwendig gewesen zu sein, viel- mehr räumten die Qoraischiten in Anbetracht ihrer großen Ver- luste und der Schwierigkeit, die feste Stellung der Gegner zu er- schüttern, das Feld. Der Rückzug geschah so ordnungslos, daß dabei zahlreiche Gefangene in die Hand Mohammeds fielen. Die- ser ließ zum Schlüsse die Leichen der Feinde sammeln, in den Brunnen von Badr werfen und mit Steinen überschütten, wobei er ihnen noch eine grimmige Grabrede widmete.
Groß war der materielle Gewinn , der dem Islam aus der Badrschlacht erwuchs, ungleich größer der moralische. Erstem* bestand in ungefähr 43 Gefangenen, deren Lösegeld, in der Höhe von 1000 bis 1000 Drachmen für den Einzelnen, eine stattliche Bereicherung des Gemeindevermögens ausmachte, ferner in er- beuteten Waffen, zahlreichen Kamelen und einigen Pferden, wo- ran Mohammed damals noch Mangel hatte. Diese Beute gab Anlaß zu wichtigen kriegsrechtlichen Entscheidungen. Bisher war es in Arabien Sitte gewesen, daß jeder, der Beute da- vongetragen hatte, sie auch behielt. Da es nun nicht immer die Würdigsten waren, welche auf solche Weise den Gewinn aus den Kämpfen zogen, so erschien als Ergänzung der neuen Heeresord- nung auch eine Regelung der Beutelrage dringend notwendig, um so mehr, als gleich nach der Schlacht Gezänk um die Anteile sich erhob. Mohammed nahm deshalb vorerst, noch bevor er nach Medina zurückkehrte, sämtliche Beute an sich, zahlte darauf das. was er als Prämien zur Anspornung der Kämpfenden ausge- setzt hatte, den Einzelnen aus ‘) und verteilte das Übrige in
Vgl. WAqidi p. 66.
IV. Kapitel Die ersten kriegerischen Ereignisse des Islams u. s.w. 89
gleichmäßigen Losen au die Gesamtheit des Heeres. Für sich oder für Gott, wie er es ausdrückt, behielt er jetzt und später bei allen Verteilungen ein Fünftel des Ganzen zurück. Diese Regelung nahm er in den Koran auf und erhob sie dadurch zum ständigen Prinzipe :
S. 8, 1. Sie befragen dich nach der Beute. Sprich: Die Beute gehört Gott und dem Gesandten. Fürchtet also Gott, vertragt euch unter einander und gehorchet Gott und seinem Gesandten, wenn ihr Gläubige seid.
Hatte er dadurch der Idee nach sich zum alleinigen Besitzer der Beute erklärt , so verzichtet er doch bald auf vier Fünftel derselben zu Gunsten der Gemeinde und sagt :
- Und wisset, daß von allem, was ihr erbeutet habt, der fünfte Teil Gott und seinem Gesandten, der Verwandtschaft, den Waisen, den Armen und den Beisenden gehört, wenn ihr an Gott glaubt und an das, was wir unserem Diener (Mohammed) geoffenbart haben am Tage des Erfolgs , am Tage , da die zwei Schaaren sich trafen ! *) Gott aber ist jedes Dinges gewaltig.
Doch was wollten diese äußerlichen Vorteile gegen den Ge- winn bedeuten , den die Sache Mohammeds , den Mohammed selber für seine Anerkennung als Prophet und Herrscher der Ge- meinde aus dem Badrsiege zog! Hier war der erste thatsächliche Beweis von Allähs Macht und Hülfe gegeben , den Massen verständlicher und in die Augen leuchtender als Predigt und Koran. Hier war die Illustration zu dem Ausspruche Allähs : Wie mancher kleine Haufen hat schon eine große Schaar besiegt mit Gottes Zulassung, denn er hält es mit denen, welche aus- harren. 8 ) Die Aussicht auf weitere derartige Erfolge wurde nunmehr der Text von Mohammeds Predigten. Die Kriegspartei in der Gemeinde hatte jetzt Oberwasser, ihr Standpunkt war durch den Erfolg gerechtfertigt ; unbedingt schlössen sich ihr jetzt die 2}\0 Ansär an, welche den Sieg von Badr zu erringen mitge- holfen hatten, und damit neigte sich die Mehrheit der Stadt dersel- ben zu. Wohl mag da die Tradition Recht haben, wenn sie sagt, 3 ) daß die Munafiq und Juden sich niedergeschlagen zeigten und
‘) Gemeint ist die Badrschlarht.
*\ 2, 250.
•; Vgl. Waqidt p. 74
90
Das Lelien Mohammeds.
der Unterschied zwischen Glauben und Unglauben offenbar ward. Hei so verschiedener Stimmung hüben und drüben scheint es Mo- hammed durchgesetzt zu haben, daß das früher besprochene Abkommen zwischen ihm und allen Elementen Medinas, die ihm bisher fern gestanden hatten, das Abkommen, in welchem diese um den Preis kostbarer alter Rechte die Mitgliedschaft zur Gemeinde und damit die Verpflichtung zur Abwehr der Glau- bensfeinde erwarben , geschlossen ward. Indem er aber über das, was er nunmehr von fast ganz Medina als Pflicht verlangt, hinausgeht, führt er im Koran die Gihädidee noch eine Stufe weiter: der Angriffskampf wird jetzt Forderung:
S. 8, 40. Bekämpfet sie, bis kein Ärgernis mehr ist und alle Beligion auf Allah zielt Doch hören sie auf — nun Gott sieht all ihr Thun.
II. Lud wenden sie sich ab, so wisset, dati Gott euer Schutzherr ist: Welch guter Schutzherr, welch trefflicher Beistand !
Wohl thal Mohammed gut daran, ‘dati er den errungenen Sieg zur Hebung der Kampfbegeisterung möglichst ausnutzte, denn von Mekka her war für das Blut der fünfzig Gefallenen die nachdrücklichste Bache zu erwarten. Als die Trauerbotschaft in die Stadt gelangte, da wurde, heißt es, jede laute Klage um den Verlust verboten; man betrieb nur langsam, scheinbar lässig die Auslösung der Gefangenen aus Mohammeds Hand, um ihn in Sicherheit einzuwiegen. Im Stillen aber bereitete man einen Ge- genschlag vor, der die erste Niederlage durch vollständige Vernichtung des Propheten und seiner Gemeinde wett machen sollte: Treiber und Führer war jetzt, da die alte Mala’ fast ganz aufgerieben war, Abu Sufjän mit der jüngeren Genera- tion von Ooraisch. Während aber ihre Vorbereitungen im Gange waren, hatte Mohammed sich selbst wieder neue Kämpfe herauf- beschworen , woraus zwar kein Ruhm , doch desto mehr äußerer Gewinn zu erhoffen war.
Je mehr er die Gemeinde im kriegerischen Geiste umgestal- tete, desto unnützer mußten ihm jene Elemente erscheinen, welche grundsätzlich dieser Auflassung widerstrebten. Als solche galten besonders die .luden. Hatte auch eine Anzahl von ihnen sich zur Abwehr von Mohammeds Feinden und zu lästigem Steuerzahlen verpflichten lassen, so war wohl mehr das Beispiel
IV. Kaj.itel Die erslen kriegerischen Ereignisse lies Islams u. s. w. !»1
ihrer Patrone, der Unterstümine von Aus und Ha/rag, als eigener freier Wille das Motiv dazu gewesen. Immerhin blieb noch eine stattliche Menge von jüdischen Elementen in Medina und seinem Umkreise übrig, sowohl Klienten von Arabern, wie die Juden der Benu Hanta (von den Aus), der Benu Zuraiq (von den Haz- rag), l ) als auch selbständige Stämme, z. B. die Benu Qainuqa, im Süd-Osten des Weichbildes von Medina angesessen, die Benu Nadir, weiler im Süden über Qobä hinaus, und die Benu ( v )o- raiga, welcbe sich mächtig genug düukten, neben dem Usurpator von Medina in Unabhängigkeit bestehen zu können. Auch bau- ten letztere auf ihre uralten Schutz- und Freundschaftsbündnisse mit Aus und Hazrag und versahen sich deshalb wenigstens keiner nahen Gefahr für ihre Existenz. Wahrscheinlich hatte Mohammed auch bei ihnen versucht, Vertrags- und Bundesgenossen zu wer- ben, doch mochten sie ihn abgewiesen haben , wie der Koran andeutet:
S. 8, ‘2’2. Die schlimmsten Wesen vor Gott sind die Tauben, die Stummen, da sie nicht verstehen wollen.
Ihre ablehnende Haltung empfand er sofort als persönliche Beleidigung, und dieser Empfindung gesellte sich bei ihm naturge- mäß der Hachedrang bei. Aber noch ein weiterer Schlüssel zum Verständnisse der Judenhetze, wie sie Mohammed plante, muü angenommen werden : die Gier nach den jüdischen Schätzen. Der Prophet bedurfte des Geldes; einmal sehnte er sich danach, seine Kluchtgenossen , die doch den Kern der Gemeinde ausmachten, ihrer durchgängigen Armut zu entheben und ihren wohlhabenden Schutzfreunden im Vermögen wenigstens gleich zu stellen, sodann aber trachtete er längst nach ergiebigem Mitteln zum Krieg- lühren, als ihm die Zakät und die zeitweiligen Umlagen gewähr- ten. Seine Kampfausrüstimg war gering, es fehlte an Schwertern und Panzern; auch hatte er anfangs nur wenige Pferde den wohlbe- rittenen Mekkanern gegenüber zu stellen. Die Waffen der Juden aber, von ihnen selbst geschmiedet, waren weithin berühmt, noch berühmter jedoch ihr Gold und ihre sonstigen Schätze. Das waren die Gründe von Mohammeds Judenkämpfen, und er beutete jeden Anlaß aus, um einen Streit vom Zaune zu brechen. Da- mit diese Stimmung auch anderen sich mitteile, mußten seine Hof-
1 Vgl. Jbn Hisch. p. 3.’)2. Büljari III. 14.
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Das Loben Mnliatnmeds.
dichter HassAn ben Tabit und Ka’b ben Mälik, beide weit größer als Höflinge denn als Dichter, all seine Handlungsweisen mit ihren Versen begleiten und verherrlichen.
Mit einigen Mordbefehlen gegen hervorragende Personen, so gegen die Dichterin ‘ Asmä und den greisen Abu ‘Afak, eröffnete er die Reihe der Gewaltstreiche gegen die Juden, um sodann mit Hee- resmacht, bei den mächtigsten Stämmen beginnend, über sie her- zufallen. Zur Teilnahme an solchen Raubkriegen hatten sich nun zwar die Leute von Medina im Vertrage nicht verpflichtet; mithin konnte Mohammed vorerst nur seine Muhägira, wie bei den Zü- gen vor Badr, aufbieten und mußte sich zufrieden zeigen, wenn die Ansar im Konflikt zwischen der Schutzpflicht, die sie den Juden schuldeten , und der Ergebenheit , die sie Mohammed ge- lobt hallen, den Mittelweg unlhätigen Zuschauens einschlugen. Daß dieses die damalige Lage der Gemeinde war, giebt in Ermangelung von Angaben der Tradition der Koran genugsam zu ver- stehen : Nach der Besiegung der Benu Nadir fand eine gegen die bisher geltenden Regeln verstoßende Verteilung der Beule statt, welche folgendermaßen begründet wird:
S. 59, 6. Und was Gott seinem Gesandten an Beute von ihnen zukommen ließ — nicht habt ihr ja für ihn angespornt Pferd noch Kamel, Gott aber giebt seinem Gesandten Gewalt über alles, was er will, denn der ist jedes Dings gewaltig —
- Was Gott also seinem Gesandten an Beute zukommen ließ vom Volke der Burgen, 1 ) das ist für Gott und seinen Ge- sandten und für die Verwandtschaft, für Waise, Arme und Rei- sende bestimmt, damit es nicht eure Reichen noch mächtiger mache ; was aber der Gesandte euch gewährt, das nehmt, was er euch ver- sagt, das laßt euch versagt sein und furchtet Gott, denn er ist gewaltig in der Rache.
8 Das ist für die Annen, die Fluchtgenossen, die von ihrer Heimal. ihrer Habe vertrieben worden sind : sie trachten nach Gnade von Gott und Wohlgefallen und helfen Gott und sei- nem Gesandten — sie sind die Gerechten u. s. w.
Also weil die Ansär sich vom Streite ferngehalten hatten, den die Fluchtgenossen auskämpften, hatten sie ihren Beuteanteil verwirkt. Nun fällt der Zug gegen die NaoMr geraume Zeit nach
! ) Gemeint sind die Juden.
IV. Kapitel. Die ersten kriegerischen Ereignisse <les Islam« II. s. W. US
demjenigen gegen die Qainuqä’ : wenn jedoch noch damals die Ansär sich nicht entschließen konnten, ihren Schulzfreunden ganz, die Treue zu brechen, um wie viel weniger dann vorher ! Auch geht aus der Rolle, welche ‘Abd-Allah ben Ubaj in beiden Feldzügen spielte, deutlich hervor, daß er und mit ihm gewiß seine Stammesgenossen bis zum Augenblicke der Entscheidung unthätige Zuschauer waren und erst zu Schlüsse vermittelnd zwischen Mohammed und seine Opfer traten.
Der erste Zug Mohammeds gegen die Juden geschah im Monate Schawwäl des Jahres 2 und richtete sich gegen die Benu Qainuqä’, denen der Ruf voranging, eben so tapfer wie reich zu sein. Nachdem er, um einen Vorwand zum Kriege zu haben, ihnen auf offenem Markte noch einmal sein Evangelium gepredigt hatte, natürlich ohne Erfolg, erklärte er sie für Feinde und umzingelte mit seinen Fluchtgenossen ihre Burgen. Die Juden leisteten durchaus keinen Widerstand , da sie auf den Beistand . ihrer alten Freunde von Hazrag bauten. Als aber die Belagerung fünfzehn Tage gedauert hatte, verstanden sie sich endlich zur Übergabe auf Gnade und Barmherzigkeit. ‘) Von dem Schicksale eines blutigen Richterspruches , welchen Mohammed schon auf der Zunge hatte, rettete sie nur das Eingreifen des ‘Abd-Allah ben Ubaj. In drohender, fast handgreiflicher Weise zwang dieser den Propheten, keinem der 700 Gefangenen ein Leid anzuthun, so dali er nur die gelindeste Strafe, Landesverweisung, über sie aussprechen konnte. Innerhalb drei Tagen zog der ganze Stamm von dannen, wie es heißt, nach Adri’ät (Edreij im I.lauran, um sich dort von neuem niederzulassen.
Durch Abd-Allähs Haltung beleidigt soll Mohammed fol- gende Verse f ) dem Koran einverleibt haben :
S. 5, 56. Ihr Gläubigen, nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Schutzgenossen, wodurch einer des anderen Schützer wird; wer aber von euch sie zu Schutzgenossen nimmt, der gehört zu ihnen. 3 ) Gott aber leitet nicht das Volk der Ungerechten.
- Doch da siehst du diejenigen, in deren Herzen der Zweifel wohnt, wie sie sich ihretwegen beeilen und sagen: Wir fürch-
«) Vgl. Ibn el-Atir II. 52.
») Man könnte sie auch, vielleicht mit mehr Recht, auf Vorgänge nach •ler Ohodwhlacht beziehen.
‘) Also nicht mehr zur Gemeinde.
SM
Das Leben Muhammeiis.
len, daü etwas Schlimmes über uns komme. Doch wenn Gott etwa Sieg verleiht oder ein Entscheid von seiner Seite erfolgt , so werden sie sich über das, was sie heimlich in der Seele tragen, noch voll Reue zeigen.
GG. Huer Schut/.herr ist (iott allein und sein Prophet u. s.w.
Mit den Erfolgen des ersten Kampfes gegen die Juden zu- nächst zufrieden, setzte Mohammed doch noch von Zeit zu Zeit den Stahl der Meuchelmörder in Bewegung, um einzelne Juden, welche ihm besonders unbequem waren, aus dem Wege zu schallen. Das erste seiner Opfer wurde der Dichter Ka’b ben el-Aschraf vom Stamme der Nadir. Da er die LInklugheit begangen halte, bei seinem Aufenthalle in Mekka ein Klagelied auf die Gefallenen von Badr vorzutragen, hieü Mohammed auf ihn, nachdem er zu den Seinen zurückgekehrt war, fahnden und spornte die Ausiden, die Schutzfreunde der Nadir, an, ihn von den unbequemen Juden zu befreien.
Der eigene Milchbruder Ka bs und ein anderer Ausit teilten sich in die Ausführung der Mordthat; jener wiegte ihn in Sicher- heit und lockte ihn aus seiner Burg, dieser übertiel und erstach ihn. Triumphgesünge von Seiten Hassans ben Täbit , lang hallende Klage und schlimme Befürchtungen bei den Juden folgten der schändlichen That. Zwar erwirkten diese jetzt bei dem Pro- pheten einen schriftlichen Vertrag l j zur Regelung der beider- seitigen Wünsche : doch sollte es ihnen noch klar werden, dati Rechte, verbriefte wie unverbriefte, bei Mohammed gar nichts galten.
Ein anderes Mal über die Zeit, ob vor oder nach Ohod, sind die Biographen nicht einig *) — lieli Mohammed erkennen, daü ihm ein gewisser Abu Räfi Salläm ben Abi-I-Hoqaiq lästig sei. Hazragiden, eifersüchtig, wie es heiLit, auf Aus ob der Tö- tung des Ka’b, bitten sofort den Propheten um Erlaubnis, ein Gleiches bei Abu Räfi’ in Haibar thun zu dürfen. Mit seinem Segen ausgerüstet machen sich dann fünf Mordgeseilen auf, dringen zur Nachtzeit in die Burg des Juden ein, vorgeblich um Getreide zu kaufen, und stechen im Dunkeln den alten Mann nieder.
»j Vgl. Waqidi p. 118.
‘•’) Ihn el-AUr setzt das Faktum in den (iumada II des Jahre« .’), Waqidi in den Uu l-yij&a des J. 4.
IV. Kapitel. Die erslen kri«yerisrlien Ereignisse tles Islam« u. s. w. 95
Während so Mohammed mit allen Mitteln seine Macht zu erweitern trachtete, stieg von Mekka aus die Wolke der Rache immer düsterer empor. Die Rüstungen geschahen ohne Hast doch in großem Maße ; Beduinen aus der Umgegend wie aus der entfernteren Tihama halfen die Geschwader der Qoraischi- ten verstärken, so daß ein Heer von 3000 Mann zu Fuß und i’OO Reitern unter Führung vonAbuSuljän sich im Monate Schaw- wäl des Jahres 3 gegen Medina in Bewegung setzen konnte. Alses im Nord-Westen der Stadt auftauchte und zunächst mit der Ver- wüstung aller Saatfelder die Feindseligkeiten begann, neigte die Stimmung in Medina entschieden dahin, eine offene Schlacht zu vermeiden, doch gegen Angriffe auf das Stadtinnere sich um so nachhaltiger zu verteidigen. Besonders ‘Abd-AllAh ben Ubaj vertrat diese Ansicht, und die Abmachungen im Gihädvertrage ließen eine allgemeine Schilderhebung gegen einen Angritt’ sicher erscheinen. Schon begann man die Lücken zwischen den Häusern mit Mauerwerk auszufüllen, die ganze Stadt in eine Festung umzuwandeln, als es dem lauten Schreien einer kleineu Partei gelang, den Propheten zum Auszuge gegen den Feind um- zustimmen, welchen er sodann beim Hauptgottesdienste prokla- mierte. Als trotzdem in letzter Stunde der Wunsch nach einfacher Verteidigung auch bei den hitzigsten Schreiern erwachte, beharrte Mo- hammed auf seinem Willen mit den Worten: Es ziemt sich nicht, daß ein Prophet den Panzer, den er einmal angelegt, eher ablegt, als bis Gott zwischen ihm und seinen Feinden entschie- den hat. So trägt der Eigensinn Mohammeds ganz allein die Verantwortung für das Zustandekommen der Schlacht. Sein Wunsch hatte die Wirkung, daß die Fluchtgenossen mit den Ansär, welche zwar durch nichts zu einem solchen Kampfe ver- pflichtet waren, sich zu einem Heere von ungefähr 1000 Mann ver- einigten, mit dem er am Freitag, den (I. Schawwäl ») die Stadt ver- ließ. Doch schon nach dem ersten Biwak ward dem \Abd- Alläh die Aussichtslosigkeit des Unternehmens klar und er zog mit zwei Haufen, den Benu Salama von denHazragund den Beim Ha- nta von den Aus, zusammen mit 300 Mann zurück nach Me- dina. Jetzt einer viermal größeren Übermacht von Feinden ge- genüber ließ Mohammed den Kampfgedanken doch nicht fahren,
■l Nach Ihn HisrhAm aber eine Woche später, am Uten SchawwlL
96
Das I^ben Moliammeik
suchte sich aber vor allem eine möglichst gedeckte Stellung. Eine Stunde nordöstlich von Medina erhebt sich über ansteigendein Gelände wie eine Riesenmauer die dunkle Basaltmasse des Ber- ges Ohod, eines letzten Ausläufers des syrisch-arabischen Küsten- gebirges; ‘) eine einzige Regenschlucht macht seinen gleichmäßig steilen Abhang ersteigbar. Mit den Rücken an den Fuß des Ohod gelehnt und so von hinten scheinbar gesichert , formierten die Muslime wieder ihre enggeschlossene Schlachtreihe, wie ehemals bei Badr; die kleine Anhöhe Ainain bildete östlich den Ab- schluß der Stellung und wurde von der 50 Mann starken Schützenabteilung besetzt, welche von hier aus die Gegend be- strichen und besonders einen Flankenangriff auf die Muslime hindern sollte.
Die Schlacht begann mit Angritfen seitens der Mekkaner; ihre Fahnenkohorte, aus den Angehörigen des Geschlechts Abd- ed-Dar gebildet, versuchte sich als Mauerbrecher an der Reihe der Gläubigen. Doch zersplitterte gar bald der Ansturm in zahl- reiche Einzelkämpfe, die den Angreifern eine Anzahl tapferer Männer kosteten. Schon bemächtigte sich der Muslime einer berauschenden Siegesstimmung ; sie sahen die Verheißung ihres Meisters, daß Gott mit 5000 Engeln ihre Sache mit auskämpfe, in Erfüllung gehen und drängten sich schaaremveise aus dem Gliede heraus zur Verfolgung der Fliehenden. Gleicherweise er- gossen sich die Schützen vom Hügel in die Ebene, um sich ihres Heuteteils zu versichern, so daß kaum zehn Mann diese Stellung be- haupteten. Da wiederholte Hälid, der Führer der mekkanischen Reiterei, welcher am Ohodtage den Grnnd zu seinem späteren Ruhm legte, einen schon mehrfach abgeschlagenen Sturm gegen diese Seite. Es gelang ihm, den Hügel zu nehmen, und sofort bra- chen von hier aus seine Reiter in die muslimischen Reihen ein. Das ward zum Signal allgemeiner Verwirrung bei den Gläubigen: die eben noch den Feind verfolgt hatten, wandten sieh zur Flucht, andere hieben in dem Durcheinander auf ihre eigenen Genossen ein, niemand kehrte sich mehr an das Kommandowort des Pro- pheten, welcher vorher hinter der Schlachtordnung vor jedem An- griff sicher gestellt, jetzt das nächste Ziel der Feinde war. Wohl suchte ihm eine meist aus Muhägirün gebildete Schaar mit
l ) Burton, Pilgritnage II. 236 f.
IV. Knpitei. Die ««rst^n kri«’4,’erischen Kn*ij,Miisse dos Islams u. s.w. !>7
ihren Leibern Deckung zu schallen, als ein Schleuderstein ihn an Backe und Kinnlade traf und für kurze Zeit derart betäubte, daß er zu Falle kam. Mit der Wut der Verzweiflung erstritten seine Treuen jetzt noch die Möglichkeit, daß er dem Getümmel entzogen und in die enge Ohodschlucht hinaufgetragen werden konnte: sodann suchten auch die letzten Kämpfer hier ein Asyl, während der große Haufen der Ansar in regelloser Flucht sich über die Ebene der Stadt zu ergoß.
Die Schlacht war für Mohammed verloren ; das Schlachtfeld mit den Leichen von ungefähr «iö Muslimen, worunter Hamza, das Ideal eines arabischen Helden, und Mos’ab, der erste Vertreter des Islams in Medina, blieb in den Händen der Mekkaner, die kaum 20 der Ihrigen eingebüßt hatten. Dazu trat das Gerücht mit vollster Bestimmtheit auf, daß Mohammed tot sei. Somit war alles erreicht worden, was in der Absicht der Qoraischiten gelegen hatte: die Gefallenen von Badr waren gerächt, der Islam als Religion und Staatswesen in Mohammed vernichtet. Darum iubelte Abu Sufjän in trotzigem Siegesrufe den flüchtigen Gläu- bigen nach :
Heil brachten die Glückslose !
Auf und ab gehen die Eimer des Krieges.
Ein Tag für den Tag von Badr : Hoch Hubal ! ‘)
Nachdem die Trophäen gesammelt waren, die Weiber aber, welche als Troß mitgezogen, in altarabischer Rohheit verschiedene der Leichen verstümmelt hatten, trat Abu Sufjän den Rückmarsch an. Man hat es für einen schweren strategischen Fehler gehal- ten, daß er seinen Sieg durch einen »Sturm auf Medina nicht voll- ständig gemacht habe. Dagegen läßt sich jedoch verschiedenes zur Entschuldigung anführen. Wir wissen zunächst nicht, ob sein Heer auf eine Belagerung eingerichtet war und ob es außer für eine Schlacht noch weitere Verpflichtungen auf sich genom- men hatte. Da es noch keine stehenden Heere gab, so lösten sich nach jedem entscheidenden Schlachttage die Teile des Heer- körpers auf und zerstreuten sich ; keines Feldherrn Autorität ver- mochte mit solchen Truppen eine Reihe sich ergänzender ( )pera- tionen durchzuführen. Weiter aber war die Spitze des Feldzuges gegen Mohammed, nicht gegen die Stadt Medina gerichtet. Kr-
■) Angeblich der Hauptgott der yuraischileu.
Orinoiu : Mohammad I.
7
D;is Helten Mohammeds.
sterer galt nach der Schlacht für tot; vernichtet war also sein ganzer, für Mekka verderblicher Einfluß auf die Gemeinde, auf ganz Me- dina: warum sollte man den Krieg gegen eine Stadt fortsetzen, deren Freundschaft für den ungestörten Forlgang der mekka- nischen Handehunternehmungen eine der ersten Voraussetzungen war und bis zu Mohammeds Übersiedelung ungetrübt bestan- den hatte. Auch hatte “Abd-Allah durch seinen Abzug vor der Ohodschlacht. den ollenbaren Beweis geliefert, daß er und die Seinen lieber Frieden als Streit mit Qoraisch wollten; ‘Abd-Allah aber war nächst Mohammed der bekannteste und einflußreichste Mann von Medina. So trilR den Abu Sufjän nur der Vorwurf, abgezogen zu sein, ohne mit den Stämmen Medinas ein genau formuliertes Friedensbündnis geschlossen zu haben, wie es Mo- hammed bei Hodaibijja mit solch ausgezeichneter Berechnung der Umstände that. –
Diese Erwägungen müssen auch dahin führen, den traditio- nell gewordenen Schluß der Schlacht, daß ‘Omar als Herold auf Mohammeds Befehl dem Abu Sufjän die Nachricht vom Leben des Propheten zurufen mußte, worauf dieser ein neues Schlachten- duell bei Badr im folgenden Jahre ankündigte , in «las Keich der Mythe zu verweisen. Pas wäre das Scheiden zweier Heere nach unentschiedenem Streile gewesen ; doch Mohammeds Lage war zu verzweifelt, als daß er noch Trotz genug in sich ge- fühlt hätte , den stolzen Sieger herauszufordern. Erst als die Gegend von Feinden leer war, stieg man aus der Schlucht her- nieder, suchte die Leichen der Gefährten zusammen und begrub zweiunddreißig derselben auf dem Schlachtfelde ; sodann soll Mohammed, dessen Wunden sich als leicht und ungefährlich her- ausgestellt hatten, noch einige Stunden weit der Spur der abge- zogenen Gegner gefolgt sein, um dadurch bei den umwohnenden Stämmen den Sehein der Verfolgung zu erwecken.
V. Kapitel.
Wachsende äu Tiere Macht des Islams bis zum Falle Mekkas.
Charakterbild Mohammeds.
Als der besiegte Prophet nach Medina zurückgekehrt war. bewahrte sich ihm gegenüber sowohl der Geist des Gehorsams, den er seinen Gläubigen eingepflanzt hatte, als auch die Treue seiner Schut/.fteunde. Wären die Munäfiq wirklich persönliche Feinde Mohammeds gewesen, so hätte sich jetzt für sie die beste Gelegenheit geboten, gegen ihn als den Urheber des nationalen Unglücks aufzutreten ; doch nicht den Aufwallungen des Zornes, sondern dem Gefühle der Mutlosigkeit und Verzweiflung gaben sie sich jetzt mit ganz Medina hin. Dem gegenüber behielt Mo- hammed nicht nur sein Selbstvertrauen, sondern es wuchs ihm in dem Matie, wie er es bei den Seinen sehwinden sah. Seine Thätigkeit in dieser Zeit muß mannigfaltig und energisch wie selten vorher gewesen sein ; davon, wie er mit seinem Worte wirkte, um den Eindruck von Ohod zu verwischen, giebt der Ko- ran l ) einen tönenden Nachhall. Hatte derselbe bislang in Me- dina fast nur zur Verketzerung und Kriegshetze gedient, so schlägt er jetzt würdige Töne echt menschlichen Gefühls an. Es galt, den Zweifel an der Wahrheit des Islams und seiner Verheißungen, welcher in mancher Brust aufstieg, zu entkräften and Golt ge- gen die Anklage, als habe er den Gläubigen nicht Wort gehalten, zu verteidigen. In diesem Sinne sagt er :
i) Besonder« Ii. 117-174.
7 •
100
Das I^ebon Mohammads.
- Wohl hat Gott euch seine Verheißung bewahrt, da ihr sie schlugt mit seiner Zustimmung, bis ihr lässig wurdet, un- eins gegenüber dem Befehle und ungehorsam, obwohl er euch vorher das gezeigt hatte, was ihr liebt.
- Wie ihr den Berg erklömmet und keiner stand hielt, obwohl der Gesandte euch rief, umgeben von euern Letzten : da gab er euch als Lohn Not um Not. So betrübt euch denn nicht um das, was euch entgangen und was euch betroffen; Gott aber ist eures Thuns kundig.
- Wie? Weil euch ein Schlag getroffen, obwohl ihr schon zweimal so viele schlugt , sprecht ihr : Woher kommt dies? Sprich! das kommt von euch selber! Gott aber ist jedes Dings gewaltig.
Den üblen Eindruck, welchen seine Verwundung erregt hatte, begegnet er mit der ErklArung, dato auch für Propheten die Stunde des Todes schlagen würde, doch daß unabhängig davon die Gemeinde fortbestehen müsse:
- Mohammed ist nichts als ein Gesandter, *) wie solche vor ihm schon dahin gegangen sind. Drum , wenn auch er stirbt oder getötet wird, wollt ihr euch dann rückwärts wenden? Es schädigt keiner Gott dadurch, daß er abfallt; Gott aber be- lohnt die Dankbaren.
i:w. Keine Seele stirbt aber außer mit Erlaubnis Gottes nach Bestimmung des göttlichen Buches. Wer nun die Beloh- nung im Diesseits vorzieht, dem wollen wir sie zu teil werden lassen ; hingegen wer die des Jenseits will, dem bringen wir sie und werden die Dankbaren belohnen.
Endlich muß ihm der Fatalismus über die Anklage, daß er zur Unzeit die Schlacht angenommen habe, hinweghelfen; den Erschlagenen aber widmet er nicht Klagen, sondern eine Selig- preisung :
- Sprich: Wehre! doch von euren Seelen den Tod ab, wenn ihr wahr redet !
16JJ. Doch erachte nicht, die da erschlagen sind auf Gottes Wege, tür Tote, sondern für Lebende, die ihr Herr gut versorgt hat.
- Froh über das, was ihnen Gott von seiner Gnaden- fülle gab, rufen sie denen, welche noch nicht mit ihnen vereinigt
‘) Also kein En^el oder götlliches Wesen.
V. Kapitel. Wachsende äußere Machl des Islams u. s. w 101
sind, den Nachgebliebenen freudig zu, daß ihnen weder Furcht noch Leid sei.
Kein Vorwurf trifft jetzt diejenigen, welche sich durch ihre Hal- tung gegen Mohammed vergangen, mögen nun die Munafiq oder die Fliehenden gemeint sein :
- In der Barmherzigkeit Gottes bist du gelind gegen sie: wärest du aber rauh und harten Herzens, so wären sie rings um dich her gebrochen. So sieh ihnen denn nach und bitte Gott um Vergebung für sie und zieh sie wieder zum Rate hinzu ; doch wenn du zu etwas entschlossen bist, so setze dein Vertrauen auf Gott ; denn er liebt die, so auf ihn vertrauen.
Man sieht, Mohammed bemüht sich, die rücksic htslose Schärfe, die sein Wesen seit dem Siege von Badr angenommen hatte, jetzt abzulegen : vor allem hütet er sich, an die Gihädidee, die Brandfackel der Gemeinde, zu erinnern, und weiter Rache und blutige Vergeltung zu predigen. Die Wunden mußten erst ver- narben, ehe die Kraft und Lust, neue zu schlagen, wiederkehrte. Um aber auch ohne Waffengewalt ein Wachsen der Gemeinde zu erzielen, richteten sich jetzt Mohammeds Gedanken auf friedliche Missionierung, also das vollständige Gegenteil des Glaubenskrie- ges. Doch schlugen die angestellten Versuche so ungünstig aus und brachten statt des Gewinnes so viel neue, schmerzliche Verluste, daß sich die Kampfidee den Muslimen wieder von selbst empfehlen mußte. Der erste Versuch hatte darin bestanden, daß der Prophet sechs oder nach anderer Tradition zehn Gläubige im Monat Safar ZU den im südlichen Higaz wohnenden Hudailstam- men aussandte, angeblich auf Bitten einzelner ihrer Stammesge- i lossenschaften. ‘) Die Abgesandten hatten sich am Quell er- Ragi 1 gelagert, als zu Beginn der Nacht die Benu Lihjän in gro- ßer Überzahl sie umzingelten und angriffen. Ein Teil der Mus- lime wurde erschlagen, die andern gefangen genommen. Zwei der Gefangenen, Hubaib und Zaid, verkauften die Hudailiten an ihre
•) Ein ganz anderes Licht jedoch wir» eine Nachricht hei Waqidi 150 f. auf diesen Zug: „Die Genossen von er-Ragf waren von Mohammed ausgesandt, um ihm .Nachricht über die Qoraischiten (d. h. wahrscheinlich flbef eine ihrer Karawanen j zu bringen: sie gingen die Neßstraße, bis sie in er KagT den Henu Lihjün in die Hände üeleii.” Audi bei ll»n el-Atir II wird der Zufc’ eine Krieghexpedilion genannt.
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Da* Lehen Mohammeds.
Nachbarn, die Mekkaner, von denen an ihnen alle Blutrache voll- streckt wurde. Dieses Ende des Zuges erregte in Medina große Bestürzung, wie aus zahlreichen Gedichten Hassans hervorgeht, und nährte den Rachedurst sowohl gegen Hiujail wie gegen Qoraisch.
Der zweite mit dem erwähnten last gleichzeitige Fall war noch schmerzlicher. Mohammed hatte sich durch einen Schaich aus Negd verleiten lassen , eine Missionskarawane dorthin zu senden. Diese, aus 40 medinischen Gläubigen zusammengesetzt, bewährten Koranlesern, die sicli im Schutze des alten Abu-I- Barä sicher fühlten, erreichte jedoch nichts von dem, was Mo- hammed aufgetragen, und wurde zuletzt am Brunnen Mauna von den Stämmen ‘Osajja , Ril und DakwAn überfallen und bis auf einen Überlebenden aufgeriehen. Der Prophet fühlte den Verlust dieser treuen Genossen so tief, daß er einen Monat lang beim Frühgebete auf die schuldigen Stämme den Fluch Gottes herabrief.
Die großen Verluste an Mannschaften, deren Hinterbliebenen au die Wohlthätigkeit der Gemeinde große Anforderungen stell- ten, dazu die niedergedrückte Stimmung der Seinen mögen jelzt Mohammed auf den Gedanken gebracht haben, wieder durch einen Judenfeldzug billigen Ruhm und kostbare Beute zu erwer- ben. Er wählte sich als Opfer die Benu Nadir, den angesehen- slen jüdischen Stamm bei Medina; Nachstellungen, welche sie augeblich gegen das Leben des Propheten beabsichtigt hätten, wurden als Grund des Krieges vorgeschoben. Im Monate Rebi 1 brach er mit seinen Fluchtgenossen wider sie auf: die An- s;’ir hatten, da die Na<jir im Schutzverhande zu Aus standen, keine Hülfstruppen gestellt, vielmehr einzelne von ihnen den Ju- den zu verstehen gegeben, sie würden nicht dulden, daß man sie angriffe; im Falle es aber doch geschähe, ihnen Hülfe leisten, ja sogar wenn der Spruch der Verbannung über sie gefällt werde, mit ihnen fortziehen. ‘)
Solche Abmachungen schreckten aber den Propheten nicht. Die Belagerung begann, ohne daß auch nur ein Krieger den Nadir Hülfe brachte. Als die Juden, zu mutlos, um zu kämpfen, nicht aus ihren Burgen herauskamen, und dadurch die Belage-
») «). 11.
V. KapitH. Wachsende äußere Macht do« Islams u s. w. lo.’J
rung sich in die Länge zu ziehen drohte, befahl Mohammed, einen Teil ihrer reichen Palmenkulturen niederzuhauen, bei der Schwierigkeit der fast überall in Arabien von Juden betriebenen Dattelbaumzucht ein Akt unerhörter Barbarei und ein Verstoß gegen alles semitische Völkerrecht, was jedoch von ihm so wenig empfunden wurde, daß er spüter im Koran ‘) den Ansar ihre Nichtteilnahme daran als Vergehen vorzuwerfen wagl. Nachdem die IOinschlicüung lf> Tage gedauert hatte,») verstanden sich die Juden zur Übergabe und erlangten ähnliche Bedingun- gen, wie ehemals die Beim Qainu<|A’ : freien Abzug mit der fah- i enden Habe, doch ohne Walten. Nachdem sie noch selber ihre Häuser zerstört hatten, a ) zogen sie mit Paukenschlag und Saiten- spiel von danneu, nach Haibar oder, wie andere sagen, nach Adri’äl. 4 ) Ihren unentschlossenen Freunden in der islamischen Gemeinde aber ward der Lohn für ihre zweideutige Haltung mit scharfen Koranversen ausgezahlt und der gebräuchliche Beute- aliteil diesmal vorenthalten.
Von jetzt ab bewegt sich Mohammed wieder unausgesetzt auf der Bahn, welche nach dem Mißerfolge von Ohod scheinbar verlassen war, derjenigen der kriegerischen Unternehmungen, und seine Gemeinde, zur Erfüllung der beiden so verschiedenartigen Hauptpflichten Streiten undBeten stets aufdemPlatze,empfindet nicht mehr das Bedürfnis, sich innerlich auszubauen und die ethischen Keime einer früheren Epoche zu pflegen. Alles drängt nach äunenn Gewinn, und an dem maßlosen Khrgeize des Propheten nährt sich der jedes einzelnen Gläubigen. Sollten da die Mu- näfiq, die Altmediner, ruhig in der Keserve bleiben und den andern allein Ruhm und Beule überlassen? Mochte ihre Pflicht ihnen nur die Verteidigung der Stadl gegen äußere Angreifer aufer- legen, ihr Verlangen ging bald über ihre Pflicht hinaus und machte sie zu eifrigen Teilnehmern der zahlreichen folgenden Kriegszüge Mohammeds. So hatte er bald wieder ein Heer von l;>00 Mann zur Verfügung, mit dem er 10-11 Monate nach der Ohod- schlacht die Messe von Badr besuchte, teils um Waaren um- zusetzen, noch mehr aber, um den Arabern seine Machtnüttel wieder einmal zu zeigen.
‘)
*) So nach Waqidi p. 164 und Helädori p. 18. s j M, 2. – *) Vgl. T»bari P- 1451.
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Das Leben Mohammeds.
Das stolze Auftreten der Muslime, die Pracht ihres Auf- zuges ließ sie als die Melden des Marktes erscheinen : das Ge- rücht trug diesen Ruhm weit unter die Stämme Arabiens, und selbst die Qoraischiten, die vorsichtigerweise fern geblieben waren, mußten zu ihrem Arger davon hören. l )
Bald darauf zog Mohammed mit ungefähr ICK) Mann in das gebirgige Arabien zur Bekämpfung einzelner Gatafünst&mme. Sahen ihn dieselben, da sie sich auf die Berggipfel zurückge- zogen hatten, auch bald wieder abziehen, so durften sie doch dessen sicher sein, daß er bei seiner (I?wohnheit. alle größeren Unternehmungen in mehreren Anläufen zu versuchen, einstens wiederkommen werde.
Wie wenig fest abe*r trotz alledem das Band der Waffen- brüderschaft zwischen Emigranten und Mediner geschlungen war, wie jeder kleine Anlaß es zu sprengen drohte, beweist am besten der Zug gegen die Bonn Mostaliq. Mohammed soll von feind- lichen Absichten derselben gegen ihn gehört haben und beschloß, ihnen zuvorzukommen ; weil aber das Ziel ein sehr nahes war *) und viel gute Beute in Aussicht stand, so schlössen sich zahlreiche Mediner, Munäfiq , die sonst noch niemals mit ausgezogen waren, der Expedition an. Es gelang den Muslimen, beim Bache von el-Muraisf den Stamm zu überraschen und durch einen ein- zigen Angriff ihn samt aller seiner Habe in ihre Gewalt zu brin- gen. Nach dem Treffen entstand nun beim Wasserschöpfen zwischen einein Emigranten und einem Mediner eine Schlägerei, bei wel- cher beide Streitenden ihre Stammesgenossen zur Hülfe riefen. Da schied sich im Nu das Heer der Muslimen in zwei Parteien, deren jede ihren Angehörigen zu schützen trachtete. Mit Mühe nur wurde ein Bruderkrieg vermeiden, doch dauerte die gereizte Stimmung noch länger fort, und besonders Abd-Alläh ben Obaj konnte seinen lange aufgespeicherten Groll nicht mehr zu- rückhalten und ließ trotzige Worte vernehmen. Bei Gott, sagte er, ich wollte den Zug nicht mitmachen, doch meine Leute über-
») Vgl. Wäqidi p. Iü9.
») Der Stamm gehörte zu den Huxä’a und bewohnte ein gebirgiges Ter- rain südöstlich von Medina, vgl. el-Bekri p. f»23. Wenn Ihn Hischäm die Be- gebenheit in das Jahr 6 der Flucht setat , so ist dagegen zu sagen, dali in dieser Zeit ernste Slammes-Heibereien unter den Muslimen kaum mehr vor- kommen konnten.
V. Kapilel. Wachsende Süßere Macht des Islams u. s. w. 105
mochten mich : jetzt ist es gar so weit gekommen, daß sie sich in unserem Lande als Herrn dünken und uns herausfordern. Das ist nun der Dank für unsere Wohlthaten, wie man sagt : Mäste deinen Hund, so frißt er dich! Aber bei Gott, kommen wir nach Medina zurück, dann entfernt noch einmal der Bessere den Schlech- tem daraus. Diese Äußerungen, die, wie gewöhnlich, ein An- geber dem Propheten überbrachte, versetzten denselben in solchen Zorn, daß er den freimütigen Sprecher zu töten befahl. Als al>er Ihn Obaj bald selber den Eindruck seiner Worte wieder abzu- schwächen suchte , begnügte er sich damit , ihm und seinem Anhange unter andern folgenden Koranvcrs zu widmen :
S. 63, 4. Siehst du sie an, so gefallen dir ihre Leiber, und reden sie, so horchst du ihrer Hede. Doch sind sie gleichsam nur Balken, die mau stützen muß, 1 ) meinend, jeder Schick- salsschlag träfe sie.*) Ja, Feinde sind sie, drum sei auf der Hut vor ihnen. Gott bekämpfe sie! Wie sind sie betrogen!
Es bedurfte noch einer großen gemeinsam überstandenen Gefahr, um die ganze Gemeinde wie in einen festen Ring um die Person ihres Propheten herum zu schmieden. Diese aber ließ nicht lange mehr auf sich warten. Den Qoraischitcn dünkte die gewonnene Ohodschlacht nur ein halber Sieg, seit sie erfahren hatten, Mohammed lebe und Medina habe ihn trotz des Mißerfolges nicht abgeschüttelt. Im Interesse ihrer Karawanen nach Syrien und dem Euphrate. die immer bedroht, ja unmöglich waren, so lange in Medina ihr Todfeind darauf lauerte, im Interesse des Ansehens und der Ehre von Mekka, wenn es länger den An- spruch erheben wollte, die erste Stadt Arabiens zu sein, im In- teresse der die Sonderstellung Mekkas mitbedingenden heidnischen Religion — mochte dieser Grund auch nur der geringste sein — kurz, aus vielen Gründen zugleich erwuchs bei Qoraisch mit Natur- notwendigkeit die Idee eines neuen Kriegszuges gegen Moham- med. Jetzt mußte jede Rücksicht auf die friedlicher gesinnte altmedinische Bevölkerung schwinden ; man nahm Mohammed und Mediria als ein unzertrennliches Ganze und zwang selbst so
•) Ü. h. sie haben so wenig innere Kraft wie morsche Dülken. *) Daß ihnen hier geradezu Feigheit vorgeworfen wird, stimmt zu un- serer früher gegebenen Erklärung von Munätiq.
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Da« Leben Motiainmetls.
den Stämmen Aus und Hazrag ein einhelliges Zusammenbündeln mil Mohammed auf.
Zwei Jahre nach der Schlacht am Ohodberge, im Monate Du-l-Qa’da ») setzten sich zwei Heersäulen von verschiedener Hichtung gegen Medina in Bewegung; die erste, aus Qoraischiten und ihren von alters her verbündeten Nachbarn (den sogenannten Afrabisch) bestehend, 4000 Mann mit 300 Pferden, rückte von Süden her und lagerte sich im Norden der Stadt, die andere Sulaim- und Gatafänstämme aus dein Negd, die neu angeworben waren, im Südosten. Das ganze Belagerungshcer soll 10,000 Mann stark gewesen sein, nach arabischen Begriffen eine un- geheure Menge , deren Verpflegung und Besoldung selbst bei den Reichtümern Mekkas schwer genug war. Will man den arabischen Geschichtsschreibern glauben, so trugen einzig die .luden, und zwar die Nadir und Wä’il durch ihre An- reizungen die Schuld am Zustandekommen des gewaltigen Zuges. Möglich, daß ein oder der andere Jude dem Kriege günstig war, doch die Juden allein kann nur eine kurzsichtige Auffassung mit diesem Vorwurfe belasten. Saßen nicht in Medina selbst noch genug jüdische Sippen, welche alle schlimmen Folgen des Krie- ges mit den Muslimen zu tragen hatten : saßen ferner nicht in der nächsten Umgebung jüdische Stämme, die, wenn sie den Städtern halfen, leicht von dem Belagerungsheer erdrückt wurden, wenn sie aber dieses unterstützten, alte Verträge mit den Me- dinern verletzten? Durch Neutralität endlich mußten sie beiden Teilen verdächtig werden. So ist nicht anzunehmen, daü es Ju- den waren, die ihren Geschleehtsgenosscn eine so üble Lage bereiteten.
Mohammed war nicht von den feindlichen Heeren überrascht w orden ; Spione vom Stamme Huza’a hatten ihn geraume Zeit vorher von dem Bevorstehenden benachrichtigt. So gewann er Zeit, einen Kriegsrat zu berufen und auf Mittel zu sinnen, um die Stadt, welche wegen ihrer offenen Lage und unzusammen- hängenden Bauart bei einer Belagerung schlecht zu verteidigen war. widerstandsfähiger zu machen. Man entschied sich dafür, die Streitkräfte der Stadt an der schwächsten Seite, der nörd- lichen . ein Barackenlager beziehen zulassen, dieses aber, das
‘,: Aach Ihn Hischam schon im Monale Sehawwal.
V. Kapitel. Wachsende äußere Maclil des Islams u. B. w. 107
sich besonders an die Südseite der kleinen Anhöhe Sal’ ) leimte, durch einen vorgezogenen Kraben zu befesligen , der außer- dem noch ein gutes Stück der Stadt decken konnte. Dieser Gra- ben, durchschnittlich eine Klafter breit und tief, bestand ;tus mehreren getrennten Stücken.») Auf den ersten Blick erscheint es befremdend, daß ein wasserleerer Graben für hinreichend an- gesehen wurde, um eine Wehr, zumal gegen die starke feindliche Reiterei abzugeben. Die Behauptung, dal dieses Verteidigungs- mittel den angreifenden Arabern durchaus fremd gewesen wäre und sie deshalb stutzig gemacht hatte, reicht zur Erklärung nicht aus und entspricht nicht einmal den thatsächlichen Verhältnissen. 3 ) Doch muß man sich vorstellen, daß durch das Auswerfen eines Grabens immerhin auch ein Wall geschaffen wurde, der wahr- scheinlich die eigentliche Schutzwehr der muslimischen Position darstellte. Dazu stimmt es auch, wenn mehrfach von einem Thore der Gräben, *) d h. des vor diesen liegenden Erdwalles geredet wird.
Nach sechs Tagen angestrengter Arbeit, bei welcher die Be- völkerung Medinas ebensoviel Eifer, wie Mohammed Umsicht und Leutseligkeit entwickelte, schien die Befestigung ausreichend, zumal da auch in den vom Graben nicht gedeckten Stadtteilen die Häuser durch Mauerwerk schnell unter einander verbunden waren. 5 ) Als darauf am achtendes Monats Du-I-Qada die Feinde vor der Stadt erschienen, wurden alle Weiber und Kinder iu die festen Steinhäuser geschallt, die waffenfähige Mannschaft aber, 3000 an der Zahl, rückte gegen den Graben vor und schlug dort ein Lager auf. Bei der nun beginnenden Belagerung fehlte es von vornherein den Mekkanern an Plan und Einheitlichkeit des Han- delns, infolge dessen die Qoraischiten und Gatafänstämme nie zu
‘) Es scheint der Hügel gemeint zu sein, auf welchem sich jetzt das Kastell der Stadt erheht ; vgl. Encyclopaedia Hrilannica : Mohammedanism l i bearbeitet voii Wellhausen).
»i Vgl. das Gedicht des Abd-Alläh hen cl-Ziba’ri bei Ihn Hischam p.ttW: „lud wären nicht die Gräben gewesen, so hätten sie aus ihrer Mitte Tote zurücklassen müssen, als Beute für die hungrigen Vügel und Wölfe.”
‘} Mit ähnlichen, nur noch viel mächtigeren Gräben war z. H. dir Schwesterstadt Mekkas, Tuif, umgeben, vgl. Ihn Hisch. p. 87<5.
•) Vgl. Ihn Hisrhäm p. 7 und TO .
- Vfl. Waqidi p. 1U4.
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Das Leben Mohammeds.
einem gemeinschaftlichen Sturme Anstalten gemacht zu haben scheinen. Am eifrigsten zeigte sich außer den Schützen die Rei- terei unter der Führung von Hälid ben el-Walid und ‘Amr ben el-‘As ; durch fortgesetztes Schwärmen vor den schwächsten Stellen der Stadt ermüdeten sie die Wachsamkeit der Verteidiger und brachten es einmal so weit, daß sie den Graben schon über- schritten. Nur ein glücklicher Zweikampf ‘Alis verhinderte die Ausnutzung und Behauptung dieses Vorteils. Nachdem Tag auf Tag in anstrengenden» Wachtdienst hingegangen war, überkam einen großen Teil der Muslime das Gefühl der Übermüdung und Schwäche, der Angst und Verzweiflung in solchem Maße, »laß Moham- med nur mit Mühe einen allgemeinen Rückzug in die Häuser, ja die Flucht zu den Beduinen der Wüste ») verhindern konnte. Welch ge- spanntes Verhältnis zwischen ihm und seinen Truppen dadurch entstand, beschreibt der Koran :
S. 3:$, 19. Kommt irgend ein Schrecken, so siehst du sie mit rollenden Augen nach dir schauen, als wenn der Tod sie über- fiele; geht der Schreck vorüber, so hacken sie gegen dich mit scharfen Zungen, verschlossen für das Gute.
Mag Mohammed sich selbst ein „schönes Muster” für die Gläubigen nennen, wenigstens ist nicht zu leugnen, daß vor allem seine Energie und Ausdauer, die sich seinen alten Getreuen mitteilte, Medina bei der Belagerung widerstandsfähig machten und die- selbe zum Wendepunkte werden ließen, von dem aus der Islam in ununterbrochenem Siegeslaufe vordrang. Nach wochenlanger Einschließung — dauerte sie nun nach Wäqidi *) 15 Tage oder, was wahrscheinlicher ist, ungefähr einen Monat — sahen sich die Mekkaner außer Stande, länger die Blockade aufrecht zu halten. Der Koran deutet an, daß Unbilde der Witterung den Gegner verjagt hätten ; s ) die Historiker fuhren diese Nachricht aus und sagen, ein eisig-kalter Wind habe sich erhoben, der so lange und so heftig wehte, daß im Lager der Mekkaner keine Zeltstange stehen blieb und jegliches Feuer erlosch. Wichtiger scheint in- dessen die Nachricht, daß Mohammed heimliche Unterhandlun-
‘) Vgl. 3», 20.
•) Es erregt Bedenken, daß Wäqidi fast alle Belagerungen in Moham- meds (ieschichtc stereotyp lf> Tage währen läßt.
V. Kapital. W’aclisi’iiili’ äußer«» Macht il<-s Islams u s. w. 10f)
gen mit den Hült’svölkern aus dein Negd gepflogen und sie durch das Vorsprechen, zwei Drittel der Ernte Medinas ihnen abzutre- ten, zum Abmärsche vermocht habe. Doch der Hauptgrund wird gewesen sein, daß es den Qoraischiten zuletzt unmöglich war, ein nach vielen Tausenden zählendes Heer samt dem dazu ge- hörigem Trosse auf der Flur von Medina, wo die Saat schon vor der Belagerung abgeerntet war, ‘) mit Nahrung zu versehen. So verflog zuerst bei den Hülfsvölkem der Kampfesmut vor dem Gefühle des Proviantmangels, und sie zerstreuten sich in ihre Heimatgegenden. Bald darauf zog auch das Fußheer der Qorai- schiten in nächtlichem Dunkel ab: den Reitern als Nachhut lag es ob, ihren Röckzug zu decken.
.Mohammed ließ sie ungestört von dannen ziehen , täuschte sich aber nicht über die günstige Wendung der Verhält- nisse, wenn er siegesfroh ausrief: »Von nun an bekriegen nicht sie mehr uns, sondern wir sie!” Als sodann das Feld rings herum leer von Feinden war und die Gläubigen das Mittagsgebet verrichtet hatten, da ließ er den Befehl ergehen, daß die Waffen noch nicht abgelegt werden dürften, „da die Engel die ihrigen noch nicht abgelegt hätten”, und beschloß, die Kriegserbitterung der Seinen auf die Häupter der Juden vom Stamm Qoraiza zu entladen. Ihr Verbrechen bestand in den Augen des Propheten darin, daß sie während der Belagerung sich in bestimmter Neu- tralität gehalten halten, obwohl sie vor derselben ihm ihre gute Gesinnung durch Überlassen von Schaufeln, Picken und Körben zum Grabenbau bewiesen hatten.*) Die Muslime, Emigranten wie Ansär, folgten dem Rufe Mohammeds, der sie zuerst an den Burgen der Qoraiza vorüberführte, um eine Benachrichtigung der Mekkaner zu verhindern, dann Kehrt machte und am späten Abende die Sitze des Stammes umzingelte. Die Juden hatten vori ihren früher vertriebenen Brüdern, den Qainuqa und Nadir nichts gelernt, am wenigsten sich mannhaft zu verteidigen, und ließen ruhig die Belagerung über sich ergehen, bis nach etwa 14 Tagen die Not sie zwang, einen Ausweg zu suchen. Da soll der alte Kab ben Asad ihnen drei Räte vorgeschlagen haben, die zur Kettung oder wenigstens zu einem rühmlichen Tode geführt hätten: entweder den Islam anzunehmen, oder Weiber und Kin-
‘) Vgl. Wäqidl p. 192. ») Vgl. Waqidi p. 192.
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Das Irf’hen Mohammeds.
der zu tölen und dann einen wütenden Ausfall zu inachen, oder endlich die Sabbatnacht, in welcher Mohammed nichts Kriege- risches von ihrer Seite verum tele, zum Kampfe zu benutzen. Als man gegen alle drei Vorschläge Hinwendungen machte, die die- selben aufhoben, rief Ka’b mit Recht aus : So seid ihr allesamt, so lange euch eure Mutter geboren, nicht eine Nacht entschlossen gewesen Unterhandlungen, welche sie darauf mit Moham- med anknüpfen, endeten damit, dafä sie sich dem Propheten auf (inade und Barmherzigkeit ergeben mußten. Nun aber ver- suchten die Ausiten, die Eidgenossen der Qoraiza, die auch an der Belagerung teilgenommen hatten, zu vermitteln, wie es einst Ibn Ohaj gegenüber den Qainuqa’ gethan hatte, und er- reichten es, dato der Prophet, scheinbar zuvorkommend, sein Knl- scheidungsrecht an Sa’d ben Mo äd abtrat. Dieser, zwar Ausit, doch ein Fanatiker, wie irgend einer in der Gemeinde, lag in Medina totkrank an einer Wunde darnieder, die ihm ein mekka- nischer Pfeil während der letzten Belagerung verursacht hatte. Man hüllt ihn in Kissen und trägt ihn her; seine Stammesge- nossen suchen zu Gunsten der Juden auf ihn einzuwirken, doch er, den eigenen Tod vor Augen, fällt den mitleidlosen Richt- spruch : Hie waffenfähige Mannschaft wird getötet, Weiber und Kinder verfallen der Gefangensehaft, die Güter der Verteilung. Mohammed verfehlte nicht, dieses Urteil sofort als Gottes Willen zu bezeichnen. Die Gefangenen in der Mitte, zieht man nach Medina zurück, um am folgenden Tag eines der widerlichsten Schauspiele des jungen Islams aufzuführen. I ber »>00 Juden, kräftige Männer und gebrechliche Greise, wurden vor Mohammeds Augen auf dem Markte der Stadt abgeschlachtet; mit Fassung sollen sie alle in den Tod gegangen sein. Die Weiber und Kin- der verkaufte man in das Hochland und erstand Pferde und Waffen für den Erlös. Der Koran aber rühmte „die Hülfe Gottes” bei der Besiegung der Qoraiza in folgenden Versen :
S. 33, 2«. Er (Gott) brachte die, welche ihnen (den Mekka- nern) halfen, vom Volke der Schrift von ihren Bollwerken herab und warf in ihre Herzen den Schrecken , so daß ihr einen Teil tötetet, einen anderen gefangen nahmt.
- Und er machte euch zu Erben ihres Landes, ihrer Häuser und Habe und eines Landes, welches ihr nie betreten hattet; denn er ist jedes Dings gewallig.
V. Kapitel. Wachsend«» äußere Macht «les Islams u. s. \v. 111
Der siegreich abgeschlagene Sturm auf Medina samt item Beute- züge gegen die Juden gilt mit Recht boi den Historikern für ein Er- eignis und bedeutete für Mohammed einen Erfolg von weitgehen- den Folgen. Hierdurch ward die Waffenbrüderschaft der Emi- granten und Ansar besiegelt und die unumschränkte Herrschaft des Propheten innerhalb Medinas zur vollendeten Thatsache. .Neben ihm giebt es jetzt nicht Stämme noch alten Adel mehr, sondern nur eine Gemeinde, die willig sich zur Ausübung aller seiner Befehle hergiebt. Damit wurde der früher geschlossene Vertrag vollends zu nichte: Mohammed hatte ihn längst beson- ders durch die Judenkriege, die eine Entweihung des „heiligen Ge- bietes” von Medina bedeuteten, durchlöchert, so konnten auch die für Aus und Ha zrag geschaffenen Bestimmungen als aufgehoben betrach- tet werden. Von der Einigung aller Schichten Medinas im Schoofi der Gemeinde durfte der Gesandle Gottes jetzt zu einem weiteren Ziele, einer Angliederung möglichst zahlreicher auswärtiger Ele- mente übergehen, um dann mit diesen einen mächtigen Bund zum Sturze Mekkas zu bilden. Das Verfahren, welches er des- halb gegen die Nomadenstämme, die von Medina her zu er- reichen waren, anwandle, war einfach, doch gründlich : in zahl- reichen, schnell organisierten Überfällen suchte er ihnen ihre Kameel- und Sehafheerden sowie das Hausgerät abzunehmen ; beeilten sie sich darauf, das Glaubensbekenntnis des Islams ab- zulegen, so konnte es kommen, daü sie das Ihrige unverkürzt wieder erhielten, ‘) wenn nicht, so trieb die leidige Not sie nach einiger Zeit doch zu diesem Schritte. Auf diese Weise wurde gegen zahlreiche Stämme des Higaz und Negd vorgegangen, ja bis hoch in den Norden Arabiens, bis Dümat-el-Gandal, gelangten jetzt schon die Muslime und schätzten die christlichen Einwoh- ner dieser Oase. Daneben wurden früher erprobte Mittel weiter angewendet: Meuchelmörder zogen in Mohammeds Namen aus und räumten unbequeme Gegner heimlich aus dem Wege, so den Häuptling der Hudailiten, Sufjan ben Tlälid, und Usair ben Uä- zim, einen der einflußreichsten Juden von Haibar ; und auf jede Haudelsunternehmung der Mekkaner in die nördlichen Länder wurde eifrig Jagd gemacht. Nachdem man so ein Jahr lang mit List und Gewalt gegen alles, was in Higäz und den angrenzen-
‘) So hei «Jen Beim fiiulam.
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Das .ohrn Mnhminiir«R
den Landstrichen dem Islam noch fern stand, vorgegangen war, konnte Mohammed hoffen , solches Übergewicht über Qo- raisch zu besitzen, daü er einen Hauptschlag gegen ihre Stadt selbst wagen dürfe, und zu diesem Zwecke setzte er die soge- nannte Expedition nach Hodaibijja ins Werk.
Dem arglosen Beschauer sollte dieselbe nicht ein Kriegszug, sondern eine Omra, d. h. eine Besuchung Mekkas zum Zwecke der Darbringung von Opfern scheinen. Zu dieser frommen Bezeich- nung wollten aber die Zurüstungen wenig passen. Wie vor Badr und Ohod wird der Gemeinde von einem Traume Kunde gegeben, in welchem Gott jegliches Glück verheißt; als Parole schallt das kriegerische Wort : Unzweifelhafter Sieg, und die lleerschaaren Gottes, die Kngel, müssen herhalten, um die Stärke des Aufgebotes der Idee nach zu verdoppeln.
Somit beabsichtigte Mohammed offenbar ein Unternehmen größten Stiles. Doch schlug ihm gleich anfangs eine Hoffnung fehl : zum ersten Male versuchte er, den neubekehrten Beduinen Heeresfolge aufzuerlegen; diese jedoch entsprachen im Hinblick auf die Gefahren des Zuges so wenig seinem Ansinnen, daü er nicht die erwartete große Zahl von Teilnehmern fand. Diese Enttäuschung findet im Koran ihren Ausdruck:
S. 48, II, Die Zurückgebliebenen von den Beduinen werden dir sagen (wenn du sie zur Rechenschaff ziehst) : Wir hatten mit unseren Herden, unseren Familien zu thun — erflehe uns deshalb Verzeihung bei Gott. Doch sprechen sie mit ihren Zun- gen aus, was nicht in ihren Herzen steht. Sag: Wer vermag über euch gegen Gott etwas, wenn er euch einen Schaden zudenkt oder einen Nutzen P Nein, Gott kennt euer Thun.
- Ihr glaubtet aber, der Gesandte Gottes und die Gläu- bigen würden niemals in ihr Heim zurückkehren ; solches war (vom Satan) in euer Herz gelegt, und deshalb gabt ihr euch schlimmen Vermutungen hin und wurdet arge Leute.
Hier wird eingestanden, daü mit dem Zuge Gefahr verbun- den war; unter welchen Vorwänden man sich auch Mekka näherte, es mußte bei der gespannten Stimmung hüben und drü- ben zu einem Kampfe kommen. Wenn aber eine Herde Opfer- tiere mitgelrieben wurde, so geschah dies wohl nur, um die öffent- liche Meinung Arabiens zu täuschen und für die Muslime ein- zunehmen. Nach den besten Nachrichten waren es wenigstens
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1400 Mann, l ) mit welchen Mohammed im Monate Du-l-Qada von Medina aufbrach. Ungehindert kam man durch Hifcaz und trat schon in den Haram von Mekka ein, als ein Spion vom Stamme rjuza a die Bolschaft brachte, daß die Kriegsmacht der Qoraischiten, vereint mit ihren ständigen Bundesgenossen vor der Stadt lagere, um Mohammed mit Gewalt den Eintritt zu ver- wehren, daß femer auf allen Vorbergen ein Wachtdienst von Spähern zur Beobachtung seiner Bewegungen eingerichtet sei. Als die Muslime nichts destoweniger noch über die Paßhöhe von Dät-el-Hanzal bis nach Hodaibijja vorrückten , sahen sie sich plötzlich ihren Feinden gegenüber. Doch statt einen Angriff zu wagen, trachtete nun Mohammed, der sich den gegnerischen Streitkräften anscheinend nicht gewachsen fühlte, auf alle Weise die Lage, in welche er sich hineingewagt, friedlich zu lösen. Durch Männer vom Stamme Huza’a, seine gewohnten Spione und Überläufer, ließ er die Führer des mekkanischen Heeres wissen, daß er ohne feindliche Absichten gekommen sei und nur als Pil- ger die Ka’ba zu besuchen wünsche. Doch fand er hierfür wenig (Hauben und Gehör; denn auch die Mekkaner hatten ihre Kund- schafter in das Lager der Muslime geschickt und waren über die wahren Verhältnisse wohl unterrichtet. So sah sich der Pro- phet gezwungen, Verhandlungen mit den Vertretern der qorai- schitischen Stamme anzuknüpfen, und schickte Oimän, der wegen seiner edlen Abkunft und einer gewissen diplomatischen Gewandtheit besonders geeignet schien, als Gesandten in die Stadt. Doch auch diesem gelang es nicht, die Wünsche seines Meisters hier genehm zu machen, weshalb er sich darauf verlegte nach dessen Anweisung günstige Bedingungen für einen Frie- densschluß zu erwirken. Darüber vergingen mehrere Tage, und das Heer der Gläubigen begann ungeduldig zu werden über die Ungewißheit der Lage, als sich das Gerücht verbreitete, Otmän sei in der Stadt ermordet worden. Da erkannte Mohammed, daß er unter solchen Umstanden einem Kampfe nicht ausweichen könne, wenn auch die Aussicht auf Sieg gering sei. Kr versammelte
•) Vgl. Waqidi p. 242. Buhari III. :*>– 40. Von der Beute im Haihar- zuge erhielten 1400 Manu Anteile, entsprechend der Zahl der Teilnehmer von Hodaibijja. Wenn Ihn Hischäm die Zahl 700 vorzieht, so erkennt man .lar.ius das Bestreben, die Tendenz des Zuges möglichst harmlos scheinen zu lassen.
Gr im tut: IMiMMl I. 8
Iii
Das Lehen Mohammed«.
deshalb alle seine Krieger um sich herum und ließ sich, unter einem Räume stehend, von jedem das Schwurgelübde in die Hand ablegen, eher zu sterben, als zu weichen. Gleich nach diesem kriegerischen Akte traf aber Otmän wohlbehalten wieder im Lager ein, gefolgt von einem Gesandten Mekkas, Suhail ben’Anir, der mit Mohammed persönlich den Friedensvertrag abschließen sollte. Damit stand der Prophet vor einer kritischen Wahl : sollte er die mächtig entfachte Kampflust der Seinen ausnutzen und jedes Unterhandeln abweisen oder Mekkas Frieden annehmen und die Leidenschaft der Gläubigen selbst wieder herabdämpfen ? Kr wählte das letztere, entsprechend seinem Naturel, in dem ungleich mehr vom Diplomaten als vom Kriegshelden lag, und verstand sich nach kurzer Beratung zu einem Vertrage folgenden Wortlautes :
In deinem Namen, o Gott! Dieses ist der Friedensvertrag, den Mohammed ben ‘Abd-Alläh und Suhail ben ‘Amr abge- schlossen haben. l ) Sie sind überein gekommen, dalä der Krieg ruhen solle unter den Menschen zehn Jahre lang. Innerhalb die- ser Zeit soll ein jeder selbst sicher sein und den anderen in Ruhe lassen, also daß auch kein heimliches Abbruchthun vorkomme, vielmehr eine aufrichtige Ehrlichkeit unter uns herrsche. Wer von den Qoraischiten zu Mohammed kommt ohne Erlaubnis seines Patrons (wali), den wird er ihnen wieder ausliefern; wer aber von Mohammeds Leuten zu den Qoraischiten kommt, den liefern sie nicht wieder aus. Wer mit Mohammed Vertrag und Hund machen will, darf es thun, desgleichen, wer mit den Qoraischiten Vertrag und Rund wünscht. Weiter sollst du (Mohammed) dieses Jahr unser Gebiet räumen und nicht in feindlicher Absicht gegen uns Mekka betreten; im nächsten Jahre aber wollen wir vor dir die Stadt räumen, dann magst du samt deinen Genossen einzie- hen und drei Tage in derselben verweilen, doch nur ausgerüstet wie ein Reisender, das Schwert in der Scheide. Mit anderen Watten darfst du nicht einziehen. 2 )
Es muß «lern Propheten viel am Zustandekommen des Vertrages ge- legen hahen ; denn er duldete einerseits, daß zu Anfang des Schriftstückes eine alt heidnische Formel gesetzt und daß weiterhin sogar hei seinem Namen der übliche Titel : , Gesandte Gottes” ausgelassen wurde.
*) Der letzte Teil des Vertrages fällt aus dem Kontraktstil heraus und entspricht hei Ihn Hischäm und Waqidi wohl kaum genau der ursprünglichen Fassung.
V. Kapitel. Wachsende äußere Macht des Islams 0. 5. w. 1 1 *>
Als Zeugen unterzeichneten sich Abu Bekr, ‘Omar, ‘Abd-er- Rahmän ben ‘Auf, “Abd-AHAh Uen Stlha.il, Sa’d ben Abi Waqqäs, Mahmud ben Maslaina, Mikraz hon IJafs (ein Heide) und ‘AU, der auch das Original der Urkunde schrieb. l )
Das Zustandekommen dieses Vertrages versetzte die Mekka- ner in eine übermutige Siegessl immung, .die Hitze der liarbarei”, wie der Koran es ausdrückt ; s ) bei den Muslimen aber herrschte eine an Erbitterung streifende Enttäuschung über die vermeintlich ungünstige Wendung der Lage, und nur mit großer .Mühe gelang es Mohammed, sie dahin zu bringen, daß sie sich in das Ge- schehene gehorsam lugten , und so die .Gottesruhe – , d. h. die gottergebene Resignation nach Aufregung und Not sich über sie verbreitete. Seine Beschwichtigungsgründe hat der Koran aufbe- wahrt; sie sind teils schwächlich, teils schwindelhaft:
S. 48, 22. Wenn die UnglAubigen euch bekämpft hätten, so würden sie auch gewiß den Rücken haben kehren müssen. . . .
- Gemäß Allahs vorhergegangener Anordnung ; •) au Allahs Anordnungen aber wirst du keine Änderung wahrneh- men können.
- Doch hat er (Gott) ihre Hände von euch und (darum auch) die eurigen von ihnen im Thale von Mekka zurückgehal- ten, nachdem er euch schon ihnen überlegen gemacht hatte. *)
- Sie aber, die UnglAubigen, sind es, welche euch von der Mesgid-el-haram wegdrangen, samt den Opfertieren, die schon gebunden standen, um zu ihrem Schlachtorte gebracht zu werden ; und wAren nicht einzelne gläubige Männer und Frauen gewesen, von denen ihr nicht ahntet, daß ihr sie mit darnieder- treten würdet unwissentlich (wodurch auf euch eine Verschuldung gefallen wäre ; Gott aber will jeglichen in seine Barmherzigkeit aufnehmen), weil sie einzeln gewesen wären, so hätten wir die Ungläubigen unter ihnen gezüchtigt mit herber Strafe.
•) Noch zwei andere Zeugen finden »ich bei WAqidi. •) 4K, 21».
■) D. h. die Losung .Naher Sieg* war von Gott nur in dem Sinne ver kündet worden, daß die Muslime siegreich sein sollten, wenn mit den I n>;läu- higen ein Kampf zn stände käme.
M Der Schlußsatz soll entweder die froheren Erfolge der Gläubigen j:e- gen Mekka hervorgehoben oder diese als die nach Zahl und KiMting Überlegenen bezeichnen ; schwerlich aber wird damit ein kurz vorhergegan^nes siegreiches Treffen angedeutet.
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Das tahen Mohammeds.
Zum Zeichen für die Seinigen, daß die Pilgerfahrt ihr Ziel erreicht habe, schlachtete Mohammed darauf ein Oplertier und schor sich das Haupt; seinem Beispiele folgte das ganze Heer. Nach Beendigung der Ceremonien verließ man das mekkanische Gebiet und gelangte zu Sehluli des Monats Du-I-Qa’du wieder nach Medina.
Über die Bedeutung des Vertrages von Hodaibijja für den Islam ist viel gestritten und meist abfällig geurteilt worden. Schon die Genossen Mohammeds, auf welche die Berichte der arabischen Historiker zurückgehen, scheinen nicht den rechten Maßstab der Wertschätzung dafür gefunden zu haben, wenn sie als günstige Folge nur hervorheben, daß das freigegebene Anschlußrecht der Partei Mohammeds mehr Anhänger zugeführt habe, als den Qorai- schiteu, wie denn gleich während der Verhandlung darüber die längst mit den Muslimen konspirierenden Huza astämme , die nächsten Nachbarn Mekkas, sich auf Seite derselben geschlagen hätten. Dieses mangelhafte Verständnis erklärt sich aber daraus, daß die Muslime hier nur den Maßstab des Propheten und Gottes- mannes, nicht des Diplomaten an Mohammed legen. Doch auch moderne Biographen x ) stellen die Lage nach Hodaibijja so hin, als sei der Prophet dieses Mal im diplomatischen Spiele gründlich unterlegen und habe es nur günstigen Umständen der Folgezeit zu verdanken gehabt, wenn er bald wieder auf die Höhe seines alten Glückes gelangt sei. Daß dieses nicht der Fall ist, vielmehrder ganze Vertrag dem Vorteile Mohammeds von vornherein diente, läßt sich nicht unschwer nachweisen. Zunächst mußte der Umstand, daß seine Feinde vor den Thoren ihrer Stadt, gleichsam gezwungen, mit ihm Frieden schlössen, in der öffentlichen Meinung den Haupter- folg ihm zuteilen. Auch sprach aus dem Friedensbriefe die deut- liche Anerkennung seiner Gleichberechtigung mit dem mächtig- sten Gemeinde wesen Arabiens und damit zugleich die Bestätigung des Mißlingens aller bisher gegen ihn geführten Kämpfe. Im ein- zelnen betrachtet, sind die Artikel, die von Frieden und gegen- seitiger Sicherheit handeln, bei der angenommenen Gleichheit beider Teile reciprok ; dem Zugeständnis für Mohammed , daß
‘) Z. B. Tgl. Sprenger, I>eben und Lehre Mohammeds, III. 217: Es ist gewifi, daü der Prophet den Vertrag in einem Augenblicke der Abspannung geschlossen hat, und daü es ihm an Mut um! Energie fehlte.
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er nach Jahresfrist ungehindert die Wallfahrt unternehmen dürfe, dem Kernpunkte, worauf es diesem ganz allein ankam, wollten die Mekkaner durch die ungleich formulierte Ausliefe- rungshestimmung begegnen, die vielleicht durch die Furcht einge- geben wurde, Mohammed könnte bei der Wallfahrt erfolgreiche Propaganda bei den niederen Schichten der Stadtbevölkerung machen. Doch auch diese Ausnahmebestimmung schlug wohl zu Gunsten Mo- hammeds um. Die günstigen Ereignisse der vergangenen Jahre hatten bewirkt, dali alles, was ehemals in Mekka dem Islam zugethan ge- wesen war, sich schon in Medina eingefunden hatte : nachträglich Bekehrte konnten jederzeit dorthin nachfolgen , wenn sie Freie waren: waren es aber Sklaven oder solche, die einen Patron über sich wußten, so wurden diese zwar am Überlaufen jetzt gehin- dert : doch hatte die Gemeinde , welche die ganze wohlhabende Bürgerschaft von Medina , die durch Beute reich gewordenen Emigranten, sowie eine Anzahl selbständiger Nomadenstätnme umschloß, an ihnen nur wenige verloren. Wer aber von der ganzen, an den Glückswagen des Propheten schon gespannten Menge hätte das Bedürfnis gefühlt, zu den mehr und mehr in die Enge getriebeneu Mekkanern überzugehen ? Mochten diese sich vielleicht mit solcher Hoffnung noch schmeicheln: Mohammed kannte gut genug die ihm innewohnende Anziehungskraft, als er den Artikel bestätigte. Für ihn enthielt derselbe die Thatsache, data nimmehr den Mekkanern seine Stadt Medina verschlossen war, den Seinigen hingegen die Thore von Mekka ollen standen ; so konnte er jetzt fortwährend Anhänger seiner Lehre, wenn auch nur unter der Form von Uberläufern in die heilige Stadt schicken, um dort im Geheimen für ihn zu wirken und bei einem neuen Eroberungsversuche ihm in die Hände zu arbeiten. Diese Ver- mutung drängt sich auf, wenn man sieht, wie trefflich kaum zwei Jahre später in Mekka der Boden für den Islam vorbereitet war, so daß die Einnahme kaum einen Schwertstreich kostete. Alles in allem genommen hat Mohammed bei Hodaibijja eine zwar schwierige Lage durch Selbstbeherrschung und politischen Scharf- blick sich in einer Weise zu Nutze gemacht, wie es glücklicher kaum durch eine gewonnene Schlacht hätte geschehen können Noch sei bemerkt, dato er durch den Vertrag mit Mekka sich innerlich eben so wenig gebunden fühlte, wie durch zahlreiche früher eingegangene Verträge : hatle er seinen Vorteil daraus gezogen,
118 Das I,*hen Mohammeds.
so trachtete er, bei der nächsten besten Gelegenheit das Über- einkommen zu kündigen. Das sollte auch in diesem Falle die Zukunft lehren.
Wenn so die ganz«: Expedition der Sache des Islams ent- schieden genützt hatte, so ließ sie doch in den Augen der Waffenge- nossen des Propheten etwas vermissen, was mehr als religiöser Eifer der Sporn aller bisherigen Unternehmungen gewesen war, nämlich Beute. Uni den Durst hiernach einmal grundlich wieder zu stillen, bot Mohammed in den ersten Monaten des Jahres 7 d. H. alle diejenigen Krieger, welche den Zug nach Hodaibijja mitgemacht hatten, nochmals auf und stellte ihnen als neues Ziel Haibar vor Augen. Nord-nord-östlich von Medina erstreckt sich ein weites vulkanisches Gebiet, die Harra von rjaibar, in deren Mitte sich Dank ihrem Wasserreichtum und menschlichem Fleiße weit- berühmte Palnienkulturen und Saatfelder ausbreiteten. Jüdische Kolonisten waren die Schöpfer und Bewohner dieser herrlichen Anlagen, ihre Burgen ragten auf zahlreichen steilen Basaltkegehi aus dem Kranze der Palmenwälder hervor. An 10,000 waffen- fähige Männer soll zu Mohammeds Zeiten ihre Kolonie gezählt haben, genügend, um sie als Stützpunkt der jüdischen Macht in Nord-Arabien und als gesuchten Hülfsgeuoß der zahlreichen um- wohnenden Gatatanstämme erscheinen zu lassen. Der Besitz dieser Gegend schien jetzt dem religiösen Tyrannen von Medina der Mühe eines voraussichtlich nicht unblutigen Feldzuges wert ; zugleich mochte ihm auch der Gedanke, endlich einmal den Gatafän einen Schlag zu versetzen, mit unterlaufen. Seine Krieger lieben sich leicht durch die V erheißung ermutigen : Gott hat euch reiche Beute zuge- ilacht : als sich aber auf dieselbe Aussicht hin Sehaaren von Be- duinen dem Heere anschließen wollten, da wies er. eingedenk ihres Ausbleibens beim letzten Zuge, ihre Hülfe zurück, stellte ihnen jedoch in Aussicht, sie gegen ein stärkeres Volk einst zu gebrauchen: fände er sie dann ebenso willig, so solle ihnen ein reicher Gotteslohn blühen ‘) — eine deutliche Anspielung auf Mekka , die freilich dem kaum eingegangenen Friedensvertrage wenig entsprach.
Es gelang, durch geschickte Märsche ziemlich unerwartet in die Nähe von Haibar zu gelangen. Die zerstreute Lage der
*J 4\ US.
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Burgen war zwar einer Einschließung günstig, stellte jedoch eine lange Dauer der Operationen in Aussicht. Mohammeds Augen- merk richtete sich zunächst auf den Burgkomplex el-Natät, dessen vollständige Bezwingung eine Woche saurer Arbeit machte ; denn die Juden, welche sich den Muslimen überlegen glaubten, beschränktet i sich nicht auf Verteidigung, sondern versuchten zahlreiche Ausfalle gegen den Feind. Erst als Verräterei sich ein- mischte. *) fiel eine Burg nach der anderen, nachdem ihre Be- wohner sie verlassen hatten, in die Hand der Angreifer und setzten diese durch ihre reichen Vorräte an Lebensmitteln und Waffen , darunter auch Wurfmaschinen , in stand , nachhal- tiger den Krieg fortzusetzen. Jetzt wandte mau sich gegen die Niederlassung el-Schiqq ; hier beschränkten die Juden ihre Ge- genwehr darauf, die Muslime mit Pfeilen zu überschütten, doch letztere erstürmten wahrscheinlich mit Hülfe des Belagerungs- geschützes bald auch diesen Platz. Nun war die ganze Juden- schafl, diejenigen miteinbegriffen, welche sich aus el-Natät und el-Schiqi| gerettet hatten, in den Schlössern el-Watfb und el- Katiba eingeschlossen ; in letzterem allein befanden sich an 2000 Mann mit Weib und Kind. Eine solch große Menge mußte, wenn es nicht gelang, erfolgreiche Ausfälle zu machen, schon durch den Hunger bald zur Übergabe gebracht werden. Nach ungefähr zehntägiger Belagerung, während welcher fast gar nicht mehr gekämpft wurde, bat die Besatzung um Frieden, und in den folgen- den Verhandlungen wurde ausgemacht, daß die besiegten Juden zwar Leben, Weiber und Kinder behalten, dagegen ihren Besitz ver- wirkt haben sollten. Sowohl die bewegliche Habe als die Lie- genschaften wurden nach Abzug des Prophetenfünftel, das dieses Mal ungemein reich ausfiel, in 1800 Loose geteilt, und hiermit die 1400 Teilnehmer des Zuges ausgelöhnt, wobei auf jeden der 200 Hei- ler das Dreifache von dem des Fußgängers liel. War vorher schon der Islam für seine Anhänger eine Quelle des Wohlstandes gewesen, jetzt machte er sie alle zu reichen Leuten; deshalb konnten die Muhägirün alle Verpflichtungen , die sie bei ihrer Übersiedelung nach Meditta mit den Ansär eingegangen waren, wieder ablösen. a ) Bei dem Mangel an tüchtigen Arbeitskräften
») Vgl. Wäqidi p. 268 und 27»>. •) Vgl. SahiU des Muslim II. 151» f.
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Das Leben Mohammeds.
zur Bewirtschaftung eines so großen und wettvollcn Besitzes, wie rjaibar war, verfiel man auf den Ausweg, die Juden als Pächter auf ihrem früheren Eigentum» zu belassen , ihnen aber die Hfdfte des Ertrages an Früchten abzufordern: eine nicht unbillige Hinrichtung, die jedoch durch die wachsende Anmaßung der Gläubigen vielfach»’ Störungen erfuhr.
Nach dem Falle von rjaibar war es den Muslimen ein Leich- tes, die übrigen Judenkolonien dieser Gegend unter Botmäßigkeit zu bringen. Khe Mohammed sich nach Medina zurückwandte, bekämpfte er Wndi-l-Qora *) und behandelte bei der Übergabe deren Einwohner nach dem Muster der Juden von Haibar. Das Dorf Fadak, 2— :i Tagereisen nördlich von Haibar gelegen,») war schon während der Belagerung von el-Natät auf einer Streife einge- nommen, endlich das uralte Taimä bot freiwillig seine Kapitula- tion an und wurde zur Zahlimg der Kopfsteuer verpflichtet.
So war die Macht der Juden in Nordarabien fast überall gebrochen ; wohl nur einzelne Geschlechter in Medina, die ehemals mit Mohammed den Gihädvertrag eingegangen waren, bewahrten noch dem Namen nach ihre Freiheit, ob freilieh bis zum Tode des Propheten , ist zweifelhaft ; denn eine Tradition des Ibn Omar 3 ) berichtet von einer Vertreibung sämtlicher Juden Me- dinas, ohne freilich hinzuzusetzen, wann Mohammed solches verfügte. Übrigens hob der Kalif’Omar den letzten Rest von Duldung, wel- chen der Gesandte Gottes aus Gewinnsrücksichten für die Juden übrig hatte, im Jahre 20 d. H. auf, indem er allen Juden befahl, die Landschaft Higäz zu räumen. Die Begründung dieses Ediktes soll angeblich in einem Ausspruche Mohammeds, daß innerhalb Arabiens zwei Religionen sich nicht begegnen könnten, bestanden haben. *)
Nachdem der Prophet in den Besitz aller festen Punkte im weiten Umkreise von Medina gelangt war, war es kaum mehr
‘i Das „WAdi der Dörfer* ist, wie sein Name sagt, nicht ein einzelner Ort, sundern ein stark bevölkertes Thal von mindestens drei Tagereisen Länge, zwischen Du-I-Marwa und Higr, durch welches die Karawaiiensttafie von Me- dina nach Tabfik und Syrien fahrt. Näheres bei Wrtslenfeld : Das Gebiet yon Medina p. 74.
»,) Vgl. Wüstenfeld, das lieblet von Medina, p. 71. Vgl. Bnhari HL 14.
J Vgl. Belädori p. 2.
V. Kapitel. Wachende Süßere Marht des Islams u. s. w. 121
von größerer Bedeutung, wenn er in den folgenden Monaten zahlreiche Razzias auf Noinadenstämnie dieses Bezirks anstellen Meli, so gegen die Benu Murra, Benu Abd ben Ta’laba und viel- leicht nocli manche andere, worüber die Tradition schweigt.
So verging allmählich das Jahr, nach dessen Ablaufe ein dreitägiger Besuch des mekkanischen Heiligtums der Gemeinde freistehen sollte. Dieses wertvolle Hecht auszunützen , machte sich der Prophet , begleitet von 2000 Mann , den Kriegern von Hodaibijja samt manchen anderen, im Monate Du-l-Qa’da des Jah- res 7 auf den Weg gen Mekka; eine Herde von Opfertieren wurde dem Zuge nachgetrieben. Als die Qoraischiten von sei- nem Nahen erfuhren, fürchteten sie zuerst kriegerische Absich- ten ; doch da die Gläubigen vor ihrem Eintritte in den Bann- kreis der heiligen Stadt ihre Waffen niederlegten und nichts als die Schweiler behielten, beruhigten sie sich. Während die Un- versöhnlichsten unter ihnen die Stadt räumte?! und sich auf die umgebenden Höhen zurückzogen, durcheilte der Prophet mit den Gläubigen unter Labbaikarufen 1 ) das mekkanische Thal. Am heiligen Hause angekommen mnschritt zuerst er selber, dann sein Gefolge dasselbe dreimal in schnellem und viermal in lang- samerem Schritte, begrüßte den geweihten Stein, verrichtete den Lauf zwischen den Hügeln $afä und Marwa und schlachtete bei letzterer Station die Opfertiere. Die drei zugestandenen Tage verliefen ohne jede feindliche Kundgebung; vielleicht um freundliche Beziehungen mit der Stadt anzubahnen , warb Mohammed in dieser Zeit bei el-‘Abbäs um die Hand der Maimüna und stattete sie, als sie ihm zugeführt wurde, mit einer Morgengabe von 400 Drachmen aus. Als die Frist zu Ende ging, verließ er Mekka, hielt gleich nach Überschreitung der Harämsgrenze Hochzeit und kehrte sodann nach Medina heim.
Der Eindruck , den sein Auftreten , seine Herrschergewalt über die Gemeinde, der Gehorsam und die gehobene Stimmung in seiner Umgebung bei den Mekkanern hinterließ, muß ein überwäl- tigender gewesen sein. Der Islam hatte für sie bis dahin kaum in etwas anderem als in Übungen des Gebets und der Ent- sagung heidnischer Genüsse bestanden: jetzt offenbarte er sich
‘) Der Sinn dieses altheidofaetieu l’ilgerrufes, dessen ^ramtnaliwhc Form noch unerklärt ist. soll sein: Zu deinen Diensten !
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Das I^hon Mohammeds.
auch als eine Quelle irdischen Wohlbehagens, als ein treffliches Mittel zur Befriedigung jener altarabischen Wünsche, Fehde und Reicht um. Wenn Gotl schon auf Erden die Gläubigen so herr- lich belohnte, wie es au den ehemals bettelhallen Existenzen, die jetzt im Pesitze beneidenswerter Reichtümer erschienen, er- sichtlich war, dann war es kein Opfer mehr, dem Manne, durch dessen Vermittelung alles dieses geschah, zu gehorchen und ihm al> Gesandten flottes zu huldigen. Solche Erwägungen durch- kreuzten jetzt die Gedanken mancher Mekkaner, und in diesem Gefühle trafen sich zwei der talentvollsten Vertreter der Jung- niamischafl, so dali sie sich entschlossen, ihrer Vaterstadt zu ent- weichen und dem Propheten ihre Dienste zur Verfügung zu stellen. Es waren Amr Den el-As und Ilalid ben el-Walid, in welehem der Islam zwei seiner Apostel erhielt, wenn auch schwert- umgürtete, denen er nach Mohammeds Tode Fortbestand und weitere Ausbreitung wesentlich mit zu danken hat.
So sah der Prophet jetzt mit den schon von früher h<r bewährten Kräften, wie Ali, Omar, Zaid ben flärita, Männer zu seiner Verfügung, auf deren Schultern er die Führer- schaft über seine beutelustigen Sehaaren abladen konnte. Flogen jetzt seine Reiter schon bis nach Pahrain, x ) dem Sitze der Magier oder persischen Feueranbeter, und in die Grenzbezirke von Syrien und Migäz, wo die Stämme und Städte christlicher Araber sich ausbreiteten, um je nach den Umstanden als freche Räuber, rauf- lustige Krieger oder glaubenseifrige Missionäre aufzutreten, so verblieb der Prophet in Medina und lenkte von hier alle Fäden einer weitschauenden Politik, doch stets mit begehrlichem Sei- tenblicke auf Mekka.
Dan” sein politischer Gedankenflug mit jedem Jahre freier und weiter ward, gehl unwiderleglich aus dem Gange der Ereig- nisse hervor; daß er aber nicht über alles Maaii hinaus wuchs, sondern vom kalten Verstände gezügelt nur das denkbar Mögliche erstrebte, ist sein Hauptvorzug. Dazu steht nun in seltsamem Gegensatze, was die Biographen bei diesem Zeiträume zu melden wissen : der märchenhaft-phantastische Versuch, die Welt zur Annahme des Islams einzuladen. Von der Überzeugung aus- gehend, data der Islam als Religion und Staatsform für die wei-
‘) VgL Ibn el-Atir IL 80.
V. Kapitel. Wachsende äußere Macht des Islams u. s. w. 12.”
testen Kreise bestimmt sei, soll Mohammed in der Zeit nach Ho- daibijja, also in irgend einem Termine vom Jahre f> — 10 d. H. an die Herrscher der ihm bekannten Reiche gleichzeitig Botschaf- ter gesendet haben, um ihnen den Beitritt zum Islam ans Herz zu legen. Die (Gesandten, beifit es, wurden verschieden behandelt: Moqauqis, Herr der Kopten, ‘) dankte, ohne Muslim zu werden, durch Ubersendung von Geschenken, zwei Sklavinnen, Mauleseln und kostbaren Gewändern ; der Sasanidenherrseher zerrila ver- ächtlich das ihm übergebene Schreiben, weshalb nach Hückkehr des Überbringers Mohammed die Zernichtung seiner Macht pro- phezeite. Der Kaiser von Ostrom, Heraklius, empfand Sympathien für die neue Wahrheit, legte aber den Fall erst seinen Statthal- tern und geistlichen Beratern vor, während el-Härit, der Gassa- nide, erzürnt mit Kriegsdrohung antwortete. Der König von Jemänia, Hauda, findet den Islam annehmbar, doch nur, wenn Mohammed ihm einen Teil Arabiens zusprechen will. Bin ganzer Erfolg soll bei dem christlichen Negus von Abessinien erzielt worden sein, indem er den Islam angenommen und sechszig seiner Eckelen nach Medina gesandt hätlc, die jedoch bei der Überfahrt, auf dem roten Meere leider ertrunken wären. Nach anderen *) wurde auch Mundir, König von Hira, besendet.
Man hat bisher diese Nachrichten ziemlich unbeanstandet als geschichtlich angenommen und daraus lür das Wesen des •Islams und die Charakteristik Mohammeds wichtige Schlüsse ge- zogen. Deshalb muti mit allem Nachdrucke konstatiert werden, daß dieselben durchaus unglaubwürdig sind, auch im Koran ihre innere Bestätigung nicht linden. Fragt man, was in dem- selben als Mohammed und des Islams höchstes Ziel angedeutet wird, so kann die Antwort nur lauten: der vollständige Besitz Arabiens. Zwar kommen einzelne Stellen vor, welche aus ihrem Zusammenhange genommen als Zeugnisse für eine weiterschau- ende Auffassung angesehen werden könnten, z. B. S. 2, 180:
Bekämpfet sie, bis kein Ärgernis mehr besteht, und der Gottesdienst Allah allein gilt.
Doch gebietet der Zusammenhang dieser schon aus dem Jahre 2 d. II. stammenden Stelle, an nichts anderes als die Be-
l ) Trutz Karabacek scheint es mir nach wie vor zweifelhaft, oh sich hinter diesem Namen ein bloßer Titel oder ein Eigenname birgt J i Vgl. el-Atir II. SO.
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Das L«ben Mohammeds.
kämpfung von Qoraisch zu denken. Ähnlich verhält es sich mit S. 61, 0:
Er (Gott) ist es, der seinen Gesandten schickte mit der Recht- leitung und der wahren Religion , um sie siegen zu lassen über jegliche Religion , wenn es auch diejenigen ärgert , welche der Vielgötterei ergeben sind.
Data mit der Besiegung jeglicher Religion nur die Vernich- tung der in Mohammeds Lehre als falsch hingestellten, d. h. vor allem der arabisch-heidnischen gemeint ist, scheint sicher. Denn zum Kample gegen die christliche und jüdische Religion hat der Prophet nie seine Gläubigen angestachelt , weil er damit einen wichtigen Satz seines Dogmas umgestoßen hätte, die Annahme, daß alle geoflfen harten Religionen, einerlei, ob sie von Moses, Jesus oder Mohammed verkündigt sind , wahr und in Überein- stimmung mit einander seien. Deshalb sind seine .ludenfeldzüge nicht als Religionskriege, sondern als Racheakte für persönliche Be- leidigungen anzusehen ; und als er später in Sure 0 den Krieg gegen die christlichen Stämme der Nordgrenzc Arabiens predigte, verlangte er nicht , man solle sie bekehren , sondern nur zins- j »tüchtig machen.
Anders nahmen sich die Dinge aus, als in den Kriegswirren der folgenden Jahrzehnte die Muslime Sieg um Sieg errangen und sich endlich im Besitze des gesamten Orients sahen. Glückliche Umstände hatten den Islam zur Weltmacht erhoben; dadurch wurde Mohammeds Religion zugleich eine Weltreligion. Mit bewußter und unbewußter Absicht legte die Tradition jetzt dem Propheten Ideen unter, wie sie den universelleren Verhältnissen entsprachen, z. B. :
Ks ist mir befohlen, die Menschen zu bekriegen, bis sie das Zeugnis ablegen: Kein Gott außer Alläh und Mohammed, der Gesandte Gottes, bis sie die Gebete verrichten und die Armen- steuer zahlen. ») Als Beleg hierfür entstand besonders in der Tradilionsschule des ‘Abd-Alläh ben Abbäs, *) jenes anmaßlichen Allwissers, der behauptete, von Mohammed selbst zum Erklärer des heiligen Buches bestimmt zu sein, •) allerlei Erzählungs- stoflf, den die ersten Historiker des Islams in ihre Geschichts-
‘) Vgl. Uuhäri 1. 10.
(ieboren kurz vor der Flucht, gentorben h. 08. ■ J : Vgl. Buljari I. 22.
V. Kapitel. Wachsende äußere Macht <les Islams n. s. w.
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darstellnngen verbauten. M Auf Um Abbas selbsl treht fast alles zurück, was von Beziehungen des Kaisers Heraklius und des Chosroes zu Mohammed berichtet wird, so der Wortlaut des Auft’orderungsschreibens an ersteren, nach welchem Modelle Spä- tere die übrigen Briefe verfertigt haben: •)
Im Namen Gottes, des Allerbarmers ! Von Mohammed, |dem Knechte Gottes und] seinem Gesandten an Heraklius, den Grotten von Rom. Friede über den, welcher der ltechtleitung folgt !
Also [ich lade dich zum Islam ein;] werde Muslim und du bist gesichert. *) Es wird dir Gott deinen Lohn doppelt geben. Wendest du dich aber ab, so komme auf dich der Trug der Je- ns in. *) [ U Volk der Schrift, auf ! zu einem Worte der Verstän- digung zwischen uns und euch, daß wir keinem dienen als Allah, ihm nichts beigesellen, und daii keiner von uns andere zu Herrn sich nehme neben Allah. Wenn sie sich abwenden, so sagt: Bezeugt, datt wir Muslime sind.] a )
Die Einzelheiten über den Erfolg dieses Schriftstückes, sowie
‘i Ihn Ishäq giebt in en l’majja an den Negus, Dihja an Heraklius, ‘Abd-Alläh den Hodfifa an Chosroes, Hätib ben Abi Balta’a an den Moqauqis, Schugu’ ben Wahb an el-Härit. Salit ben ‘Amr an Hauda.
■j Vgl. Bübäri I. 6. Der Wortlaut ist bei Taburi ,,. 1Ö0Ö bedeutend kürzer : in demselben fehlen die eingeklammerten Stellen.
8 ) Tab.: Werde Muslim und . . .
*) Wohl richtiger Arisin (Feldbauer). Tab. hat Akkärin i fossorum); der Sinn bleibt mir in allen drei Versionen dunkel. 4 I Der letzte Passus ist — 3, 57.
Da* liehen Mohammeds.
eine lange Unterredung zwischen dem Mekkaner Abu Süßau und lleraklius in Jerusalem über Mohammeds Geschlecht und Eigen- schaflen tragen die Marke desselben Lügners, nicht minder alles, was vom Briefe an Ghosroes und dessen Verhalten zu demselben erzählt wird. Ein Hauptschüler des Ibu ‘Abbäs, ez-Zuhri, ergänzt nach Krätten seinen Meister ; außer anderen Haditen ‘) rührt von ihn» die Märe her, welche er in einem von Jazid ben Abi Habib entdeckten Buche gelesen haben will : Mohammed habe seine Boten vor ihrem Fortgange ermahnt, nicht wie die Apostel (Ihrisli die reine Lehre, die sie empfangen, zu entstellen : als sie darauf in die verschiedenen Länder gezogen seien, habe ein jeder so- fort die Sprache des betreffenden V olkes gekonnt. Auf dasselln» rätselhafte Buch gehen wohl auch die ziemlich stereotyp geform- ten Gesandtschaflsgeschichten bei Tabari p. 1572 — 7f> zurück.
Kann von den Berichten, die sich mit Heraklius und (Ihos- roes beschäftigen, behauptet werden, daß sie ganz und gar Uli« echt sind, ■) so fragt es sich, was von den übrigen vier bis fünf Köniysmissionen zu halten sei. Für historisch muß jedenfalls die Sendung des Moqauqis an Mohammed gelten ; denn von einer der damals geschenkten Sklavinnen, Maria, welche der Pro- phet in seinen Harem aufnahm , wurde ihm der Sohn seines Alters, Ibrahim, geboren, der indes nur wenige Monate lebte. Ob eine Botschaft Mohammeds Grund zu dieser Sendung war, ist nicht zu sagen. Die Gesandtschaft an el-Härit von Gassän ist zum mindesten zweifelhaft ; denn derselbe Mann, welcher an ihn im Jahre 8 als Bote abgefertigt sein soll, Scliugä 1 ben Wahn, wird im Bebf l desselben Jahres als Anführer einer Bazzia gegen einen Hawäzinstamm erwähnt. s ) Von einem Negus, der Muslim geworden wäre, weiß die abessinische Geschichte nichts: daraus mag man den Schluß ziehen, daß auch die Übersendung des Briefes willkürliche Annahme ist. Hauda, König von Jemä- ma, könnte allerdings mit Mohammed Brief und Gesandtschaft ausgetauscht haben; ähnliche Ansprüche, wie er, wiederholte nämlich kurz nach seinem Tode sein Landsmann Maslama (Mu- sailima). *)
‘) Z. lt. Tahari p. I5W.
*) Nach Theophanes i< Chronograph ia ed. de Boor I. .’ti-‘D ..’cLui^te die Kumte von Mohammed flherhaupt erst nach seinem Tode uuler die Oströmer. ‘) Vgl. >Vaqidt p. 308. *) VfL Behtdon p. 87.
V. Kapitel Wachsende änfinre Macht des Islams u. w. 1-27
Wäre os eine Zeit des Friedens, des Ausruhens nacli ver- gangenen Kämpfen gewesen . in der die Boten ihre friedliche Mission in die Länder hinaus trugen, so könnte das Faktum allen- falls begreiflich scheinen ; doch kein M onal verging, in welchem nicht größere oder kleinere Schaaren zum Beutemachen ausge- schickt wurden. Da die Juden Arabiens alles Ihrige schon an die Muslime verloren hatten, so lag es am nächsten, nicht etwa die Beduinen, eine notorisch arme Volksklasse, sondern die ara- bischen («bristen in ihren Städten und Dörfern aufzusuchen, die von dem nördlichen Grenzgebiete bis nahe an Damaskus heran in einem Land von unerschöpflicher Fruchtbarkeit gelogen waren. Zu einem Raubzuge in dieses Gebiet schickte Mohammed im Gumäda I des Jahres 8 d. H. eine starke Heeresabteilung unter dein Oberbefehle des Zaid ben Härita ab. Bis über Aqaba hin- aus stieß man auf keine Gegenwehr: trotzdem jetzt das Gerücht von großen griechischen Truppenansammlungen in der Belqä auftauchte, zog man weiter nordwärts. Nach Theophanes ‘) kla- rem Zeugnisse war es auf Überrumpelung christlich-arabischer Stämme an einein ihrer Feste abgesehen, nicht, wie die arabischen Quellen angeben, auf Bekämpfung des oströmischen Reiches. Doch da der oströmische Vikarius Theodoras vorher gut benach- richtigt war und Zeit gefunden hatte, die Kontingente seiner Grenztruppen zu sammeln, so wurden die Muslimen durch einen unvorhergesehenen Angriff bei dem Städtchen Mu’ta, unweit Mab (Moabj überrascht und so vollständig geschlagen, daß ihr Führer und zwei designierte Stellvertreter desselben, Ga’far, Alis Bruder, und ‘Abd-Alläh ben Ruwäha fielen, und das Heer in den Zustand vollständiger Auflösung geriet. Nur LjAlids Bemühen war es zu danken, wenn aus der wilden Flucht sich eine Anzahl von Gläubigen wieder sammelte und nach Medina zurückgelangte. Dieser Miß- erfolg erregte hier anfangs arge Verstimmung, vielleicht mehr, weil die Altgläubigen in dem Mekkaner Hälid den Schuldigen er- blickten , *) als wegen großer Verluste , so daß Mohammed sich gezwungen sah, versöhnend einzugreifen, indem er die vom
‘) Chronographia p. 335.
*J Auch die Erctlingsleistung des ‘Arnr ben el-As im Zujje nach Ihil-el- Saläsil rief infolge seiner Rücksichtslosigkeit gegen allere Uläubige starke Mifistimmung hervor.
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Das liehen Mohammeds.
Volksmunde als „Rückenkehrer* Gehöhnten nicht anders als Jlückkehrende” zu nennen befahl.
Nach zwei weiteren Monaten, nicht ganz zwei Jahre nach der Abschlieüung des Friedensvertrages von Hodaibijja war der Zeitpunkt gekommen, wo Mohammed, der sich langst zu einem Kampfe gegen Mekka und dessen weiteres Hinterland stark ge- niig fühlte, mit dem Scheine des Hechts glaubte losschlagen zu können. Lange hatte er mit Argusaugen alle Handlungen seines Nebenbuhlers verfolgt, tun etwas zu entdecken, was als Verletzung des Vertrages aufgefal.it werden könnte; endlich gab ihm eine Fehde der umwohnenden Stämme Mekkas, der Benu Bakr und Benu rjuzä’a, in welcher erstere von einigen Qoraischiten Waffen, rnterhall und Asyl erhielten , die Handhabe zum Kingreifen. Zwar erschien bald darauf Abu Sufjan in Medina, um dem Frie- densvertrage wieder größere Festigkeit und Dauer zu geben, doch eine gleich kühle Behandlung seitens des Propheten wie der an- gesehensten Gläubigen konnte ihm einigermaßen klar machen, was man hier im Schilde führte. Kaum daü er die Stadt ver- lassen, so rief der Prophet alle seine Mannen unter die Waffen, an 10 000 Krieger, da kein Emigrant noch Hülfsgenotä dem Zuge fern bleiben sollte.
Mit der ganzen Wucht seiner Beredsamkeit erklärt er ihnen den Entschluß Gottes, sich loszusagen von dem Vertrage von Hodaibijja, da die Mekkaner ihn verletzt hätten; er stempelt die Expedition zur Eroberung Mekkas nicht zu einem Kriegszuge, sondern zu einer Wallfahrt, und zwar zur größten Wall- fahrt ; er gedenkt aller Sünden Mekkas gegen die Gläubigen, welche sie unwürdig machten, fernerhin Besitzer des heiligen Gotteshauses zu sein, und verheißt der guten Sache Hülfe Gottes und den Sieg. Diese mächtigen Worte hat der Koran aufbe- wahrt ; sie lauten : ‘)
‘} Als eine förmliche Lücke im Koran mußte es dem Fachmamie er- scheinen, daß wenigstens nach dem Zeugnisse der muslimischen Erklarer keine größere, geschlossene Partie in demselben vorkommt, worin des letzten entschiedenden Kriegszuges gegen Mekka gedacht wird, wiewohl von fast jedem früheren oder späteren Ereignisse, hei dem der Prophet persönlich zugegen gewesen, z. H. von Hadr. Ohod, «lern Nadirzuge, dem Gral>en kriege, Hodai- hijja, Honain, Tabük längere Andeutungen zu finden sind. Von den neueren Erklürern scheint einzig Nftldeke den Versuch gemacht zu habet:, in diese
V. Kapitel Wachsend« äußere Macht des Islams u. s. w. 129
S. 9. 1. Lossagung Gottes und seines Gesandten von denen uus den Götzendienern, mit welchen ihr einen Vertrag gemacht habt :
- Möget ihr auch vier Monate im Lande (frei) pilgern, so wisset doch, data ihr Gott nicht entkräftet, dafc vielmehr Gott die Ungläubigen zu Schanden machen wird. —
- Ankündigung Gottes und seines Gesandten an die Men- schen am Tage der größten Wallfahrt: Gott sagt sich los von den Götzendienern, und auch sein Gesandter; drum, wenn ihr euch bekehrt, so ist das für euch das Beste: kehrt ihr euch aber ab, so wisset, daß ihr Gott nicht entkräftet; verkünde den l r n- gläubigen eine schmerzliche Strafe!
Lücke einigt- Stellen einzuschieben ; st» die kleine Sure 110, die der Zeit des Aufbruchs gegen Mekka angehören soll, und », 17—22, mit Vorbehalt auch », 13 — lb\ als Zeugnisse derselben Zeit. Bezüglich 9, 1 —12 bleibt er bei der althergebrachten Annahme, laß sie den Wortlaut der Proklamation enthalten, ■lie Mohammed bei der Kestwallfahrt zu Ende des Jahres !* d. H. durch ‘Ah den zum Teil heidnischen Pilgern vortragen ließ. Sofort muß da die seltsame Stellung auffüllen, daß Verse aus der Mitte des Jahres 8 nach wichen vom Ende des Jahre* !» stehen, während fast der ganze Rest der Sure aus der Mitte von l» stammt. Bei einer mekkanischcn oder rrflhmedinischen Sure Würde man sich daran nicht stoßen, doch in den späteren medinischen befolgt Moham- med sichtlich das Prinzip der chronologischen Zusammensetzung, z. B. in 38, 4h u. a. Indessen hatte Noldeke doch schon den rechten Weg eingeschlagen : wenn er nur noch nachgewiesen hätte, dtß auch v. 1-12 einzig auf die Vorbereitung zum Mekkazuge zu beziehen seien , so wurde alles bestens stim- men. Lassen wir die rein traditionelle Nachricht, v. 1—12 enthalten die Pil- gerproklamalion vom Jahre II, hei Seite, und berücksichtigen wir nur den In- halt, so werden wir von selbst auf die Expedition vom J. 8 gerührt, (v. l.< Gott sagt sich feierlich vom Vertrage mit den Götzendienern, d. h, von dem mit den Mekkaiiern bei Hodaibijja geschlossenen Vertrage los: 2) will er auch die 4 heiligen Monate aus Bespekt vor dem Haräm Mekkas nicht durch einen Krieg entweihen, so stellt er denselben doch in nahe Aussicht, (v. 3.» Nähere Ausführung des Vorhergehenden, vielleicht zeitlich etwas später: Auf- hebung des Vertrages und Mahnung zur Bekehrung, zu verkündigen am Tage der .größten Pilgerfahrt, letzterer Ausdruck hat die Erklärer irre geführt und sie an eine friedliche Wallfahrtszeit denken lassen , wenn der Zusatz „größte sie auch in einige Verlegenheit bringen mußte. Deshalb hat Spren- ger III. 378 ganz unrichtig übersetzt „am größten Tage des Pilgerfestes *. Man denke aber daran, daß Mohammed seinen ersten Zug nach Mekka mit un- streitig ernsten Absichten auch eine ‘Omni, Wallfahrt, nannte; dem entspre- chend bezeichnet er den späteren Zug, dessen Erfolg bei ihm feststand, als die größte Wallfahrt. In beiden Fällen ist seiu Gedanke, daß ein Unternehmen,
Gripat: Mohammad I. 9
130 Da« Leben Mohammeds.
- Diejenigen Götzendiener ausgenommen, mit welchen ihr einen Vertrag gemacht habt und die euch dann nichts daran ver- mindert und keinem eurer (legner geholfen haben ; ihnen haltet ihre Verträge bis zu ihrer Frist; denn flott liebt die Gottesfürchtige!!.
- Wenn drum die heiligen Monate zu Ende sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie findet; fangt sie, schließt sie ein und belagert sie mit jeglichem Hinterhalte ! Wenn sie sich alsdann bekehren, das Gebet verrichten und das Reiuigungsalmosen geben, so stehet ab vom Kampfe gegen sie; denn Gott ist voll Verzeihung und Erbarmen.
welches als Ziel das hl. Haus in Mekka hat. immer eine Wallfahrt sei, wenn auch eine in Walten. yr. 4 ) Gott erklärt, nichtsdestoweniger allen andern Heiden ihre Vertrage zu halten, da sie ja nicht dieselheu verletzt noch den (Segnern Mohammeds geholfen hätten, wie es die Mekkaner gegenüher den Beim Huzä’a gethan. i v. 5. Das Ende der heiligen Monala soll der Beginn des wütenden Kumpfes sein: diese Zeitbestimmung wird wohl kaum aur die Monate Du-1-Qa f da, Qu-l-tyigga und Moharrain. sondern vielmehr auf den Ragab, den unverletzlichsten aller Monate, gehen ; wenn dennoch der Zug nicht in den folgenden Monat, Scha’hnn. sondern erst in den Ramadan fällt, so mag das Schuld der umfassenden Rüstungen sein. (v. <». Schutzsuchende Heiden, d. h. Überläufer, die bekanntlich sich nie so zahlreich, wie vor der Expedition gegen Mekka einfanden, sollen belehrt werden und dann sicher sein. iv. 7.) Versuch einer prinzipiellen Begründung der Absage : Gott kann sich durch keinen mit Götzendienern eingegangenen Vertrag gebunden fühlen, er mußte dann beim hl. Hause geschlossen sein ; die.-es war aber bei dem Pakt von Hodaibijja nicht der Fall gewesen. Wenn es aber auch geschehen wäre, so würde doch die Innehaltung des Vertrages nur dann notig sein, wenn die andere Partei es auch thäte. (v. 8) Die Mekkaner aber halten euch weder Eid noch Treue und sagen mit Verrat im Herzen schöne Dinge: darin mag eine An- spielung auf Abu Sufjäns verunglückte Friedensmission liegen. . v. !» und 10.) Allgemein gehaltene Vorwürfe gegen das Benehmen der Mekkaner. (v. II.) Doch bekehren sie sich unter den üblichen Bedingungen, so sollen sie eure Brüder sein : die Behandlung der besiegten Stadt entsprach ganz dieser Ver- sprechung, obwohl es nahe lag. eine furchtbare Züchtigung Mekkas zu erwar- ten. | v. 12.) So bekämpft denn die .Imämc des Unglaubens : ein Ausdruck, Her nur auf die Mekkaner gemünzt sein kann. V. 13 geht in demselben Tone, mit Wiederholung oben gebrauchter Ausdrücke fort, so daß keine größere Ge- dankenänderung zu finden ist: Bekämpft die, welche den Gesandten Gottes vertreiben wollten, und den Kampf mit der Gemeinde zuerst angefan- gen — wieder niemand anders, als die. Qoraischilen. (v. 14.) Im Kriege aber wird Gott ei.ch helfen (v. Ifn und ihren Grimm dämpfen (auch 33, 25 wird vom Grimm der Mekkaner geredet), (v. 16.) Weil Gott eure gut muslimische Gesinnung kennt, so werdet ihr nicht im Stiche gelassen werden. V. 17—22 rind -. hon von Xöldeke mit voller Sicherheit auf die Zeit vor der Einnahme
V. Kapitel- Wachsende äußere Macht des Islams u. 9. w. 131
(i. Suchl aber einer der Götzendiener Schutz bei dir, so gewähre ihm denselben, bis er das Wort Gottes hört; dann bring ihn in Sicherheit. Solches soll geschehen, weil sie ein unwissen- des Volk sind.
- Wie könnte zwischen Götzendienern und Gott und seinem Gesandten ein Vertrag bestehen, außer wenn ihr einen solchen geschlossen habt beim heiligen Gotteshause ? Wie sie ihn euch halten, so haltet denselben ihnen ; denn Gott liebt, die ihn fürchten.
- Ja, wie könnte es sein — bewahren sie doch euch, wenn sie die Überlegenen sind, nicht Eid noch Bund ; sprechen mit dem Mund schöne Dinge, aber ihre Herzen sagen das Gegenteil, und ihrer Mehrzahl nach sind sie Frevler.
- Sie gaben Gottes Mitteilungen für kleinen Preis hin, drängten ab von seinem Wege und thaten schlimme Werke.
- Sie bewahren keinem Gläubigen Kid noch Bund ; des- halb sind sie Feinde.
- Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und Almosen geben, so sollen sie eure Brüder sein in der Re- ligion; wir erklären diese Mitteilungen einem Volke von Wissenden.
- Doch verletzen sie ihre Treue nach geschlossenem Bündnisse und verlästern eure Keligion , so bekämpfet sie, die
Mekkus gedeutet worden — es ist unmöglich , sie anders aufzufassen. Es scheint jedoch die ganze Kriegsrede erst mit v. 21 zu enden, da die Aufforde- rung, die Verwandten (in Mekka) nicht in die Freundschaft aufzunehmen und durch nichts in der Welt sich vom Glaubenskampfe zurückhalten zu lassen, kaum besser, als auf den mekkanischen Kriegszug passen wird.
Ein negativer Beweis tu r unsere Auffassung von 0, 1 — 2f) liegt darin, duü diese Verse unter keinen Umstanden die Proklamation heim Pilger- feste des J. 9 gewesen sein können. Den wahren Wortlaut derselben geben Bü- häri HI. 71, and Ihn Hischäm p. 021 f. an ; mit demselben hat unsere Sure nichts gemein Welchen Widerspruch enthält ferner die Annahme, der Pro- phet habe Ende des Jahres 0 den Heiden alle Verträge aufgekündigt gegenüber der Thatsache, daü er im J. 9 und 10 seine Machterweiterung fast nur durch Ver- träge und nicht durch Waffen begründet ; welche Inkonsequenz, nach Ablauf der heiligen Monate allen Heiden Krieg in Aussicht zu stellen und in der Folgezeit gar keine Anstalten dazu zu machen! Endlich kommt hinzu, daü in den Versen 1—25 die Anrede Gottes bis auf die emphatischen Ausrufe v. 2 u. 3 (zum Teil) an die Gläubigen und Mohammed sich wendet, Ton einer Proklamation an die Heiden also wiederum keine Hede sein kann.
9*
D«5 l,e\t*n Mohammeds.
Oberhäupter des Unglaubens, weil sie euch keine Treue hallen, auf daß sie aufhören mögen.
- Auf! zum Kampfe gegen ein Volk, das seine Treue vor- letzt hat, gestrebt hat, den Gesandten zu vertreiben : sie haben gegen euch angefangen. Fürchtet ihr sie? Nun. flott verdient eher gefürchtet zu werden, wenn ihr Gläubige seid.
- Bekämpft sie! Dann wird Gott sie strafen durch eure Hände, sie zu Schanden machen, hingegen euch gegen sir helfen und die Brust des gläubigen Volkes heilen,
1 f». Den Grimm ihrer Herzen dämpfen: es verzeiht Gott, wem er will ; denn er ist wissend und weise.
lf>. Oder nehmet ihr an , ihr könnlet im Stiche gelassen werden, nachdem (Jott erkannt hat, wer von euch für ihn kämpfte und nicht statt seiner und statt seines Gesandten und statt der Gläubigen andere Freunde nahm ? Ja . Göll erkennt , was ihr thut.
- Warum sollen die Götzendiener der Bethäuser Allahs ptlegen, da sie doch beständig gegen sich selbst das Zeugnis ihres Unglaubens ablegen? Deshalb sind ihre Werke wertlos, und sie werden ewig in der Hölle verweilen.
- Der Bethäuser Gottes aber soll nur ptlegen, wer an Gott und den jüngsten Tag glaubt, das Gebet verrichtet. Almosen giebt und nichts fürchtet außer Gott. Diese mögen wohl Kechl- geleitete heißen.
V.K Haltet ihr die Tränkung der Pilger und die Pflege des heiligen Hauses für gleichwertig mit dem Glauben an Golt und den jüngsten Tag und mit dem Kampf für Gottes Weg? Nein, sie sind nicht gleich vor Gott, und das Volk der Ungerechten leitet er nicht
- Doch die Gläubigen, die auswanderten und kämpften für Gottes We£ mit Gut und Blut, sie kommen bei (Jott an die höchste Stelle, sie sollen die Seligen sein.
- Es verheißt ihnen ihr Herr seine Barmherzigkeit und Zufriedenheit, dazu Paradiesgärten mit beständiger Wonne,
- Zum ewigen Aufenthalt; ja großer Lohn warlet bei Gott!
- Ihr Gläubigen, nehmt nicht eure Väter und Brüder, wenn sie den Unglauben dem Glauben vorziehen, zu Freunden ; wer es aber doch thut, der gehört zu den Ungerechten.
V. Kapitel. Wachende äußere Macht Hes Wams u. s. w. 133
’24. Sprich: Wenn eure Väter und Kinder, enre Brüder und Gattinnen, euer Stamm und euer Gut, da.« ihr erworben habt, euer Handel, dessen Vernichtung ihr fürchtet, und eure Wohnungen, die euch gefallen, euch lieber sind als Gott und sein Gesandter und als der Kampf für seine Sache, so wartet nur, bis Gott euch mit seinem Gerichte kommt. Denn Gott leitet nicht die Frevler. —
Das Gerücht von kriegerischen Absichten und Vorbereitun- gen Mohammeds drang bis Mekka und weiterhin, wenn auch nie- mand wußte, ob Ooraisch, Taqif oder die Hawä/.instämme ihr Hauptziel werden sollten. In Mekka aber nahm schon dar- aufhin eine an Resignation streifende Stimmung überhand und lähmte jedes tinmütige, energische Handeln. Die Männer der Mala ließen in der Sorge für ihre eigene Sicherstellung den Gedanken der Vaterlandsverteidigung ganz, aus dem Auge. Unter- dessen war Mohammed am 10. des Monats Ramadän aufgebro- chen : das Fastengebot war für dieses Jahr in Anbetracht der Strapazen aufgehoben worden. Auf jeder Station stießen die Aufgebote der Higäzstämme zu dem Heere der Gläubigen. 1000 Mann von Muzaina, 700 von Sulaim, je 100 von Gifär und Aslam und andere mehr. In der Nähe von Mekka angekommen, konnte Mohammed aus der Menge der Überläufer ermessen, in welcher Verfassung er seine Gegner antreffen würde. So erschien jetzt sein Oheim el-Abbäs bei dem Heer der Muslime, um sich vor seinem Mellen zu neigen, und selbst Abu Sufjän rettete, allerdings nur mit Mühe, sein Leben dadurch, daß er sich in die Hand des Propheten ergab. Im Weihbezirke der Stadt wurden die Truppen in Schlachtordnung aufgestellt ; einen Flügel, der sich an den Berg Kadä ‘} lehnte, kommandierte Hälid, den an- deren ez-Zubair ; Mohammed selbst nahm Stellung auf dem Hügel Kuda. Hei ihm überwog jetzt das Gefühl des Triumphes bei weitem das der Rache, und so wollte er die Gnade der Rache vorhergehen lassen. Durch Abu Sufjän sowohl wie el-‘Abbäs ließ er darum die Stadtbevölkerung auffordern, vom Widerstande ab- zulassen, indem jeder seines I^ebens gesichert sein solle, welcher .-ich in sein Haus zurückziehe, sich dort eingeschlossen halte oder öffentlich die Waffen niederwerfe. Den Gläubigen ward zudem
1 Ka«l;i ist nach t lUekrl «ler eigentliche ArafaJi*T£.
134
Das Leben Mohammed«.
noch Befehl gegeben, alle Verwundeten zu schonen , Fliehende nicht zu verfolgen und keine ilefangenen zu töten. 1 ) Diese .Maß- nahmen trugen gute Früchte ; denn als das Heer nun zum An- griffe vorrückte, traf es nirgends auf Widerstand : nur Hälid löste seine Aufgabe vielleicht unnötiger Weise mit Blutvergießen und drang über einige zwanzig Leichen in die Unterstadt ein. Im übrigen wurde Mohammed gleich auf den ersten Ansturm Herr seiner Vaterstadt. Mit kluger Mäßigung hielt er auf Erfüllung ;iller den .Mekkanern gemachten Versprechungen: nur etwa zehn Personen, darunter t Frauen, erklärte er in die Aeht und befahl, sie zu töten, „auch wenn sie sich unter die Vorhänge der Kaba flächten würden”. Der Umstand, daß verschiedene abtrünnige Muslime und andere persönliche Gegner Mohammeds darunter waren, lAül den Befehl entschuldbar finden.
Die Eroberung fand ihren Schluß in der Besitznahme der Ka’ba. Nach feierlichem siebenmaligen Tawaf (Umlauf) um dieselbe ließ der Prophet sich durch den Erbpförtner Otmän ben Talha die Thüle öffnen, betrat das Innere, zerbrach eine dort aufbewahrte aus Aloeholz geschnitzte Taube und verrichtete sein <iebet. ) Darauf erneuerte er in einer Ansprache an das ver- sammelte Volk den früheren Vorzug Mekkas, heiliges und unver- letzliches (iebiet zu sein, mit folgenden Worten: .Mekka, inner- halb seiner beiden Berggrenzen , ist HarAm : keine Profanierung desselben fand vor mir statt und darf nach mir wieder stattfin- den : mir aber war nur für eine Stunde des Tages die Erlaub- nis dazu gegeben worden ; sein Grün darf nicht geschnitten, seine ‘Izähbäume nicht gehauen, sein Wild nicht gejagt und das verirrt gefundene Kameel nicht geschlachtet werden. Auch scheint eine Erklärung abgegeben zu sein, daß das Heiligtum, wie in früheren Tagen jedem, sei er Muslim oder Heide, zugänglich bleiben soll. 3 )
Nach solchen Zusicherungen konnte von der Behandlung, wie sie andere eroberten Plätze erfahren hatten . bei Mekka
») Vgl. Bclädori p . 40.
‘) Die ;J60 (JftUenbilder. welche um die Ka’ba herumstanden Ii üben *”|len, sowie Malereien im Innern derselben, Rngel, Abraham und sojjar Maria darstellend, die Mohammed vernichtet haben soll, gehören wohl ins Reich der Kabel resp. der Schultradition des Ihn ‘AbbAs.
*) Vgl. Ihn Hischäm p. H19 und den Anfang von S. .’i, der recht gut auf diesen Zeitpunkt bezogen werden könnte.
V. Kapitel. Wachsende äufiere Macht des Islam* u. «. w. 185
keine Rede mehr sein. Obgleich .Mohammed sein Anrecht auf alle Halir imd Rechte der Einzelnen, mit Ausnahme der Tempel – hut und Pilgertränkung, die den früher gläubig gewordenen ‘Olinän ben Talha und el-‘Abbäs zukamen, betonte, 1 ) so ward doch in der That das Eigentum keines Mekkaners beeinträchtigt. Dadurch wurde der Übergang vom Heidentume zum Islam so leicht wie möglich gemacht und noch mit Vorteilen verbrämt. Es mag deshalb nicht Wunder nehmen, dato sich Qoraisch schnell in die Wendung der Dinge fügte und keinen Versuch machte, die neue Herrschaft abzuschütteln. Eine öffentliche Huldigung soll dazu gedient haben, endgültig die Zustände der alten »Barbarei” -) ab- zuschaffen. Auf der westlich vom Heiliglume gelegenen Anhöhe Safä thronend, nahm Mohammed zuerst von der männlichen Ein- wohnerschalt den Schwur entgegen, den Befehlen Gottes und sei- nes Propheten nach Kräften zu gehorchen ; sodann legten die Weiber dasselbe Versprechen, welches die ersten ‘Aqabagenossen geleistet halten, den sogenannten Weibereid ab, und tauchten, an Stelle eines Handschlags, ihre Hände in eine Schale mit Wasser, das vorher vom Propheten berührt worden war.
Wie diese (Zeremonie nur eine äußerliche war. so hat auch Mekkas Islam noch lang«’ Zeit nachher nur in äußerlicher Anleh- nung, nicht in inniger Hingabe an die Lehre des Propheten bestan- den. Während Medina später immer mehr einen geistlichen Anstrich annahm, blieben Mekkas Bewohner nach wie vor reine Weltkinder. Diese verschiedene Richtung beider Städle bewirkte auch im muslimischen Weltreiche gegensätzliche Strömungen, bis in dem Königsgeschlechte der Omajjaden und noch schärfer in den Kalifen aus el-‘Abbäs Familie der halbheidnische Formalis- mus Mekkas über die mystisch-frömmelnde Richtung Medinas den vollständigsten Sieg errang. Die Tradition erzählt, •) (laß schon gleich nach der Einnahme der Stadt die Ansät bange Be- fürchtungen hinsichtlich ihrer neuen Nebenbuhler, der Mekkaner. gehegt hätten : der Prophet aber, ihre Bedenklichkeil erkennend, miII ihnen den Trost gegeben haben, nur in ihrer Mitte wolle er leben und sterben. Hat er auch sein Versprechen gehalten, spä-
‘) V>1. Itelftijori p. 42.
‘ t’iähilijja. nach (JoMziehers |>asspn<ler Übersetxnnif. Vgl. Ihn Hisiham 824.
Da* Leben Mohammeds.
lere Geschlechter machten die Befürchtungen Medinaswahr und be- lohnten die Hülfsgenossen Mohammeds für ihre Treue dadurch, daß sie ihnen jeglichen politischen Einflusses auf das muslimische Weltreich ent/.ogen. —
Ungefähr sechzig Jahre alt, hatte Mohammed, als anerkann- ter Prophet und Fürst aller Gläubigen, in derselben Stadt seinen Siegeseinzug gehalten, die er acht Jahre früher wie (lüchtig mit den Seinen verlassen hatte, nur begleitet von der Aussicht, statt einer rechtlosen Stellung bei seinen Stammesgenossen ein Freundschafts- und Schutzverhältnis in einer fremden Stadl zu linden. Diese Hoffnung hatte ihn nicht getäuscht; Schutz für ihn und die Glaubigen, Schutz für seine Religion und seine Ideen war ihm reichlich zu teil geworden. Er konnte , ja mußte unter so günstigen Umständen beweisen, welcher Vervollkommnung sein Charakter und sein Religionssystem fähig war. Mächtigere Flüge nahmen beide und bewegten sich stetig zum Größeren hin, aber auch vom Höheren, Edleren ab. Verschiedene Umwandlungen seiner Lehre sind bereits angedeutet ; ihnen entsprechen in Mohammeds Charakter auffällige Veränderungen. In Medina gab er sich nicht mehr mit heidnischen Göttern und Zukunflsträumen, sondern mit Menschen und thatsächlichen Verhältnissen ab : das ließ ihn eine Seite kräftig entwickeln, welche bis dahin nur gelegentlich bei ihm hervorgetreten war, die politische Berech- nung. Sein ganzes Handeln gleicht von nun an einem kunst- vollen Mechanismus, in dem Kleineres stets Größeres in Bewe- gung setzt, und nichts Zweckdienliches unbenutzt gelassen wird. Über das für ihn kleinliche Gewirr der arabischen Stammesver- fassungen h in wegschauend , den Blick nur auf die Gesamtmasse des Volkes gerichtet, bezweckte er bei allen seinen Bestrebun- gen, die Kräfte derselben möglichst zu vereinigen und gleich- sam zu einem Strome zu sammeln, der das Schiff seiner Größe tragen sollte. ‘)
Diese Politik gewaltsamer Art, da sie Aufhebung uraller Verhältnisse erstrebte, mußte ihm das Schwert in die Hand
l \ In diesem .Sinnt” hat Gnthe Afohsimmed richtig verstanden , wenn er sagt:
Kommt ihr alle! — Und nun schwillt er Herrlicher; ein ganz Ueschlechle Trägt den Fürsten hoch empor!
V. Kapitel. Wach*en>lp äuiere Macht des Islams u s ir. 137
drücken, dem das persönliche Kachegefühl die Schärfe verlieh, längere Zeit glaubte er sieh auch /.um Feldherrn geboren und doch kann er nicht als militärisches Genie aufgefaßt werden. Klug und vorschaueud sorgte er wohl dafür, daß jeder Zeil ein schlagfertiges Heer hinter ihm stand; er erkannte auch, unter Arabern zuerst, in Diseiplin und Ordnung das Ilauptprineip aller Kriegskunst. Doch als Stratege im Felde litt er an dem Fehler übergroßer Hitze, nicht minder an der Sucht, zu ort alles auf einen Wurf ankommen zu lassen. So hätte jede Schlappe, die er empfing, zu seiner Vernichtung führen können, wenn nicht seine überlegenere Politik die Fehler seiner Kriegskunst stets wieder getilgt hätte. Dieses einsehend, legte er später viel Gewicht auf gemeinsame Kriegsberatung, ‘) und trat endlich die Ausführung seiner Pläne an die soldatisch-geschulten Männer seiner Finge- bung, an ‘Omar und ‘AU, Hälid und Amr ab.
Was Mohammed in Medina als Politiker und Kriegsherr ge- leistet hat, das ist, verglichen mit seiner ruhigen Thätigkeit in Mekka, nicht so sehr eine Wandlung als eine günstige Entwick- lung. Anders verhält es sich mit seinen religiösen und sittlichen Idealen. Was sich auf dem harten mekkanischeu Boden, unter beständiger Niederhaltung durch die Gegner , zu edler Bildung entfaltet hatte, verlor in Medina bei größter Freiheit zuerst seine Frische, sodann seine edle Natur. Ehemals hatte Mohammed noch als Helfer der Armen für ihr Wohl, weiterhin als Knecht Gottes für dessen Religion gearbeitet ; in Medina mußte die Ue- ligion für sein Interesse arbeiten, denn der Knecht Gottes gestal- tete sich mehr und mehr zu einem herrischen Tyrannen. Wohl erhob er immer noch den Anspruch, daß all sein Thun nur Gott und seiner Religion gelte; doch die historische Prüfung schlägt dieser Behauptung ins Gesicht und sieht darin die Phrase eines Egoisten. Die achtjährige Periode bis zu Mekkas Fall gründet sich im wesentlichen auf dem Gedanken der persönlichen Bache; aus ihm erwachsen zündende Ideen, der Staats- und Kriegsgedanke des Islams: doch erst als die Qorai.-chilen ge- schwächt und gedemütigt mit dem Propheten verhandelten und dieser seinen Willen und die Hoffnung der Gläubigen, die hei-
Vgl. Wiqidl p. litt.
188
Das Lehen Mohammeds.
ligen Stätten betreten zu dürfen , erfüllt sah . scheinen sie ihm als Gegner nicht mehr groß genug, und das höhere Ziel, Arabiens Besitz, taucht vor seinem Geiste auf. Khrgeiz verschlingt das Hachegefühl, und das gefallene Mekka wird geschont, weil seine Erhaltung zur Besitznahme seiner Hinterländer und Süd- arabieus Vorbedingung und Forderung war.
Bache und Herrschsucht sind nie im Bunde mit wahrer Religiosität; wer sie zu religiösen Paktoren machen will, denkt entweder zu oberflächlich von ihr oder er ist ein Betrüger. Und zum Betrüger ward Mohammed allmählich in seiner medinischen Wirksamkeit ; denn er mischte durch das Mittel der Lüge und des Trugs selbstische Absichten unter seine früheren Religionsideale. Die Beinheit seiner Ethik wird dadurch verdorben, da Ii dasjenige, was ehemals als allgemein gültig hingestellt worden war, jetzt nur Anwendung auf die Gläubigen allein haben sollte, gegen- über anderen aber nicht galt. Oder handelte er jetzt noch besser als die mekkanischen Reichen, deren Habsucht und Tyran- nei gegen Niedere er einstens >o gebrandmarkt hatte, wenn er be- ständig nach dem (iolde der Juden, dein Herdenbesitze der armen Nomaden gierte und fahndete ? Erträgt es sein früherer Begriff von Gerechtigkeit , wenn er die Verträge mir so lange hält, wie sie ihm Vorteil bringen ? Ist die Tötung etwa entschuld- bar, weil es zufällig seine politischen Gegner sind, denen er Meuchelmörder in das Haus schickt ? Ohne Tadel stehen dann die späteren Assasinen da, weil ihre Organisation des Moldens nur Nachahmung des Verfahrens von Mohammed war. Doch noch nicht zufrieden damit, seine Gemeinde in der Laxheit gegen jede tiefere Moral zu erziehen, trachtete er auch noch, sich selbst innerhalb dieser das größte Mali von Freiheiten zu erteilen. Ein wilder Strom von Leidenschaft und Sinnlichkeit flutete in .Mohammeds Brust als Mitgift seiner arabischen Eltern. Mit religiöser Spekulation hatte er ihn in Mekka eingedämmt: doch in Medina, wo nicht mehr sein Denken allein, sondern auch sein sinnliches Trachten Inspiration Gottes sein soll, bricht der Damm, und dir lauge zurückgehaltene Flut ergießt sich ungehindert. Jetzt läßt jedes weitere Jahr eine Zunahme des moralischen Niedergan- ges des Propheten erkennen, und besonders sind es die sinnlichen Triebe, dir der alternde Mann keiner Einschränkung mehr unter- werfen zu müssen glaubt.
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V. KapilH. Warhwnde aufier« Macht de* Islams u. $. vr. 139
Er, der im Verkehr mit seiner Frau Hadiga 24 Jahre lang wirkliches Eheglück genossen hatte, konnte bald nach ihrem Tode dem Drange nach einer neuen Ehe nicht widerstehen. Deshalb heiratete er noch vor der Flucht die ältliche Sauda , ließ sich aber fast gleichzeitig die Hand der damals kaum sechsjährigen Tochter seines Genossen Abu Bekr, Aischa, zusichern und ging in den ersten Monaten seines neuen Aufenthaltes die Heirat mit ihr ein. Es mag sein, daß teils Dankbarkeit, teils politische Berechnung zur Schließung dieser wie einiger späteren Ehen nüt- geraten haben. Wenn es Aischa auch verstand, durch Schön- heit und naives Wesen nie ganz das W ohlgefallen des Propheten zu verlieren, so stand es doch nicht in ihrer Macht, sich der Nebenfrauen zu erwehren, die bald in immer kürzeren Zwischen- räumen von Mohammed heimgeführt wurden. Nachdem er der Hafsa. ‘Omars Tochter, die Zainab (I), Tochter des Hozaima, bei- gefügt hatte, war er zur höchsten zulässigen Weiberzahl gelangt, gemäß seiner Bestimmung:
S. 4, 3. Heiratet, je nachdem es euch genehm ist, 2, und 1 Weiber; fürchtet ihr ab-r, ihr möchtet nicht den Waisen ge- recht werden, so nehmet nur eine.
Doch hielt ihn kein Bedenken ab. darüber hinauszugehen, als ihn auf dem Zuge gegen die Beim Mostaliq die Liebe zu der Guwairijja erfaßte: außer ihr führte er fast gleichzeitig noch die Witwe eines alten Gefährten, die Umm Salama, heim. Noch band er sich damals an das Verbot. Ehen mit zu nahen Verwandten zu schließen. Doch nur bis in das Jahr 5 d. H. vermochte seine immer stärker werdende Sinnlichkeit in diesem Gesetze einen Zaum für sich selbst zu erblicken : da erregte er durch ein Ärger- nis den Unwillen der Gläubigen . indem er seinen Adoptivsohn Zaid zu bewegen wußte, ihm seine Frau Zainab (II), eine Enkelin des Abd-el-Mottalib, nach kaum vollzogener Ehe abzutreten. Die Entrüstung besonders der Brüder der Zainab niederzuschlagen, läßt er sich Koranverse offenbaren, welche sein Thun als Befehl und Vorherbestimmung Gottes rechtfertigen. Damit aber hält er den Zeitpunkt für gekommen, sich einen Freipaß von Gott ausstellen zu lassen, mit dem er jede hinderliche Eheklausel übertreten könne, und mißbraucht deshalb den Koran zu folgen- der schändlichen Ausnahmebestimmung :
uo
Das Trf-ben Mohammeds.
S. 33, 49. 0 Prophet ! Wir erlauben dir alle Gattinnen, denen du die Morgengabe giebst. samt den Sklavinnen von der Beule, die Gott dir zugeteilt hat, ferner deine Cousinen von väter- licher und mütterlicher Seite, welche mit dir ausgewandert sind, und jedes gläubige Weib, das sich dem Propheten zur Ver- fügung stellt, wenn der Prophet will, daß er sie heirate. M aus- nahmsweise dir allein unter allen Gläubigen.
“>0. Wohl wissen wir, was wir ihnen über ihre Gattinnen und Sklavinnen verordnet haben ; doch soll dir deshalb kein Tadel erwachsen. Gott ist verzeihend und barmherzig.
- Du magst zurücksetzen, welche du willst, und zu dir nehmen, welche du willst, und welche du begehrst von denen, wovon du dich getrennt hast ; *) das soll dir keine Sünde sein Solches isl das beste Mittel, daß ihre Augen froh werden und sie nicht betrübt, sondern zufrieden darüber sind, was du für sie alle (gleichmäßig) festgestellt hast. Gott aber weiß, was in euren Herzen ist; denn er ist weise und klug.
- Außer diesen aber sind dir keine Weihet erlaubt: auch darfst du statt deiner Gallinnen keine anderen Weiber gebrau- chen, wenn dich auch ihre Schönheit anzieht, ausgenommen deine Sklavinnen. Gott ist der Wächter über jegliches Ding.
Kinige Jahre später sieht Mohammed diese Erlaubnis gerade- zu für einen Befehl Gottes an, so und nicht anders zu handeln: die l rkunde hierfür ist S. 60, 1.
() Prophet! Warum versagst du dir, was Golt dir crlauht hat, indem du strebst, deinen Frauen zu Gefallen zu handeln?
Kein Wunder also, wenn bei solcher Nachgiebigkeit Gottes • Irr Harem Mohammeds sich bald überfüllte. Auf Zainab (II) folgte Uiniii Habiba, Tochter seines Gegners Abu Sufjän : unter den Gefangenen von Haibar erregte die Jüdin ^ahjja «las Wohl- gefallen des Siegers und ward zur Ehe gezwungen. Die Wall- fahrt nach Mekka im .lahre 7 endete damit, daß Mohammed die Maimüna vom Geschlechte Amir sich anverloben ließ und nach Überschreitung der Haramgrenze heiratete; nach der Eroberung Mekkas beabsichtigte er noch, die junge, schöne Mulaika heim- zuführen ; doch der Umstand, daß er kurz vorher ihren Vater
M Sei. aurh ohne Morgenguhe.
? j Baijawi erklär! : Die «lu entlassen hast mit d«r Aussicht, sie einmal w ie«l*>r aufzunehmen.
V. Kapitel. Wachsende äidiere Macht de» Islams u. s. vr. 141
hatte löten lassen, flößte dieser solche Verachtung gegen ihn ein, daß sie ihm ins Gesicht sagte: .Giebt die Königin sich dem Pöbel preis” ? ‘) und ihm so fluchte, daß er von ihr abließ. Noch einige anderen Frauen werden in der Überlieferung genannt, die Mohammed aber schon vor der Heirat wieder entlassen haben soll. So stellte sich die Zahl der Frauen des Propheten, die gegen Ende seines Lebens um ihn waren, auf neun, ) denen der Ehrenname „ Mütter der Gläubigen* zuerteilt wurde, ;l ) um ihr Ansehen innerhalb der Gemeinde zu heben.
Den legitimen Gattinnen Mohammeds gesellle sich außerdem noch ein unbestimmt großer Kreis von Sklavinnen bei, unter denen die Koptin Maria, Mutler des Ibrahim, besonders namhaft gemacht wird.
So bemühte sich der Prophet nicht etwa, das sittliche Vor- bild seiner Gemeinde zu werden und sein Leben mit seiner Lehre streng in Einklang zu bringen, sondern er ging immer mehr dar- auf hinaus, aus seiner hohen Würde möglichst viele Freiheiten für sich abzuleiten. Daß trotzdem sein Einfluß auf seine An- hänger stets ein bedeutender blieb, verdankt er zumeist der an- geborenen Gabe, die Mensehen von vornherein für sich einzu- nehmen, verbunden mit dem sorgfaltigen Bestreben, immer wenig- stens den Schein des (Juten zu wahren. Seine männlich-schöne Gestalt, der Adel in den Zügen, die Würde in den Bewegungen bestrickten schnell die Augen ; redete er, so flössen seine Worte in diplomatisch abgemessenen Sätzen, die zwar den witzigen, drastischen, kühn-poetischen Geist vermissen ließen, worin der Araber sonst seine Stärke hat, andrerseits aber einen leutseligen, gewinnenden Ton annehmen konnten. Das ist der Grund, weshalb die Tra- dition dem Propheten Milde und Sanftmut als Grundzüge seines Wesens zuschreibt, 4 ) ohne zu erkennen, daß er diese nur für seine Ergebenen, kaum je für seine Gegner in Bereitschaft hatte. Schließlich konnte die Nachwell das Bild Mohammeds nicht an- ders ausgestalten; denn dieser halte im Buche Gottes schon vor-
1 1 Vgl. Ihn Ootaiba p. 40.
‘-‘) #adiga und Zainab I, welche früher starben, abgerechnet. *) 33, &
4 ) Mit «denen und ähnlichen traditionellen Nachrichten . die geschicht- lich ineist wertlos sind, ist die Abhandlung „Mohammed, ein Charakterbild von E. P. (Sorgens, Berlin 1878- angefüllt.
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Das Leben Mohammed»
gesorgt, daß ein Idealtypus von ihm bei seinen Lebzeiten der Gemeinde eingeprägt wurde, wenn er sagt : S. 7, 15G.
Der Gesandte, der Prophet, der Ungelehrte, von dorn sie bei sieh geschrieben linden in Thora und Kvangelium, der Tugend befiehlt und dem Übeln wehrt, ihnen Erlaubnis des Guten, Verbot des Unerlaubten zukommen Ififit und Bürde und Joeh, die auf ihnen lagen, abnimmt ;
wozu später noch folgender Lobspruch kam: S. 9, 129. Gekommen ist auch ein Gesandter aus eurer Mitte, schwer gedrückt von’ euren Nöten, eifernd für euch, den Gläu- bigen mild und erbarmungsreich.
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VI. Kapitel.
Vordringen des Islams bis an die natürlichen Grenzen Arabiens. Einrichtung der centralen Verwaltung. Mohammeds Tod.
Nach der Eroberung von Mokka verweilte Mohammed da- selbst noch einen halben Monat; einen Teil seiner Truppen ver- wendete er einstweilen dazu, eine gründliche Bekehrung der nächstgelegenen l T mgebung vorzunehmen , wobei besonders die alten Heidentempel und Götterstatuen vernichtet werden soll- ten. So zerstörte Hälid das Haus in ‘Ozza in \ahla, tötete die Priesterin und riß ihr den geweihten Schmuck ab; das Steinbildnis des Suwa in Ruhät, des Götzen der Hudailiten, sank unter den Streichen des Amr ben el-‘Äs, und MenAt in Mu- schallal, einst hochverehrt von Aus und rjazrag, wurde von Sa’d ben Zaid zertrümmert. Daneben erging der Befehl, alle Haus- götter zu zerbrechen oder zu verbrennen ; doch gelang es den Be- sitzern mancher derselben, sie unter der Hand an entfernt wohnende lieduinenstämme zu verkaufen. 1 ) Die Äußerlichkeit der Annahme des Islams, zugleich aber das rücksichtslose Auftreten der Mus- lime läßt sich an folgendem Beispiele ermessen. Halid drang, nachdem er den ‘üzzatempel zerstört hatte, mit seiner Bekeh- rungstruppe in den Stamm Gadima ein. Als man bewaffnet ihm entgegenkam, torderte er die Leute auf, die Watfen niederzulegen. Sie thaten es, als sie, selbst schon oberflächlich bekehrt, in ihren vermeintlichen Gegnern Muslime erkannten. Nachdem sie so
‘ Virl Wftqidl p, SftO
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D;is U’beti Mohammeds.
wehrlos gemacht waren, ließ FJälid sie binden und einen Teil nieder- hauen, aus Rache für das Blut eines in früherer Zeit erschla- genen Verwandten. Als die Kunde von dein Geschehenen nach Mekka drang , waren Mohammeds Getreuen empört oh dieser .heidnischen” Thal; der Prophet selbst erklärte feierlich sich für unschuldig an dem vergossenen Blute und schickte Ali zu dem Überreste des Stammes, um mit reichlichem Wergeide eine Ver- söhnung der Überlebenden zu bewirken.
Doch größere Ereignisse lenkten bald die Aufmerksamkeit der Muslime auf sich. Wie Mohammed offenbar in der Absicht, den jungen Besitz von Mekka durch Unterwerfung der ganzen Umgegend zu sichern, sein ganzes Heer noch bei sich behielt, so hatten auch die Stämme der Küstenebene Tihama seinen Angriff schon längst vorausgesehen und sich zu einer mächtigen Koa- lition zusaininengethan. Der Mittelpunkt dieser Bewegung war das kleine, aber wohlbefestigtc Täif, auf dem Berge Gazawän in der Qo* räkelte gelegen, der Sitz des Stammes Taqif. So lange Mekka heidnisch gewesen war, hatte Täif alle Interessen mit ihm geteilt, so daß beide Städte im Koran die „Doppelstadt” genannt werden. Nach dem Einzüge Mohammeds in Mekka wurde aber Täif in die Bolle gedrängt, die Fahne des Heidentums und der alten Araberfreiheit zu erheben.
Sollte das mit Erfolg geschehen, so war schnellstes Han- deln notwendig, insofern man noch Hoffnung hegen konnte, Mekka werde bei einem Angriffe gemeinsame Sache mit den Angreifern machen. Bei dem großen Einflüsse, den die Ta<|if unter den Stammen des Gebirges und der Küstenebene besaßen, war es gelungen, eine Menge von Beduinen zur Heerfolge zu bewegen , die Stämme Nasr, Guscham, Sa’d ben Bakr und andere, die der Kriegs- führung dadurch besonderen [Nachdruck zu verleihen glaubten, daß sie einen endlosen Troß von Weibern und Kindern, von Ka- melen und Schafen hinter sich herzogen. Die Oberleitung des an eine Völkerwanderung gemahnenden Zuges lag dem Namen nach bei Mälik ben Auf; in der Thal jedoch operierte jeder Stamm nach altem Brauch auf eigene Faust . besonders wenn man auf ungeahnte Hindernisse stieß.
Mohammed erfuhr durch Späher alle gegen ihn ge- richteten Vorbereitungen und ergriff alsdann die Initiative. In den kurzen Tagen seines Zusammenlebens mit Qoraisch hatte
VI. Kapitel. Vordringen <les Islam? u s. w. II
er es durch die ihm eigene Klugkeit im Umgange erreicht, daß sie ihn wieder , und zwar mit einem gewissen Stolze , zu den Ihrigen zählten und die Hoffnung hegten, durch den Anschluß an den Islam für sich eher zu gewinnen, als zu verlieren. So konnte er es wagen, beim Auszuge gegen die Hawäzinstämme, denen seine Gegner zum größten Teile angehörten, 2000 Qorai- schiten in die Reihen des Heeres, mit dem Mekka erobert worden war, einzugliedern, ein Wagestück, bei dem jedenfalls im Hinter- grunde die Verheißung reicher Beuteanteile nicht fehlte. Mekka selbst wurde für die Dauer des Feldzuges unter die Hut eines Emirs gestellt.
In siegesgewisser Stimmung marschierten die Muslime durch die von zahlreichen Flußthälern durchrissene Küstenebene gen Süd-Osten, wo man den Feind vermutete. Beim Morgengrauen, da sie in das an Schluchten und Engen besonders reiche Thal Ho- nain eintraten, bekamen sie das gegnerische Heer zu Gesichte, das hier schon während der Nacht kampfbereit aufgestellt war und einen ungeheuren Knäuel darstellte : • vorn die Krieger , hinter ihren Linien die Weiber zu Kamel, hinter diesen die Heerden. Sofort stürzten die feindlichen Reiter aus verborgenen Stellungen auf die Vorhut Mohammeds , welche Hälid führte. Diese hielt den ersten Stoß nicht aus, wandte sich und riß im Fliehen die nachrückenden Mekkaner mit , so daß das ganze Heer in Verwirrung geriet. Wie bei Oljod hielt nur ein kleiner Haufen von medinischen Getreuen und mekkanischen Familienangehörigen um den Propheten aus und stemmte sich tapfer der anrückenden Hauptmasse der Feinde entgegen.
Es war dies im Augenblick , wo Mohammed wieder die Sakina, das persönliche Eingreifen Gottes für die Sache des Glaubens, und der Engel Beihülfe sehen zu müssen glaubte. l ) Nicht el-‘Abbäs gewaltiger Schlachtruf, den sein Sohn hier in die Geschichte einzuschieben für gut fand, sondern die Tapfer- keit ‘Alis und anderer Gläubigen scheint eine Wendung zum Besseren herbeigeführt zu haben. Nachdem AJi den Banner- träger der Hawäzin zu Falle gebracht hatte, nahm die Mehrzahl der Geflohenen den Kampf wieder auf, drang vor und zwang die Beduinen, die sich durch den Troß den Rückzug versperrt
‘) V, 2b.
Grimm«: Mohimn»d I. 10
Das Leben Mohammeds.
hatte ii , seitwärts die Flucht zu ergreifen, während die besser geordnete Mannschaft von Ta<|if noch längere Zeil Stand hielt. Erst als die Hoffnung aul günstigen Krfolg ganz vorschwand, zog auch sie sich zurück und warf sich nach Taif, wogegen die irreguläre Masse des Heeres teils sich in Autas notdürftig sam- melte, teils sich in das Hochland zerstreute, wo eine Verfolgung unmöglich war. Der ( >berfeldherr Mälik rettete sich zuerst nach Autas und tloh von da auf die Kunde vom Herannahen einer Abteilung von Muslimen weiter nach Taif. Aller Troß des ge- walligen Heeres, bestehend aus den Weibern und Kindern der Beduinen . sowie ihrem ganzen Besitz an Heerden wurde eine leichte Beule Mohammeds Vorläufig ließ er jedoch alles umverteilt nach el-(Ü nina bringen, um sein Heer sofort zu einem neuen Schlage gebrauchen zu können. Die Eroberung von Taif sollte den Sieg von Honain krönen und zugleich den Triumph Allahs über seine heidnische Nebenbuhlerin AllAt. die in Taif höchste Verehrung genoß, anzeigen.
Doch dieses Unternehmen bot außergewöhnliche und größere Schwierigkeiten, als bei irgend einer anderen arabischen Stadt. Taif war eine Felsenfestung, deren natürliche Stärke durch Stein- mauern ‘) und Außengräben *) künstlich verdoppelt war. Das erforderte andere Belagerungsmittel, als Mohammed bisher ange- wendet hatte.
Aus Gurasch, einer zu Jemen gehörigen Stadt, soll ihm f°* fail ben ‘Anir oder irgend ein anderer eine Schleudermaschine und zwei Schirmdächer zugeführt haben, *) die alsbald gegen die Mauern gerichtet wurden. Doch die Belagerten warfen glühende Pflugscharen auf die Schirmdächer, setzten sie in Brand und er- schossen die Muslime, welche in ihrem Schutze Breschen legen wollten. Darüber ergrimmt befahl Mohammed, die Weingärten.
M Vgl. Um Hischäm p. 870 w*ur).
i Vgl. Ibn Hischäm p. 87b (batn-el-handaq).
‘} Nach Wäqhh p. 370 hätte hier wieder der Ferser Salmän wie hei dem medinisehen Grabenhau die Hand im Spiele gehabt und selbst die Wurfmaschine konstruiert. Doch da auch in Haibar solche vorgefunden wurden, so scheinen Kriegsmaschinen unter den Arabern keineswegs so selten gewesen zu sein, wie man annimmt. Es leuchtet ein, daii entsprechend den kunstvollen Stadt- befestigungen auch wirksame Belagerungswerkzeuge den arabischen Städten zu Gebute gestanden haben mögen.
VI Kapitel. Vordringen de* Islam* u. s. w.
117
welche den Reichtum von Täif bildeten und seineu Hauptexport- artikel, Rosinen, lieferten, zu verwüsten. Doch ob er auch damit so gründlich aufräumte , daß nur die jungen , nicht tragenden Stücke verschont blieben , so erbitterte er mehr die Bewohner, als daß er sie zur Übergabe bewogen hätte. Als letztes Mittel versuchte er, Zwietracht in die Reihen der Feinde zu tragen, un<l ließ deshalb durch einen Herold ausrufen, jeder Sklave, welcher aus der Stadt zu den Muslimen überlaufen werde, solle frei sein. Dadurch wurden die TamT gezwungen, nicht minder scharf auf jede verdächtige Regung bei ihren Sklaven als bei den äußeren Fein- den Acht zu haben. Nachdem so die Belagerung 15—20 Tage ohne Erfolg gedauert hatte, verzichtete Mohammed auf die wei- tere Fortsetzung und vertröstete sich und die Seinen mit dem Wunsch» 1 , Gott möge die Taqif rechtleiten Die Erfüllung zog sich allerdings noch fast ein Jahr hinaus, bis Täif von Mälik ben ‘Auf, den der Prophet durch Geld in sein Interesse zu ziehen wußte, verlassen, von den umwohnenden Stämmen zu- erst isoliert, dann beständig bedroht sich im Ramadan des Jahres H zur Übergabe verstehen, und seine Freiheit, sowie den heimischen Götterkultus gegen den Islam umtauschen mußte. Obgleich das Heiligtum der Allät vernichtet wurde , bestätigte Mohammed doch wieder den Hima oder Bannkreis um Tempel und Stadt, der somit von den Heerden der Beduinen nicht betreten wer- den durfte. ‘)
Mit der erfolglosen Belagerung Täifs schloß der Prophet den Feldzug vom Jahre 8d. H. und ging nun daran, seine Truppen mit der gewonnenen Beute auszulöhnen. Diese umfaßte ungefähr (5000 Weiber und Kinder der Hawäzinstämme und ihre ganzen kostbaren Heerdenbestünde. Durch eine Erklärung, die jetzt ihre Gesandten in el-Gi’räna vor Mohammed abgaben, daß sie gewillt seien, den Islam anzunehmen, hofften sie von dessen Großmute alles wieder zu erlangen; doch als dieser sie vor die Notwendigkeit stellte, zwischen ihren Familien oder ihren Heerden zu wählen, entschieden sie sich notgedrungen für erstere, während ihre Habe den Propheten in den Stand setzte, auf leichte Weise gegen andere sich frei- gebig zu zeigen. Vier Fünflei derselben verteilte er unter seine Krieger, die längst schon nach der Beute geschmachtet hatten ;
»; Vgl Wäqidi p.
10 ♦
14*
Das Leben Mohammeds.
das Prophetenfünftel wurde zu Ehrengaben benutzt., allerdings für Leute, welche es am wenigsten verdient hatten.
Mohammed hatte die Aristokraten von Mekka zur Teilnahme am Honainzuge bewogen, wobei er es an reichen Versprechun- gen nicht fehlen lassen mochte. Um diese zu erfüllen und da- durch zugleich den alten Haß gegen ihn zu tilgen, der. wie er längst gelernt hatte, bei keinem Araber tiefer wurzelte als die Habgier, wies er den zwölf angesehensten Qoraischiten. darunter dem Abu Sutjän, Mo awija, ‘Ikrima und anderen seiner ehemaligen Gegner je 100 Kamele, einer Reihe weniger bedeutender Männer aus Mekka halbmal so viel und darunter als beschenk zu. In zweiter Linie wurden dann die Beduinenstämme Sulaim und Mu- zaina, welche das erste Mal mit Mohammed einen Kriegszug unternommen hatten, mit Teilen der Habe ihrer Brnderstänime bereichert.
Eine solche Art der Verteilung mußte sehr ungünstig auf die Kerntruppen von Medina wirken, die überhaupt jetzt sehr geneigt waren, die neuerwachten Sympathien ihres Propheten für Mekka mit Argwohn zu betrachten, zumal da ihnen kurz vorher Schen- kungen aus dem Fünftel des Propheten in Aussicht gestellt waren. ») Ihr Murren fand lauten Ausdruck in einem Liede Hassans ben Täbit, der mit vorwurfsvollem Tone jetzt dem Pro- pheten zu sagen wagte :
Zu was werden die Sulaim, die stets abseits standen, ge- rufen, vorzugehen einem Volke, das Obdach und Hülfe (dir) ge- währt hat, einem Volk, das (iott Ansär genannt, weil sie der rechtleitenden Religion beistanden , als der Krieg in voller Glut flammte ?
Schon nahm die Erregung einen bedrohlichen Charakter an und eine Meuterei schien nicht ausgeschlossen, als Mohammed mit Hülfe aller seiner Überredungskunst noch einmal den Sturm be- schwichtigte. Er mahnte die Seinen an alle Vorteile, die sie bisher dem Islam zu verdanken gehabt hätten ; er räumte ein, dato er die Qoraischiten nur beschenkt habe, um sie der neuen Religion ergeben zu machen, und schloß mit dem rhetorischen Effekte: So mögen denn jene hingehen mit Schafen und Ka-
Vgl. Ilm Hitcham p. 880.
VI Kapitel. Vordringen de* Islams u. s. w. 140
inelen : ihr aber zieht mit dem Gesandten Gottes zu euren Wohn- stütten zurück.
Gleich darauf hieß er das Heer aufbrechen und kehrte, nach- dem er in Mekka noch eine feierliche Omra gehalten, auch einen Statthalter und Religions- und Koranlehrer zurückgelassen hatte, gegen das Ende des Monats Du-l-Qada nach Medina heim.
Die Folgen der Teilung von el-Giräna sind vielleicht größer, als die Biographen es uns andeuten ; der Stachel des Unmutes in der Brust der Übergangenen saß liefer, als daß er durch blolie Worte entfernt worden wäre, und bei Mohammed scheint die erste Erregung sich in einem dauernden Grolle fort- gesetzt zu haben, der sich im Spüren nach Munatiq so gehässig, wie kaum je zuvor, kund that. So verging mehr denn ein halbes Jahr, bis der Prophet beschloß, durch eine Expedition größe- ren Stils die Stimmung in eine andere Bahn zu lenken und den (feist des Gehorsams der Gläubigen auf die Probe zu stellen. Offen proklamierte er deshalb einen Kriegs- oder Raubzug gegen die Rum, d. h. die christlichen unter griechischer Botmäßigkeit stehenden Stämme der arabisch-syrischen Grenze, während seine frühere Gewohnheit war, das Ziel, dem die Rüstungen galten, möglichst lange geheim zu halten. l ) Irgend eine zwingende Ver- anlassung zu dem Zuge lag nicht vor; sagten auch Gerüchte, data Kaiser Heraklius ein gewaltiges »leer in Syrien zusammengebracht habe, so war es durch nichts begründet, diese Vorbereitungen auf Mohammed zu beziehen. Es kam hinzu, daß der Ruf zu den Waffen in den heißesten Monat des Jahres fiel, während gerade die Erntearbeiten vor sich gingen. Alles deutet somit darauf hin, daß AMohammed den Krieg suchte, um eine Spannung im Inneren der Stadt durch äußern Erfolg zu heben.
Als die Aufforderung erging, sich zu rüsten und zu den Kosten beizusteuern, trat alsbald ein bedeutender Widerstand zu Tage. Nicht nur kamen ganze Schaaren und baten um die Er- laubnis . zu I lause bleiben zu dürfen , sondern es ließen sich auch Stimmen vernehmen, die laut das Thörichte eines Kriegs- zuges in solcher Jahreszeit tadelten ; *) andere eiferten gegen die geforderten Steuern, da Gott ihnen auch nichts gegeben habe, J ) oder verleumdeten jene, die sich dazu bereit erklärten.
»j VyL Waqidl p. SM.
Das Iifbpn Mohammeds.
Dadurch hatte Mohammed reichlich (Telegenheit gefunden, mit Koranaussprüchen die ihm mißliebigen Elemente zu geißeln. Er wußte wohl, daß man davor eine starke Scheu hatte; 1 ) desto rücksichtsloser fuhr er jetzt gegen sie los. Die Urlaubsuchenden, welche ihn mit Ausreden täuschten, erklärt er für eine Last des Meeres; falls sie mitzögen, würden sie doch nur Meuterei an- stiften. Wahrscheinlich im Hinblick auf die Vorgänge in el- Gi’rana sagt er:
S. 0, 48. Schon suchten sie ehemals Meuterei anzustiften und wirrten dir die Verhältnisse, bis die Wahrheit erschien und Gottes Katschluß siegreich wurde gegen ihren Willen.
- Wenn sie von den Almosen mitbekommen, >o sind sie zufrieden ; wenn nicht, so sind sie erbost.
- Wären sie doch mit dem zufrieden, was Gott und sein Gesandter ihnen bescheert hat, und sagten : Unsere Genüge ist Göll, er und sein Gesandter wird uns mitteilen von seiner Gna- dentülle ; nach Gott steht unser Verlangen !
Als prinzipielle Kechtfertigung seines Verfahrens bei der Beuteverteilung erklärt er jetzt :
- Almosen (sadaqät) kommen zu nur den Armen, den Dürftigen, denen, die sie eintreiben, und denen, deren Herzen zu gewinnen sind ; ferner dienen sie den Sklaven zum Loskaufe den Verschuldeten, den Zwecken Gottes und den Keisendeu. Das ist eine Bestimmung von Gott: er aber ist wissend und weise.
Er hatte wahrscheinlich hinsichtlich der Verteilung den Vor- wurf hören müssen : Der Prophet ist Ohr, d. h. er läßt sich von Unberufenen beeinflussen. Darauf entgegnet er: Ein Ohr des Guten ist er euch; er glaubt an Gott und traut den Gläubigen. *>
Er findet, daß der Name Munätiq allmählich zu schwach sei, um die Bosheit gewisser Gläubigen zu bezeichnen und nennt sie darum einfach Ungläubige, die ein Prophet gerade so streng, wie die Heiden bekämpfen müsse : 3 )
- Bitte um Vergebung für sie oder nicht (das ist gleich); wenn du für sie auch siebzigmal bittest, su wird doch Gott ihnen nicht verzeihen, weil sie Gott und seinen Gesandten verleugnen: Gott aber leitet nicht die Frevler.
») », 6f>. – ■) 9, 81. – ■} 9, <»7 und 74.
VI Kapitel. Vordringen des Islam« u s. w.
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Den Vorwürfen gegen die unbotmäßigen Stadter schlieft er Beschuldigungen gegen die Beduinen an, die allerband Gründe für ihr Ausbleiben vorbrachten:
Die Beduinen treiben den Unglauben und die Feigheit (nifäq) am weitesten und spielen am geschicktesten die Rolle, die Satzungen nicht kennen zu wollen, die Gott seinem Gesandten offenbart hat. l )
Starke Mittel waren es also, mit denen Mohammed dieses Mal seinen Willen bei der Gemeinde durchsetzte. Mit dem Gelde, welches zumeist Männer seiner nächsten Umgebung, wie Abu Bekr, ütmän, Abd-er-ltahmän u. a. aufbringen mußten, wurde ein Heer von angeblich HO 000 Mann mit 10 000 Pferden ausge- rüstet. Dieses rückte im Monate Ragab aus und zog in nörd- licher Richtung über Wädi-l-Qora und Higr, die sagenumwobene Gräberstadt der Tamüd, nach Tabük, hielt also die damals wie jetzt noch gebräuchliche Karawanenstraße inne. Über Tabük hinaus wagte sich Mohammed nicht mehr : wahrscheinlich sah er ein, daß die Verpflegung des gewaltigen Heeres in den dürren Steppen unmöglich sein würde, und nahm mit dem Erfolge vor- bei), daß verschiedene christliche Städte des Nordens ihm durch Gesandtschaften huldigten und Verträge eingingen, deren Haupt- bediugung die Zahlung einer jährlichen Kopfsteuer von einem Goldstücke für jeden Erwachsenen bildete. Es waren dies die Hafenstadt Aila , wo der Karawanenweg Syriens mit der Schift’sroute von Südarabien sich berührte, weshalb die Pflicht gastlicher Aufnahme reisender Muslime in die Vertragsurkunde mit aufgenommen wurde, ferner die .ludenniederlassung Mafjnä,*) ein durch Weberei und Fischhandel berühmter Ort, 3odann Edruh und Garbä. Auch Dümat-el-Gandal wurde jetzt auf einem Streif- zuge von FJälid endgültig unterworfen, ihr König Ukaidir gefan- gen genommen, doch wieder entlassen und sein Ort nach Aufer- legung der Kopfsteuer in die Dimma oder Schutzgenossenschaft Gottes und seines Gesandten gestellt. Hierauf trat das Heer den Heimweg ati und gelangte im Monat Ramadan wieder nach Medina. —
‘) Die auf die Beduinen bezüglichen Verse könnten auch in die Zeit nach Beendigung des Feldzuges fallen.
•j Am südlichen Teile des ‘Aqabagolfs gelegen (28° 24’ nördlicher Breite), vgl. Burton, Midian.
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Das Leben Mohammeds.
Kaum war Mohammed wieder zurückgekehrt, so fand er Gelegenheit, seine Unduldsamkeit gegen jede Neuerung, die nicht von ihm stammte, zu beweisen. Zwölf oder fünfzehn Männer vom Stamme Sälim , denen der weite Weg zur Moschee in Medina an kalten und regnerischen Tagen schwierig vorkam, hatten sich ein eigenes Gebetshaus gebaut und dasselbe während der Zeit benutzt, wo Mohammed in Tabük weilte. Daß sie damit beabsichtigt hätten, der Moschee des Propheten Konkurrenz zu machen, ist gerade so lächerlich, wie die weitere Angabe unwahrscheinlich, sie sei für Abu “Amir, das Haupt der ehe- maligen christlichen Partei, gebaut. Mohammed glaubte indessen, den Bau auf einen Anschlag von Munäfiq zurückführen zu müssen und gab darum Befehl, ihn einzureißen und zu verbrennen. Zu- gleich benutzte er diesen Anlaß, um zum letzten Male irn Koran gegen die inneren Religionsfeinde vorzugehen. Kurz hinterher schied auch ‘Abd-Alläh ben Ubaj, „der Häuptling der Munäfiq*, aus dem Leben, nachdem er längst zum Schatten von dem, was er vor Mohammeds Ankunft in Medina dargestellt hatte, geworden war. Die zahlreichen Demütigungen und Verketzerungen, welche der Prophet ihm im Leben hatte zu teil werden lassen, suchte dieser dadurch , daß er über seiner Leiche das Gebet verrich- tete, in etwa wieder gut zu machen.
Doch die Hauptbedeutung des Jahres 0 für den Islam be- ruht nicht auf den Ergebnissen und Folgen des Zuges nach Ta- bük, sondern in der prinzipiellen Regelung des Verhältnisses der unterworfenen Völker zum Staatsmittelpunkte. Mohammed kam endlich dazu, die Form zu finden, in welcher der Islam die Be- siegten nicht nur in Unterwürfigkeit halten, sondern auch dau- ernd nutzbar machen konnte. Hatte man ehedem die ersten jüdischen Stämme nach ihrer Besiegung außer Landes gewiesen oder hingeschlachtet und dadurch zwar einmalige große Beute gewonnen, doch die fruchtbarsten Strecken Arabiens entvölkert und entwertet, so war es schon ein Fortschritt gewesen, wenn man Haibar und Wädi-l-Q ora in den Händen ihrer ehemaligen Besitzer ließ und als Tribut die Hälfte des Bodenertrages vet> langte, wobei Sieger und Besiegte ihre Rechnung fanden. An- drerseits hatte Mohammed von den ersten arabischen Stämmen, die er durch Krieg bezwang, außer der zufallig gemachten Beute, wahrscheinlich keine feste Steuer erhoben , da eine solche den
VI. Kapitel. Vordringen des Islams u, s. w.
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habgierigen Beduinen die neue Religion unerträglich gemacht hätte. Doch als durch den Fall Mekkas der Besitz von Higaz hinreichend gesichert schien und der Krieg nur Mittel zur Machterweiterung, nicht mehr zur Selbsterhaltung wurde, da war die Regelung der Abgaben ein unabweisbares Bedürfnis , weil schon der älteste Islam auf dem Prinzip des Tributs gegründet worden war: die Beute muLHe zurücktreten und die regelmäßige Steuer sich ausbilden.
Jetzt wird der alte Unterschied zwischen Heiden und Män- nern der Schrift, d. h. Christen und Juden, der bisher nur dog- matische Bedeutung gehabt halte, im praktischen Sinne verwer- tet. Jene bestanden in Arabien – und weiter vermochte ja Mohammed in seinem Leben nie zu sehen — nach der Eroberung der städtischen (Zentren Mekka und Tai!” teils aus Ackerbauern, so besonders in Jemäma und Jemen , teils aus viehtreibenden Nomaden, so im ganzen Negd : diese hingegen waren nur Stadtbewohner, die von Handel und Industrie lebten. Ihrer Mehr- zahl nach gehörten sie zum oströmischen Reiche, von dem sie schon seit langen Zeiten mit Geld besteuert gewesen waren. Diese Art der Abgabe fand Mohammed, nachdem er sich mit Beute genügend beladen hatte, nachahmungswert und wandte sie zuerst bei der Bevölkerung von Taimä im Jahre 7 d. H., oder nach anderem Berichte l ) bei den Christen von Nagrän an. In weiterem Umfange befolgte er dieses System bei den im Feldzuge von Tabük unterworfenen Städten, indem er, wie oben bemerkt, eine feste jährliche Kopfsteuer von einem Goldstücke für jeden Erwachsenen, Mann wie Frau, Freien wie Sklaven,*) einführte. Dieses Besteuerungsverfahren wird vom Koran wohl um die gleiche Zeit mit folgenden Worten sanktioniert worden sein:
S. 9, 29. Bekämpft diejenigen, welche nicht glauben an Gott ‘ und den jüngsten Tag, die nicht für heilig halten, was Gott und sein Gesandter geheiligt, die nicht der Religion der Wahrheit an- hängen, vom Volke der Schrift, bis sie Kopfsteuer (gizja) geben und unterworfen sind.
inkonsequent muLies hiernach erscheinen, wenn auch die persi- schen Feueranbeter, die nicht unter den Begriff „Männer der Schrift”
‘) Vgl Uelädon p, liti.
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Da;« T^b^n Mohammeds.
gehören, wie diese nur zur Zahlung der Kopfsteuer herangezogen werden, z. B. in Hagar und Jemen; ‘) das mag aber in der vollstän- digen Unklarheit Mohammeds über die Religion jener Leute, sowie darin, daß auch sie vorher ähnlicher Besteuerung unter- worfen waren, seinen Grund haben. Bei ein/einen Industrieorten machte Mohammed die bemerkenswerte Veränderung , daß er wertvolle einheimische Produkte an Geldes statt verlangte ; so wurde den Leuten von Nagrän die jährliche Lieferung von 2000 Mänteln eigener Weberei, jeder eine Unze Gold oder 40 Drach- men wert, auferlegt,*) und den Städten von Jemen freigestellt, in Geld oder in Kleidungsstoffen ihre Verpflichtungen zu erfüllen. 8 )
Ganz anders aber war das Verfahren, welches Mohammed gegen die vordem freien und unbesteuerten Land- und Steppen- bewohner, die sämtlich Götzendiener waren, einschlug. Gegen sie blieb dasjenige Hegel, was beim Kampfe gegen Mekka gegol- ten hatte : Beständige Feinte, bis sie Muslime werden, das Gebet verrichten und Zakät geben. Diese Zakät oder Sadaqa ist die Almosenabgabe an die Gemeinde und soll der ursprünglichen Idee nach religiösen Zwecken zu Gute kommen ; hingegen die Gizja der Andersgläubigen , in seltenen Fällen auch Sadaqa ge- nannt, wird an den Staat abgeliefert und findet ihre Verwendung mehr in Staatszwecken. Die Zaqät soll moralisch wirken, daher heißt es S. 9, 104 : Nimm von ihrem Besitze Almosen, wodurch du sie reinigst und sühnst. Die Oizja aber ist eine Strafabgabe.
Die üblichste Form der Zakät war der Zehnte von dem, was der Boden hervorbrachte, 4 ) besonders von Weizen. Gerste, Dat- teln und Hosinen, wobei aber bald der Unterschied von Erdreich, welches von Natur und solchem, das künstlich bewässert war, eingelülut wurde; für letzteres genügte die Abgabe des Zwanzig- sten. ••) Weiterhin kam die Zakätsteuer bei den Viehbeständen in folgender Weise in Anwendung;
Von 40 Kamelen wurde ein zweijähriges weibliches Jungtier, von HO ein männlichem zweijähriges Jungtier genommen ; bei klei-
‘) Vgl Belädori ,.. 71.
‘) Vgl. Belädori p. 64.
a > VfL Ihn Hischam p. J»5o.
4 VgL Belädori p. 58.
• Vgl. Ihn Hischam j>. ‘.♦Mi. Belädori p. 70.
VT. Kapital. Vordringen des Islams u. ». w. 155
neren Beständen wurde für je 5 Kamele ein Schaf geliefert. Für Rinderherden, die jedoch in Arabien nicht häufig waren, Irat ein gleiches Verfahren ein. l ) Die Ausführungen dieser Bestimmungen lag in der Hand von Steuerempfängern, meist Leuten aus der Umgebung des Propheten, oder auch bei ganzen Stämmen, denen dann ihre Nachbarstämme unterstellt wurden. *)
Die weitere Entwicklung des Steuerwesens, wie es nach der Unterwerfung Syriens und Mesopotamiens durch ‘Omar ein- gerichtet wurde, die Katastrierung alles Landes in Boden , von dessen Ertrage der Zehnte genommen wird, und solchen, welches der Grundsteuer, Haräg, unterlag, hat Mohammed noch nicht vorgesehen; die Andersgläubigen oder Männer der Schrift, mit denen er zu thun hatte, waren eben Städtebewohner, und ihre Kopfsteuer gilt darum für Haräg : 3 ) später wäret« die Männer der Schrift dort, wo sie ihre Religion behalten hatten, vorwiegend Ackerbauer und zahlten dann doppelte Steuer, Gizja, die Kopf- steuer, und rjaräg, die Abgabe für Benutzung des Bodens.
Die einfachen Verhältnisse der Besteuerung gegenüber den Männern der Schrift machte für Mohammed die Sache bald spruchreif, so daß er sich im Koran darüber ausließ: das ver- wickeitere System des Zaqätabgaben aber findet sich nur in Schreiben, die auf Mohammed zurückgeführt werden, doch auf- fälligerweise noch nicht im Koran.
Äußerlich betrachtet, sieht das Steuersystem Mohammeds einer bloßen Ausbeutung der im Grunde armen Bevölkerung Arabiens sehr ähnlich : doch entspricht immerhin dem Gewinne
‘) Sehr detaillierte Nachrichten, die vielleicht schon die Praxis der Nach- folger Mohammeds he/.eichnen. giebt Wtkqidi |» 119: Von Schalen bis zu 120 eins, his 200 zwei, Iiis :KX) drei und für jedes weitere Hundert eins mehr. Von Kameleu his zu 24 Stück ein Schaf Inr je 5 Kamele, von 26— Ift ein einjähriges weibhches Jungtier, oder ein zweijähriges männliches Jungtier, von 4« — »>C* ein reife** weihliches Tier, von t»l— 75 ein fünfjähriges weibliches Tier u. s. w. Von Kindern unter •in nichts, von .’10 an ein dreijähriges männliches oder weihliches Tier, von 10 au eine ausgewachsene Kuh. Ziegen und alters- schwache oder mit einem Fehler behaftete Tiere werden nicht angenommen.
‘) Ein ehrenvolles Vorrecht scheint die Selbstbesteuerurig ohne Zu- ziehung der Beamten gewesen zu sein. Die häufige Phrase lä aschr wahi haschr (Ibn Sa’d, No. 22, 2* u. s. w.i scheint diesen Sinn zu haben.
- In dieser Bedeutung findet sich auch kargst im Talmud und harg im Koran I. !«.’>; in 23, 74 steht barg und h”™ allgemein für Zakät.
15«
Das Lpben Mohammed?.
des Propheten auch ein solcher auf Seiten der Steuerzahler. Jedem, der durch Leistung von Abgaben seine Zugehörigkeit zur Gemeinde oder Schutzgenossenschaft (dimma) des Islams bekun- dete, wurde Friede und Sicherheit nach innen wie nach außen gewährleistet , mochte voraufgegangen sein, was wollte ; ‘) damit schlug der Islam alles früher vergossene Blut nieder, tilgte mit einem Mal uralte Fehden und schuf einen neuen Rechtsboden, auf welchem keine Ansprüche der Vorzeit mehr bestehen blie- ben, wenn sie nicht den Satzungen des Korans enlsprarhen oder durch Ubereinkommen mit Mohammed bestätigt wurden. Beson- ders fanden jetzt alte Streitigkeiten um Landbesitz s ) und Macht einen Schiedsrichter, dessen Wort und Brief von allen geachtet wurde. Je mehr diese Einsicht bei den Stämmen und Geschlech- tern Arabiens, welche dem Islam bisher fern gestanden hatten, durchdrang, desto zahlreicher wurden die Gesandtschaften, die in
‘) Selbst eine Räuberbande, bestehend aus Geächteten von den Stämmen Kinäna, Muzaina u. s. w. und ;ius Sklaven, die im Gebirge der Tihäma hauste, erhielt durch Aufnahme in den Islam Hecht und Ehre zurück, vgl. Ihn Sa’d No. 46 bei Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten IV.
Wellhausen (Sk. u. Vorarb. IV. 0″») geht wohl zu weit, indem er au> mehreren von Mohammed schriftlich bestätigten Gebietsaliweisungen eine neue Phase des verbürgten Grundbesitzes herleitet, während „es vorher offenbar keine schriftliche und überhaupt keine sicheren Titel gab”. Mir scheint, daß es in Arabien jederzeit gerade so gu» einen festen Besitz gab, wie in anderen Ländern; derselbe wurde durch Eintreten in die Dimma oder Scholl des Islams von neuem gewährleistet. Nur mußten bei dem Nomadenleben vieler Stämme die Grenzen verschiedener Distrikte schwankend bleiben, und wäh- rend hier vor Mohammed das Kecht des Stärkeren galt, gub’der Islam dar- über feste Entscheidungen. So wird bei Ihn Sa’d No. Jtl mehreren Unter* Stämmen von Taj dasjenige Gebiet . welches sie beim Übertritte zum Islam gerade innehatten, bestätigt, und dem entsprechend in No. 24 ihren Nachbarn und Rivalen, den Asad, geboten , den jetzigen Besitz der.Taj zu .achten. Die zahlreichen Belehnungen von meist unbedeutenden und kaum zu lokali- sierenden Gebieten an Privatpersonen sind auch wohl alle als Urteile Moham- med« bei Grenzprozessen , die ihm vorgetragen wurden, anzusehen , worauf auch der häutige Schlußsatz hindeutet: Keiner soll (fürderhin mehr) den Besitz anfechten. Doch kommt auch i^enug Apokryphes in diesem Genre von Urkun- den bei Ihn Sad vor, z. B. wenn schon Bibra (Hebron) und ‘Ainün in Palä- stina von Mohammed einem Araber zugesprochen werden, ferner wenu über dassellie Gebiet verschiedene Besitzurkunden ausgestellt worden sind . wie No. 2! u. 31, No. :>\, No. :;l u. 3&
VI. Kapitel. VorilritiKcii dos Islams u. s. \.
157
Medina einliefen, um dem Prophet en zu huldigen und nebenher allerhand irdische Sonderzwecke zu erreichen. Deshalb nennen die arabischen Historiker das Jahr 9 d. H. auch Jahr der Ge- sandtschaften, wiewohl mit noch größerem Rechte das Jahr 10, in welchem sich der Interessenaustausch zwischen dem Islam und Arabien noch stärker fortsetzte, diese Bezeichnung verdiente. Es hält schwer, sich ein klares Bild von der Aufeinanderfolge dieser Ereignisse zu machen, da bei den meisten derselben nähere Da- ten nicht überliefert sind ; doch scheint es, daß der Feldzug nach Tabrtk den Anstoß dazu gegeben hat, worauf sich die Bewegung durch das Mittelland Arabiens bis in die südlichen Landschaften fortpflanzte.
Mit den Städten auf der Linie am ‘Aqaba bis Dümat-el- Gandal unterwarfen sich die Wanderstämme der Grenzdistrikte nach Syrien zu, die Bali, Fazära, sowie die christlichen Bahra. Von größerer Bedeutung war es, daß die Tamim, deren Sitze oder Weideplätze fast von der Euphratmündung bis Bahrain und Temäma sich hinzogen, *) eine stattliche Deputation in die Stadt des Propheten schickten , wo sie nach einem poetischen Redekampfe mit Hassan ben Tabit das Glaubensbekenntnis ab- legte. Einige tadelnde Worte in S. 49, 1—5, den Gesandten Gottes nicht durch ungebührliches Rufen vor seinen Privatge- mächern zu stören, sollen auf sie gemünzt sein. Von den Nach- barn der Tamim nach Süden zu, den Abd-el-Qais, kam aller- dings erst im Jahre 10 el-Gärüd ben Amr mit Begleitern nach Medina , um seinen Christenglauben abzuschwören ; nach sei- ner Rückkehr scheint er mit Erfolg unter seinen Landsleuten den Islam verbreitet zu haben.
Der Stamm Taj, in den Thälern des Schammärgebirges an- sässig, war zu Beginn des Jahres 0 das Ziel einer von Ali be- fehligten Expedition gewesen, die besonders die Zerstörung des Götzenbildes el-Kulüs bezweckte; seine Unterwerfung machte im Jahre 10 Fortschritte durch die Verhandlungen des ritterlichen Zaid-el-Hail mit Mohammed, welch letzterer ihm größere bis da- hin umstritten gewesene Landflächen zusprach.
Der Hauptstamm der Landschaft Jemäma, Hanffa, schickte im Jahre 10 seine Gesandten an den Propheten, die den Samen des
) Vgl. Ibn Hauqal p LH.
156
Das Leben Mohammeds.
Islams in die Fruchtgefilde ihres Landes trugen : die Ernte dieser Saat hielt jedoch zunächst nicht Mohammed, sondern Maslama, von den Muslimen verächtlich Musailima oder Klein-Maslama genannt, welcher Mohammeds Lehren zwar im Großen und Gan- zen beibehielt, einiges indessen in eine neue Form, die dem na- tionalen Bewußtsein des Volkes von JemAma mehr entsprach, goß und vielfach veredelte. Fr scheint sich nicht geradezu als Prophet seines Volkes aufgespielt zu haben , sondern nur als Lehrer und Gesetzgeber, wie denn seine Suren, welche nach dem Muster der mohammedanischen ohne rechte Originalität entstan- den, zum Unterschiede von jenen nicht Gott selbst in den Mund gelegt sind, sondern sich als rein persönliche Ergüsse geben. Durch Betonung des nationalen Standpunktes brachte Musailima es aber zu solcher Macht, daß er es wagen konnte, Mohammed den Vorschlag einer friedlichen Teilung Arabiens zu macheu, wobei die beiden Urstämme Modar und Rabi a, d. h. der Westen und Osten von Mittelarabien den Kern der beiden Keiche ab- geben sollten. In der schriftlichen Antwort hierauf von Moham- med als , Lügner” bezeichnet, blieb er, ohne mit dem Islam in Krieg zu geraten, doch bis in die Regierungszeit des Abu Bekr selbständig.
In der Südostecke Arabiens, ‘Oman, war der Stamm Azd schon nach Honain auf einem Streifzuge von ‘Amr ben el-ħ zur Annahme des Islams gezwungen worden und bewies in der Folge- zeit großen Eifer zur weiteren Ausbreitung desselben. Einer Gesandt- schalt von ihnen gab Mohammed den Auftrag, ihre Nachbarn mit Waffengewalt zu bekehren ; sie suchten deshalb das wohlbe- festigte, von jemenischen Stammen verleidigte Gurasch zu er- stürmen und erzielten wenigstens den einen Erfolg, daß die Stadt mit Mohammed selbst zu paktieren begann und den Islam unter der Bedingung annahm, daß der alte Hima oder Bannkreis ihr erhalten blieb.
•leinen, der in eine Menge von Mihläf oder Grafschaften zer- splitterte Südwesten Arabiens, hatte schon längst die innere Kraft nicht mehr, um sich neuen Entwicklungen [entgegenzustemmen. So erschienen schon im Jahre 9, bald nach dem Feldzuge von Tabük Enkel der alten Sabäer, die Vertreter der Himjarstämme von Ro’ain, Ma’ätir und Hamdän vor dem m Propheten und hul- digten ihm ; sie erhielten einen Brief, d^r ihnen die Religions-
VI. Kapitel. Vordringen des Islams u. *. w.
pQichten, nicht minder aber die zu leistenden Steuern klar machen sollte, und EU ihrer gründlicheren Belehrung wurde ihnen ein alter Gefährte Mohammeds, Mo’ad, in ihre Heimat mitgegeben. Noch verhielten sich die übrigen Stämme zurückhaltend, bis zu Anfang des Jahres 10 Hälid ben el-Walid in der Gegend von Na- grän erschien, um mit der ihm eigenen militärischen Weise das üekehrnngswerk zu besorgen. Er stellte den mächtigen heid- nischen Stamm el-Härit ben Ka b, die Bewohner des Landkreises Nagrän – die christliche Stadtbevölkerung hatte nämlich schon vor dem Zuge nach Tabük mit Mohammed verhandelt — vor die Wahl: Entweder Bekehrung oder nach Ablauf von drei Tagen Krieg ! Erschreckt wählte man ersleres und schickte eine Gesandlschaft nach Medina, um dem Propheten den Schwur des Gehorsams abzulegen. Mehr noch als rjalids Strenge scheint aber die beständige Feindschaft der Nachbarslämme unter einander die rasche Keformierung des Südens durch den Islam gefordert zu haben ; so beeilten sich die Leute vom Stamme Muräd, die von Hamdün in blutiger Schlacht dezimiert worden waren, den Propheten von ihrem freiwilligen Übertritte zum Islam zu be- nachrichtigen, worauf dieser dem Führer der Gesandtschaft sagte : Dein Volk soll im Islam nur Gutes erleben, und ihn als Herrscher über Muräd, Zubaid und Madgaf bestätigte. Das reizte gewinn- süchtige Fürsten zur Nachahmung, und die Folge davon war, »laß auch sie sich an den Hof des Propheten drängten und ihm huldigten: so die Beherrscher der Kinda, rjaulan, Sadif, Ma- fcärib und andere. Von grobem Einflüsse auf die Annäherung Südarabiens an die neue Lehre war die Sendung Alis nach Je- men, der rjälids Werk, doch in anderem Geist, mit Milde und Schonung fortsetzte. Die sicherste Bestätigung für die Weite des Umkreises, in welchem sich gegen den Schluß des Jahres 10 d. H. die Araber zu Gehorsam gegen den Propheten verpflichtet hallen, bietet die Nachricht von der Einsetzung von Statthaltern (Emir) und Steuereintreibern (Mosaddiq) über Nagrän, San’;’« und Ila- dramaul, über Bahrain, Taj und zahlreiche Einzelstänime. »)
So befand sich das Staatswesen des Islams in mächtigem Aufschwünge; mochte es auch noch nicht überall die natür- lichen Grenzen Arabiens berühren, mochte im Inneren der
‘i Vgl. Um Hisohum p. 9Hf>.
160
Das Mim Moharntin «Is.
Halbinsel noch eine starke, selbstbewußte Koalition um Musai- lima geschaart detn Islam und Qoraischitentume entgegenstehen, mochten endlich da, wo die Biographen von unterworfenen und bekehrten Völkerschaften reden, oft nur einzelne Parteien unter denselben gemeint sein, so konnte es doch nicht zweifelhaft sein, daß in absehbarer Zeit Politik und Waffengewalt Mohammed zum Herrscher über alle Araber machen würde. Welches Ver- hältnis er alsdann zu den beiden Großmächten Ostrom und Per- sien, deren Besitz dadurch beeinträchtigt worden wäre, einge- schlagen haben würde, darüber lassen sich aus Mangel an Nach- richten nur unsichere Vermutungen aufstellen. Vollständiger als der Staatsgedanke konnte das religiöse System des Islams für abge- schlossen angesehen werden; wenigstens erwies sich Mohammed als unfähig, demselben noch wesentliche Teile anzufügen. Der dogmatisch-ethische Geist desselben hatte schon gegen Ende der mekkanischen Periode ausgegoren ; an seine Stelle war in Me- dina eine praktische Religion getreten, die in der Befolgung ge- nau festgesetzter Formalitäten und vor allem im blinden Gehor- sam gegen den Gesandten Gottes bestand. Vieljährige Übung hatten sie auch schon stereotyp werden lassen, und großartige äußere Erfolge, die Frucht dieses Geistes, gaben dem Propheten die Gewähr für die Vollständigkeit und Vollendung seiner Religion.
Das letzte, was in ihr noch geregelt wurde, betraf die Aus- nahmestellung des mekkanischen Gotteshauses. Nach der Eroberung der Stadt scheint der Zutritt zu demselben im Interesse des (joraischitischen Handels auch den Heiden noch erlaubt wor- den zu sein; doch nach Ablauf eines Jahres, als die Götzendiener in immer entferntere Stellungen gedrängt wurden, war Mohammed nicht mehr gewillt, andere als die Gläubigen zum Haupttempel des Islams zuzulassen. Als deshalb die Zeit des mekkanischen Festes wieder herannahte, schickte er Abu Bekr in die heilige Stadt, um den Gang des Festes zu leiten und am Tage der Opfer- feier in Mina der Pilgerversammlung Folgendes anzukündigen: Nach Ablauf dieses Jahres darf kein Götzendiener mehr die Wall- fahrt unternehmen und niemand mehr nackt den Umlauf um das heilige Haus verrichten. ‘) Wohl zur Beschwichtigung der Be-
‘) So die liierte Tradition bei Bi’Ujärl III. 71.
v
VI. Kapitel Vordringen des Islam« u. s. w.
denklichkeilen, die doshalb unter den Qoraischiten entstanden, w urde folgender Koranvers offenbart :
S. !>, “J8. Ihr Gläubigen ! Die Götzendiener sind unrein ; des- halb sollen sie sich dein geweihten Gotteshause nach diesem ihrem Jahre nicht nahen. Wenn ihr aber Mangel fürchtet, nun, Gott wird euch aus seinem (inadenüberschwange bereichern, wenn er will ; denn er ist weise und gerecht.
Konnte er so die Heiden aus dem Bannkreise von Mekka ausschliefen, so versagten ihm die Kräfte, um auch all das tief- heidnische Wesen, welches in der Verehrung des heiligen Hau- ses und den damit zusammenhängenden Bräuchen, vor allem irn Ritus des mekkanischen Festes steckte, wegzuschaffen. Hatte er — so kann man mutmaßen — vielleicht gehofft, mit der Zeit all dies islamisch umdeuten zu können, wie er es ehemals mit der Gründung der Ka’ba und der Einrichtung der Pilgerfahrt gethan, und hatte er deshalb schon zweimal nach Eroberung der Stadl die Festzeit verstreichen lassen , ohne sich selbst an die Spitze der Pilger zu stellen ? Hatte er es darum vorgezogen, stets nur die ‘Onira, die sogenannte kleine Wallfahrt mit be- schränkterem ( leremoniel abzuhalten V Jedenfalls ist es ihm nicht gelungen, dein spröden Stoff eine geistige, zu seiner übrigen Lehre passende Seite abzugewinnen, und ebenso w r enig die schon herübergenommenen Teile desselben wieder auszuscheiden. So entschloß er sich denn zu Ende des Jahres 10 d. H., alles, wie es früher gewesen war, dadurch zu sanktionieren, daß er die Leitung des Festes selbst übernahm. Es war dies, im Lichteseiner Entwicklung betrachtet, nicht der „schönste Triumphzug, der je einem Sterblichen zu teil geworden ist”, wie Sprenger ‘) sich ausdrückt, sondern mehr der entehrende Gang unter das heidnische Joch, so glänzend auch die äußeren Umstände dabei aussehen mochten, ein verhängnisvolles Vermächtnis für die junge Religion des Islams. Abschiedswallfahrt oder Wallfahrt der Vollendung nennen die Biographen diesen letzten öffentlichen Akt im Leben Moham- meds, da er mit all seinen Wi-ibern und ungezählten Gläubigen nach Mekka aufbrach und sich hier der Verrichtung aller allen Bräuche während der drei Tage des Festes unterzog. 2 ) Das
l ) Lehen und Lehre Mohammeds III. .”»15.
*) Daß ernstdenkende Gläubige sich ilarüher doch ihre eigenen Gedan- ken gemacht haben mögen, kann man daraus schließen, wie der Kalif ‘Omar G rinnt: Mohamm. .1 r. ) \
1«52 Das liehen Mohammeds.
einzige Geistige, was er noch hinzimithun wußte, war die Fredigt. Die erste hielt er in Mekka, die zweite In ‘Arafa, die dritte in Mina. Das wurde, wie alles, was er bei dieser Gelegenheit beobachtete , Regel für die Nachwelt. 1 ) In die- sen Ansprachen soll Mohammed die Heiligkeit und Unver- letzlichkeit von Gut und Leben aller Muslime betont haben; jeder ist des anderen Bruder, und alle bilden eine Brüderschaft, in welcher einer dem anderen so viel Gutes zukommen lassen soll, wie er sich selber zu verschaffen sucht. Der Idee der Brü- derlichkeit widerspricht aber das Zinsnehmen, weshalb es ver- boten wird : ihr widerspricht die Blutrache, allerdings nach des Propheten Idee nur in Fällen, die noch von Heidenzeiten her aus- stehen: sie werden deshalb niedergeschlagen. Die Männer sollen Verpflichtungen haben ihren Weibern gegenüber, wie diese gegen jene; doch ward dabei die Unlerthünigkeit des Weibes beson- ders stark hervorgehoben.
Auch die Einführung des reinen Mondjahres ohne Schalt- monat soll bei dieser Festfeier stattgefunden haben ; doch kann man nach dem Koran vermuten, daß schon vor dem Zuge nach Tabük diese Neuerung seinen Ausdruck erhielt und zwar in Sure 9:
- Die Zahl der Monate bei Gott beträgt zwölf, nach der Vorschrift Gottes an jenem Tage, da er Himmel und Erde schuf; darunter sind vier geweihte;*) das ist der feste Gottesdienst. Darum
bei Gelegenheit einer Wallfahrt nach Mekka den schwarzen Stein anredete: Du bist doch nur ein Stein, sagte er, der nicht vermag zu nützen noch zu schaden ; und hätte ich nicht gesehen, wie der Gesandte Gottes dich geküßt, so würde ich dich nicht küssen; vgl. Mälik hen Anas Muwalta’, p. 143 (Lahore a. 12H1). Dieselbe Äußerung wird auch Abu Bekr zugeschrieben, vgl. Su- jnti, Kalifengeschichte (Qähira a. 1305) p. 34.
‘ ) Allerdings soll auch schon Abu Bekr , der Fcstleiter vom Jahre !» diese drei Predigten gehalten haben, vgl. Wäqidt p. 4 17, doch wird man an- nehmen müssen, daß dieses auf Anweisung des Propheten, nicht in Nachahmung alten Brauches, geschah. Eine Neuerung Mohammeds ist es wahrscheinlich auch, dali er eine Station in ‘Arafa ansetzte, während ehemals die Ootaisehilen nur bis Garn’ pilgerten. ‘Arafa scheint ursprünglich mit dem mekkanischen Allahkulte nichts zu thun zu haben, wohl aber Garn’, wie denn die Horaischiten die Begründung ihrer Sitte in den bemerkenswerten Worten gaben: Wir sind ja das Volk Allahs (d. h. und keines anderen Göltest, vgl. Waqidi p. 427 f.
*) Uie Proklamierung der 4 heiligen Monate verliert dadurch, daß in ihnen der Kampf erlaubt wird, alle Bedeutung lür den Islam, und so wurde bald als heiliger Monat nur noch der Kastenmona! HamndAn angesehen.
VI. Kapitel. Vnnlrin^en <les Islams u. s. w. Utf
thut in ihnen euch (gegenseitig) kein Unrecht, doch bekämpfet (darin) die Götzendiener allesamt, gleichwie sie euch allesamt be- kämpfen, und wisset, daß Gott mit denen ist, die ihn fürchten.
- Der Schaltmonat aber ist ein überflössiger Zusatz aus dem Heidentume , durch welchen die Ungläubigen sich irre leiten u. s. w.
Nach Beendigung der Wallfahrtsceremonien kehrte Moham- med nach Medina zurück und ging zwei Monate lang allen seinen gewohnten Verrichtungen mit solcher Frische nach, daß niemand seine baldige Auflösung vermutet hätte. Noch um das Ende des Monats Safar im Jahre 11 d. H. hieß er den jungen Usäma ben Zaid mit einer auserlesenen Schaar, in der viele der älte- sten Flucht genossen sich befanden, einen Haubzug gegen die ost- römische Grenze unternehmen, entweder nach der Landschaft Darum *) oder wahrscheinlicher nur gegen den Ort Ubna, unweit der Belqä. Doch ehe dieser noch das Weichbild von Medina verlassen hatte , überkam in den ersten Tagen des Monats Rebi’ I den ungefähr dreiundsechzigjährigen Propheten ein heftiges Fieber. Die Tradition bezeichnet es als die Folge eines nächtlichen Aus- ganges zu dem östlich von der Stadl gelegenen Friedhofe Baqf ; nachdem er hier über den Gräbern seiner alten Genossen , der Kämpfer von Badr und ühod, sein Gebet verrichtet habe, sei er von einem quälenden Kopfschmerz ergriffen worden, der sich bald zum Fieber steigerte. Das hinderte ihn jedoch nicht, noch einige Tage in der Gemeinde zu wirken, bis ihn bei einem Be- suche in der Hütte seiner Frau Maimüna plötzlich die Schwäche überwältigte. Seinem Wunsche gemäß wurde er in die Wohnung seiner Lieblingsfrau ‘Aischa überführt. Versuche , durch Güsse kalten Wassere die Fieberglut zu mildern , waren von keinem Erfolge, ebenso wenig ein abessinisches Heilmittel, das ihm einige um ihn versammelte Weiber in das Ohr träufelten. Noch versah sich keiner der Freunde eines ernsten Ausganges. In der Mor- genfrühe von Montag, dem 12RebfI, flackerte «las Lebenslicht des Krauken noch einmal vor dem Verlöschen auf: er verließ sein Lager und zeigte sich für wenige Augenblicke seiner beim ( iebet ver- sammelten Gemeinde. Gleich darauf aber trieb es ihn wieder
‘) VgL Maqdisi p. 171: ,Ein Distrikt von Bait Gibrin* lEleutheropuliä in Palästina).
11 *
16-J Das Lohen Mohammeds.
zum Hause der Äischa zurück; wie er sich erschöpf) an ihre Brust lehnte, durchfuhr ihn ein plötzlicher Krampf, sein Blick ward stier, sein Mund murmelte einige Worte, dann sank er tot nieder. Am Tage darauf wurde sein Leichnam von den nächsten Freunden gewaschen, angekleidet und der Gemeinde zur Besich- tigung aufgebahrt ; um Mitternacht begrub man ihn an eben der Stelle, wo ihn der Tod überrascht hatte. Zum Nachfolger in seiner politischen Wirksamkeit und zum Leiter der Gemeinde erwählte man auf Vorschlag Omars Abu Bekr, weil Mohammed selber keinerlei Verfügungen über die Nachfolge hinterlassen hatte ; doch in die Lücke zu treten, welche für die religiöse Ge- setzgebung entstanden war, wurde niemand für würdig gehalten, und so mutete von jetzt ab des Propheten schriftliches Vermächtnis an die Gläubigen, der Koran, sein lebendiges Wort und seine per- sönliche Führung ersetzen.
Erläuterung zum Plane der Stadt Mekka.
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- Zuqäq el-H; agar. 2.J. Stadtviertel el-Qoschinclujja.
- es-SatVi.
2:». Stadtviertel el-Gijad.
2(j. Berg (Jowaiqi’än.
- Stadlviertel Ma’bada.
Erläuterung zum Plane der Stadt Medina.
(Zeichnung nach H. Hu rinn.)
- Moschee.
- Gräber des Mohammed, Abu Bekr
und ‘Omar. .’». Unvollendete Halle. 1. Straße, zum Friedensthore führend. f>. Straße cl-Bali. i> Syrisches Thor.
- Gastthor.
- Freitagsthor.
- Ägyptisches Thor.
- Gemüsemarkt.
- Kornmarkt.
- Öffentlicher Brunnen (send).
- Mohammeds Beihaus
- Moschee ‘Omars.
- Kleines Thor.
- Ambärthor.
- Vorstadtstraße el-Amhärijja
- Brücke.
- Qobathor,
Erläuterung zum Plane der Mesgid el-haräm in Mekka.
i Zeichnung nach C. Snouc k-H urgronje.)
- Thor der Beim Schaiha.
- Ka’ha der kleine Strich bezeichnet die Dachrinne . •t. Higr (halbkreisförmige Mauer).
- Gebäude über dem Zemzemhrunnen.
- und *i. Treppen zur Ka’ba.
- Maqam Ibrahim (zugleich Maqam es-Sehäli’i)
- Mimbar (Kanzel).
- Maqäm el-Hanafl.
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Darstellungen
aus dem Gebiete
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Mohammed
von
Hubert Grinmie.
Mttnster i. W. 1895.
Ürurk und Verlag der Aschendorffschen Huchhandlung.
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Mohammed.
Zweiter Teil:
Einleitung in den Koran. System der koranischen Theologie.
Von
Dr. Hubert Grimme,
ord. Professor an der Universität Freiburg i. d. Schweiz.
Mit zwei Ansichten der Städte Mekka und Mvdina in Lichtdruck.
Münster i. W. 1895.
Druck und Verlag «1er A Sehendorffsrhen Buchhandlung.
Herrn Staatsrat
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gewidmet.
Vorwort.
Meinem im Jahre 1892 erschienenen Buche: Mohammed, I. Teil: Das Leben, füge ich hiermit Fortsetzung und Ergänzung an, wobei jedoch jeder Teil den Wert eines in sich abgeschlosse- nen Ganzen beansprucht. Denn wenn Band I die Zusammen- fassung der Einzelnachrichten über Mohammeds Leben zum Bilde seiner religionspolilischen Entwickelung bezweckte, so stellt dieser zweite in seinem Hauptteile das System der von ihm vorgetrage- nen Lehre dar, wie sie uns der Koran in authentischer Weise erhalten hat. Dabei lielä sich nicht umgehen, angesichts der ver- schiedenen Meinungen über die Entstehung dieses Religionsbuches meine Ansicht vorzutragen und genauer zu begründen; denn nur bei prinzipieller Klarheit hierüber wie über die Frage nach der chronologischen Anordnung der Suren, der deshalb ebenfalls ein Kapitel gewidmet ist, kann ein genetischer Aufbau der Lehre Mohammeds versucht werden.
Bin ich nun schon in diesen Voruntersuchungen nicht wenig von meinen Vorgängern abgewichen, so stehe ich im Hauptteile des Buches auf einem von den Früheren durchaus verschiedenen Boden. Wo bisher die Lehre Mohammeds zu Darstellungen ver- arbeitet worden ist — ihre Zahl ist im allgemeinen gering wie ihre Qualität — da erscheint sie als ein mehr oder weniger buntes Gemisch von Lehrmeinungen und Vorschriften, bei dem von kei- nem System die Rede sein kann *) ; auch die von Geiger so er- folgreich begonnene, doch später nur wenig weitergeforderte Unter-
») Statt vielen gebe ich nur Weil das Wort, der sagt: Von einem Natur- menschen wie Mohimmed, bei welchem von Schulbildung und spekulativem Wissen keine Spur zu finden ist, konnte natürlich keine Aufstellung einer systematischen Dogmatik erwartet werden. (Gesch. der islam. Völker, S. 32. fast geradeso in seiner Hist. krit. Einleitung i. d. Koran, II. Aufl., S. 97.)
VIII Vorwort.
suchung über die jüdischen Elemente im Koran hat immer nur ihren Blick auf Einzelheiten und nicht auf das Ganze gerichtet, so daß man sich mit der Registrierung einer Anzahl Einzel- erscheinungen begnügte. Dem gegenüber stellt sich mir die Lehre Mohammeds beziehungsweise des Korans als ein System dar, das mit starker Anlehnung an dasjenige des Spätjudentums dennoch Eigenes genug bringt, um unsere Achtung vor dem Sinnen und Denken des Propheten zu begründen. Daß der Begriff dieses Systems von dem in langen Kriegsjahren der islamischen Welt- eroberung aufwachsenden Geschlechte vergessen, von der späteren Theologie, die jeden Zusammenhang des Korans mit früheren Religionsideen leugnete, nicht in ursprünglicher Reinheit wieder aufgebaut worden ist, solches mußte auch uns lange den Blick verschleiern, beweist aber nichts für die Annahme, es habe nie- mals bestanden. Ich hoffe, die folgenden Blätter werden darthun, wie viel Feinheiten an Ausdruck und Gedanke der Koran mehr, als man bisher annahm, offenbart.
Nun zeigt der Koran auch manche Punkte des mohamme- danischen Systems in verschiedenen Entwickelungsstadien, ent- sprechend dem verschiedenen Charakter der drei Hauptphasen des Islams, der naiv-dogmatischen der frühesten Zeit, der philo- sophisch-spekulativen der spätmekkanischen Periode, der prak- tischen in Medina. Ich habe mich bemüht, auch diese langsamen Verschiebungen von Ideen bei der Auseinandersetzung des Systems sorgfältig zu berücksichtigen.
Keineswegs erhebt aber diese erste zusammenfassende Dar- stellung der koranischen Theologie den Anspruch, alle einschlä- gigen Fragen endgültig beantwortet zu haben; der Koran wird fortfahren, den Scharfsinn unserer Gelehrten herauszufordern, die vergleichende Religionswissenschaft wird weiter zu manchen Einzelheiten neue Parallelen finden. Doch dürfte an vielen Stel- len das verschwommene Dunkel, in das der Koran bisher getaucht erschien, durch die vorliegende Arbeit etwas gelichtet worden sein.
Manche nur skizzenhaften Auseinandersetzungen zu vollerer Abrundung zu bringen, ging mit dem Materiale des Korans nicht an. Hierzu werden in Zukunft die echten Hadi[e benutzt werden müssen, zu deren Ausscheidung aus dem Wüste der gefälschten Traditionen das vorliegende Buch hoffentlich gute Dienste leisten wird.
Vorwort.
IX
Endlich bemerke ich noch , daß dieser Band in ver- schiedenen Einzelheiten *) den ersten korrigiert; ein Tag lehrt den anderen, und ich werde mich nie scheuen, eine frühere Behauptung, wenn sie haltlos geworden ist, selbst umzustoßen.
Dem Entgegenkommen meines Herrn Verlegers verdanke ich die Zugabe der beiden Ansichten von Mekka und Medina. Sie sind nach bisher in Europa unbekannten photographischen Aufnahmen des ehemaligen Obersten im ägyptischen Generalstabe Mohammed Pascha ?ädiq angefertigt, die mir mein Kollege Pro- fessor Heß bereitwilligst zur Reproduktion überlassen hat.
‘) Dahin gehört vornehmlich die Berichtigung des Begriffs aslama (II, 108 gegen I, 10), der Ansirht vom Vorgehen Mohammeds gegen die Hei den – tempel (II, 196 f. tregen l, 00), von der Erblichkeit des Prophentums in Abra- hams, resp Noahs Familie (II. 79 gegen I, 69), von der Bedeutung des Namens Munäfiq (II, H9 gegen I, 74), endlich die Abschwächung der Hypothese vom «•ozialislischen Ursprünge des Islams (II. 1Ä> gegen I, 14).
Frei bürg, Schweiz, im Oktober 1894.
Der Verfasser.
Corrigenda.
Seite 8, Zeile 22 von oben lies: vergessen machen statt vergessen. — S. 10, Z. 2 v. o. I. haffafa st. haffafa. — S. 13, Z. 8 der Anm. I. die st. dis. S. 15, Z. 14 v. u. 1. ihm st. ihr. – S 23, Z. 13 v. o. 1. 2. 286 st. 186. — S. 26, Anm. 7 1. unmittelbare u. 23, 52 st. unmittelbarer u. 23, 53. — S. 27, Z. 9 v u. füge ein: v. 35-44 spätmekkanisrh. — S. 29, Z. 5 d. Anm. 1. •) st – S. 87, Z. 1 v. u. 1. wölbte und st. wölbte — und. – S. 44, Anm. 7 1. 68, 47 st. «8, 57. – S. 16, Z. 1 v. u. I. 2. 266 st. 2, .356. – S. 49. Z. 1 t. o. L 15-16 st. 15-17. – S. 55, Anm. 2 L 81, 9 bL 31, 8; Anm. 4 I. 31, 9 u. 22. 5 st. 31, 8 u. 22, 4. – S. 82, Z. 11 v. o. 1. Ibrähim st. Ibrahim. – S. 83, Z. 1 v u. 1. «) st. ‘). — S. 90, Z. 3 v. u. 1. Salomos st. Salamos. — S. 97, Anm. 3 1. sie st. sich. — S. 101, Z. 10 v. o. I. geschehen st. gesehehen. — S. 113, Anm. 1 1. zaklt st. zakkat. — S. 122, Z. 11 v. u. 1. Öffentlichkeit st. Öffentlichkeit. – S. 135, Z. 11 v. u. 1 Ärgernis sU Ärgernis.
I ii Ii a I t
Einleitung in den Koran.
Entstehungsgeschichte des Korans 1
Form und chronologische Reihenfolge Her Koransuren 18
System der koraiiischen Theologie.
Einleitung 30
Koranische Dogmatik:
Gottes Macht. Einheit und Gate 3b
Begrenzung der Gottheit 43
Wohnung und Umgubung Gottes 47
Mittlerische Hypostasen Gottes “»<)
Erschaffung der Erde und des Menschen f>4
Dämonen und Heidengötter 03
Heilsvermittlung und Offenbarung 71
Die Prophetengeschicbten des Korans 79
Stellung Mohammeds unter den Propheten 98
Verhältnis des Menschen zu den ihm gebotenen Heilsmitteln 10f>
Lehre von den Pflichten:
Die Pflichten im allgemeinen; Begriff der Hechtfertigung . .110
Die Pflichten im besonderen 115
Erstes Gebot: Der Glaube 118
Zweites Gebot: A. Das Gebet 121
B. Wallfahrt und Opfer 12t>
C. Beobachtung der heiligen Monate und des Fastens 131
D. Der Glaubenskrieg 134
Drittes bis fünftes Gebot: Pflichten gegen die am nächsten ste- henden Menschen 137
Sechstes bis zwölftes Gebot: Gebote über das Verhalten gegen
ferner stehende Menschen 143
XII Inhalt.
Lehre von der Vollendung:
Auferstehung, Weltgericht. Paradies und Hölle …. 154 Schlußwort . 166
Exkurs: Die Benutzung des II. Briefes Petri in sp&tmek-
kanischen Suren 170
Verzeichnis der in Band I und II des „Mohammed* ü hersetzten Koranstellen 176
Verzeichnis der Eigennamen und wichtigeren theologischen Kunstausdrücke in Band 1 und II des .Mohammed* . 1H1
»
Einleitung in den Koran.
Entstehungsgeschichte des Korans.
Der Islam teilt mit den meisten der großen Weltreligionen die Eigentümlichkeit, sich auf ein heiliges Buch als Beweismittel für die Wahrheit seiner Lehre zu stützen; seine Beziehung zu diesem Buch ist aber ganz besonders eng, weil die Entstehung desselben fast zusammenfallt mit der Entstehung der islamischen Lehre, und so zwischen Religion und Religionsbuch von vorn- herein ein unlösbares Verhältnis sich ausgebildet hat.
. Der Name dieses heiligen Buches ist gemeinhin Koran, d. i. Vorlesung,, einer von den vielen Ausdrücken, die Mohammed zur Bezeichnung der “ihm» van. ßptt mitgeteilten Offenbarung ge- stempelt hat, und zwar galt ihm sowohl jede. Einzeloflenbarung, als auch der ganze Vorgang der Inspiration als Koran. Als ein Akt verhängnisvoller Einseitigkeit muß es angesehen werden, wenn eine spätere Generation dieses Wort einzig allein auf die schriftlich fixierten Lehren bezog, und weiter darin eine von dem Propheten gewollte Einheit erblickte; man wird aber mehr im Sinne Mohammeds handeln, wenn man zwar jeden der 114 Ab- schnitte des Korans für einheitlich, das Ganze aber doch nur als Fragment der Lehren des Propheten ansieht.
Im Folgenden werde ich das Wort Koran, wo es den ur- sprünglichen Sinn tragen soll, immer mit einem erläuternden Zusätze versehen, wo dies aber nicht geschieht, in seiner späteren Bedeutung anwenden.
Mohammed begann seine Prophetenthätigkeit mit religiösen Vorträgen. Daß ihr Wortlaut sich in den ältesten Suren des Ko- rans wiederfinde, macht die kurze, unklare, schlecht disponierte Fassung dieser Abschnitte unwahrscheinlich. Von ihrer schrift-
Grimm«, Mohammad, n. 1
2
Mohammed.
liehen Aufzeichnung kann erst recht nicht die Rede sein. Seine Predigt trat wohl mit dem Ansprüche auf, mit göttlicher Wahr- heil auch göttliche Herkunft zu verbinden, kannte aber den Be- griff Verbalinspiration mangels eines genau bestimmten Textes noch nicht. Erst nachdem er Jahre lang in solcher Weise ge- lehrt hatte, erwuchs ihm wohl ebensosehr in seinem, wie in der Gläubigen Interesse das Bedürfnis, Hauptstücke seiner Predigt in eine feste Form zu kleiden, und dafür Sorge zu tragen, daß auch ältere, glücklich gewählte Fassungen nicht ganz untergingen. Den Zweck dieser Neuerung, • das Vortragen und Behalten der Lehre leicht zu machen, bezeugt der Koran selbst in gelegent- lichen Wendungen, die wir als die ältesten Zeugnisse für die Feststellung eines gültigen Textes der Offenbarung anzusehen haben :
54, 17 (Refrain): Wir (Gott) haben den Koran (d. h. unsere himmlische Vorlesung) leicht gemacht zur Predigt; sollte darum wohl nicht mancher diese Predigt annehmen wollen 9
44, 58 : Wir haben ihn (Koran) nur deshalb leicht gemacht in deiner Sprache, damit sie sich predigen lassen möchten.
1!), 97 : Wir haben ihn nur deshalb leicht gemacht in deiner Sprache, auf dafi du durch ihn den Gottesfürchtigen eine frohe, den Hartnäckigen eine warnende Botschaft bringen möchtest.
73, 20: So rezitiert denn, was von der himmlischen Vorlesung leicht gemacht worden ist.
Unter dem bezeichnenden Ausdrucke Leicht machen des Korans kann der Prophet wohl nur die genaue Feststellung des Textes einer Anzahl von Lehrvorträgen verstanden haben. Dati diese nicht auf einmal, sondern in allmäliger Folge vor sich ging, macht eine Einwendung der Gegner Mohammeds klar, denen das fragmentarische Ausprägen der Lehren schlecht zur Würde Allahs zu passen schien :
25, 34. Es sagen die Ungläubigen: Ja, wäre doch der Koran in einem einzigen Stücke geoffenbart! Nein, also (wie es jetzt ist) hat es sein sollen, damit wir (Gott) dadurch dein Herz festigen.
17, 107. (Wir haben es herabgesandt) als eine Vorlesung und sie in Abschnitte eingeteilt, damit du sie den Menschen in verschiedenen Zeiträumen vortrügest.
Entstehungsgeschichte des Korans. S
In demselben Stücke wird v. 80 auch schon bezeugt, daü die offizielle Form als Stoff für die taglichen Gebete der Gemeinde verwendet wurde :
Verrichte das Gebet vom Untergänge der Sonne bis zur nächtlichen Finsternis und den Koran der Morgenfrühe (d. h. wohl das aus Koranversen gebildete Frühgebet) ; denn bei diesem sind Zeugen (Engel oder Gott) zugegen. Von der Herstellung eines festen Textes bis zu seiner Nieder- schrift war nur ein kleiner Schritt, den Mohammed gegen Ende der mekkanischen Lehrperiode jedenfalls schon gethan hatte. Der einzige sichere Beweis hiefür liegt in dem Aufkommen des Wortes Süra als Bezeichnung für die Koranstücke. Ein Wort hebräischen Ursprungs, bedeutet es ursprünglich eine Schicht Mauersteine, später Schriflzeile, endlich Schriftstück, und im letzteren Sinne adoptierte es Mohammed in den mekkanischen Suren 11 und 10: 11, 16. Sie sagen: Er hat es erdichtet. Antworte: So bringt doch zehn Schriftstücke (Suren; gleicher Art, von euch er- dichtet, und ruft dazu alle erreichbaren Wesen außer Allah um Beistand, wenn ihr wahrhaft seid. 10, 38 f. Nicht ist dieser Koran derart, data er erdichtet werden könnte ohne Allahs Beistand, vielmehr eine Bestätigung des Früheren, hergeleitet aus dem Buche ohne Trug vom Herrn der Welten.
Oder sagen sie : Er hat es selbst erdichtet ? Antworte : So bringt doch ein Schriftstück gleicher Art u. s. w. *) Im Verlaufe der medinischen Periode werden die Begriffe Offenbarung und Sure fast gleichbedeutend, was zu dem Schlüsse führt, Mohammed habe zu dieser Zeit die meisten Neuoffen- barungen auch alsbald aufschreiben lassen. Dazu berechtigen uns auch Traditionen, die besagen, der Prophet habe in Medina verschiedene Schreiber zur Aufzeichnung der Inspirationen be- nutzt, einen ‘Abdallah ben Sa’d ben Abisarh, Zaid ben Täbit, wohl auch Flantala ben Rebi’a, und ihnen die Koranverse in die Feder dicliert. Daß ihm solche fremde Hülfe auch in Mekka zu ge- böte stand, ist nicht überliefert; also mag Mohammed damals das Geschäft des Schreibens noch selbst besorgt haben. Die oft vor-
l ) Ähnlich auch in der frühmedinischen Sure 2, 21.
1 *
4 Mohammed.
gebrachte Ansicht, er sei des Lesens und Schreibens unkundig gewesen, vermag ich nicht zu teilen ; allgemeine Erwägungen so- wohl wie Andeutungen des Korans und Berichte der Tradition sprechen für das Gegenteil.
Als Bewohner einer Stadt, die mit am Welthandel teil- nahm, selbst Kaufmann, den sein Geschüft öfters in die nördlich ge- legenen Kulturländer geführt hatte, wäre Mohammed ohne Kenntnis der Schreibkunst eine Ausnahme unter seinen arabischen Standes- genossen gewesen, bei denen wir schon Hunderte von Jahren früher diesen Grad der Bildung nachweisen können. l ) Sodann ist wohl zu beachten, daß der Prophet gleich nach der Übersiedelung nach Medina, einer Stadt, die an Bildung hinter Mekka zurückstand, eine Schreibschule einrichtete und den diplo- matischen Verkehr nach innen und außen mit Vorliebe schriftlich gestaltete. Dieser hätte später nicht den weiten Umfang, vor allem aber nicht die praktische Form, die wir an den uns erhal- tenen Urkunden bemerken, annehmen können, wenn nicht eine gewisse Übung des Schreibens dem Propheten das Ver- ständnis für die Wichtigkeit des Schriftwesens überhaupt erleich- tert hätte.
Auch der Koran bezeugt an einigen Stellen, daß sein Ver- fasser selbst geschrieben habe; wenn es deren nicht gerade viele sind, so kann dieses als Beweis für die anfängliche Nebensäch- lichkeil des Koranschreibens gegenüber dem Koranvort rage gelten :
tt9, 44- 40. Falls er (Mohammed) über uns thörichtes Gerede vorbrächte — so würden wir seine rechte Hand ergreifen — sodann seine Schlagader durchhauen.
Hier hat das Bild vom Ergreifen der rechten Hand nur dann Sinn, wenn es sich darum handelt, einer mit der rechten Hand geübten Thätigkeit, wahrscheinlich also der des Schreibens, Einhalt zu thun. Auch die Stelle 29, 47: Nicht pflegtest du vor- her ein Kitäb vorzutragen, noch es mit deiner Rechten zu schrei- ben, bestätigt einerseits die früher erwähnten Phasen in der Ent- wicklung des Korans: zuerst freier Vortrag, später Niederschrift, und vindiciert andererseits dem Propheten Fertigkeil im Schreiben und Anwendung desselben für seine eigenen Lehrvorträge. End- lich verzeichnet auch die Tradition eine Reihe von Fällen, wo
‘) Vgl. J. Euting, SinaTlische Inschriften, Einleitung, S. XII.
Entstehungsgeschichte des Korans. 5
Mohammed selbst geschrieben haben soll ob auch einzelne derselben vor einer sorgfältigen Kritik nicht stichhalten, so bilden sie in ihrer Gesamtheit immerhin ein Moment mehr für die von uns vertretene Ansicht. Für Mohammed als Analphabeten spricht kein einziger triftiger Beweis; es ist rein willkürlich, wenn man in das Beiwort Umnü, welches sich der Prophet in medi- nischen Suren einige Mal beilegt, den Sinn: unbewandert Im Lesen und Schreiben hineinträgt, da es doch zweifellos ihn nur als theologisch ungeschult, der üblichen jüdischen Schrift- forschung nicht unterworfen, daher ungelehrt bezeichnen soll, und nichts als die arabische Übersetzung des hebräischen ‘Amin ha’ares „Volk der Erde* ist 1 ). So kann man als sicheres Re- sultat hinnehmen, daß der Prophet die Schreibkunst verstand und sie in seinen einfachen mekkanischen Verhältnissen selbst übte, dagegen in Medina bei zunehmender Arbeitslast zum Schreiben von Koranstücken und Dekreten fremde Hülfe hinzunahm.
Das Niederschreiben der Koranstücke war, wie das Fixieren des Textes, aus rein praktischen Gründen aufgekommen: es galt, der Gemeinde des Islams Gebets- und Erbauungstexte zum öffent- lichen und privaten 3 ) Gebrauche zu verschaffen.
Gottes Wort bedurfte aber nicht notwendig des Schreibens, um sich als Mimmeisbotschaft zu erweisen ; sagt doch der Koran
‘) Vgl, Nöldeke, Gesch. d. Qoräns, S. H f. — Der geschriebene Kampf- befehl, mit dem Mohammed im Jahre I d. K. den ‘Abdallah ben Gahsch und 7 weitere Anhänger in das Thal Nabln schickte, muß jedenfalls von ihm selbst ausgefertigt oder unterschrieben gewesen sein, da diese 8 Manner sonst kaum gewagt haben dürften, den heiligen Monat durch Kampf zu entweihen.
»J Schon Nöldeke (Gesch. des Qoräns, S. 10) befindet sich auf der richtigen Fährte mit der Erklärung: ummi bedeute, daß Mohammed mit den heiligen Büchern nicht bekannt sei und die Wahrheit nur durch Inspiration kenne; er sieht aber nicht den engen Zusammenhang mit ‘amm ha’ares. Mit „Volk der Erde* wurden nicht die Heiden (göjim), sondern solche Juden benannt, deren Gelehrsamkeit nicht ausreichend war, um das Gesetz mit all den rab- hinischen Zuthaten zu kennen und zu beobachten, oder wie Mohammed es ausdrückt (Sure 2, 73) .unter ihnen sind ummi, die das Buch nicht kennen, außer nach subjektiver Auffassung. Der Koran übersetzt ‘amm haares zuerst (Iß, 121) genau mit umma .Volk” : Abraham war ein „uinma, ein Verehrer Allahs, bildet aber später davon das bequemere Adjektiv ummi.
») Vgl. :ö, 34.
6
Mohammed.
(ö, 7) selbst, auf die ungläubigen Mekkaner hatte auch keiae geschriebene und darum greifbare Offenbarung Eindruck gemacht, und so ertönte es nebenbei noch frei in Predigt und sonstigem Redeerguß. Doch entging es mit der Zeit dem Pro- pheten nicht, wie die schriftliche Form für alles, was möglichst präcise vorgebracht werden mußte, d. h. für Gesetze, rituelle An- ordnungen, Entscheide auf vorgelegte Fragen oder Proklamationen bei weitem die geschickteste sei, und so gestaltete er die Suren zu einer Art von offiziellem Organ zur Mitteilung wichtiger Dinge. Doch ist es nicht unwahrscheinlich, daß alles, was er aufschreiben ließ, schon vorher bei Gelegenheit der Freitagspre- digt von ihm proklamiert und vielleicht weitläufiger ausgeführt ZU werden pflegte. Was einmal geschrieben war, konnte nicht mehr ins Leere verhallen, sondern pflanzte sich durch alle Schichten der Gemeinde fort; das läßt uns auch die verschiedene Stimmung begreifen, mit der eifrige und laue Gläubige dem Erscheinen neuer Suren entgegensahen :
27, 22. Die Gläubigen sagen: Würde doch eine .Sure geofTen- bart! Da nun eine kräftige Sure geoffenbart ist, in der der Kampf gepredigt wird, so siehst du die Schwachgläu- bigen auf dich blicken, wie wenn der Tod sie schon um- fangen hätte.
9, 65. Die Schwachgläubigen fürchten sich davor, daß gegen sie eine Sure geoffenbarl würde, die die Gedanken ihres Herzens ihnen wiedergiebt.
Der Zweck der älteren Suren, auf die Gläubigen religiös zu wirken, machte in Medina bald rein weltlichen Absichten Platz, und der Mangel an erbaulichem Inhalte fiel schon damals man- chem Muslim unangenehm auf:
9, 125. Wird eine Sure geoffenbart, so reden manche (Gläubige): Wen von euch hat sie im Glauben gestärkt? Hierauf lautet Mohammeds Antwort ungefähr : Sie wirkt anders auf die wahren Gläubigen als auf die lauen: jenen mehrt sie den Glauben, diesen den Unglauben. Trotz der hohen Bedeutung, welche das Aufschreiben der Suren in der medinischen Lehrperiode hatte, wäre es doch gewagt, anzuneh- men, als sei nun auch die Anschauung durchgedrungen, die mündlich vorgebrachte Lehre gelte nicht als Gottes Wort ; denn der Umstand, daß das System der Mohammedanischen Lehre in
Entstehungsgeschichte des Korans. 7
den aufgeschriebenen Stücken nur durch Kombination weit zer- streuter und zersplitterter Gedanken sich construieren läßt, nie- mals gewissermaßen auf einein Blatte zusammengefaßt erscheint, zeigt das rein Gelegentliche der Niederschrift; auch hat es den Anschein, als ob der Koran den Lehrinhalt des Islams durch- aus nicht lückenlos wiedergäbe, da zum Beispiel die Pflicht der Beschneidung nirgendwo aufgezeichnet ist. Endlich zeigt die hohe Wertschätzung vor den Traditionen, die die mündliche Lehre des Propheten bewahren sollen und schon von der ältesten Kalifen- zeit an als religiöse Norm mitangesehen werden, daß mündujhe und schriftliche Lehre fast unterschiedlos als .Mitteilungen Gottes galten.
Man könnte vermuten, sobald der Prophet große Teile seiner Offenbarung in feste Form gebracht habe, sei es ihm un- möglich geworden, später daran noch zu ändern oder zu strei- chen: und dennoch ist solches oft genug geschehen, wie aus un- serem Korantexte selbst hervorgeht’. Zwar konnte durch keine Veränderung die Ungleichheit der einzelnen Stücke ganz ausge- glichen und die Eigentümlichkeit des Korans, gewissermaßen Blüten und Früchte zugleich aufzuweisen, getilgt werden ; aber dort, wo zwischen zwei zeitlich verschiedenen Anschauungen diq Fugen zu weit klafften, oder ein späterer Gedanke einem früheren unvollkommenen den Hang abgelaufen hatte, da wurde häutig, wenn auch nicht jedesmal geschickt, eine Korrectur ange- wandt, die man auf keinen anderen als Mohammed selbst zu- rückführen kann. Die Anfange solcher Überarbeitungen fallen noch in die mekkanische Zeit; der Prophet besaß hier noch Freimut genug, um überwundene Meinungen aus seinen Suren einfach zu tilgen und eine Berichtigung an ihre Stelle zu setzen. So merzte er eine Anlehnung an den altarabischen Götterkult aus der Sure 53, 21 ff. wieder aus, wofür sowohl die Tradition als auch der jetzige Zustand der Verse Zeugnis geben. Dieser Fall wird wohl nicht vereinzelt dagestanden haben. Zur Recht- fertigung eines solchen Vorgehens, das bei den Anhängern seiner Lehre leicht Zweifel an der Wahrheit des Gottesworts hervor- rufen konnte, wird in einer späteren Sure die Verantwortlichkeit für die falsche Lesart dem Satan zugeschrieben: 22, 51. Wir schickten vor dir niemals einen Gesandten noch Pro- pheten, ohne daß ihm, wenn er nachdachte, der Satan etwas
8 Mohammed.
in seine Gedanken hineintrug; alsdann aber tilgt Gott, was auf den Satan zurückgeht, und bringt soj seine Mittei- lungen in die rechte Form.
Ist diese Stelle nur beweiskräftig für Veränderungen in der mündlichen Lehre, so läßt sich eine andere mit ziemlicher Wahr- scheinlichkeit auf solche in den Surenversen beziehen : 16, 103: Wechseln wir einmal eine Mitteilung (einen Vers) gegen
eine andere um (Gott aber muß am besten wissen, was er
herniedersendet), dann sprechen sie : du bist ein Betrüger ;
doch verstehen die meisten von ihnen nichts davon.
In Medina wurde angesichts der vielen Neuerungen auf re- ligiösem Gebiete, die Mohammed hier einführte, das Bedürfnis, an älteren Aufzeichnungen zu verändern, dringender, die Recht- fertigung hierfür aber auch schwieriger, da auf jede Handlung des Propheten die kritischen Blicke der Juden gerichtet waren. Dieser mag jetzt nicht mehr eingestehen, daß er frühere Mei- nungen, weil sie. falsch wären, umändere, sondern stellt es so hin, als ob es Gott, der in seinem Thun unkontrollierbar sei, be- liebt habe, Gutes mit gleichem Gutem oder gar mit Besserem zu vertauschen :
2, 100: Wenn wir (Gott) eine (schriftliche) Offenbarung um- ändern oder (eine mündliche) vergessen, so bringen wir dafür eine bessere oder gleich gute her: weißt du nicht, daß Gott alles thun kann? Dadurch schuf er sich freie Hand, in ältere Suren des Neuen, so viel er wollte, hineinzukorrigieren ; und wenn nicht alles täuscht, entstand um diese Zeit auch die Gattung der gemischten oder mekkanisch-medinischen Suren, deren Entste- hung man bislang so gern ) der sog. ersten Redaction der Koran- stücke zuschreiben wollte. Als augenfällige Proben von späteren Korrecturen mögen hier genannt werden: Alles, was von dem Ver- hältnisse Abrahams zu Mekka und der Ka’ba handelt (22, 27 — 31, 16, 121 — 124, 14, 38—42), sowie die Erklärung und Verteidigung einer uufTälligen Phrase .Neunzehn sind über das Höllenfeuer gesetzt- (74, 31). Kleinere Zusätze geben sich besonders an der vor- gesetzten Partikel illä „außer zu erkennen, mit welcher zu weit gehenden Ansichten jetzt eine Einschränkung beigefügt wird, z.B.:
) Vgl. M. Klainroth: .V) ilte*te Suren, S. 1.
Entstehungsgeschichte des Korans. 8
81, 27—20: Dies ist nur eine Predigt für die Welten, für den, der von euch recht wandeln will — (doch vermag euer Wollen nichts, außer wenn Allah, der Herr der Welten, will). 76, 29—31: Dieses ist eine Predigt; drum ergreife, wer will, den Weg hin zu seinem Herrn — (doch vermag euer Wollen nichts, außer wenn Allah will, er der Wissende und Weise, — er führt ein in seine Gnade, wen er will, und hat den Un- gerechten schmerzliche Strafe bereitet). Der Zusatz in diesen beiden Stellen erweist sich, wie spater dargethan werden wird,* als Folge der späteren Prä- destinationslehre.
87, 6 — 7: Wir werden dich vorlesen lassen, so daß du nichts vergissest — (außer was Gott will; denn er kennt das Offen- kundige und das Geheime). Hier dürfte der Zusatz aus derselben Zeit wie 2, 100 stammen. 26, 224—228: Es folgen den Dichtern die Irrenden — Siehst du sie nicht in jeglichem Thal uniherschwärmen, und Dinge reden, die sie selbst nicht thun — (außer denen, die glau- ben, die guten Werke verrichten und häutig Allah erwähnen — Ihnen ist geholfen, nachdem sie Unrecht gelitten; die ihnen aber Unrecht zugefügt, sollen wissen, welch schlimme Wendung es mit ihnen noch nimmt). Diese Ausnahme der guten Dichter von dem gegen alle insgemein gerichteten Tadel ist eine nachträglich zugesetzte Höflichkeit gegen die medinischen Lobredner des Propheten, einen Hassan ben Täbit und Ka’b ben Mälik.
Ein ähnliches Verfahren war es, wenn Mohammed, um früher auferlegte Pflichten zu erleichtern oder zu weit gehende Behauptungen abzuschwächen, gewissermaßen eine Anmerkung in den Text setzte. So hatte er ehedem in Sure 73 den Seinigen lange Vigilien anbefohlen ; hierzu fügte er in Medina, wo er nicht mehr Asceten, sondern Krieger heranzubilden suchte, einen längeren Schlußvers, worin diese aufreibende Pflicht auf das allergeringste Maß reduziert wird. Ein anderes Mal ‘) war der Gemeinde zur Erhöhung ihrer Kampfstimmung verheißen worden, ihrer 20 sollten 200, ihrer 100 aber 1000 Ungläubige schlagen; gewiß in Folge demütigender Erfahrungen ward bald Vers 67 angefügt, wonach 100 Gläubige nur 200 Gegner und lOuO
‘) Sur« 8, «6.
10
Mohammed.
Gläubige 200 Ungläubige in Zukunft schlagen würden. Solches nennt Gott Offenbarungen erleichtern (haffafa).
Nachdem aber Mohammed einmal zum unumschränkten Herrscher von Medina geworden und keinem mehr Rechenschaft über sein Handeln zu geben gewillt war, fiel für ihn die Auf- gabe, neuen Geboten zuliebe Älteres zu tilgen oder umzumodeln ganz fort; sein jedesmaliger Wille ward für den Augenblick Gesetz, und stillschweigend wurde angenommen, daß gegenüber Neuerem das Ältere keine Geltung mehr habe. Was Gott an- ordnete, war für den Gläubigen einfach nicht mehr kontrollier- bar. So lange der Prophet lebte und mit seiner ungeheuren Autorität über Thun und Denken der Gemeinde schaltete, lieft dieser Zustand sich halten; als aber nach seinem Tode spätere Generationen sich mit den Problemen, die der Prophet ihnen hinterlassen hatte, philosophisch beschäftigten, da offenbarte das Bild der islamischen Wahrheit so manche Widersprüche, daü man zu den gewagtesten Mitteln griff, um solche zu vertuschen, vor allem die Theorie vom Abrogierenden (näsih) und Abrogier- ten (mansüh) ins Maßlose ausbildete l ).
») Man ging von dem ursprünglich ganz vernünftigen Grandsatz aus, dato dort, wo eine spätere Stelle das Gegenteil von einer früheren aussage, letztere nicht mehr gelte, also ahrogiert sei. Nun bestand aber auch der Glaubenssatz, der Koran enthalte nur göttliche, widerspruchslose Wahrheit. Zwischen diesen beiden Grundsätzen galt es nun, wie zwischen Scylla und Charybdis zu lavieren ; man legte also zunächst allerhand Nebenbedeutungen in den koranischen Begriff nasaha (2, 100 u. öfter) hinein, nämlich ändern, umstellen, abrogieren, und verschaffte sich so die Möglichkeit, einen Text be- liebig aufzuheben. Dieses von dem spitzfindigen Ihn ‘Abbäs erfundene Verfahren wurde von den späteren theologischen Autoritäten verschieden gehandhabt : einige glaubten schon Koranstellen abrogieren zu dürfen, wenn die Tradition das Gegenteil davon sagte; andere nur dann, wenn der Widerspruch im Koran selbst stand ; wieder andere beschränkten die Möglichkeit des Abrogierens auf koranische Stellen, die Gebote und Verbole, aber nicht Verheißungen und Drohungen enthielten. Manche hielten das Abrogieren nur in medinischen Suren für zulässig im Gegensatz zu solchen, die es auf den ganzen Koran ausdehnten. Noch viele andere Theorien ließen sich aus der einschlägigen Litteratur, die der Itkän (II, S. 2i) eine unzählbar große nennt, anführen, wo- durch die vielgerühmte Harmonie des Korans in sehr bedenkliche Beleuch- tung tritt. Bis zum heutigen Tage ist also die Frage noch nicht gelöst, was vom Koran Gültigkeit habe, wenn man auch gemeinhin für 21 Fälle ziemlich allgemein das Bedürfnis des Abrogierens anerkannt hat (Itkän II S. 23 f.). Da
Entstehungsgeschichte des Korans. 11
So wenig, wie es Mohammed trotz verschiedener Änderun- gen gelang, eine innere Einheit der Suren zu schaffen, so wenig trug er Sorge, daß diese auch in ihrem Äußeren den Eindruck einer wohlgeordneten Sammlung machten. Zwar werden sie voll- ständig geschrieben ihm vorgelegen haben doch nach der Tra- dition nicht in einheitlicher Weise: auf Pergament, Palmstengel n. sogar Schulterknochen. Vielleicht aber hat man sich den Zustand des Aufgeschriebenen nicht einmal so primitiv vorzustellen, und eine gewisse Reihenfolge mag auch schon beim Vortragen innegehalten worden sein. Letzteres ergiebt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit aus den vielen Suren vorgesetzten Buchstaben- zeichen, worin man kaum etwas anderes als alte Sigel, wodurch Gruppen von zusammengehörigen Suren gekennzeichnet werden sollten, erblicken kann *). Doch wie nicht alle Suren bezeichnet,
aber die traditionelle Forderung besteht, keiner dürfe das Buch Gottes mtcrprelieren, wenn er nicht vorher das Abrogierendc und Abrogierte kennt, so konnte eigentlich kein Moslim an die Erklärung des Korans gehen.
‘) Zaid ben Täbil, der Hauptgewährsmann für die näheren Umstände beim Aufschreiben des Korans, berichtet (Itq. I, 60) : Wir (d. h. er und an- dere Schreiber) pflegten beim Propheten den Koran aus den Bruchstücken zusammenzusetzen (arab. allafa). Das soll heißen, sie setzten die Einzeloffen- barungen zu Suren zusammen, ein Verfahren, das sich besonders an den langen medinischen Suren noch leicht erkennen läßt. Wenn derselbe Zaid weiter berichtet (Itq. I, 60) : Als der Prophet starb, war der Koran noch gar nicht vereinigt, so kann das hier gebrauchte Verbum gama’a nur das Verbin- den der einzelnen Suren zu einem Ganzen bedeuten. Der Itqän urteilt dem- nach ganz richtig : Es war zu Lebzeiten des Propheten der Koran schon ganz niedergeschrieben, aber noch nicht an einem Orte als Ganzes vereinigt, noch in Bezug auf die Reihenfolge geordnet (murattab).
*) Cber ihre Bedeutung sind von orientalischer wie europäischer Seile die verschiedensten Vermutungen geäußert worden. Die orientalischen kann man übergehen, weil sie alle Wahrscheinlichkeit gegen sich hal>en. Von euro- päischen Gelehrten hatte Noldeke ehemals in seiner Geschichte des Qorans S. 215 f. die Meinung geäußert, diese Buchstaben stammten nicht von Moham- med, sondern wären ursprünglich Merkzeichen, durch welche die Besitzer der von Zaid benutzten Exemplare dieselben als ihr Eigentum bezeichneten, also wohl Monogramme von den Namen der Besitzer. In den «Orientalischen Skizzen” S. 50 f. ersetzte er diese Ansicht durch eine andere, wonach die Sigel auf den Propheten zurückzuführen seien und bestimmt gewesen wären, beim Vortrage einen rätselhaft feierlichen Eindruck zu machen, ohne in sich einen speziellen Sinn zu tragen. Daß Mohammed auf eine so wunderliche Weise der Effekthascherei verfallen wäre, leuchtet mir nicht ein; es dürfte aber weit
12 Mohammed.
so mögen sie auch nicht alle eingeordnet gewesen sein; auch entbehrte das Ganze eines Abschlusses, da noch bis kurz vor Mohammeds Tode der Quell der Offenbarung Neues zu Tage förderte. Es fehlte also, um Koran im jetzigen Sinne zu sein, einmal eine feste Reihenfolge aller Suren, sodann die Redaktion des Textes nach einheitlichem l’rincip — beides scheinbar minder wichtige Dinge, die jedoch für die Reinerhaltung des Ganzen und seinen Gebrauch als Norm der wahren Lehre mit der Zeit un- entbehrlich wurden. Von diesen Mängeln des Korans beseitigte den ersteren der Kalif Abu Rekr, den anderen der Kalif Otniän : das ist die Bedeutung der beiden sogenannten Rodaktionen.
Als Veranlassung der Bemühungen Abu Bekrs um die Samm- lung des Korans wird Folgendes berichtet :
In den Aufständen, die gleich nach Mohammeds Tode fast in ganz Arabien ausbrachen, vor allem im blutigen Kampfe mit dem religiösen und politischen Führer der Rebi’a-Stämme, Musai- lima, war die Anzahl der alten und bewährten Koran kenner so vermindert worden, dalä ‘Omar darin eine Gefahr für die reine Tradition der mohammedanischen Lehre erblickte, und in den Kalifen Abu Bekr drang, eine Sammlung aller Koranstücke in ihrer authentischen Form zu veranstalten. Der konservative Geist des Kalifen sträubte sich anfangs gegen diese Neuerung, da sie über das hinausging, was Mohammed selbst in dieser Richtung gethan habe; auf weiteres Drängen ‘Omars aber be-
wahrseheinlicher sein, daß er diese Zeichen einführte, um Gruppen von Suren, die beisammenstehen sollten, zu kennzeichnen, um so wenigstens einige Ordnung in die Reihenfolge der Koranabschnitte zu bringen. Daraufweist hin. daß Suren mit gleichen Ruchstabenzeichen gewöhnlich hintereinander gestellt sind z. R. Sure 10—15 mit — 1-r, Sure 2fi— 28 mit \— s— m, Sure 40— ±6 mit h— m. Eine kleine Unregelmäßigkeit ist es, wenn jetzt zwei Gruppen (S. 2—3 u. 29—32’» mit — 1— m getrennt von einander stehen, was vielleicht auf Zaid zurückzuführen ist. Auch der scharfsichtige Sujn|i konnte sich nicht der Vermutung ent- schlagen, daß Muhammed der Urheber der Ruchslabenzeichen sei. vgl. Itqän. I, <>7. Ob die Ruchstaben Abbreviaturen irgend welcher Namen oder Regriffe darstellen, entzieht sich ganz unserer Erkenntnis.
Während die Sigel immer zum Texte der Suren gerechnet werden, gelten die Surenüberschriflen als spätere Zuthat. Doch mögen auch einige von ihnen noch bis in die Zeiten Mohammeds hinabreichen, z. R. der Name Kuhsure für S. 2; denn schon im ersten Regierungsjahre des Abu Rekr er- tönte es beim Kampfe gegen Musailima auf Seiten der Muslime als Schlacht- ruf: O Männer der Kuhsure! Vgl. Reladuri, Libar expugnat. S. 89.
Entstehungsgeschichte de« Korans. 13
auftragte er den jungen und geschickten Zaid ben Täbit, Mo- hammeds letzten Schreiber, eine vollständige Sammlung des Ko- rans vorzunehmen. Die Arbeit, die diesem erwuchs, war nach jetzigem Begrifl’ nicht allzu schwierig, da das Hauptmaterial im ehemaligen Hause des Propheten beisammen gelegen haben soll und bei zweifelhaften Lesungen zahlreiche andere Surenexemplare innerhalb der Gemeinde zu Rate gezogen werden konnten. Wenn er dennoch gesagt haben soll : Hätte man mir aufgetragen, einen Berg von seiner Stelle zu schaffen, so wäre das nicht schwie- riger gewesen, als was man mir anbefahl, so wird man im Munde eines an philologische Arbeiten noch ungewöhnten Arabers diese Äußerung nicht allzuslark finden. Nachdem Zaid einmal die Arbeit begonnen, dauerte es gar nicht lange, bis der Koran auf Kinzellagen von Pergament geschrieben und nach Suren ge- ordnet *) als fertiges Werk vorlag. Dieses Exemplar nahm Abu Bekr als sein Eigentum an sich ; nach seinem Tode kam es an ‘Omar, und ging nachmals in den Besitz der Hafsa, Tochter des ‘Omar und ehemaligen Weibes des Propheten über.
Über die Grundsätze, wonach Zaid seine Sammlung anfer- tigte, kann man vermutungsweise nur sagen: Vor allem wird er Vollständigkeit angestrebt und erreicht haben ; denn dem eifrig- sten Forschen Späterer gelang es kaum mehr als sieben (oder neun) inhaltlich meist unbedeutende Bruchstücke, die als kora- niseh von irgend einer Seite bezeugt waren, daneben aufzutrei- ben. Die Gesamtmasse der Suren ordnete Zaid vornehmlich nach dem Gesichtspunkte der Länge an, so daß die umfang- reichsten zuerst, sodann die von mittlerer Länge und endlich die kurzen kamen 3 ). Da der letzteren aber sehr viele waren, hat er sie allem Anscheine nach auch chronologisch anzuordnen gestrebt, ohne jedoch ganz damit ins Reine zu kommen. Die Hauptaus- nahmen von der chronologischen Anordnung betreffen die klei- *
») Vgl. Itq&n L S. 68.
•) Nöldeke, (Gesch. d. Qor. S. ü*) bestreitet, daß Zaid unter den ein- zelnen Teilen (Suren) eine genaue Ordnung geschaffen habe und zitiert eine Tradition dafür: Zaid brachte den Koran nach vieler Mflhe zusammen ohne Urdnuug der Suren. Die Übersetzung wird jedoch heißen müssen : Zaid ver- anstaltete die Sammlung des Korans, der noch nicht in fester Surenordnung Torgelegen hatte, unter Tieler Mühe.
s ) Nach dem gleichen Prinzipe sind dis Traktate der Misehna innerhalb der zweiten bis sechsten Abteilung geordnet.
14
Mohammed.
neren medinischen Suren, die, meist zu Gruppen vereinigt, zwischen mekkanische eingeschoben wurden. Endlich wagte er an den durch vorgesetzte Sigel schon vom Propheten geordneten Suren nichts umzustellen.
Der Tradition nach soll er zur Kritik seines Korantextes das Mittel benutzt haben, jegliches Stück durch zwei glaub- würdige Männer als echt sich bezeugen zu lassen l ) ; doch ist zunächst auffällig, daß dieser wichtige Zug in keiner auf Zaid selbst zurückgehenden Tradition sich findet; ja es widerspricht ihm seine Mitteilung, er habe das letzte Stück bei Abu Hodaima gefunden und dann in den Text gesetzt 8 ). Sollte aber ein Abu Hodaima größeres Ansehen als Korankenner genossen haben als ein ‘Omar, dem man der obigen Tradition zu Folge die Sure der „Steinigung*, weil nur von ihm allein verbürgt, zurückwies? Es scheint, daß die Tradition von den beiden Zeugen einer Koran- stelle, die vom Hinzuziehen zweier Zeugen beim Aufsetzen eines Schuldscheins (2, 282) redet, nachgeahmt ist.
Was man auch bisher an Zaids Werke zu tadeln gefunden hat, immerhin war es die Leistung eines Mannes, der, wie wenig andere in der Gemeinde, dazu befähigt war; ihm oder gar Abu Bekr und ‘Omar unehrliche Absichten bei der Abfassung unter- zuschieben, wie Sacy und Weil es thun, hieße ohne zwingenden Grund die theologischen Betrügereien der spätem Omajjaden- und Abbassiden-Zeit in die noch von jeder persönlichen Tendenz freie Urzeit des Islams hineinzutragen. Unser Koran weist keine Tendenzmacherei auf, außer der, die der Prophet selbst damit be- absichtigt hat. Vom Lobe seiner nächsten Freunde, dieser Haupt- stützen des Staatswesens des Islams, steht herzlich wenig darin; alle Lichtstrahlen, die auf die Erde niederfallen, vereinigen sich um das Bild des Propheten 8 ).
Abu Bekr erhob für seine Koransammlung nich^ den An- spruch, ein Werk von allgemeiner Gültigkeit für den Islam ge- schaffen zu haben; vielmehr war sie nur, wie Nöldeke richtig
‘) Vgl. Itq. I, 62 (Tradition von el-Lait ben Sa’d). ») Vgl. Itq. I, 60.
•) Wollte man falschen, so hätte es am nächsten gelegen, die empfind- lichste Lücke des Korans, den Mangelan Bestimmungen üher einen Nachfolger des Propheten durch eine dah inzielende Bestimmung auszutilgen.
Entstehungsgeschichte des Korans. 15
hervorhebt’), eine reine Privatsache. Unter seinem und ‘Omars Kalifate hatte daher jeder noch die Freiheit, den Koran in der ihm geläufigen Lesart zu benutzen , auch stand der Verbreitung anderer Sammlungen, wie der des Obaj ben Ka b, Muad ben Gebel und Abu Zaid *) nichts im Wege.
Erst unter ‘Otmän wurde dieses anders. Bei einem gemein- samen Kriegszuge syrischer und babylonischer Truppen gegen Armenien soll eine so bedenkliche Verschiedenheit im Koranlesen zwischen den beiden Heeresteilen zu Tage getreten sein, daß IJodaifa ben el-Jamän darüber dem Kalifen Bericht erstattete und dann dringend ans Herz legte, hierin Abhülfe zu schaffen. So entlieh denn ‘Olmän von Hafsa das Koranexemplar des Abu Bekr und gab einer Kommission von vier Männern, die die Ge- währ bot, sowohl die medinischen wie die mekkanischen Suren aus erster Hand zu kennen, nämlich dem bekannten Zaid ben Täbit aus Medina und drei Qoraischiten, ‘Abdallah ben ez- Zubair, Said ben el-‘Äs und ‘Abderraljmän ben el-IIärit den Auftrag, je eine Abschrift von demselben in Buchform zu ent- nehmen. Auch schärfte er ihnen ein, bei Zweifeln über irgend eine Wortform sie im qoraischitischen Dialekte niederzuschreiben, da in ihr der Koran geofTenbart sei. Also entstanden jetzt vier gleichlautende Koranmanuskripte, die vom Kalifen in die Haupt- städte seines Reiches Medina, Kufa, Basra und Damascus ge- sandt wurden und dort mit dem Ansprüche kanonischer Geltung auftraten, sodaß alle anders lautenden Koranstücke auf Edikt des Kalifen verbrannt werden mußten. Natürlich fiel unter letzteres Gebot nicht der Archetypus des Abu Bekr, welchen Hafsa wieder zurückerhielt.
Über diese sog. zweite Redaktion sind die älteren Nach- richten so klar, daß es auffällig erscheint, wenn dennoch schiefe Ansichten darüber im Umlauf sind. So sagt Nöldeke 3 ), Zaid ben Täbit habe alle Koranexemplare 4 ) zusammengebracht und danach die neue Redaktion angefertigt, hierauf sei auf ‘Otmäns Befehl das ganze benutzte Material außer Abu Bekrs Koran ver-
») Vgl. Gesch. des Qoräns S. 203.
«) Vgl. Bubftri II, 286.
») Gesch. des Qoräns S. 205.
4 ) In seinen „ Orientalischen Skizzen* S. 53 fügt er hinzu : »deren sie Vdie vier Schreiber) habhaft werden konnten”.
16 Mohammed.
nichtet worden. Es steht aber in keiner guten Quelle geschrie- ben, daß die vier Männer noch andere Texte als den des Abu Bekr benutzt hätten, weshalb man sie eher Abschreiber als Hedaktoren nennen sollte. Der Befehl, daß alle anders lautenden Korane verbrannt l ) werden sollten, wird unmöglich zur Folge ge- habt haben, daß nun gar nichts von älteren Koranstücken übrig geblieben wäre ; denn ohne Zweifel werden in den Händen der Moslime viele verblieben sein, die entweder vorher schon gleich- lautend mit dem ‘Olmänischen Texte waren, oder nachher in ihren abweichenden Lesarten geändert wurden.
Die Verschiedenheit zwischen Abu Bekrs und ‘Otmäns Re- daktion kann unmöglich tiefergehend gewesen sein als etwa zwischen einem weniger sorgfältigen Handschriftentext und einer kritischen Ausgabe. Schon die Mitwirkung des Zaid schließt große Textveränderungen aus: derselbe Mann wird kaum im Stande und noch weniger gewillt gewesen sein, zwei stark ab- weichende Redaktionen zu besorgen. Endlich versteht man auch nur so die auffällige Thatsache, daß gegen den Koran des viel- gehaßten Kalifen, dessen politische Maßnahmen ihm überall Geg- ner erweckten, sich keine einzige Stimme erhob ; war es doch das alle Exemplar des allverehrten Abu Bekr, das er, sorgfaltig durchgesehen, den weitesten Kreisen mitteilte.
Man hat sich vielfach im Orient und noch mehr in Europa in die Meinung hineingelebt, ‘Otmäns Verdienst um den Koran überrage das des Abu Bekr; nach dem Vorstehenden erscheinen die Rollen gewechselt. Dem Sammler Abu Bekr gehört der Vor- rang vor ‘Otrnän, dem Abschreiber, wie es auch schon el-Härit el-Mahäsibi ) folgendermaßen ausdrückt : „Es ist die landläufige Meinung, als sei ‘Otmän der Sammler des Korans: doch dem ist nicht so. ‘Otmän führte nur die Leute zur Annahme einer ein- heitlichen Lesung, die gemeinschaftlich von ihm und älteren Ge- fährten in seiner Umgebung ausgewählt war, weil er Sektirerei fürchtete, bei Gelegenheit verschiedener Auffassungen der Leute von Babylonien und Syrien über das Lesen der Vokale . . . Aber den Vorrang als Sammler der einst im Umlauf befindlichen Koran- stücke verdient Abu Bekr.
•) Nach anderer Lesart : . zerrissen”, »j Vgl. Itqan I, 6&
Entstehungsgeschichte des Korans. 17
Über die weitere Textgeschichte des Korans können wir uns kurz fassen. Seine frühzeitige Sammlung, sein Charakter als heiligstes Vermächtnis Gottes und Mohammeds an die Ge- meinde mußten zur Folge haben, daß seiner Reinerhaltung eine Sorge zugewandt wurde, wie nur bei wenigen Büchern der Welt; und zwar richtete sich aller Eifer auf die kanonische Hedaktion ‘Otmäns, deren Vorzüge auch ohne Anwendung von Zwangs- mitteln sich von selbst aufdrängten. Wenn aus anderen Privat- redaktionen wohl eine oder andere Lesart sich anfangs erhielt, so schwanden sie doch infolge mangelnden Interesses noch im ersten Jahrhundert des Islams aus der Öffentlichkeit. Am längsten scheint sich die Sammlung des Obaj ben Ka b und des Ibn Mas’üd erhalten zu haben; wenigstens wissen die Koranerklärer noch etwas über ihre Surenanordnung und Eigentümlichkeiten in den Lesarten zu berichten *). Bald war man auf dem Stand- punkte angekommen, sich einzig und allein an “Otmäns Re- daktion zu halten und im praktischen Gebrauche nur die Les- arten ihrer Handschriftenfamilie zu berücksichtigen. An ihnen bildete sich auch die Koranlesekunst aus, deren Hauptvertreter zu Ende des ersten und Anfang des zweiten Jahrhunderts der Flucht lebten •).
Mit dem dritten Jahrhunderte fing man an, ihre Lesevor- schriften zu sammeln, und an diese ersten Vorboten wissen- schaftlicher Behandlung schlössen sich alsdann in endloser Reihe die Werke über Koranerklärung an, ausgehend von der grund- legenden Leistung des Tabari, der vor allem die Sacherklärung ins Auge faßte, und fortgesetzt mit mehr formal-grammatischer Tendenz besonders von Zamahschari, in dessen Geleisen die orientalische Wissenschaft bis auf den heutigen Tag fort- wandelt.
‘) Vgl. Itqän I, 6t».
*) Das Nähere flher sie siehe bei Noldeke, Gesch. d. Qoräns S. 287 tT.
Grimm«, Mohammad II.
18
Mohammed.
Form und chronologische Reihenfolge der
Koransuren.
Das Zeitalter, in dem Mohammed auftrat, bedeutete für die poetische Litteratur der Araber den Ausklang einer reichen, eigen- artigen Lyrik, woran gleicher Weise die Stämme des Südens und des Nordens, die Kinder der Wüste und die Bewohner der kul- tivierten nördlichen Grenzbezirke ihren Teil hatten. Ihr Grund- zug ist tiefes subjektives Pathos, wie es dem höchst gesteigerten Selbstbewußtsein des Einzelnen, innerhalb der kleineren oder größeren Kreise, denen er angehörte, unmittelbar entsprang. Wenn diese Gedichte zwar alle nur zu mündlichem Vortrage be- stimmt waren, und lange Zeit keine Feder sie aufgeschrieben hat, so entbehrten sie dabei doch nicht des Vorzuges einer bis ins Feinste ausgebildeten Kunstform. Ihre Verse sind quanti- tierend gebaut, wie die der alten Griechen und Körner, und reihen sich stets in Doppelzeilen aneinander, die man füglich auch als Strophen bezeichnen darf; denn ein künstlicherer Strophenbau konnte nicht aufkommen, weil seine Grundbedingung, eine ent- wickelte Musik, den alten Arabern fremd war. Endlich wurden noch alle Strophen eines Liedes durch den gleichen Reim in klangvoller Weise mit einander verkettet.
Neben dieser in stolzen Rythmen einhergehenden Form stand aber noch eine niedere, die der Dichter von Beruf ver- schmähte und dem Laien zu kurzen Ergüssen, vor allem aber den Wahrsagern für ihre Orakel überließ, die sogenannte Seg – Rede. Mit der höheren Poesie teilt sie fast nur den Reim, der das Ende jeglicher Zeile bindet und oft nach kurzem Gebrauch mit einem anderen wechselt. In den Versen selbst keine Spur von quantitierender Silbenmessung, weshalb man sie bisher in das Gebiet der reinen Prosa verwiesen hat; und doch gleichen sie durchaus nicht der Prosarede des gewöhnlichen Lebens. Seltene dichterische Ausdrücke, gedrängte Kürze der Diktion, die Ubereinstimmung der Wortzahl in zwei oder mehreren auf- einander folgenden Zeilen machen es wahrscheinlich, daß sie unter irgend einem rythmisch-poetischen Gesetze gebildet wor- den sind. Ich wage es, sie für Hebungsverse anzusehen, für Seitenstücke zu den üblichen hebräischen und syrischen Hymnen-
Form und chronologische Reihenfolge der Koransuren. 19
versen und Vorläufer der jetzt in arabischen Landen mehr und mehr durchdringenden Accentdichtung 1 ).
Die Verse sind zu messen nach je ein, zwei, drei oder vier Hebungen, zwischen denen unbestimmt viele Senkungen ohne feste Regel verteilt sind; genauere Gesetzte lassen sich nicht gut für die altarabischen Produkte aufstellen, da wohl alle angeblich aus vormohammedanischer Zeit stammenden Seg verse apo- krypher 2 ) Natur sind, die echten im Koran aber stark verwildert erscheinen. Vielleicht wurden in ihm entsprechend den abge- kürzten Reimendungen sämtliche Worte schon mit geschwächten Endungen ausgesprochen, wodurch mancher Vers ursprünglich glatteren Fluß zeigte, wie in der jetzigen nach der Sprache der Kuustgedichte normierten Weise.
Mohammed war keine Dichternatur. Bei seinem Propheten- berufe dünkte ihm sogar eine Berührung mit den von Stamm zu Stamm ziehenden, für Lohn alles besingenden und deshalb viel- fach als charakterlos verschrieenen Berufsd ich lern seiner unwür- dig. Um aber seine Lehre in solcher Form zu fixieren, daß sie im Gedächtnis haftete, griff er zum Seg verse. Das war um so weniger auflallend, als seine ältesten religiösen Suren mit rein persönlichen Auseinandersetzungen 3 ) untermischt sind, wofür die Seg form von jeher gern gebraucht worden war. In welchen Bythmen die älteren Suren ursprünglich abgefaßt und vorgetragen sein könnten, mögen folgende Proben klar machen:
S. 94.
‘alam nagrah läka sadraka wawadä’nä ‘ünka wizraka ülladi Ytnqada zähraka warafii’nii läka dikraka fa’inna ma*a-l-‘üsri jüsran *inna ma’a-l-Visri jüsran fa’idä farugla fänsab waila räbbika färgab.’)
‘) Belege für diese noch zu wenig gewürdigte Thatsache liefern alle bis- her veröffentlichten Sammlungen echter Volkspoesie, z. B. J. Goldzieher, Jugend- und Straßenpoesie in Cairo. ZDMG. Bd. 33 S. 008 ff.; H. Stumme, Tunisische Märchen und Gedichte. 1893.
*) Einige Proben siehe bei el-Bekrl, Geogr. Wörterbuch, S. 10, MasTidi IV, lfw ff. {Handausgabe des Kämil); vgl. ferner die sog. Suren des Musailima bei Tabari u. a.
») Z. B. S. 111.
*) Alle Verse sind rein «Ireihebig durchgeführt.
2*
20
.Mohammed.
S. 100. wal’&dijiti däbhan falmürijfiti qadhan
r
filmugiräti sabhan ta’atärna bihi naq’an fawasätna bihi £äm’an ‘innu – 1 -‘insäna liräbbihi lakanüdun wa’innahu älä dälika lasahidun wa’innahu lihübbi-l-bairi lasadidun * idä bü’tira mä fi-l-qubüri wahüssila ma fi-ssudüri ‘inna räbbahum bihim jauma’id’in lababl’run’). S.
- _ _ _ _ _ -‘afidä ‘innahä’ alaihim inü’sadü fi ämadin niumäddadä *) . S. 10G. schau dir die li’ilafi an . ‘ilafihim rihlata-S-sitai wassaifi faljabudö räbba häda-l-baiti ‘alladi ‘äl’ lj v. 1—5 sind dreihebig, V. 6-9 und 12 haben 2 mal 2 Hebungen; nur v. 10 weicht durch das Fehlen einer Hebung von den ihn umgebenden Versen ab. In v. 9 habe ich die Anfangsworte afalä ja’lamu fortgelassen, die den Rythmus stören und für den Sinn entbehrlich sind ; sie dürften zu einer Zeit hineingekommen sein, wo bei Mohammed selbst das Gefühl für reinere Rythmen getrübt war. • «
*) v. 1 — 3 sind vier-, die andern dreihebig; das .hebungslose ‘allati in v. 7 und das zweihebige ‘ämadin in v. 9 kann Bedenken erregen. Als Reim- silbe habe ich für alle Verse ä angesetzt ; denn wenn Heimgleichklang zwischen den Femininendungen -atun, atin, -atu, -ati und der Perfektendung mit dem Suffix der 3ten Person (also ahu) herauskommen soll, so kann als vermitteln- der Laut nur ä angenommen werden, der bekanntlich im Neuarabischen für die Femininendung stets, für die Endung -ahu stellenweise (z. B. in der tuni- Bischen Dichtersprache) sich vorfindet. Auch in S. 96 reimen sich -atin, -ati um! -ahu auf deutliches -ä.
•j v. 1 ist 2hehig; die anderen haben 2 mal 2 Hebungen. Die Verstren- nung der Flügelschcn Ausgabe in der zweiten Surenhälfte ist – wie an mancher anderen Stelle des Korans — falsch.
Form und chronologische Reihenfolge der Koransuren. 21
Die Fälle, wo alle Verse die gleiche Zahl von Hebungen aufweisen, sind selten im Verhältnis zu denen mit wechselnden Hebungen: so beginnt etwa der erste Vers mit einer Hebung, der zweite hat deren zwei, die folgenden haben drei und mehr. Gewöhnlich aber leitet nach einigem Schwanken die Rede in den dreihebigen, den beliebtesten Vers über. Nun finden sich in alten Suren vereinzelt auch schon Verse von mehr als vier Hebungen: dann sind es aber entweder eng verbundene Doppelverse, wobei der erste Vers des Reims entbehrt oder sie fallen auf Rech- nung des späteren Formprinzips, das, wie wir bald sehen werden, andere Gesetze befolgte.
Mohammeds ältere Suren weisen außer dem Rythmus noch andere formale Eigentümlichkeiten auf. So die einleitenden Schwüre und Beteuerungen. Sie beziehen sich gewöhnlich auf Dinge elementarer Natur: Tag und Nacht, Sonne und Mond, Planeten und Fixsterne, selten auf Naturprodukte, wie Feige und Ölbaum; sodann spielen auch gewisse religiöse Kernbegriffe mit hinein, wie der Tag der Auferstehung, das himmlische Schreib- rohr, der Berg Sinai. Alles dieses mag wohl eingeführt worden sein, um das früher beliebte Schwören bei Götternamen, wie es den heidnischen Seg-Versen gewiß nicht gefehlt haben mag, zu ersetzen *).
Auffallig ist ferner die häufige absolute Voranstellung irgend eines dunklen Wortes, auf das dann die Phrase: „was lehrt dich, w^is das ist?” und sodann eine Erklärung folgt 3 ).-
Mit der Zeit genügte die reine Se&’form den Bedürfnissen des Propheten nicht mehr. Die Entwicklung seiner Lehre, die Vergrößerung seiner Gemeinde erheischten allmälig statt Dunkel- heit des Ausdrucks Klarheit, statt der Bilder Begriffe, statt kurzen
l ) D. h. nach der üblichen Vokalisation ; doch ist es wohl denkbar, daß in manchen Fällen Mohammeds Aussprache auch hier richtige Reime ergab, z. ü. 101, 5: mawäzina und radijä, 96, 15: jäntä und nasijä, 79, 40: rabbü und häwä.
*) Es finden sich übrigens auch im Koran einige Umschreibungen für Schwüre bei Gatt, z. B, (beim Himmel) und was ihn gebaut, (hei der Erde) und was sie hingestreckt, (bei der Seele) und was sie gebildet, vgl. S. 91, S — 7: was im Munde von Gott selbst allerdings seltsam lautet.
•) Vgl. alttest. Wendungen, z B. Hosea, 9, 14: Gieb ihnen Jahwe — was sollst du geben? — gieb ihnen fehlgebärenden Mutb rschoß u. s. w.; und ähn- liches bei Malachi (1, 2; 2, 17; 3, 13).
22 Mohammed.
Andeutungen ausführlichere Auseinandersetzungen ; vollends, als die religiöse Erzählung in den Vordergrund trat, erwies sich die sprunghafte Form hierfür ganz ungeeignet. Deshalb gestaltete Mohammed die Kurzzeilen vielfach zu längeren Versen um, deren erste Hälfte hebungslos gesprochen sein mag, während die zweite, die gern einen eigenen Satz ausmacht, rythmisch ausläuft. Dem Reime kann jetzt, da der Versbau kunstloser geworden, mehr Sorgfalt zugewendet werden, und so verbindet der gleiche jetzt weit längere Verskomplexe, als früher. Diese Modifizierung der Form schritt noch weiter; wahrscheinlich unter dem Einfluß jüdiseh- haggadischer Erzählungsweise fand Mohammed allmälig den rein prosaischen Ausdruck, dessen schleppender vielfach kraftloser Gang höchstens nur noch mit retorischem, nicht mehr poe- tischem Mafistabe gemessen werden kann, sodaß es nötig schien, seinen himmlischen Ursprung eigens mit Ausdrücken wie : „Dieses sind Mitteilungen aus dem Buche (oder von Gott) 11 vorher anzu- merken. Fast nur Reim und Rythmus der letzten Worte dieser aus den Fugen geratenen Versgebilde zeigen an, daß sie nicht im gewöhnlichen Sprechton, sondern rezitierend vorgetragen werden sollten. Diese letzte Form mag man mit vollem Recht gereimte Prosa nennen; sie beginnt in der zweiten Hälfte der mckkani- schen Periode und hält sich durch alle späteren Suren.
Zum Verständnis der Koranischen Rede ist es vor allein notwendig, zu wissen, wer der Redende und wer der Angeredete ist. Mohammed hat, abgesehen vielleicht von Sure 111, das Be- streben gehabt, seine Suren als Produkte göttlicher Eingebung, später als Rede Gottes selbst hinzustellen. Darum wählte er an- fänglich eine unbestimmte Anredeform, bei der sich nicht ent- scheiden läßt, ob Gott zu Mohammed, dieser zu sich selbst oder zu den Menschen redet 1 ). Dann aber läßt er, um das Pathos kräftiger zu machen, Gott selbst das Wort ergreifen *) zunächst zur Anrede an den Propheten *), dann mehr und mehr an dessen heidnische Landsleute ‘) und die Menschen im allgemeinen. Dabei redet Gott mit Vorliebe in der ersten Person der Mehrzahl, was
•) Vgl. S. 107—99.
») Etwa von S. 96, 18 und 108, 1 an. 3 ) Vgl. S. 108, 96, 95, 94, 93 u. a.
*) Zuerst »2, 14; 90, 1; 89, 1» und weiter bis zum Ende der mekkani- schen Periode.
Form und chronologische Reihenfolge der Koransuren. 23
im Arabischen auffälliger klingt, als im Deutschen und Gottes Rede von Menschenrede sogleich unterscheidbar machen soll l ) ; in selteneren Fällen wird auch die erste Person der Einzahl ge braucht 8 ). Da Mohammed in der Folgezeit manches in eigener Angelegenheit zu den Mekkanern zu sprechen hatte, so machte er sich zur Gewohnheit, solchen Stücken das Wörtchen „sprich* vorzusetzen 3 ), um so auch jede noch so persönliche Mitteilung als von Gott inspiriert hinzustellen. Ist dieses Wörtchen aber einmal ausgelassen, dann entpuppt sich der Prophet selbst als der Sprecher, z. B. wenn S. 17 anhebt: Preis sei dem, der seinen Diener zur Nachtzeit reisen ließ, oder 27, 93: Es ist mir befohlen, nur dem Herrn dieses Orts zu dienen ; zuweilen glaubt man auch die betende Gemeinde (S. 1; 2, 186) oder die Himraels- wesen, welche die Offenbarungen an Mohammed vermitteln soll- ten (S. 37, 164—169, 19, 65), herauszuhören. Für die medinische Periode macht die Anrede: ,o ihr Menschen* einer Reihe anderer Wendungen Platz, besonders : O ihr Gläubigen, o Söhne Israels, o Ihr, denen das Buch zu Teil ward (Juden und Christen), und : o Prophet!
Zur ästhetischen Wertschätzung des Korans haben wir den bisherigen Urteilen wenig Ergänzendes hinzuzufügen. Unserem Ohre klingt sein Stil — sei es der älteren oder jüngeren Suren — weder harmonisch genug, um poetischen Genuß zu bereiten, noch klar genug, um als musterhafte Prosa zu gelten. Jeder der Pro- pheten des alten Testamentes ragt stilistisch weit über ihn ; und auch die Werke der gleichzeitigen arabischen Dichter machen deutlich, daß die Schwächen der Redeform Mohammeds nicht auf Rechnung eines damals herrschenden Ungeschmacks zu setzen, sondern ihm allein eigen sind. Aber dennoch durfte der Pro- phet seinen Landsleuten das kühne Wort enlgegenrufen : „Bringt eine gleiche Sure her, wenn ihr es könnt” *), unbesorgt, daß man
l ) Die Bihel gab hiefür nur wenige Vorbilder, z. B. Gen. 1, 26; Micha 5, 4.
■) Zuerst 92, 14, 86,16 f. — Auch die dritte Person mischt sich zuweilen mit der ersten z. B. 22, 37.
») Zuerst (abgesehen von S. 114 und 113) in S. 5<> und 49 gebraucht.
*) Siehe S. 2, 21, 11, 16; 10, 38; auch 52, 34: bringt eine gleiche Mit- teilung (hadU).
24
Mohammed.
ihn mit geschickten Nachahmungen übertrumpfte. Denn was er brachte, waren für Mittelarabien neue Gedanken, die noch nie- mand vor ihm in arabische Form gefaßt hatte : und jegliche Sure vermittelte, wenn auch immer nur in Bruchstücken, Teile eines wohlzusammenhängenden Systems. Wie hätten also seine Gegner Ahnliches ihm entgegenhalten können, da ihnen alles eher, als eine philosophisch- theologische Bildung zu geböte stand! Uns allerdings, die wir die besten der Gedanken Moham- meds aus ihrer Urquelle, der Bibel, längst uns zu eigen gemacht haben, fällt es schwer, die Eindrücke nachzuempfinden, welche wahrheitsverlangende Araber aus den Lehren ihres Propheten schöpften. Nur mit wissenschaftlicher Abstraktion finden wir den Maßstab für jene primitiven geistigen Verhältnisse; dann aber werden auch wir das zwar längst gefällte, aber noch immer gültige Urteil Goethe’s über das heilige Buch unterschreiben: „das uns, so oft wir auch daran gehen, immer von neuem an- widert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Ver- ehrung abnötigt.”
Das schwerste Problem für den Koranforscher, zugleich das- jenige, von dem jede tiefere systematische Erkenntnis der mo- hammedanischen Lehre abhängt, ist die Anordnung der 114 Suren zu einer chronologisch richtigen Kette. An Versuchen zu seiner Lösung hat es, besonders in neuerer Zeit, nicht gefehlt. Aber die großen Abweichungen, die sich bei den besten Forschern, Weil, Muir, Nöldeke, Sprenger in ihren Resultaten finden, zeigt, wie weit man noch vom Ziele entfernt ist. Man hat sich beson- ders für die mekkanischen Suren an den Gedanken weitgehender Umstellungen der traditionellen Ordnung gewöhnt, und doch glaube ich, daß man diesen Grundsatz verlassen und konservativer mit dem Überlieferten verfahren muß. Deshalb ist mein Grund- satz: möglichste Beibehaltung der alten Ordnung, so lange nicht ein wirklich zwingender Grund zur Umstellung nötigt.
Die wichtigste Scheidung des Korans ist die in mekka- nische und medinische Suren. Das Uauptkriterium für diese ist die strengere rylhmische Form und ein dogmatisch-lehr- hafter Inhalt, beides in der Enfwickelung vom Primitiven zum Mannigfaltigem; für jene giebt die Einführung einer ver- wickeiteren Pflichtenlehre, vor allem aber einer Reihe von An- spielungen auf historische Ereignisse den leitenden Faden.
Form und chronologwehe Reihenfolge der Koransuren. 25
Der Raum gestaltet nicht, anders als in allgemeinen Zügen, die Eigenart der verschiedenen Surengruppen anzudeuten.
Mekkanische Snren.
Sie zerfallen in zwei grolie Gruppen:
I. Suren in alter Seg form mit folgendem dogmati- schen Inhalte:
Gott der Mächtige (Habh) und Einige (Allah); Auferstehung und Weltgericht, Paradiesfreuden und Höllenqualen ; Mohammed, ein Prediger, noch kein Prophet; menschliche Willensfreiheit zur Wahrnehmung seines Heiles. Die Darstellung all dieser Lehren ge- schieht mehr in apodiktisch als philosophisch begründender Form. Hierhin gehören Sure 111, 107, 10ii, 105, 104, 103 (v. 3 spätmekka- nische Interpolation), 102, 101, 100, 99, 108, 96, 95, 94, 93, 92, 91, DO, 89, 8h, 87 (v. 7 med. Interp.\ 86, 85 (v. 8—11 spätmekk. Interp.), $4 (v. 25 spätmekk. Interp.), 83, 82, 81 (v. 29 spatmekk. Interp.), 80, 79, 78 (v. 37—38 spätmekk. Interp.), 77, 76 (v. 30—31 spät- mekk. Interp.), 75, 74 (v. 55 spätmekk. Interp.), 73 (v. 20 med. Interp.), 70, 69, 08. – 114, 113.
Einen Übergang zur folgenden Klasse mit den speziellen Kri- terien: Nähe des Weltgerichtes, Leugnung weiblicher Engel, sieben Vorbilder des Strafgerichtes (matäni), neue Reinamen Gottes, bilden die Suren 56, 55, 54, 53 (v. 21-23, 27-33 spät- mekk. Inierp.), 52, 51, 50, 15, 22 (v. 25-42, 76—78 med. Interp.), 14 (v. 38 – 42 med. Interp.).
II. Suren in aufgelöster Seg rede, wie sie gegen Ende der vorige n Gruppe aufgekommen war. Im Vordergrund steht die Diskussion über Gottes Rahma, d. h. seine Gnade, vornehmlich in der jetzt philo- sophisch begründeten Herabsendung des Kitäbs (Offenbarung) an Mohammed wie an zahlreiche andere Männer der Vorzeit, dar- unter auch die früheren sieben Verkünder des Strafgerichts ; die drei Araber unter ihnen erhalten Namen; Moses erscheint immer in Verbindung mit Aaron, sowie Abraham mit Isaak und Jakob ; neben ihnen tauchen allmälig auch Gestalten des neuen Bundes auf, vor allem Jesus und seine Mutter Marjam. Die Rahma, als Barmherzigkeit und Langmut gefaßt, wird als Grund der Verzö- gerung des Weltgerichtes und der speziell noch den Mekkanern bevorstehenden Bestrafung hingestellt; die Gnadenwahlslehre, wonach ein Teil der Menschen zum Irregehen, der andere zur
26 Mohammed.
Annahme des Heiles bestimmt sein soll, erhält seine Ausbil- dung. Als Name Gottes taucht ebenfalls in Folge der Rahma- idee das Wort er-Rahmän in einer beschränkten Anzahl von Suren auf, daneben derselbe Begriff zu zahlreichen Beinamen variiert; endlich häufige Gleichnisreden.
S. 46, 72 ») 45, 44, 41, 07 *), 40, 39, 38, 37 s ), 36, 35, 34, 32, 31, 67 4 ), 30, 29 (v. 1-12, 45-46, 69 med. Interp.), 28, 27, 26, 71 *), 25, 20 «), 23, 43 “), 21, 19, 1 *), 42»), 18, 17, 16, (v. 111 bis 125, ev. bis 128 med. Interp.), 13, 12, 11, 10, 7 (v. 156—158 frühmed. Interp.), 6.-98 (vielleicht schon med.); undatierbär, aber zu dieser Klasse gehörig sind 112 und 109.
Medinische Suren.
Die medinischen Suren — allgemein genommen — kenn- zeichnet im äußern die gänzlich zerflossene Versfonn, welche wir oben als gereimte Prosa bezeichnet haben. Inhaltliche Eigentüm- lichkeiten sind das Zurücktreten der dogmatischen Spekulation ; dafür Ausbildung der äußerlichen Pflichtwerke und Fest- stellung des islamischen Ritus. Weiter erzeugt die gewaltig ge- wachsene Selbstschätzung des Propheten viele unerquickliche
‘) Der merkwürdige Zug von der Bekehrung der Genien zum Islam scheint für S. 72 und S. Itf die zeitliche Gleichheit zu sichern.
•) Nur allgemeiner Ansatz: doch keinesfalls früher einzureihen wegen der komplizierten Offenbarungsvermittlung: Amr — Ruh — Engel.
8 ) Der Anfang mehr alterlümelnd als alt.
•) Das Geständnis, das Wissen vom Eintreffen des Weltgerichtes liegt hei Gott (v. 26 und 28), dürfte gut zu v. 81 — 34 passen.
*) Noahepisode, die am meisten im Tone der S. 26, v. 105—122 ähnelt; man beachte besonders das charakteristische .Gehorcht mir” von 71. 3 und 26, 108.
•) Das Fehlen neutest. Heiligen scheint dieser Sure einen früheren Ur- sprung, als den sie umgebenden S. 21 und 19 zu sichern.
*) Wegen der längeren Erzählung von Jesu in unmittelbarer Nähe von S. 23 und 19 zu stellen ; auch scheint sich v. 57 ff. auf 23, 53 direkt zu beziehen.
8 ) Als ziemlich spät schon durch die scharfe Prädestinationslehre cha- rakterisiert ; neben dem Dienen Gottes steht das spätere „um Hülfe anrufen”, das sich zuerst S. 21, 112 findet.
9 ) Mohammed weiß von Spaltungen unter den Juden; Gott leugnet über die Nähe der Gerichtsstunde Mitteilung gemacht zu haben (v. 16), Jesus wird dem Abraham und Mose gleichgestellt (v. 11).
Form und chronologische Reihenfolge der Koransuren. 27
Sireitreden gegen religiös und politisch Andersdenkende, beson- ders Juden, Christen und Munäfiq oder halbgläubige Mediner.
Die genauere Folge der einzelnen Suren bestimmen aber die zahlreich eingestreuten Anspielungen auf historisch-datierbare Vorgänge, die wir deshalb bei jeder Sure hervorheben werden.
I. Von der Flucht bis zur Bedrschlacht.
S. 2 enthält mannigfache Dokumente des innern Lebens der Gemeinde, die sich deutlich auf den Zeitraum der ersten 2 Jahre d. Fl. beziehen; auch in späteren Jahren ist wahrscheinlich noch einiges nachträglich eingesetzt z. B. v. 192—196 *).
In das Jahr 2 event. 3 d. Fl. müssen auch die Verse über Abrahams Aufenthalt in Mekka und andere medinische Erör- terungen fallen, die in mekkanische Suren eingeschoben sind (14, 23-43, 16, 111—125, 22, 25-42, 57-59, 66, 76-78, viel- leicht auch 51—53).
S. 62. Rede gegen die med. Juden und Ermahnung, dem Freitagsgottesdienste beizuwohnen.
S. 5, v. 15—88. Disputation mit med. Christen und Juden ; v. 108—120 Erörterung über die Person Jesu.
S. 47. Kriegsrede kurz vor Bedr.
II. Von Bedr bis Ohod.
S. 8. Rede zum Gehorsam gegen den Propheten in Sachen der Kriegsbeute von Bedr.
S. 24. Sittengesetze und Anstandsregeln; „Hören und Ge- horchen” ist nach v. 50 schon zur Parole geworden.
S. 59. Rede in Betreff der Beute vom Stamme Nadir. Ver- weis an die Munäfiq.
III. Von Ohod bis zur Einnahme Mekka’s.
S. 3. Der erste Teil: Disputation über die Wahrheit des Islams, stammt vielleicht noch aus dem Schlüsse der vorigen Periode, kann jedoch nicht früher fallen, da v. 29 Gehorsam gegen Gott und seinen Propheten fordert; von v. 117 an: Trost- rede wegen der Niederlage bei Ohod.
‘) Die Ansicht Noldekes, daß auch mekkanische Bestandteile eingestreut seien, kann ich nicht teilen.
28 Mohammed.
S. 29, v. 1 — 12. Der Gläubige muß durch Unglück geprüft werden: wahrscheinlich gegen die Munäfiq gerichtet; v. 45: Milderung der Polemik gegen das „Volk der Schrift”; dazu v. 46 und 60.
S. 4. Bestimmungen über die Witwen und Waisen der bei Ohod Gefallenen. Disputation mit den Juden; Hede zu neuem Gehorchen und neuem Kämpfen,
S. 57. Aufforderung zu Abgaben, um den Kampf fortzu- setzen ; auch Niederlagen sind von Gott beschlossen.
S. 64. Ungefähr die gleichen Gedanken wie in S. 57.
S. 61. Anweisung, in fester Schlachtordnung zu kämpfen. Die Religion des Propheten soll doch noch über die heidnische den Sieg erringen.
S. 60. Verbot jedes Verkehrs mit Mekkanern.
S. 58. Aufforderung zu Abgaben an den Propheten ; Gottes Ratschluß: Siegen werden ich und meine Gesandten.
S. 65. Über islamische Ehescheidungsformalien, als Ergän- zung zum Verbote heidnischer Schiedsgebräuche in der vorher- gehenden Sure.
S. 83. Gottes gnädige Führung im „Grabenkriege” und beim Überfall gegen die Qoraiza. Über Mohammeds Frauen; stren- geres Ilofceremoniell gegenüber dem Propheten.
S. 63. Erwiderung auf die Unmutsäußerung des Abdallah ben Obaj beim Zuge gegen die Beim Mostaliq.
S. 40. Erweiterung des llofccremoniells ; Verweis an die Wüstenaraber wegen ihrer nur äußerlichen Bekehrung.
S. 110. Sichere Verheißung von (iottes Hülfe; einstiger Sieg der Gläubigen und Bekehrung der Mensrhen.
S. 48. Epilog zum Vertrag von Hodaibijja. Zurückwei- sung der Wüstenaraber vom Zuge gegen Haibar. Versprechung, sie bei einem zukünftigen Kriege gegen ein stärkeres Volk, d. h. gegen Mekka mitziehen zu lassen.
S. 5, v. 1 — 14. Verordnungen in Betreff der ersten freien Pilgerfahrt nach Mekka : Der Friede soll dabei nicht gebrochen, die Wallfahrlsregeln über den Unterschied der Speisen und die Gebeisvorschriften streng gehalten werden; v. 80 — 107: Verbot des Weines und Spieles, der Opfersteine und Loospfeile, der Jagd während der Wallfahrt u. a.
Form und chronologische Reihenfolge der Koransuren. 29
S. 66. Verweis an zwei Frauen des Propheten (Hafsa und ‘Äischa) wegen eines Haremszanks. Scharfer Ausfall gegen die Munäfiq.
S. 9, v. 1- 24. Lossagung vom Hodaibijjavertrage. Pro- klamierung des Entscheidungskampfes gegen Mekka l ).
IV. Nach der Einnahme von Mekka.
S. 9, v. 25—124. Rede über verschiedene Ereignisse von der Honainschlacht bis zum Zuge gegen Tabük. Ausfalle gegen die Munäfiq und Wüstenaraber. — V. 125—130 fallt wohl in eine frühere Zeit«).
‘) Wenn Nöldeke letztere Datierung wegen des Ausdruckes hagg (v. 3) statt eines zu erwartenden omra beanstandet (vgl. Literar. Centralblalt 1892 Nr. 26), so zeigt 2, 193, daß zu Mohammeds Zeit hag£ auch schon für die Wallfahrt nach Mekka gebraucht wurde.
‘) Zur Vergleichung sei hier kurz die Reihenfolge der Suren an- geben, wie Nöldeke sie in seiner Geschichte des Qoraus vielfach allerdings nur versuchsweise aufgestellt hat; seine gemischten Suren sind durch ein Sternchen gekennzeichnet :
A. Mekkanische Suren.
a) Erste Periode. 96, 74, 111, 106, 108, 104, 107, 102, 105, 92, 90, 94, 93, 97, 86, 91, 80, 68, 87, 95, 103, 85. 73, 101, 99, 82, 81, 53, 84, 1(10, 79, 77, 78, 88, 89, 75, 83, 69, 51 52, 56, 70, 55, 112, 119, 113, 114, 1.
b) Zweite Periode. 54, 37, 71, 76, 44, 50, 20, 26, 15, 19. 38, 36, 43, 72, 67, 23, 21, 25, 17, 27, 18.
b) Dritte Periode. 32, 41, 45, 16, 30, 11, 14, 12, 40, 28. 39, 29. 31, 42, 10, 31, 35, 7, 46, 6*. 13.
B. Medinische Suren.
2*, 98, 64, 62, 8, 47, 3, 61, 57, 4, 65, *)9, 33, 63, 24, 58, 22, 48, 66, 60, 110, 49, 9, 5.
System der komischen Theologie.
Einleitung.
Mohammeds Religionssystem kann weder auf Originalität noch auf feste Einheitlichkeit großen Anspruch erhehen ; seinem innersten Wesen nach ist es Eklekticismus, der sich in Kon- struieren nie ganz Genüge thut und deshalb das Gebäude der religiösen Formeln öfters versetzt und umbaut. Wer demnach den Islam verstehen will, muß zur Urquelle jeder seiner Lehren vorzudringen suchen und dort, wo zwischen Original und Nach- ahmung bemerkenswerte Verschiedenheiten zu Tage treten, diese nach der Welt, die den Propheten umgab, sowie nach dem Wechsel seiner Lebenslagen zu begreifen streben.
Die Grundlage des Islams war und blieb jederzeit dasjenige System, zu dem die jüdische Theologie im schweren Ringen mit jeder noch so geringfügigen Formalität des Bibeltextes gelangt war, und als dessen Urkunde man kurzweg den Talmud anführen kann. Was Mohammed in Mekka vortrug, ähnelt jenem vor allem nach der Seite der dogmatischen Anschauung, doch auch in den allgemeinen sittlichen Vorschriften. Dagegen mangelt dem älteren Islam die krause Menge der Lehr- und Lebensvorschriften, die den Talmudjuden wie ein Zaubernet/, umgiebt und ihm jede eigene Bewegung fast unmöglich macht. Diese Abweichung ist charakteristisch; sie zeigt, daß man nicht geradezu den Talmud — weder den Babylonischen noch den Palästinensischen — als Modell des Frühislams ansehen darf; enthält dieser doch auch vereinzelt Ansichten, die jenem fehlen, dagegen früheren Doku- menten des Judentums, den Targumen, geläufig sind. Weiter hat
System der koran. Theologie. Einleitung. 31
Mohammed gewiß nicht Lehrschriften des Spätjudentums stu- diert, sondern nur ihren Inhalt durch mündliche Tradition kennen gelernt. Als sein Lehrer muß ein Jude angenommen werden, doch keiner von jenen Rabbinen, deren ganzes Leben dem Grübeln über das Gesetz und der ängstlichen Beobachtung seiner Einzelheiten gewidmet war, Erscheinungen, wie sie in Arabien wohl nur spärlich vertreten sein mochten, sondern ein Mann aus jenem geistigen Mittelschlage, der mit der Haggada, der Erzählungs- und Gedankenwelt des Judentums, mehr als mit der Halacha, der Zusammenfassung aller und jeder Gesetze, in Fühlung stand, ein ‘amm ha’ares; ein solcher versuchte wahr- scheinlich aus ihm dasjenige zu machen, was er selbst war, und Mohammed trägt mit einem gewissen Stolze angesichts der medinischen Judenschaft gern den Titel ummi d. h. amm ha’ares und stellt ihn sogar gleich neben seinen höchsten Ehren- namen „nabi” d. i. Prophet.
Vor einer Konsequenz schreckte Mohammed jedoch zurück, sich vor seinen heidnischen Landsleuten selbst als Juden zu be- zeichnen oder auch nur als solchen sich zu fühlen ; daran hin- derte ihn vor allem sein hochentwickeltes nationales Gefühl. Da mit den religiösen Lehren des Judentums unlöslich die Hoffnungen auf Wiederherstellung des Reiches Davids sich verbanden, mußte jeder Proselyt auch das Opfer seiner bisherigen nationalen Über- zeugung bringen, um sich mit Recht Jude nennen zu können. Zu solchem wäre jedoch Mohammed nie zu bewegen gewesen. Immerhin vergalt er das viele Gute, das er dem Judentum ver- dankte, in Mekka noch nicht mit feindseliger Gegensätzlichkeit gegenüber ihren Vertretern; kein Wort beleidigt noch die Juden als Rasse; vielmehr mag es sogar als eine Höflichkeit gegen sie aufzufassen sein, wenn er einem von ihm erfundenen arabischen Propheten den Namen Hüd, d. i. Jude, beilegt. Sodann wurde ihm das Aufgehen im Judentum durch das hohe Bewußtsein einer eigenen wichtigen Mission verwehrt. Er fühlte in sich den Drang, die ihm gewordene Aufklärung in der Umgebung seiner heid- nischen Landsleute zu verbreiten, ein Drang, der bald mit dem Ungestüme einer kategorischen Pflicht in ihm auftrat. Im Grü- beln über diese Erscheinung erklärt er sie sich als göttlichen Auftrag, jüdische Wahrheit in arabische Sprache und Predigt umzusetzen.
32
Mohammed.
Im weiteren Verlaufe der mekkanischen Periode mischen sich in das jüdische Grundelement des Islams als Ergänzung und Modifizierung neue Gedanken, die mit dem Christentum nahe Verwandtschaft zeigen und ihm entlehnt erscheinen. So wird die Starrheit des bisherigen Gottesbegriftes durch Betonung der gött- lichen Liebe und Barmherzigkeit gemildert, der Glaube an be- stimmte Dogmen als religiöse Pflicht aufgestellt und manche Gestalten des neuen Bundes als gleichberechtigt zu den alt- testamentlichen Heiligen und Propheten gestellt. Wenn es aber verhältnismäßig nicht viel von Lehre und Wesen des Christen- tums war, wovon Mohammed in dieser Zeit Kenntnis verrät, so dürfte doch auch das Meiste von dem, was in der medinischen Pe- riode hinzukommt, ihm schon bekannt gewesen sein; aber es scheint ihm nur an Gegnern und an Gelegenheit gefehlt zu haben, um über die von ihm verworfenen Lehren des Christentums eine Polemik zu eröffnen.
Fassen wir hier aber schon alles zusammen, was der Koran an christlichen Anklängen enthält, so ergeben sich über ihre Quellen mehr negative als positive Resultate. Zuerst scheint es sicher, daß Mohammed die Evangelien ebenso wenig gelesen hat, wie den Talmud ; er würde sonst nicht ihre Abfassung auf Jesus zurück- geführt ‘) haben, und ferner müßte ihm von der Natur und Wirksamkeit des Heilandes eine höhere Auflassung aufge- gangen sein. Auch die übrigen Bücher des neuen Testamentes liegen außerhalb seiner Kenntnis, ausgenommen vielleicht der zweite Brief Petri, von dessen Ideen und Ausdrücken verschiedene Suren der spätmekkanischen Zeit beeinflußt scheinen *). Von den sekundären Urkunden des Christentums hat nur das Kindheits- evangelium im Koran Spuren hinterlassen 3 ) ; aber diese sind der Art, daß sie recht wohl auf mündliche Mitteilung zurück- gehen können. Es bleibt ferner noch eine Reihe von Ansichten über christliche Dogmen übrig, die mit keiner der uns erhaltenen schriftlichen Quellen in auch nur entfernter Verbindung stehen: z. B. die Auffassung von der Dreifaltigkeit als einer Dreiheit 4 ) gebildet aus Vater, Sohn und Maria, die doketische Erzählung
‘) Vgl. S. 57, 27.
*) Vgl. hierüber den Exkurs zu Ende des Buches. •) Vgl. S. 3, 41 und 43 ; S. 4, 55; S. 5, 110. •) Vgl. S. 5, 79 und 116.
System der koran. Theologie. Einleitung. 33
vom Scheintode Christi am Kreuze 1 ), die Herabsendung des Abendmahltisches vom Himmel *) und anderes. Dieses kann in seiner Gesamtheit nicht einmal auf mündlichen Bericht von irgend einer christlichen Seite zurückgeführt werden, da keine noch so entartete Sekte ein solches Geniisch von Seltsamkeiten in ihrem Symbolum vereinigte; es hat vielmehr als Mitteilung aus zweiter oder dritter Hand zu gelten, wobei das ursprüngliche Gepräge schon abgegriffen und verwischt war.
In christlich-syrischer Anschauung wurzeln ursprünglich auch noch verschiedene der koranischen Heiligengeschichten, z. B. von den Siebenschläfern, von Du-l-Qarnain (Alexander) und seinem Zuge nach Jägüg und Mägüg; ihre Überleitung in den Koran wird aber kaum aus den ursprünglichen Quellen, sondern eher aus dem Volksmundc stattgefunden haben. Obwohl die Tradition mehrere Christen namhaft macht, mit denen der Prophet gelegentlich Berührung gehabt haben soll, so den Mönch Nestor oder Bahira, der den jungen Mohammed auf einer Handelsreise in Bosra als zukünftigen Propheten begrüßt habe, oder Abü ‘Ämir, das Haupt der medinischen Christenkolonie, so sprechen doch Zeil und andere Umstände gegen die Vermu- tung, daß der Prophet durch sie beeinflußt gewesen sei. Eher könnte man noch auf einen der im damaligen Arabien nicht seltenen Anachoreten schließen, deren der Koran an verschie- denen Stellen mit Ausdrücken lobender Anerkennung Erwäh- nung thut 3 ).
Jüdische und christliche Ideen sind während der ganzen mekkanischen Zeit die einzigen Bausteine zur Errichtung des Mo- hammedanischen Systems geblieben; heidnisch-arabische An- schauungen blicken, wenn man von der später getilgten Urform der Sure 53 absieht, nirgendwo durch. Auch die persische Religion hat keinen Beitrag geliefert, es sei denn auf in- direktem Wege durch einzelne von ihr beeinflußte jüdische Lehren.
‘) 4, 156.
■) 5, 112—115.
■) 24, 36—37, 85. Sollte vielleicht der erst dem Ghristentume nahe gekommene, dann zum Islam übergetretene Medinenser Abu Qais Vermittler einiger christlich angehauchten lehren an den Propheten gewesen sein V Vgl. Ihn Hischäm, S. 348.
Orimm«, Mohammed II. 3
34
Mohammed.
Die medinische Lehrperiode setzt den Prozeß der Entlehnung aus den Buchreligionen d.h. dem Judentum und Christentum fort. Die Dogmatik bleibt allerdings auf der früheren Stufe stehen, ja macht Rückschritte, da ihr die Flügel der philosophischen Spekulation stark beschnitten werden; die Pflichtenlehre aber geht ins Breite und nimmt den Geist engherziger Formalität an, wodurch auch die Entwickelung zahlreicher ritueller Kleinigkeiten begünstigt wird. Aber schlimmer als diese Veräufierlichung wirkt das allmälige Zurückgreifen auf altheidnische Gebräuche, leicht islamisch über- tüncht. Als Palladium wird Mekkas Götzentempel den Gläubigen vorgerückt, die altarabische Kriegsrache taucht unter den gott- wohlgefälligen Werken mit der Maske des Glaubenskrieges auf, und nachdem der Weg zum mekkanischen Ileiligtume frei gewor- den war, werden seine alten Wallfahrts- und Opferceremonien vom Koran sanktioniert. Dadurch bekommt das bisher immer noch abgerundete System des Islams einen Riß, der durch keine rheto- rischen Phrasen zu verkleiden war; wenn der Islam trotz schöner Ansätze keine dauernde Kultur gezeitigt hat, wenn er in jedem Jahrhundert neue verhängnisvolle Krisen erfährt, so muß man einen großen Teil der Schuld daran diesen letzten rohen und ge- dankenleeren Neuerungen des Propheten zuschreiben.
Koranische Dogmatik.
Gottes Macht, Einheit and GUte.
Der älteste Gottesbegriff, den Mohammed im Koran aufstellt, begreift Gott als eine Persönlichkeit von gewaltiger Kraft, als den Mächtigsten der Seienden, den daher die Menschen als ihren Herrn, Rabb, anzusehen und zu fürchten haben. Dieser Name wird, da er auch einen menschlichen Oberherrn bezeichnen kann, gewöhnlich durch Beifügungen teils spezialisiert, teils er- weitert. So heißt Gott in einer der ältesten Suren (106,3) „Herr des Hauses”, womit seine Herrschaft über den mekkanischen Tempel angedeutet wird. Man hat hieraus schon den Schluß gezogen, der Prophet habe damals noch den Lokalgott Mekkas verehrt und ihn wie einen Obergott gegenüber anderen heidnischen Gottheiten angesehen, und erst durch fortschreitende Betonung seiner Macht sei er von ihm zum Begriffe des Weltenherrn ge- langt. Doch soll der Zusatz offenbar nur bedeuten, daß Gott allein die Verehrung im mekkanischen Tempel wie in jedem anderen gebühre, was später (72, 18) in der Behauptung wieder- kehrt .alle Gotteshäuser gehören Allah % am deutlichsten aber aus S. 27, 93 hervorgeht:
Mir aber ist befohlen, nur dem Herrn dieser Flur zu dienen, die er geweiht hat, obwohl ihm alles zugehört.
Weit häufiger wird der Ausdruck Herr durch allgemeine Be- griffe erweitert. So heißt er der große, der höchste, der ehren- reichste Herr 1 ), der Herr der Welten; als letzterer umfaßt er in seiner Macht alle Erscheinungen und Teile des Weltalls, und wird darum auch Herr der Morgenröte 2 ), Herr des Westens und des Ostens, Herr der Menschen 3 ), am liebsten jedoch Herr der Himmel und der Erde genannt. Da er endlich auch jeglichem der Men- schen gebietet, so haben diese ihn mit .Unser Herr” anzureden.
«) 92, 20 : 87, l; 96, 3; 82, 6 u. s. w. ») 113, 1. ‘) 114, 1.
3 *
3G
Mohammed.
Vor der Idee der Obmacht Gottes tritt in den älteren Suren die seiner Einheit noch zurück. Wenn es S. 90, 5 heifit : „Glaubt der Mensch denn nicht, daß Einer Macht über ihn hat”, so klingt damit die Parole des späteren Islams: . Es giebt nur einen Gott” erst ganz leise an.
In ungefähr 30 Suren wird zur Bezeichnung Gottes der Name Rabb fast ausschließlich verwendet: dann gesellt sich zu ihm ein neuer Name, Allah, eigentlich al-Iläh. Dieser war, wie den meisten semitischen Völkern, so auch den Arabern als gene- reller Begriff der Gottheit längst geläufig; er wurde bei den ein- zelnen Stämmen mit Vorliebe statt des speziellen Eigennamens der Stammgötter gebraucht, und war durch eine Reihe von Be- teuerungs- und Schwurformeln, sowie als Bestandteil vieler zu- sammengesetzten Eigennamen durch ganz Arabien populär. Sein häutiger Gebrauch in der Sprache hatte mit der Zeit die Idee seiner Allgemeinheit und Superiorität über die Einzelgötter er- weckt und angefangen, den generellen Namen zum Werte eines Eigennamens des allen Stämmen gemeinschaftlichen großen Gottes zu erheben 1 ). In diesem Stadium seiner Entwicklung acceptierte Mohammed den Namen Allah und setzle ihn identisch mit seinem Rabb oder Weltenherrn. Dabei fühlte er jedoch noch das Be- dürfnis, aufs schärfste zu betonen, daß sein Allah mit den ara- bischen Stammgöttern nichts mehr gemein habe, überhaupt, daß seine Macht und Wirksamkeit durch keinen bestimmten Kreis um- engt sei. Da nun der Name Allah aus grammatischen Gründen eine Zusammensetzung mit Welt, Himmel oder Erde ausschloß, so versuchte er ihn zunächst durch bezeichnende Beiwörter von der Gesellschaft der heidnischen Götter zu trennen:
69, .33. Fürwahr, er glaubte nicht an den großen Allah*).
70, 3. Allah, der Herr der Stufen, d. i. der Oberste in der Stufenreihe der Wesen»).
Bald aber fand er eine Formel, die ihm geeignet schien, das Wesen seines Allahs von dem der Heidengötter zu scheiden 4 ) ; er ent-
‘) Vgl. Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. III. S. 184-HG. *) Vielleicht nach biblischem Vorbild, Nehemias 8, G : Und Ezra lobte Jahwe, den großen Elohim. s ) Vgl. S. 40, 15.
*) Auch hier mag jüdischer Einfluß gewirkt haben. Vgl. Targum des Unkelos Deuteron. 33, 2G: Es ist kein Gott, außer dem Ciotte Israels. Auch
Koranische Doginatik. Gottes Matfht, Einheit und Güte. 37
kleidet diese ganz der göttlichen Natur und stellt ihnen seinen Gott als den eigentlichen, wahren Gott gegenüber, dessen Name und Wesen Allah sei, und so sagt er: Es giebt keinen Gott außer „dem Gölte” (lä iläha illä allahu).
Diose wichtige Formel soll nicht die Existenz der Heiden- götter, sondern eben nur ihr Gottsein leugnen und sie zum Hange und zur Bestimmung jedes andern Wesens dieser Welt, nämlich zu Knechten Gottes herunterdrücken. Die Anschauung vom absoluten Sein Gottes wird meist in apodiktischer Weise als Dogma vorgetragen ; nur einige Mal wird der Versuch eines logischen Beweises gemacht:
21, 22. Wenn in Erde und Himmel noch Götter wären außer Allah, so müßte die Welt zu Grunde gehen.
17, 44. Wären zugleich mit Allah noch Götter, wie die Heiden behaupten, so würden diese trachten, dem Herrn des Thrones beizukommen.
Im allgemeinen aber steht ihm die Wahrheit seiner Ansicht so fest, daß er das Recht zu haben glaubt, eher von seinen Geg- nern Beweise für ihre mangelhafte Gottesidee zu fordern , ), als selbst die seinige noch zu verteidigen. Längere Zeit deckt sich die Auffassung vom Wesen Allahs mit der des Rabb, und alles, was in Natur und Menschenleben sich ereignet, stellt der Prophet lediglich als eine Folge der alles leitenden Macht Gottes dar. Als Beweis hierfür mögen einige Surenstücke dienen:
88, 17 — 20. Sehen sie nicht das Kamel, wie es geschaffen, — den Himmel, wie er gewölbt ist, — die Berge, wie sie hin- gestellt sind, — die Erde, wie sie ausgebreitet ist?
80, 24—82. Es betrachte der Mensch seine Nahrung: — Wir ließen Wassertropfen träufeln, — spalteten dann die Erde, — ließen darin Korn aufgehen, — Trauben und Klee, — Oel- baum und Palmen, — üppige Haine, — Obst und Futter — zur Nahrung für euch und eure Haustiere.
79, 27—29. Wäret ihr schwerer zu erschaffen, oder diu Himmel, die er (Gott) aufbaute, — deren Dach er wölbte — und
das Schema’gebet : Höre, Israel, Jahwe, unser Gott, ist ein einiger Jahwe, kann zur Prägung der Formel mitgeholfen haben, die Mohammed einige Mal auch fast wörtlich nachahmt, vgl. 22, 35: Euer Gott (iläh) ist ein einiger Gott; ebenso 16, 23 und 2, 158. ‘) 21, 24.
38
Mohammed.
sie so rundete, — zur Nachtzeit sie verfinstert, — des Morgens sie erhellt u. s. w.
Besonders häufig wird gleich wie in dieser letzten Stelle die Schöpfung des Menschen lediglich der Macht Gottes zuge- schrieben, worüber in einem späteren Abschnitte das Nähere folgen wird. Diese Auffassung, data jede Veränderung im Weltall nichts als eine Kraftprobe Gottes darstelle, reicht etwa bis zu S. 56, wo noch einmal Macht Gottes und Ohnmacht des Menschen einander gegenübergesetzt werden :
V. 58—71. Was haltet ihr von eurem Samen, schafft ihr ihn, oder sind wir der Schöpfer ? — Wir setzen unter euch den Tod fest, und niemand kommt uns darin zuvor — andere an eure Stelle zu setzen und euch neu entstehen zu lassen in un- erforschlicher Weise »). — Ihr kennt ja die erste Geburt; o daß ihr euch doch warnen ließet ! — Was haltet ihr vom Felde, das ihr bereitet ? — Säet ihr den Samen, oder sind wir die Säenden ? — Gefiele es uns, so machten wir es zu Stoppeln, dann solltet ihr euch wundern — und sprechen : wir sind verschuldet und betrogen! — Was haltet ihr vom Wasser, das ihr trinkt? – Laßt ihr es herabkommen oder schicken wir es? — Gefiele es uns, so machten wir es bitter, o wollt ihr nicht danken? — Was haltet ihr vom Feuer, das ihr zündet ? — Pflanztet ihr das Holz dazu, oder sind wir die Pflanzenden?
Aber schon in der folgenden Sure 55 bereitet sich ein Um- schwung zu einer edleren Gottesauffassung vor, indem jetzt jeder Akt der Schöpfung eine Wohlthat (alä) Gottes genannt wird. Wir stehen damit am Eingange der zweiten Periode des Islams, worin sich Gott im Vollbesitz seiner Gnade dem Blicke des Pro- pheten erschließt. Es war eine Zeit der äußeren Bedrängnis uud inneren Hoffnungslosigkeit, als Mohammed zur Lösung dieser Krisis den Begriff eines Gottes mit weichen humanen Affekten fand, eines Gottes, dessen Freude es ist, sich der Verlassenen voll Erbarmen anzunehmen und sie voll Liebe zu sich hinauf- zuführen. Zur Idee eines solchen Gottes bot zwar auch das Judentum schon einige Ansätze: denn es kannte einen Jahwe, dessen Barmherzigkeit der strengen Richtermacht des Elohim voranzugehen pflegte ») ; aber den weiten Umfang, den Moham-
•) Anspielung auf die Wiedererweckung von den Toten.
*) Vgl. Weber, System der altsynag. palästinen. Theologie, S. 250.
Koranische Dogmatik. Gottes Macht, Einheit und Güte. 39
med von nun an der Liebe Gottes in seinem System einräumte, konnte er nur in der christlichen Gnadenlehre vorgebildet finden. Das bezeichnende Wort, womit diese neue Seite seines Gottes wiedergegeben wird, ist Rahma, Barmherzigkeit oder Gnade. Alles, was Gott thut, wird jetzt unter diesem neuen Gesichts- punkte angeschaut, seine Allmacht erscheint nur noch geleitet von seiner Liebe, „die er auf seine Seele geschrieben hat, um die Menschen am Tage des Auferstehung zu versammeln” (6,12). Wie sich dem Propheten jetzt die Welt im bestandigen Genüsse göttlicher Wohlthaten darstellt, mögen einige Stellen zeigen :
28, 71—73. Sprich: Was meint ihr, wenn Gott über euch ewige Nacht machen wollte bis zum Tage der Auferstehung, welcher Gott außer Allah könnte euch Licht bringen? 0 daß ihr nicht hören wollt!
Sprich: Was meint ihr, wenn Gott über euch ewigen Tag machen wollte bis zum Tage der Auferstehung, welcher Gott außer Allah könnte euch Nacht machen, um darin zu ruhen? U daß ihr nicht sehen wollt!
So aber hat er euch in seiner Barmherzigkeit Nacht und Tag gemacht, um bald zu ruhen, bald zu arbeiten um das tägliche Brot *). So dürftet ihr wohl dankbar sein.
- u. 64. Siehst du nicht, wie Gott vom Himmel Wasser heruntersendet, wodurch die Erde angefeuchtet wird? Ja, Gott ist der Edle und Wissende.
Siehst du nicht, wie Gott euch alles auf Erden unterthänig gemacht hat und das Schiff, das durch das Meer streicht auf sein Geheiß, und wie er den Himmel hält, damit er nicht auf die Erde falle, außer wenn er will: So ist Gott gegen die Menschen gütig und barmherzig.
14, 37. Gott ist es 4 der schuf die Himmel und die Erde; er sandte Wasser vom Himmel, um dadurch Früchte hervorzubringen als Nahrung für euch und machte euch das Schiff dienstbar, durch das Meer zu streichen auf sein Geheiß, und machte euch dienst- bar die Flüsse, die Sonne und den Mond, die beiden Wechseln- den, die Nacht und den Tag, und brachte euch alles, um was ihr ihn gebeten ; und wenn ihr die Wohlthaten Gottes zählen wollt, so findet ihr ihre Zahl nicht.
») Wörtlich : um nach dem Überflüsse Gottes zu streben.
40 Mohammed.
16, Hl» : Gott hat euch gemacht an euren Zelten eine Woh- nung und aus den Häuten der Tiere Zelte, die ihr bewegt am Tage eures Aufbruches und am Tage der Niederlassung ; auch aus ihrer Wolle, ihren Vliehen und I laaren allerhand Gegenstände und Geräte für die Zeit des Lebens.
Er hat euch auch gemacht aus seinen erschaffenen Dingen Beschattung und aus den Bergen Schlupfwinkel und hat euch Leibgewänder bereitet, die Hitze abzuwehren, und andere, um Verwundung im Kampfe zu hindern : auf solche Weise spendet er euch das höchste Maß seines Wohlthuens.
Die neue Gotlesauflassung erregte in Mohammed das Be- dürfnis nach einem neuen Gottesnamen, der iti aller Kürze die Gläubigen der Liebe Gottes erinnern sollte. In diesem Bestreben kam ihm ein bereits bei den christlichen Syrern und Süd- arabern *), doch auch bei den Juden 3 ) üblicher Name gelegen, nämlich er-Bahmän, der Erbarmer. Bei welcher Seite er nun diese Anleihe machte, mute zweifelhalt gelassen werden: «he meisten Gründe scheinen mir immer noch für die Herübernahme von den christlichen Südarabern zu sprechen, die unter Rahmän speziell noch Gott- Vater verstanden *).
Der Name er-Bahmän beginnt ziemlich zu Anfang der zweiten mekkanischen Periode mit S. 55, zieht sich dann bald häufiger, bald seltener durch die S. 50, 41, 27, 2ti, 25, 43, 07, 20, 21, 19, 13, 1; kommt aber schon gegen Ende der mekkanischen Lehr- periode wieder ab. Das geschah gewiß nicht infolge prinzipieller Veränderungen in Mohainmed’s Dogmatik, sondern nur aus äußeren Gründen. Mohammed mochte vielleicht fürchten, bei ein- zelnen seiner Hörer den Schein zu erwecken, als lehre er ver- schiedene Götter, wenn neben der maßgebenden Phrase: Es ist kein Gott außer Allah, die neue: Es ist .kein Gott außer Bahmän
*) Nicht selten in <ten Hymnen Ephraems d. Syrers, z. B. adv. haeres. ’22 str. 16; 54, Schlußstrophe; häufig in den Carm. Nisibena (siehe Glossar).
») Vgl. Glaser, Skizze der Geschichte Arahiens, S. 1.
‘) Sowohl im Talmud wie auf südarahischen Inschriften, z. B. Glaser 39195: Es sei gesegnet der Name »des Erbarmers”, des Herrn des Himmels und Israels und ihres Gottes, des Herrn Judas . . .
*) Ganz subjektiv ist Sprengers Ansicht (Leben und Lehre Moh. II, 202), daß unter RahmAn ursprünglich des Menschen Sohn verslanden worden wäre, wie er auch seine Stellung in Mohammeds Dogmatik ganz mißkannt hat
Koranische Dogmatik. (Jottes Macht, Einheit und Güte. 41
(13, 29) sich stellte, und mag vielleicht, um diesem vorzubeugen, bestimmt haben: Ruft Allah an oder Rahman; wie immer ihr ihn rufen mtfget, sein sind die schönsten Namen (17, 110).
Wahrscheinlicher aber ist es, daß das Abkommen von Rahman mit dem Aufkommen der vielen sog. schönen Namen Gottes zusammenhangt, in deren buntem Farbenspiele das Bild der Gottheit erst reich erglänzt, dann mehr und mehr an Deut- lichkeit einbüßt und zuletzt vor lauter Ausdrücken im Wesen gänzlich verschwimmt. Nachdem nämlich der Prophet seinen Gott mit warmen, menschlichen Gefühlen ausgestattet hatte, glaubte er den Seinigen dieses Bild noch näher bringen zu können, wenn er es mit möglichst vielen schönklingenden Beinamen schmückte, um mit solcher Vielnamigkoit die Vielseitigkeit seines Wesens wiederzugeben. Vielleicht that er dieses irn Gegensatze zu den Juden, bei denen eine wahre Scheu herrschte, Gott überhaupt zu benennen; aber auch scheint er damit gewisse heidnische Gottes- bezeichnungen haben treffen zu wollen; denn er sagt 7, 179: Allahs sind die schönsten Namen; darum ruft ihn an mit ihnen und laßt jene, welche ihm unrichtige beilegen.
Als richtige konnten in seinen Augen nur solche gelten, welche die von ihm gepredigten BegrilTe vom Wesen Gottes wiedergaben, und so entstanden drei Kategorien von Namen, die der Güte, der Macht und der Einheit, wenngleich der, Pro- phet nicht gerade viel darauf hält, zwischen diesen dreien selbst genau zu scheiden.
War von der Wurzel Rahma schon das Wort Rahman in seine Theologie übergegangen, so bildete er jetzt das ähnliche Rahim, dessen häutige Anwendung der Hauptanlaß zum allmäligen Ver- blassen und Verschwinden des ersteren Gottesnarnens geworden sein mag ; nur in der pleonastischen Zusammensetzung er-Rahmän er-Rahim pflanzt er sich bis in die medinische Periode fort. Um die erwähnten Bildungen schaaren sich zahlreiche Synonyma von anderen Wurzeln, so gütig, barr; milde, halim; edel, latif; liebend, wadfid; sorgend, wakil; gern spendend, razzäq und wahhäb; dankend, schakür; mit besonderer Übertragung seiner Güte auf das Gebiet der Sündenvergebung werden gern ange- wendet: verzeihend, £afur, gaffär und tawwäb. Alle diese Aus- drücke bedeuten zugleich den höchsten Grad der betreffenden Eigenschaft, also allgütig, all verzeihend u. s. w., wofür jedoch
12 Mohammed.
auch häufig zusammengesetzte Bildungen eintreten wie arhamu-r- rähimina, der Erbarmends te der Erbarmenden, hairu-r-räziqma, der Beste der Spendenden oder du-l-magfirati, der Herr der Vergebung.
Die Kategorie der Macht ljeß besonders zahlreiche Teil- begriffe zu. So wird sie in Berücksichtigung der physischen Kraft Gottes durch folgende Ausdrücke variiert: stark, qawi; gewaltig, makiu; mächtig, ‘aziz; groß, kabir; hoch, ‘ali und mula’Ali; siegreich, qahhär; herrschend, wali und samad. Die geistigen Kräfte Gottes werden ausgedrückt durch die Bezeichnungen : wissend, ‘alim und habir; sehend, basjr; hörend, sami , sich erinnernd, hafiz; gegen- wärtig, qarib, muhit oder schahid; daneben wieder häufige Zu- sammensetzungen : der beste Richter, der beste Sieger, der stark Rächende, der schnell Abwehrende und viele andere.
Für die UnterbegritTe der dritten Kategorie des einen, ewigen Seins gestattete die an philosophischen Ausdrücken gänzlich arme Sprache Arabiens nur wenig Wortbildungen, die wohl alle he- bräischen Ausdrücken nachgeahmt sind; es sind dies: der Eine, wähid; der Ewige, abqä; der Lebendige und Beständige, hajj und qajjürn.
Eine Errungenschaft für die mohammedanische Dogmatik war es gerade nicht, wenn das Wesen Gottes statt mit wenigen kräftigen Grundzügen jetzt durch zahllose TeilbegrifFe definiert wurde. Immerhin bedeuten diese Namen in der mekkanischen Periode noch das, was sie ausdrücken, waren gewissermaßen der Extrakt der gepredigten Lehrsätze, die Bestätigung der in zahl- reichen Ileiligengeschichlen waltenden Wirksamkeit Gottes; aber bald nach dem Beginn der medinischen Lehrzeit wird Gott nicht mehr mit philosophisch-theologischen Begriffen meßbar, sondern stellt sich zu den Menschen wie ein unbegreiflicher, unberechen- barer, oft widerspruchsvoller Herrscher, durchaus die Personifi- zierung der Launen Mohammeds. Jetzt werden die Begriffe aller drei Kategorien wirr durcheinander gewürfelt, ihr Sinn kaum mehr beachtet, nur ihre Form zu klingenden Versschlüssen und Reimen noch angewendet. Zuweilen paraphrasiert Mohammed sie in rhetorischer Weise, wodurch er immerhin einige wohlgelungene Tiraden erzielt, z. B. :
2, 250. Allah, außer ihm ist kein Gott! Er ist der Leben- dige, Beständige; ihn faßt nicht Schlaf noch Schlummer; sein
Koranische Dogmatik. Begrenzung der Gottheit. 43
ist alles in den Himmeln und auf Erden; wer legt Fürsprache bei ihm ein, als wem er es erlaubt? Er weite, was vor und hinter euch liegt, die Menschen aber erfassen nichts von seinem Wissen, als was er will; sein Thron umfaßt Himmel und Erde, und die Hütung beider ermüdet ihn nicht; er ist der Hohe, der Große.
Hingegen wirkt es geradezu ermüdend auf den Hörer, wenn durch bloß litaneienhafle Summierung der schönen Namen Gottes nach Effekt gehascht wird, so vor allem 59, 22—24:
Er ist Allah, außer dem kein Gott ist; er ist der Kenner des Geheimen und des Geschehenen; er ist der Erbarmer, der Barmherzige.
Er ist Allah, außer dem kein Gott ist, der König, der Hei-
■
lige, der Unversehrte, der Sicherstellende, der Schützende, der Mächtige, der Gewaltige, der Stolze; fern sei von Allah, was man ihm abgöttisch beigesellt.
Er ist Allah, der Erschafler, der Schöpfer, der Bildner; sein sind die schönsten Namen; es preist ihn alles im Himmel und auf Erden, und der Allmächtige, der All weise ist er.
Begrenzung der Gottheit
Wie verschwenderisch auch Mohammed seinen Gott mit
- Eigenschaften und Namen ausgestattet hat, als absolutes Wesen, das in seinem Sein von nichts anderem beeintlußt wird, stellt er ihn dennoch nicht dar. Denn hier ragt wieder ein charakteri- stisches Stück talmudischen Judentums- in den Islam hinein. Es hatte sich die jüdische Spekulation mit der Zeit mehr und mehr in die Vorstellung eingelebt, daß der Erdschöpfung noch frü- here Schöpfungsakte vorangegangen seien; bei einzelnen der- selben schob man die Grenze ihres Entstehens sogar soweit zu- rück, daß sie mit der Ewigkeit zusammenfielen und damit das Erschaffensein dem Unerschaffensein fast gleich kam. Als Dinge, deren Schöpfung nur geraume Zeit vor jener der Erde läge, werden genannt das Paradies, die Hölle, der Tempel, die Väter, Israel und der Name des Messias; zwei Dinge aber, Thora und der Thron der Herrlichkeit, gelten als von frühester Zeit mit Gott zu- sammen *). Diese beiden letzten Begriffe finden sich in Moham-
») Vgl. Wünsche; Bab. Talmud. I. S.220; Wünsche, Bereschith Babba S. 2.
44 Mohammed.
meds Lehre wieder und zwar als Buch Gottes, durch das der göttliche Wille, und als Thron Gottes, durch den seine örtliche. Bewegung bedingt und begrenzt wird.
Das Judentum hatte die irdische Thora in den Himmel ver- setzt infolge der aufs höchste gesteigerten Verehrung für den heiligen Text; in ihr forscht Gott nach den Gesetzen der Weltregierung in ähnlicher Weise, wie der Schriftgelehrte auf Erden nach denen seiner lleilswirkung. Mohammed übernimmt in seinen älteren Suren den Begriff des himmlischen Buches als eines von Gott verschiedenen materiellen Dinges, vergeistigt aber im späteren Koran diesen BegritV immer mehr, so daß er ihn endlich als Selbst- ofTenbarung Gottes mit ihm gleichsetzt Kr gebraucht dafür zu- erst, um sein Bild faßbar zu machen, eine Anzahl grobsinnlicher Begriffe; er bezeichnet es als Rollen (suhuf) 1 ), Tafel (lüh) *), Blätter (zubur) 3 ), endlich Schrift, (kitäb); zum Unterschiede von solchen Schriftstücken, die wieder aus ihm abgeleitet sind, spricht er von den „ersten Rollen” 4 ) und der „Mutter des Buches” d. i. Urschrift. Dieses Buch befindet sich bei Gott und wird von Kngeln gehütet : ‘
80, 13 -15. Hochgeehrte Rollen — erhabene, reine — in den Händen von edeln, frommen Schreibern.
56, 77—78. . . Das große Buch das nur die Reinen berühren.
Der Inhalt dieses Buches ist allumfassend 6 ); es steht in ihm das Geheime und Zukünftige, weshalb es auch selbst das Ge- heimnis, gaib 7 ), genannt wird. Weil alles Geschehene aber ein- mal zukünftig gewesen, so ist in ihm buchstäblich alles vorge- zeichnet, so daß es gewissermaßen die Idee jedes Werdenden darstellt ; wegen der genauen Übereinstimmung dieser Idee mit den Dingen selbst heist es auch Wahrheit, haqq.
Dieses Buch wirkt bestimmend auf jede Thätigkeit Gottes ein. Zunächst vermittelt es ihm das Wissen von jeglichem Dinge
‘) 87, IS; 80, 13, ») 85, 22.
■) 54, 43, 52 un.t öfter. •) 87, 18 ; 20, 133. •) 43, 5 u. öfters.
‘) Vgl. z. B. 54. 52 f.: Alles, was sie thun, steht in den Plättern. — Jeg- liches Große und Kleine ist darin verhorgen. >) 68, 57; 2, 2 und öftere.
Koranische Dogmatik. Begrenzung der Gottheit. 45
und heißt deshalb das mitteilende Buch (kiläb mubin) oder auch wohl das Wissen ( Hm) Gottes 1 ):
35, 13. Kein Weib trägt und gebiert, es stunde denn in seinem Wissen; kein Greis altert, kein Leben wird gekürzt, es stände denn im Buche.
Da nun Gott im Besitze der „Schlüssel des Wissens” ist und erkennt, wie alles sich entwickeln mute, so kann er unmög- lich anders handeln, als wie es das Buch vorschreibt ; hieraus entsteht ein neuer Name für das Buch, nämlich Macht, miqdär*). Das Zustandekommen einer Handlung wird im Koran noch ge- nauer dargethan. Das Buch enthält die Gesamtheit aller Erschei- nungen und Handlungen in ihrem inneren Zusammenhange auf- gezeichnet, unter einander „ festgefügt u 3 ) ; Gott aber setzt durch seine Kraft immer neue Einzelhandlungen ins Werk, mute dem- nach die Einheit des Buches erst in die Vielheit der Werdeform auflösen (fa?sala, farraqa) und daraus einzelne Schriftstücke (kitäb) oder Mitteilungen (äja) zusammensetzen, die vom Himmel herab- gesandt die Ausführung bewirken.
Wie schon oben gesagt, hat Mohammed in der späteren Periode die Abhängigkeit Gottes vom Buche zu lockern unter- nommen und dafür das umgekehrte Verhältnis angedeutet. Es mag dieses mit der Einführung der göttlichen Gnade in seine Dogmatik zusammeuhängen, die nur einen sehr äußerlichen Schmuck bedeuten würde, wenn sie nicht auf freie Entschließungen Gottes, sondern auf Vorschriften des Buches zurückginge. Er läßt deshalb die grobsinnlichen Bezeichnungen fahren, wählt geistige und stellt diese mit inhärierenden Eigenschaften Gottes ungefähr gleich, wie aus den oben zitierten Stellen schon hervor- geht. Zwar findet er keinen festen Begriff, um „Willen Gottes* klar und scharf auszudrücken; aber gewisse Satz Wendungen sagen doch mit aller Deutlichkeit, daß Gott in eigenem Wollen den An- trieb zum Schaffen und Leiten fühle, z. B. :
42, 48-49. Gott gehört die Herrschaft der Himmel und der Erde; er schafft, was er will; er giebt, wem er will, weibliche oder männliche Kinder;
•) Vgl. die Stellung der Weisheit Uiokhma) zu Gott hei Hioh cap. 28,20—27. •) 13, 9.
) ahkama 11, 1; 3, 5.
46 Mohammed.
Oder er giebt beides zusammen und macht, wen er will, kinderlos; denn er ist der Wissende und Mächtige.
Am schärfsten und rücksichtslosesten aber läßt er den Willen Gottes durchblicken in der inzwischen ausgebildeten Lehre, daß ein Teil der Menschen zum Glauben, der andere zum Unglauben ausersehen sei, worüber in der Heilslehre das Nähere gesagt werden wird.
Der allmälige Wechsel in der Auflassung vorn Buche Gottes, die oft geflissentlich angewendete Unbestimmtheit der Ausdrücke hatte für die spätere Gemeinde des Islams eine verhängnisvolle Folge. Man gelangte eine Zeitlang nicht zu einem allgemein gül- tigen Begriffe von dem göttlichen Buche; die Philosophen vermuteten seine geistige Auffassung als Willen Gottes, die Dogmatiker aber faßten das Buch materiell auf, setzten es dem von Mohammed den Menschen mitgeteilten Koran gleich und übertrugen auf diesen die Eigenschaft des UnerschatTenseins. Dieses führte in der wei- teren Folge zu hitzigem Streite darüber, ob der Koran seinem Inhalte und seinem Äußern nach als erschaffen oder ewig zu gelten habe, bis Schwert und Machtwort der ‘Abbasidischen Ka- lifen der letzteren uns so absurd vorkommenden Meinung dogma- tische Geltung verschaffte.
Als zweiter mit Gott durch das Band innerer Abhängigkeit verbundener Gegenstand wird im Koran der Thron Gottes ge- nannt; da er nie unter die Reihe der geschaffenen Wesen gesetzt wird, so soll auch er wohl als von Ewigkeit mit Gott verbunden gelten. Er ist der Sitz, von dem aus Gott die Welt regiert. Wenn im Spätjudentum die Gottheit häufig den Namen Maqöm „Ort” trügt, was der Koran zweimal durch Maqämu-r-rabbi (Ort des Herrn) *) wiedergiebt, so wird das ursprünglich wohl auch nur der göttliche Thron bedeutet haben, und zeigt uns, wie enge Thron und Gottheit mit einander verbunden gedacht wurden. Bei der Weltschöpfung hat Gott seinen Sitz verlassen, am sieben- ten Tage ihn aber wieder eingenommen *). In medinischer Zeit wird zur Abschwähcung einer allzu materiellen Vorstellung vom Throne Gottes gesagt:
2, 356. Es umfaßt sein Thron die Himmel und die Erde.
‘) 7$), 10; &5, 4C. •) &7, 4.
Koranische Dogmatik. Wohnung und Umgebung Gottes. 47
Also geht ähnlich wie das Buch Gottes im persönlichen Willen Gottes so sein Thron in dem ihn umgebenden Weltall auf.
Wohnung und Umgebung Gottes.
Neben dem Throne gilt als Sitz und Wohnung Gottes im weiteren Sinne der Himmel, genauer gesagt die Himmel. Ihre •Schöpfung fallt in die gleiche Zeit mit der der Erde, und beides sind zwei sich ergänzende Hälften der Welt. Nach festem Plane, der im Buche Gottes vorgeschrieben war, erfolgte ihre Gründung, wie 44, 38—39 sagt:
Nicht schufen wir die Himmel und die Erde und, was zwi- schen beiden ist, leichtsinniger Weise;
Beide schufen wir vielmehr durch die Wahrheit (d. i. das Buch Gottes) aber die Mehrzahl der Menschen weiß es nicht *).
Anfangs stellte sich der Himmel wie eine ungeordnete Masse Rauchdampf dar:
41, 10—12. Da wandte sich Gott zum Himmel, der Dampf war, und sprach zu ihm und der Erde: „Kommt gern oder un- gern ! u Sie aber sprachen: „Wir kommen gern.«
Da schied er ihn in sieben Himmel und teilte jedem Himmel seinen Amr 8 ) zu; dann schmückten wir (Gott) den untersten Himmel mit Leuchten und machten ihn zu einer Wacht (gegen die Genien).
Die sieben Himmel hat man sich wie Stockwerke 4 ) von nach unten zunehmender Breite zu denken, deren höchstes den Thron Gottes trägt, während das tiefste gerade über der Erde schwebt; diese wiederum ahmt mit ihren sieben Kreisen die Bil- dung des Himmels nach, wie denn Gott Himmel und Erde nach dem gleichen Plane geschaffen haben soll*).
•) Vgl. auch 29, 43.
) Auch die jüdische Theologie sieht in Proverbien 3, 19: „Der Herr hat durch die Weisheit die Erde gegründet und durch Wissen den Himmel be- reitet eine Hindeutung auf die göttliche Thora, vgl. Weber System d. alt- synag. paläst. Theol. S. 14.
‘) Seine Erklärung siehe im folgenden Kapitel.
<) 67, 3.
*) ß.”», 13. Dazu das jüdische Vorbild; Alles, was Gott oben schafft, schafft er auch unten, und: Wie die Abteilungen der oberen Welt so sind die unteren; vgl. Weber, Syst. d. altsyu. Theol. S. 190.
48 Mohammed.
Als himmlischen Hofstaat hat Gott die Engel (maläika, malak) um sich herum. Auch sie bilden einen Teil der Weltschöpfung, sind ihrer Natur nach jedoch feiner organisiert als die Erden- wesen, weshalb der Koran sie weder unter den Begriff dfibba d. i. Wesen, noch unter taqal, Körperwesen, nämlich Menschen und Genien, einreiht.
Aus 38, 77 scheint hervorzugehen, daß wenigstens ein Teil der Engel Körper aus Feuer hat, was der jüdischen Theologie entnom- men ist 1 ); von ihrem Äußeren wird weiter nur gesagt, sie trügen Flügel in verschiedener Zahl *). Die Engel teilen die Bestimmung aller geschaffenen Wesen, Gottes Diener zu sein 3 ); ihr Amt läßt sie als Träger des Thrones und als Lobpreiser Gottes, als Wächter und Fürsprecher der Menschen, endlich als Vollstrecker göttlicher Botschaften erscheinen. Über die erste dieser Funktionen spricht der Koran also :
(19, 17. (Am jüngsten Tage) erscheinen die Engel an den Seiten des Himmels und tragen, acht an der Zahl, den Thron Deines Herrn über sich.
40, 7. Sie sind es, welche teils den Thron tragen, teils ihn umstehen, ihren Herrn lobpreisen und an ihn glauben 4 ).
Häufiger noch und früher deutet der Koran auf das Amt hin, welches die Engel mit den Menschen in innige Verbin- dung bringt:
86, 1-4. Beim Himmel und dem Täriq! — Was glaubst du, daß Täriq sei? — Der glänzende Stern. — Ja, über jeder Seele steht ein Wächter!
Diese natürlichste Vorstellung von einem Schutzengel kreuzt sich schon in alten Suren mit der spätjüdischen Idee, daß den Menschen zwei Wachtengel begleiten, seien es nun zwei gute*), oder ein guter oder ein böser 6 ):
82, 10—12. Ja, über euch sind Wächter, — edle, die da schreiben; — sie wissen, was ihr thut.
•) Vgl. Weber, Syst. d. allsvn. Tlieol. S. 101.
•) L ■) 19. 94.
•) Vgl. auch 18, 14.
*) Vgl. Kohut, Über die jüd. Angelogie und Dämonologie, S. 19. «) Vgl. Wünsche, Bab. Tal. 1, S. 1G4.
Koranische Dogmatik. Wohnung und Umgebung Gottes. 49
50, 15 — 16. Wir haben den Menschen erschaffen und wissen, was seine Seele in ihm flüstert und sind ihm näher als die Halsader.
Es begegnen sich die beiden Begegnenden, deren einer zur Rechten, der andere zur Linken sitzt;
Und kein Wörtchen spricht er, ohne daß bei ihm ein hur- tiger Wächter ist 1 ).
Wenn der Mensch stirbt, so geleiten seine Engel die Seele zu ihrem Schöpfer zurück ) ; deshalb wird der Wachtengel auch wohl Todesengel genannt), und der Tod auf sein Eingreifen in das Leben des Menschen zurückgeführt:
6, 93. Sähest du doch die Ungerechten in Todesnöten, wenn die Engel ihre Hände ausstrecken und rufen: »Heraus mit euern Seelen!”
Der Schutz, den die Engel den Menschen zuwenden, äußert sich auch in Bitten, welche sie am Throne Gottes für die Leben- den und Toten einlegen:
40, 7. (Die Engel) flehen um Verzeihung für die Gläubigen: v O Herr, alles umfassest du mit Barmherzigkeit und Weisheit: also gewähre Verzeihung denen, die Buße thuen und deinem Wege folgen, und schirme sie vor der Strafe der Glut u. s. w.
Endlich sind die Engel Vermittler für jede Gottesbotschafl, vor allem, wenn es sich darum handelt, den Gläubigen in Be- drängnissen Hülfe zu bringen:
41, 30. Die da sprechen, unser Herr ist Allah und recht wandeln, zu solchen steigen Engel nieder und sprechen: .Fürchtet euch nicht und seid nicht betrübt; freut euch des Gartens, der euch verheißen ist!”
Später läßt Mohammed Gott seine Engel in großen Scharen auf- bieten, um auf Seiten der Gläubigen gegen die Heiden mitzukämpfen, so in der Bedrschlacht 10000 Engel ; hingegen sollen die zu Helfern in der Ohodschlacht bestimmten Engel später von Gott zurückgehalten worden sein. Von der Gesamtheit der Engel heben sich im Koran wie Wesen noch höherer Art Gibril (Gabriel) und Mlkäl (Michael) ab und werden stets getrennt von der Maläika angeführt 4 ). Hierin decken sich wiederum Islam und jüdische Lehre, in welcher
‘) Vgl. auch 18, 12. ») 16, 30 u. 34; 6, 61. ») 82, 11.
*) % 91 f.; 66, 4. Grimm«, Mohammad. II. 4
fX) Mohammed.
diese zwei Himmelswesen mit noch fünf andern als Engelsfürslen (Särim) erscheinen. Wenn aber in jener Michael als der Höchste gilt, so stellt Mohammed wahrscheinlich nach christlichem Vor- gange den Gabriel an die erste Stelle 1 ).
Endlich erwähnt der Koran noch einen Zug von den Engeln, ihren Wächterdienst in der Unterwelt *). Wird in den älteren Suren die Hölle als ein Kerker voll Glut und Marterwerkzeugen dar- gestellt, so liegt es nrhe, auch Kerkermeister hinzu zu dichten; Mohammed führt denn auch solche und zuerst unter dem rätsel- haflen Namen Zabänija an s ), 19 an der Zahl, wie er 74, HO sagt, und nennt als einen unter ihnen (43, 77) Mälik. Welcher Natur nun waren diese höllischen Schergen ? Jedenfalls auf eine der- artige Anfrage hin lügt er hinter 74, 30 folgenden Zusatz ein: Wir haben zu Machthabern der Hölle nur Engel eingesetzt. Da- mit trennt er sie deutlich von Iblis, dem gestürzten Geiste und seiner Nachkommenschaft von Genien, die bei ihm nicht wie in der neutestamentlichen Lehre 4 ) sofort der Qual überliefert sind, sondern bis zum Weltgerichte noch die Welt bevölkern, alsdann aber der Hölle als Opfer überantwortet werden.
Mittleri8che Hypostasen der Gottheit.
Je schärfer Mohammed im Verlaufe der mekkanischen Pe- riode die transcendentale Gottesidee betonte, vor welcher an- fänglich gebrauchte grobsinnliche Anschauungen mehr und mehr sich vergeistigen mußten, desto schwieriger wurde die Aufgabe, den innigen Zusammenhang, der dennoch zwischen Gott und den Menschen bestehen sollte, näher faßbar zu inachen. Wie konnte sein Wille oder auch jedes ihn ersetzende Kitäb (Buch) über die Kluft von der Höhe der sieben Himmel zur Tiefe der Erde ge- langen V Der Prophet fand dazu die Mittel in der jüdischen Theo- logie vorgezeichnet, die sich hier als Schülerin der Neuplatoniker erweist. Er nahm mit ihr miltlerische Hypostasen an, die in un- unterbrochener Folge die Persönlichkeit Gottes bis an die letzte Grenze seiner Schöpfung fortsetzen. Vor allem sind es zwei gött-
») Vgl. Ephraem, Necr. 14 und öfters: Gabriel, das Haupl der Kugel. *) Vgl. Ephraem, adv. haercs. 19, str. 2: Uehaüt sind die Schede und Daiwe und ihr Herr, und die, welche man Hüter der Hölle nennt.
*) ae, 18.
*) Vgl. IL Brief Petri 2, 4; Brief Judae I, 6.
Koranische Dogmatik. Mittlerische Hypostasen der Gottheit. 51
liehe Erscheinungsformen, der Amr und der Ruh, auch Rüh- el-Quddüs genannt; eine dritte Form, die Sakina, gehört einer wesentlich andern Anschauung an.
Der koranische Amr, wörtlich Befehl, entspricht dem Memra der Targume, dessen Spur aber in den Talmuden ganz unter- gegangen ist. Mohammed stellt ihn dar als einen Ausfluß von Gott, ursprünglich als Wort des göttlichen Mundes gedacht und als solches von rein geistiger Natur. Dieses hat Gott von Anfang an in die Schöpfung hineingesprochen:
41, 11. Darauf schied er sieben Himmel in zwei Tagen und bedeutete *) jeder Himmelszone ihren Amr.
So entsteht für Gott ein weites Organ, vermittelst dessen er die Räume des Himmels in stetiger Verbindung zu sich selbst setzt. Es geht aber die Wirksamkeit des Amr noch weiter, da er auch im Zwischenräume zwischen Himmel und Erde waltet:
32, 4. Gott lenkt den Amr vom Himmel zur Erde; es steigt aber dieser wieder zu ihm herauf an einem Tage, der tausend Jahre mißt nach eurer Rechnungsweise.
65, 12. Gott schuf sieben Himmel und nach ihrer Form die Erde; es steigt zwischen ihnen der Amr nieder. So wisset denn, daß Gott alles beherrscht und alles mit Wissen umfaßt.
Hier wird nun die Allmacht und Allwissenheit Gottes durch das bestandig thätige Wirken des Amr recht gut erklärt Neben dieser Anschauung eines beständigen Ausflusses Gottes tritt ge- legentlich eine andere, wonach der Amr auch einen momentanen Akt der nach unten gerichteten Thätigkeit Gottes darstellt:
44, 1—4. Beim mitteilenden Buche! — Wir haben es in gesegneter Nacht niedergesendet; denn wir sind Warner. — In ihr wird jeder weise Befehl (dem göttlichen Buche) entnommen — als Amr von uns.
Falls diese Stelle richtig aufgefaßt ist, so wäre hier zwi- schen jedem einzelnen Kitäb und dem Amr die Grenze nur sehr gering angesetzt.
Die zweite Emanalionsstufe ist der Ruh. Seinem Wesen nach entspringt er aus dem Amr, wie dieser aus Gott, ist daher auch göttlicher Natur:
‘) Arab. auhä, mitteilen, auch ohne Worte (vgl. 19, 12).
4*
52
Muliammed.
17, 87. ‘Sie (ragen dich nach dem Ruh: Sprich: Der Ruh ‘) ist ein Produkt (min) des Amr meines Herrn; aber ihr habt nur einen kleinen Teil des Wissens empfangen.
Der Rüh, Geist oder heilige Geist, erscheint recht eigentlich dann, wenn Gott auf den einzelnen Menschen erleuchtend und stärkend einwirken will; er ist das Organ seiner Heilsvermittlung. Durch ihn kann der gewöhnliche Mensch zum Inhaber der gött- lichen Wahrheit werden :
40, 15. Der Höchste in der Stufenreihe der Seienden, der Herr des Thrones, sendet den Ruh, den Ausfluß seines Amr, auf jeden beliebigen seiner Diener, damit er warne vor dem Tage des Zusammenstoßes (d. i. dem Weltgericht).
Mit diesem Geiste wurden unter anderm Jesus und Mo- hammed begabt :
2, 81 (=2, 254) *). Wir brachten Jesu, dem Sohn der Marjam, die Beweismittel und stärkten ihn mit dem Geiste der Heiligkeit.
42, 52. So beschieden wir auch auf dich (Mohammed) einen Geist herab, abgeleitet aus unserm Amr.
Wie sich an diese Emanationsreihe zuletzt noch die Person eines Engels zur Übertragung des Geistes ansetzen kann, wird beim Kapitel über Offenbarung ausgeführt werden.
Man findet in der Emanationskette Gott-Amr-Rüh eine merkwürdige Ähnlichkeit mit der bei den Kirchenvätern ge- gebenen Erklärung der christlichen Trinität. Wenn Origines aus dem Vater den Logos, aus diesem den hl. Geist als dritthöchstes Wesen geschaffen sein läßt, wenn alles, was der Geist ist, ihm nur vom Logos mitgeteilt wird, so ist das fast rein koranisch. Es bedurfte bei Mohammed nur noch der Gleichsetzung von Logos und Jesus, alsdann wäre die Übereinstimmung mit der christ- lichen Lehre fertig gewesen. Wirklich bezeichnet er auch Jesus als ein Wort von Gott (kalima), verkennt dann aber anscheinend, daß Kalima und Amr ursprünglich nur verschiedene Übersetzungen von Logos waren. Indem er so in Wirklichkeit ganz nahe am Begriffe der christlichen Dreifaltigkeitslehre steht, nimmt es sich
‘) Eine Anzahl von Gelehrten z.B. Savary. Garcin deTassy, La Beaume sehen irrtümlicher Weise Ruh hier für „menschlicher Geist” an, wodurch die schwierige Stelle vollends unklar gemacht wird.
*) Vgl auch 5, 109.
Koranische Dogmatil. Mittlerische Hypostasen der Gottheil. – 53
seltsam aus, daß er sie später infolge des gröbsten Mißverständ- nisses, nämlich der Gleichsetzung der drei Personen mit Gott, Jesus und Maria 1 ), so heftig bekämpft.
Eine dritte Hypostase Gottes ist die Saklna (hebr. Sche- china). Sie ist, wie auch der Koran berichtet, -eigentlich die Herrlichkeit Gottes auf 8 ) der Bundeslade, erscheint dann aber davon losgelöst als die gelegentlich vom Himmel zur Erde herab- steigende Gottesnähe 8 ). Ihre Wirksamkeit, die nur auf einen engen Kreis, den der gläubigen Gemeinde beschränkt ist, äußert sich nach koranischer Anschauung in einem plötzlichen Umschwünge des menschlichen Geistes von Verzagtheit und Hoffnungslosigkeit zu froh gehobener Stimmung und naht stets als Vorbote glück- licher Ereignisse. Mohammed thut einer dreimaligen Heiabkunft der Saklna Erwähnung: zuerst auf der Flucht von Mekka nach Medina, als der Prophet sich mit Abu Bekr einige Tage in der Höhle Taur verborgen hielt 4 ); sodann auf dem mißlungenen Feldzuge nach Hodaibijja, als er sich durch einen Vertrag mit den Mekka- nem verpflichtete, von kriegerischen Operationen gegen sie abzu- stehen, was in seinem Heere ein Gefühl wie nach einer verlorenen Schlacht erzeugte:
48, 18. Schon war Allah den Gläubigen gnädig, als sie dir unter dem Baume huldigten; da erkannte er die Stimmung ihrer Herzen und ließ auf sie die Sakma hernieder und dachte ihnen nahen Sieg zu.
Sodann soll noch bei Honain, da durch einen unvorher- gesehenen Frühangriff der Feinde das sorglos hinziehende Heer der Muslime in Verwirrung gebracht war, durch die Sakina Mut zum neuen Standhalten und Sieg bewirkt worden sein:
9, 25- 26. Schon half euch Gott an manchen Schlachttagen und am Tage von Fionain, als ihr mit Wohlgefallen auf eure
•) 6, 79 und 116.
») Der Koran sagt „in* , vgl. 2, 249.
*) Über die große Rolle, die die Schechina in der jüdischen Theologie spielt, siehe bes. Weber, Syst. der altsynag.-paläst. Theologie, S. 179 ff. ; auch Ephraem redet zuweilen von ihr und stellt sie Gott Vater gleich z. B.: Hymni et Sermones I. S. 599: Die Schechina des Heiligtums zerriß (beim Tode Christi) den Vorhang wie ein Gewand (aus Trauer) um ihren Sohn.
«) », 40.
54
Mohammed.
Menge schautet; doch half die Menge euch nichts, und enge er- schien euch die Erde, so weit sie auch war, und ihr wandtet den Rücken.
Da ließ Gott seine Sakina herab auf seinen Gesandten und auf die Gläubigen, sandte Heerscharen hernieder, die ihr nicht sähet, und züchtigte die Ungläubigen.
Ehe Mohammed sich entschloß, das schwer verständliche Fremdwort Sakina in die koranische Rede einzubürgern, hatte er denselben Begriff schon zwei Mal unter der echt arabischen Be- zeichnung Amana, Sicherheit, angewendet. So in der Beschrei- bung der Mutlosigkeit in * seinem Heere am Abende vor der Bedrschlacht :
8, 11. Da ließ Gott tiefen Schlaf auf euch herabkommen als Zeichen der von ihm stammenden »Sicherheit”.
Ebenfalls trat in der Notlage nach der Schlacht von Ohod die Gotteshülfe ein:
3, 148. Da ließ er nach der Beängstigung „Sicherheits- gefühl* herabkommen, Schlaf, der sich senkte auf einen Teil von euch.
Erschaffung der Erde nnd des Menschen.
Schon bei der Schöpfung des Himmels ist erwähnt worden, daß Gott mit ihr und ihr ähnlich nach dem Plane des Buches auch die Erde ins Dasein rief. Die biblische Angabe von den sechs Schöpfungstagen wird mehrfach wiederholt 1 ), die Reihen- folge der Schöpfungsakte aber vielfach mit poetischer Freiheit verändert. Aus den zahlreich zerstreuten Einzelzügen ergiebt sich ungefähr folgendes Bild: Anfangs waren Himmel und Erde als einheitliche Masse geschalten *); als diese aufgelöst wurde, ent- stand die Erde in Form einer flachen Tafel oder eines Bettes 8 ); hierüber vergingen zwei Schöpfungstage *). Dann wurde in den weiteren vier Tagen das Antlitz der Erde geformt und jedes Lebewesen geschaffen: das Himmelsgewölbe wird ohne sichtbare Säulen darüber gespannt 6 ), Sonne und Mond beginnen im Him- melsraume einherzuschwimmen 6 ). Die Erde wird, damit sie nicht
1 60, 37; 11, 9; 57. 4.
») Arab.: rataq, vgl. 21, 31.
») 48, Ö. – <) 41, 8. –
») 31, S. – •) 36, 40; 21, 34.
Koranische Dogmatik. Krachafifang der Erde u. des Menschen. 55
wanke, mit Schwergewichten oder Pflöcken, d. h. Bergen ver- sehen’), dann gesegnet, d. h. mit allerhand Wesen bevölkert*); darauf wird das Regen wasser herabgesendet, um alles Lebende zu erhalten. So gilt das Wasser als der Grundstoff aller Wesen 3 ); aus ihm entstehen „Tiere, die auf ihrem Bauche kriechen, solche, die sich auf zwei und auf vier Füßen bewegen”, überhaupt jede „edle, schöne Gattung” von Tier und Pflanze 4 ). Die Schöpfung schloß mit dem sechsten Tage nicht ab, sondern dauert Tag für Tag und Jahr für Jahr fort, weil jedes Neuentstehen ein direktes Ein- greifen Gottes bedeutet, und der Natur als solcher keine eigenen Kräfte innewohnen.
Die Schöpfung war kein unbedachter Akt Gottes 5 ) ; denn mit dem Ernste des göttlichen Willens verträgt sich nichts Leeres und Eitles 6 ). Zunächst wollte Gott gehorsame Geschöpfe um sich haben, und darum bemüht sich die ganze Schöpfung, durch huldigenden Lobpreis dieser Absicht Gottes zu entsprechen:
22, 18. Siehst du nicht, wie vor Gott niederfällt, wer in den Himmeln und auf Erden ist, dazu Sonne und Mond, die Sterne und die Berge, die Bäume, die Tiere und ein großer Teil der Menschen?
17, 46. Es preisen ihn die sieben Himmel und die Erde, samt dem, was in ihnen ist, und nichts versagt seiner Ehre den Lobpreis; nur ihr versteht ihn nicht zu preisen.
Bei einem originellen Bilde verweilt der Koran gerne: er sieht nicht nur die Wesen, sondern sogar ihre Schatten, wenn sie sich zu verschiedenen Tageszeiten bald rechts, bald links wen- den, voll von tiefer Ergebenheit für ihren Schöpfer 7 ).
Aber in späteren Suren wird die Schöpfung immer mehr um den Menschen als Zentrum verlegt, eine Folge der Rahma- idee. Jegliches Ding soll jetzt zu Nutz und Dienst der Mensch- heit geschaffen sein, wie besonders volltönig in S. 16, v. 5—16 ausgeführt wird :
Die Haustiere schuf er euch; an ihnen habt ihr Wärmendes und andere Nutzung und eßt von ihnen.
- — a ) 4-1, I); 81,8. — •) 21,31; 24,44. *) 31, 8; 22, 1. – ») 21, 16. – 6 ) 21, 18. 7 ) 16, 50; 13, K, u. ö.
56 Mohammed.
Und habt an ihnen eine angenehme Schau, wenn ihr sie ein- und austreibt.
Sie tragen eure Lasten in Gegenden, wohin ihr sonst nicht kämet außer mit eigener Mühsal.
Auch das Roß, das Maultier und den Esel, zum Reiten und zum Gepräng ….
Er hat vom Himmel Wasser gesendet, von denen ihr Trank habt und davon Bäume werden, unter denen ihr Vieh weidet.
Er läßt euch davon sprossen Saat, Olive, Palm und Trauben und jegliche Frucht ….
Auch zwang er zu eurem Dienste Tag und Nacht, Sonne und Mond ; und die Sterne sind dienstbar auf sein Gebot . . . .
Und was er für euch verstreut auf Erden hat, bunt an Arten; auch darin liegen Mitteilungen für solche, die sich pre- digen lassen.
Auch machte es euch das Meer dienstbar, daß ihr daraus frisches Fleisch esset und Schmuckwerk nehmet, es anzulegen; auch siehst du dort die Schiffe schweben, damit ihr durch sie von seiner Gnadenfülle erlangt ….
Und auf die Erde senkte er Bergesvesten, damit sie nicht mit euch wanke, und schuf Ströme und Paßwege, damit ihr recht geleitet wäret,
Dazu als Wegzeichen — doch auch nach den Sternen rich- ten sie sich beim Wandern.
Als Endzweck Gottes, weshalb er das Kleinste und Größte der Natur in den Dienst der Menschen gestellt hat, daher auch als oberster Zweck der Schöpfung, wird angegeben, daß der Mensch, bereichert durch all die göttlichen Wohlthaten, sein ewiges Heil auf möglichst vollkommene Weise fördern solle:
11, 9. Gott schuf Himmel und Erde in sechs Tagen … um euch zu prüfen, wer am besten seinen Lebenswandel ein- richten würde.
Wie nun der Mensch, für den die Schöpfung ins Dasein trat, selbst von Gott geschaffen worden ist, darüber giebt der Koran häufigen Bericht.
Von der Erschaffung Adams, des Stammvaters der Menschen, sehen die älteren Koranstücke fast ganz ab; außer einer Wendung in
Koranische Dogmatik. Erschaffung der Erde u. des Menschen. 57
S. 95: Wir erschufen den Menschen d. i. den ersten Menschen in der schönsten Lebenslage, geht alles, was bis Sure 40 über die Entstehung des Menschen gesagt wird, nur auf den täglich sich weder- holenden Vorgang des Zeugens und Gebärens. Nicht durch Zu- fall noch aus Unkenntnis tritt die Lehre vom ersten Menschen so lange in den Hintergrund ; vielmehr mag Mohammed geglaubt haben, für seine Gottesidee den Heiden einen besseren Beweis durch die vor ihren Augen sich abspielende Erschaffung, als durch einen längst vergangenen, ihnen auch nicht recht faßbaren Schöpftingsakt geben zu können. Diese täglich neue Erschaffung aber betrachtet er eingehend und findet jedes ihrer Stadien wunderbar l ) :
96, 1—2. Lies vor im Namen deines Herrn, der da schuf — den Menschen schuf aus geronnenem Blut.
77, 20—23. Erschufen wir euch nicht aus gemeinem Wasser, — thaten dies dann an einen sicheren Ort, — bis zu einem (von uns) bestimmten Zeitpunkte; — dann formten wie es in gar schöner Weise.
” 75, 37—39. War der Mensch nicht zuerst ein Tröpfchen ausgegossenen Samens, — wurde dann zu einer Blutmasse; hier- auf schuf und bildete er ihn, — dann machte er daraus zwei Ge- schlechter, das männliche und das weibliche *).
Auf die Entstehung des Menschengeschlechts aus Erde spielt zuerst Sure 49, v. 60 an:
Gott ist es, der euch schuf aus Erde *), dann aus einem Tropfen, dann aus einer Blutmasse; dann läßt er euch als Neu- geburt an die Welt kommen; dann sollt ihr zu eurer Manns- reife kommen, endlich Greise werden.
Es kann auffällig scheinen, daß er hier und in späteren Stellen von jedem Menschen aussagt, er sei aus Erde und dann aus Wasser geschaffen. Der Gedankengang ist dabei aber der, daß in dem erstgeschaffenen Menschen schon die ganze spätere Menscheit enthalten gewesen sei 4 ). Damit es aber nicht den
‘) Ganz ähnliche Ausführungen Dringt schon Ephraem Syrus, z. B. ad?, haeres. 49, str. 4.
») Noch eingehender wird der Werdeprozeß 23, 12—14 beschrieben. ») Arab. turäb; 23, 42 tln; 15, 26 salsäl.
*) Vgl. die Tradition bei Weil, Bibl. Legenden der Muselmänner S. M, wonach Gott den Rücken Adams berührte, und alle Menschen, welche bis
58 Mohammed.
Anschein habe, als beruhe der Werdeprozeß bei den auf Adam folgenden Menschen nur auf einer Naturnotwendigkeit, wobei das Eingreifen Gottes überflüssig sei, wird an einer andern Stelle der Mensch ausdrücklich als doppelt geschaffen, d. h. einmal in Adam, das zweite Mal im Mutterleibe, bezeichnet:
39, 8. Er schuf euch aus einem einzigen Wesen, machte dann aus ihm das zugehörige Weib und ließ (aber) auf euch nieder vier Paare von Haustieren: er schafft euch dann aber durch eine zweite Schöpfung im Leibe eurer Mutter in drei- facher Finsternis l ).
Nachdem der Koran schon öfters die Grundlinien berührt hatte, nach denen die Menschen geschaffen seien, fügt er in 38, 71 ff. die Einzelheiten über die Erschaffung des Adam hinzu, mit Anlehnung an spätjüdische Haggada:
Es sprach dein Herr zu den Engeln : Ich will einen Men- schen aus Thon schaffen Ä ).
Dann formte ich ihn und hauchte ihm von meinem Geiste ein.
Wie hier beim ersten Menschen, so wird auch bei jedem folgenden das Leben durch erneutes Einhauchen der Seele geweckt :
32, 8. Dann fnaeh der Zeugung) formt er den Menschen, haucht ihm von seinem Geiste ein und macht euch Gehör, Gesicht und Herz (Gefühl).
Mohammed bekennt sich also zum Dualismus von Leib und Seele, wobei die Seele die thätigc Kraft, der Leib das Werk- zeug der Seele darstellt. Sie bilden zusammen ein Ganzes, aber in solcher Mischung, daß sie leicht wieder zu trennen sind, und zwar nicht nur im Tode, sondern schon in dem ihm eng ver- schwisterten Schlafe: denn nach Mohammed ist der Schlaf ein
zum Ende der Welt gehören werden sollten, in der Grflße von Ameisen aus seinem Rücken hervorkrochen. Dieses geht wiederum auf die midrasische Erzählung zurück, daß Gott dem Adam alle zukünftigen Geschlechter mit ihren hervorragenden Männern gezeigt habe, vgl. Grünhau m, Neue Beiträge zur semitischen Sagenkunde S. 63. Ahn lieh auch 7, 171.
‘) Vgl. Tanchuma, Piqqude 3 (bei Weber, System, S. 219): Und der Heilige macht dem Embryo im Mutterleibe einen Riegel und zwei Thüren.
■) Daß Gott hier die Engel anredet, ist ein echt targumischer Zug, ge- folgert aus den biblischen Worten: Lasset uns den Menschen machen.
Koranische Dogmatik. Erschaffung der Erde u. des Menschen. 59
kurzer Tod bis zum Wiederaufwachen, der Tod ein langer Schlaf, der bis zur Auferstehung reicht:
39, 43. Gott nimmt die Seelen zurück zur Zeit ihres Ster- bens, und die, welche noch nicht sterben, während ihres Schlafes ; die, denen er Tod zugedacht hat, behält er, die andern aber ent- läßt er wieder bis zu einem bestimmten Zeitpunkte l ).
Von andern psychologischen Eigenschaften der Menschen erwähnt er noch ihre Beanlagung zum Guten wie zum Bösen. Er teilt die jüdische Ansicht von den beiden Trieben, die Gott den Menschen eingepflanzt habe, dem Jezer hattöb und Jezer hara :
91, 7—8. Bei der Seele und dem, der sie gebildet, — und ihr eingeflößt ihre Bosheit und ihre Frömmigkeit!
Das Wesen des bösen Triebes und damit des Bösen über- haupt, dessen Entlehnung auch auf Gott zurückgehen soll wird noch mannigfaltig ausgeführt:
70, 19—21. Ja, der Mensch ist von der Erschaffung an habsüchtig, — kleinmütig, wenn das Unglück ihn trifft, — geizig, wenn das Glück ihn begünstigt.
In späteren Suren wird der Trieb zum Bösen gewöhnlich hawä (plur. ahwä) genannt und vor seiner Macht häufig gewarnt, z. B. S. 38, 25 : Folge nicht dem bösen Triebe; er möchte dich sonst vom Wege Gottes ablenken. Der Trieb zum Guten, taqwä, ist nur in Gott, „dem Herrn der Taqwä” (S. 74, 55), und denen, welchen er ihn besonders stärkt, wirksam vorhanden; bei den anderen Wesen ist er ganz verkümmert, und „die Seele eine Gebieterin des Schlechten” 8 ).
Zur Bezeichnung des Menschen in diesem mangelhaften Sinn hat Mohammed in spätmekkanischer Periode einen eigenen Ausdruck gefunden, hanif 4 ), eigentlich uniein, dann heidnisch. Dieses heidnische Wesen soll jedoch nichts weniger als den Hang zum Götzendienste bedeuten, weshalb vorsorglicherweise meistens dem Worte hanif noch zugefügt wird : „obwohl nicht götzen- dienerisch”, vielmehr ist es der Zustand der religiösen Unvoll-
») Auch hier folgt Mohammed jüdischer Lehre, vgl. Weber, System, S. 222. ‘) 118, 2. — ») 12, 93.
4 ) Vgl. in Bd. I, S. 12 f. die bisher üblichen Auffassungen über diesen Begriff.
60 Mohammed.
kommenheit; zugleich aber auch die zur Annahme der wahren Religion notwenige Disposition des Inneren, die in jedem Men- schen von Geburt an besteht, ohne sich aber bei jedem auch zum wahren Glauben zu entwickeln :
30, 29. Hebe dein Angesicht auf zur religiösen Bethätigung (din), da du ein „HaniP bist, gemäß der Schöpfungsweise Gottes, nach der er die Menschen ins Dasein gerufen hat, (den ersten und alle folgenden), denn Gottes Geschöpfe ändern sich nicht. *).
98, 4. Nichts anderes ist ihnen (den Menschen) befohlen als Gott zu dienen, damit sie als „Hanife” ihm nun auch reli- giöse Bethätigung widmen, die Gebete verrichten und Almosen spenden ; denn dieses ist die rechte Bethätigung.
Der Ausdruck „tianif” steht somit in naher innerer Ver- wandtschaft zu den Begriffen, die „Geneigtheit zum Glauben” *) ausdrücken (anäba, aslama) und in der Lehre von der Gnaden- wahl eine wichtige Rolle spielen.
Im ersten Menschen war der Trieb zum Bösen anfangs latent ; der Verlockung des Satans aber gelang es, ihn zu wecken und dann für immer rege zu halten. Das ist die Be- deutung des ersten Sündenfalles in der koranischen Lehre, die sich hier wiederum an die spätjüdische Theologie an- schließt. Der Vorgang wird in folgender Weise erzählt : Nach- dem Adam durch sein Wissen der Namen jeglicher Geschöpfe selbst die Engel in Staunen gesetzt hatte, befiehlt Gott diesen, ihm zu huldigen: B )
38, 73—85. Da huldigten die Engel allesamt, — nur Iblis 4 ) nicht, er dünkte sich zu hoch und war ein Ungläubiger. — Gott sprach: Iblis, was hält dich ab, dem Werke meiner Hände zu huldigen? — Dünkst du dich zu hoch oder bist du wirklich ein
») Vgl. auch die Tradition bei Bühäxl lim Kapitel der Vorherbestim- mung): Jeder wird mit den Anlagen geboren, wie der erste Mensch erschaffen ist fala fitra); zum Juden und Christen machen ihn erst später seine Eltern. Krehl (Koran. Lehre von der Praedestination, Berichte d. Sachs. Ges. d. W. 1870, S. 99) übersetzt ungenau hanif mit .rechtgläubig’ und ‘ala fitra mit „in der wahren Religion*.
*) Daher giebt es Baid&wi in 2, 129 geradezu durch „vom Nichtigen zum Wahren sich hinneigend 8 wieder.
■) In dieser Erzählung ist Mohammed von christlich-syrischer Sage ab- hängig, vgl. Grünhaum, Neue Beiträge, S. 57.
*) Arabisierung von üiabolos, Teufel.
Koranische Dogmatik. Erschaffung der Erde u. des Menschen. 61
Höherer ? — Der sprach : Ich bin besser als er ; denn mich hast du aus Feuer, ihn aber aus Erde geschaffen. — Da sprach Gott: Von hinnen mit dir, verflucht sollst du sein, — und mein Fluch soll auf dir bleiben bis zum Gerichtstage! — Da sprach jener: Mein Herr, dulde mich noch bis zum Tage, da die Toten auf- erweckt werden. — Gott sprach: Du sollst geduldet sein — bis zum Tage des bestimmten Zeitpunktes. — Darauf jener: Bei deiner Macht, so will ich sie alle irreführen, — ausgenommen deine Diener unter ihnen, die der Religion sich zugewendet haben. — Gott sprach: So soll es geschehen, doch ebenso sage ich: Füllen will ich die Hölle mit dir und allen Menschen, die dir anhängen.
Mit dieser Erlaubnis Gottes, die Menschen prüfen und ver- suchen zu dürfen, bahnt sich die große Wendung im Dasein Adams und seiner Nachkommen an. Der geborene Widersacher des Menschen ist gegen ihn losgelassen, und Gott gebraucht ihn gewissermaßen selbst als sein Werkzeug, wie das verschiedene Suren mit rücksichtsloser Schärfe sagen :
17, 65—66. Gott sprach (zu Iblis): Fort von hier! Und wer von den Menschen dir folgt, dessen Lohn sei die Hölle zur reich- lichen Vergeltung seiner Thaten.
Und verführe von ihnen mit deiner Stimme, wen du kannst, beliste sie mit deinen Berittenen und Fußgängern, sei ihr Genosse unter ihren Schätzen und bei ihren Kindern, und mache ihnen schöne Verheißungen.
4t, 24. Wir haben ihnen Genossen zugeteilt, die ihnen, was vor und hinter ihnen ist, in schönstem Lichte zeigen.
Der Erste, der in dieser Prüfung nicht bestand, war Adam selbst. Ihm hat Gott zum Wohnsitze den auf ragender Höhe gelegenen Garten Eden zugeteilt; die einzige Einschränkung seiner sonst schrankenlosen Freiheit bestand darin, nicht von einem be- stimmten Baume des Gartens zu essen; der Rat Gottes, den Ein- flüsterungen des Verführers kein Gehör zu leihen, sollte ihm die Ahnung naher Gefahren mitteilen:
20, 118—123. Da raunte ihm der Satan ein: O Adam, soll ich dich zum Baume des ewigen Lebens und der unvergänglichen Herrschaft hinführen 1 )?
l ) Mohammed verwechselt den Baum des Lehens mit dem der Erkenntnis des Guten und Bosen.
62
Mohammed.
Da aßen sie beide (Adam und Eva) von ihm ; alsbald wurde ihnen ihre Blöße klar, und sie fingen an sich mit Blättern des Gartens zu verhüllen: so ward Adam ungehorsam gegen seinen Herrn und sündigte.
Dann aber erwählte ihn sein Herr wieder, verzieh ihm und leitete ihn zum Rechten.
Doch sprach er: „Hinunter von hier! Der Eine werde des Andern Feind! Doch soll zu euch noch eine Wegweisung von mir kommen.
Wer meiner Wegweisung folgt, der wird nicht irren und nicht elend werden.
Wer sich aber abkehrt von meiner Botschaft, dem soll das Leben beengt werden.’
Die Sünde der ersten Menschen hat demnach zunächst den Charakter einer Übertretung des göttlichen Befehls; ihrem inner- sten Wesen nach aber ist sie eine Lustsünde, wie andere Stellen deutlich machen:
7, 19. Da raunte ihnen der Satan ein, er wolle sie blicken lassen, was ihnen verborgen sei von ihrer Scham.
7, 26. 0 Nachkommen Adams, laßt euch nicht durch den Satan verlocken, sowie er eure Voreltern des Gartens verlustig gemacht hat, indem er ihnen ihre Kleider abzog, um sie ihre Scham sehen zu lassen 1 ).
Für Adam hatte der Sündenfall die Folge, daß er auf kurze Zeit die Gnade Gottes verlor, die ihm jedoch infolge der Gnaden- wahl a ) Gottes bald wieder zuteil ward; sodann wurde ihm der Genuß des Paradiesgartens entzogen und das mühseligere Leben auf der Eide begann. Was die jüdische Sage ihn noch weiter einbüßen läßt: den Glanz des Antlitzes, seine Größe, das Leben, die Frucht des Feldes und der Bäume und das uranfängliche Licht, alles das kennt der Koran nicht. Auf seine Nachkommen aber erstreckt sich nur der Verlust des seligen Aufenthaltes in Eden, was wohl auch der Sinn der dunkeln Koranstelle 95, 4—5 sein mag: Wir schufen den Menschen in der schönsten Lebenslage — dann versetzten wir ihn in die tiefste Tiefe, d. h. vom Gipfel des
‘) Auch die spätjüdische Ansicht neigte zur Auflassung, daß das Essen vom Baume gleichbedeutend sei mit der Uefriedigung der fleischlichen Lust, vgl. Weher, Syst. der altsynag. Theol. S 212.
•) 2. 35.
Koranische Dogmatik. Dämonen u. Heidengötter. 63
Paradiesberges weg auf die tief unten gelegene Ei de Keines- wegs nimmt Mohammed an, data die Sünde Adams als Erbsünde auf die folgende Menschheit übergegangen sei; hiergegen pro- testiert er häufig genug mit der typischen Formel : Keine Trägerin trägt fremde Last, d. i. keiner Seele wird anderes als Sünde an- gerechnet, als was sie selbst verschuldet hat*); dazu macht S. 35, 19 noch den Zusatz: Und ruft eine Schwerbeladene, ihr etwas ab- zunehmen, so kann doch nichts davon abgenommen werden, und wäre der Gerufene auch ein Blutsverwandter.
Dämonen und Heidengfttter.
Der Kreis der von Gott erschaffenen vernünftigen Wesen ist mit den Engeln und Menschen noch nicht geschlossen ; zwischen beide tritt noch eine Gruppe, die öinn (Ginna, Gänn), die aller- dings mit eigenartigen Zügen sehr spärlich ausgestattet nur eine Art Mittelgattung von Engel und Mensch darstellen. Im Glauben der heidnischen Araber, sowie in der spätjüdischen Theologie war sie bereits deutlich vorgezeichnet 8 ); aus Entlehnungen von beiden Seiten ist ihr islamischer Begriff neugebildet worden.
Die alten Araber sahen in den Ginn spukartige Mächte männlichen und weiblichen Geschlechts, die unter mannigfachen Gestalten, am liebsten der von haarigen Waldteufeln oder Schlan- gen, Einöden, menschenleere Wüsten und schaurige Felsgegenden bewohnen und dort zur Nachtzeit ihr Wesen treiben. Wenn sie auch am liebsten abgetrennt von den Menschen hausen, so fehlt es ihnen doch nicht an Berührungen mit diesen, sei es, daß der Mensch sie in ihren Wohnsitzen aufsucht, oder daß sie selbst sich unter die anwohnenden Menschen mischen. Ein solches Zu- sammentreffen mit ihnen hat gewöhnlich Schaden oder Unfall für den Menschen in der Folge, und so pflegte man besonders rätsel- hafte psychologische Zustände, wie die Besessenheit und Tollwut auf Einwirkungen der öinn zurückzuführen.
‘) Die Verse 6 — 8: Diejenigen ausgenommen, die glauben und die gute Werke thun, ihnen wird ein unverkürzter Lohn zuteil u. s. w., scheinen späterer Zusatz, der den Gedanken ausdrückt, daß die Gläubigen dereinst die Höhe des Paradieses wieder erlangen sollen.
‘) Vgl 53, 39; 39, 9; 35, 19; 17, 16; 6, 164 u. s. w.
■) Über ähnliche Anschauungen bei den Griechen vgl. Fr. A. Uckert: Über Dämonen, Heroen und Genien (Abb. d. Akad. z. Leipzig, IHM).
64 Mohammed
Ähnliche Vorstellungen verbindet auch der Talmud mit seinen Dämonen, die hier mit allgemeinstem Namen Maziqqin d. h. Schädiger heißen, weil als Haupteigenschaft an ihnen Wille und Macht zu schädigen hervorgehoben wird. Von ihrer unsteten Bewegung werden sie auch Schedim, d. h. die Herumflatternden, und eine weibliche Abart von ihrem nächtlichen Umherstreifen Lilim genannt. Im System der jüdischen Theologie nehmen diese aus dem Volksaberglauben herübergenommenen Wesen eine ziem- lich unbestimmte Stellung ein: einige soll Gott selbst erschaffen, andere Adam im Zustande der Sünde gezeugt haben; wieder andere, und zwar die gefährlichsten, waren ehemals himmlische Engel, ließen sich aber durch die Begierde nach den Genüssen der Erde verlocken, hier ihren Wohnsitz zu nehmen. Den Zusammen- hang der Dämonen mit der überirdischen und irdischen Welt definiert eine Talmudstelle >) folgendermaßen :
Sechs Dinge werden von den Schedim ausgesagt, deren drei bei den Engeln, drei bei den Menschen sich finden ; jene sind, daß sie Flügel haben, von einem Ende der Welt bis zum andern streifen und das Zukünftige voraus wissen. Sie sollten das Zu- künftige voraus wissen? Nein, aber sie horchen hinter dem himmlischen Vorhange. Die drei menschlichen sind: Sie essen und trinken, vermehren sich und sterben.
Die Dämonenlehre des Korans setzt sich nun aus Zügen zusammen, die teils den Arabern, teils den Juden eigen waren. Im allgemeinen treten sie ohne die mysteriösen spukhaften Züge und mehr verinnerlicht auf, weshalb über ihr Äußeres fast nichts bemerkt wird, als daß sie aus dem Feuer des Samum, des stür- mischsten der Wüstenwinde, erschaffen 2 ) seien, und darum als körperliche Wesen gleich den Menschen zu gelten haben »). Dabei sind sie mehr harmlose Nachbarn, als Gegner der Menschen, stehen in gleichen Dienstverhältnissen wie diese zu Gott, und teilen sogar mit ihnen das Gefühl der Heilsbedürftigkeit. Wie verkappte Menschen zeigt der Koran sie uns an den zwei Haupt- stellen, die von ihnen handeln und eine Begegnung zahlreicher Ginn mit dem Propheten schildern :
*) Ghagiga IG a; vgl. Geiger: Was hat Moh. aus dem Judentum auf- genommen, S. 83. — *) 15, 27.
■) 55, 31, wo Menschen und Genien als die beiden „schweren Wesen’ bezeichnet werden.
koranische Dogmatik. Dämonen und Heidengötter. 65
46, 28—30. Wir lenkten hin zu dir eine Anzahl von Ginn, um dem Koran zu lauschen, und als sie nahe gekommen waren, sprachen sie zu einander: Seid still! und als er zu Ende war, zogen sie heim zu ihrem Volke mit warnendem Worte:
0 Landsleute, wir haben eine Offenbarung gehört, die nach Moses zur Bestätigung alles Vorhergehenden herabgekommen ist, um zur Wahrheit zu leiten und auf einen geraden Weg.
0 Landsleute, gebt Gehör dem Rufer Gottes, und glaubt an ihn; so wird er euch eure Sünden erlassen und vor schmerz- licher Strafe euch bewahren.
Von demselben Zusammentreffen erzählt Mohammed das zweite Mal in S. 72, v. 1—19, wo die Ginn vor ihm ihr Glaubens- bekenntnis ablegen und dann Geständnisse über ihre Verhältnisse und Lebensgewohnheiten machen, z. B. v. 11— 12 : Von uns sind einige fromm, andere nicht, wir gehen verschiedene Wege.
Wir denken, daß wir nichts vermögen wider Allah auf Erden, auch uns durch Flucht nicht entziehen können.
Von ihren Gewohnheiten wird als die auffälligste hier und an anderen Surenstellen hervorgehoben, daü ein ausgesprochener Drang zum Lauschen sie antreibe, am untersten Himmel entlang zu streifen; doch würde von ihnen seit einiger Zeit kein Ge- heimnis mehr erhorcht, weil Wachtengel aufgestellt seien, die sie mit Sternschnuppen von dannen trieben — offenbar ein Stück uralten semitischen Naturmythus, während das Mißlingen ihres llorchens wohl zur Erklärung dafür, weshalb das Wissen der von ihnen beinflufcten Wahrsager ‘) (kähin) zu Mohammeds Zeit abgenommen habe, dienen soll. Diese ziemlich harmlose Auf- fassung der Dämonen dürfte der Prophet aufgestellt haben, um die Seinen von der im Judentum tief eingewurzelten Angst vor den bösen Geistern zu befreien, vielleicht auch um dadurch den Vorwurf seiner Gegner, die ihn für einen von den öinn Besessenen (mafcnün) erklärten, schon im Begriffe selbst abzuschwächen.
Doch blieb er nicht immer bei dieser älteren Auffassung stehen, der vor allem der wichtige Zug fehlt, als schädigten oder verführten sie die Menschen aus freien Stücken. Der Um- schwung mag zu der Zeit angebahnt sein, als den Propheten seine
M Vgl. 72, 6: Es nahmen Männer von den Menschen bei Männern von deu ßinn ihre Zuflucht ; die aber mehrten nur ihre Thorheit.
Grimme, Mohammed II. 5
Mohammed.
Spekulation dahin führte, auch alle Heidengötter als Ginn anzu- sehen. Schon früher ist bemerkt, daß er nie daran gedacht hat, die Existenz der von seinen Landsleuten angebeteten Götter zu leugnen. Wie er ihnen aber ihren Allah, mit dessen Obmacht alle gewaltigen elementaren Ereignisse, die Bewegung der Sonne und des Mondes, das Herabkommen des Hegens, ja, wenn man dem Koran glauben darf, auch die Erschaffung von Himmel und Erde schon früher in Verbindung gebracht waren »), ihnen nicht nahm, sondern nur zu höherer Würde erhob, so entriß er ihnen auch nicht ihre anderen Götter, sondern setzte nur den Prozeß der Erniedrigung, der schon vor ihm angebahnt*) worden war, jetzt weiter fort. Vor allem galt es, den Glauben zu zerstören, als bestände zwischen Allah und den übrigen Göttern eine ver- wandtschaftliche Beziehung 3 ), so zwar, daß diese als Kinder Allahs angesehen werden dürften. Er versuchte deshalb, sie als eine Art von Himmelswesen hinzustellen, die ähnlich den Engeln, mit Hoheit und Macht ausgerüstet, wie sie zum Hofstaate Allahs gehörten. Die Spuren dieser Ansicht sind zwar in der jetzigen Form des Korans verwischt, lassen sich aber mit Hülfe der Tradition, wenigstens in Bezug auf die drei vornehmsten Gottheiten Mittelarabiens, Allät, el-‘Ozza und Manät rekonstruieren. Nach Tabari 4 ) und andern standen einmal in Sure 53 hinter Vers 19 andere Worte als in der jetzigen Fassung; der ganze Passus von v. 19—26 mag folgendermaßen gelautet haben:
Was haltet ihr 6 ) von Allät und el-‘Ozza, und Manät als dritten ? — Diese sind die höchsten Gurnaiqe, und auf ihre Für- bitte kann gehofft werden. — Aber wird dem Menschen alles zu teil, was er sich erfleht? — Nur Allah gebietet ja über das Jenseits und Diesseits; — und sogar wie viele von den Engeln giebt es im Himmel, deren Fürsprache nichts nützt!
‘) 29, 61, 63; ferner 2», 65 und 16, 55.
*) 39, 4: Solche, die sich nehen Allah noch Patrone nehmen, sagen: Wir dienen ihnen nur, damit sie uns Zutritt verschaffen zu Allah; vgl. auch 10, 19.
■) 37 158.
«) I, 1192 f.
6 ) Nöldeke, Gesch. d. Qor. S. 79, übersetzt weniger richtig: Habt ihr je Allät u. s. w. gesehen?
Koranische Dogmatik. Dämonen und Heidengötter. 67~
Was der Ausdruck öurnaiq genau genommen bedeuten soll, läßt sich nicht ausmachen; vielleicht hängt es mit dem grie- chischen yt’gavog,, vielleicht mit yi»ra/x- zusammen, doch dürfte auch Mohammed sich nicht genaue Rechenschaft hierüber gelegt, und ihn, wie manche andere seltsame Ausdrücke der ältern Suren, mit Absicht recht dunkel gewählt haben. Klar geht indessen aus der Stelle hervor, daß die Gottheiten aus dem Kindheitsverhält- nisse zu Allah in das einer ehrenvollen Dienstbarkeit versetzt, doch auch hierin noch den Menschen als verehrungswürdig hin- gestellt werden.
Die Frage, ob sie auch so noch ihr weibliches Geschlecht beibehalten könnten, mochte damals für Mohammed noch keine Disputation wert sein; hatte er doch selber in verschiedenen früher abgefaßten Suren von Himmelswesen weiblichen Ge- schlechtes geredet *). Längere Zeit blieb er bei der einmal ge- gebenen Lösung der Frage hinsichtlich des Ranges der drei ge- nannten Gottheiten stehen, bis er wahrscheinlich in spätmekka- nischer oder gar medinischer Zeit die von ihnen redende Koran- stelle einer durchgreifenden Änderung unterwarf. Gerne möchte die Tradition diese Korrektur zeitlich viel früher setzen und die ganze erste Fassung als Ergebnis eines kurzwährenden Kompro- misses mit den heidnischen Mekkanern hinstellen ! Doch müssen, nach der ganz verschiedenen Ausdrucksweise und Versform zu schließen, lange Jahre dazwischen liegen, so daß der angeb- liche Kompromiß sowie seine Aufhebung wohl nur verschiedene Stadien in Mohammeds innerer Entwickelung darstellen.
Als Mohammed die drei weiblichen Gottheiten nicht den Engeln selbst anschloß, sondern sie zu einer ihnen nur ähnlichen Klasse von Himmelswesen umbildete, hatte er dadurch an das Unterscheidungsvermögen seiner Anhänger große Anforderungen gestellt. Die Folge wird gewesen sein, daß man die kleinere Gruppe als Teil der größeren auffaßte, und bei dieser Gleich- setzung das weibliche Geschlecht der Gurnaiqe auch als eine Eigentümlichkeit der Engel ansah. Hiergegen aber mußte der Koran Einspruch erheben, wenn anders der Himmel nicht ganz wieder den Charakter des heidnischen Olymps annehmen sollte,
‘) 100, 1-5; 7», 1-5. 77, 1-6; 51, 1-4 und IS, 12.
5 *
68
Mohammed.
und verschiedene Koranstellen, die der Sure 53 zeitlich nahe stehen, beschäftigen sich mit diesem Gegenstande. So sagt S.43, 15 -18:
Nahm Gott etwa aus den erschaffenen Wesen für sich Töchter, und bevorzugte euch mit Söhnen?
Wenn einem von ihnen solches verkündet wird, wie er es dem Allerbarmer zuschreibt, gleich verfinstert sich sein Antlitz, und er spricht voll Ärger:
Was? So ein Wesen, das in Putz aufwächst und vor Ge- richte keine Stimme hat (ist mir geboren)!
Und doch machen sie die Engel, die nur Diener des All- erbarmers sind, zu Weibern ; waren sie etwa bei ihrer Schöpfung Zeugen, so sei ihr Zeugnis aufgeschrieben und man soll die befragen x ).
Da das heidnische Bewußtsein sich mit solcher Macht an das weibliche Geschlecht der Gurnaiqe und Engel festklammerte, so blieb hiergegen kein anderes Mittel übrig als Leugnung der Existenz der Gurnaiqe. Dieses führte Mohammed durch folgende Änderung der Koranstelle endlich durch : Er beantwortet die Frage : .Was haltet ihr von AHät, el-‘Ozza und Manät” jetzt wie folgt:
Meint ihr, für euch seien männliche, für Gott aber weibliche Kinder bestimmt? — Das wäre doch eine unbillige Verteilung! »)— Nur Namen sind es, die ihr und eure Väter für sie eingesetzt; Allah hat keinerlei Beweis für sie geoffenbart ; sie folgen nur der Mutmaßung und dem schlimmen Triebe ihrer Seele, obwohl unterdessen doch die rechte Leitung von ihrem Herrn gekom- men ist. — Aber wird dem Menschen alles zu teil, was er sich erwünscht ? — Nur Allah gebietet über Diesseits und Jenseits ; — und sogar wie viele von den Engeln giebt es im Himmel, deren Fürsprache nichts nützt, — außer nachdem Gott es für einen, den er liebt und schätzt, zuläßt. — Doch die an das Jenseits nicht glauben, setzen den Engeln weibliche Namen. — Sie haben aber davon kein Wissen, sondern folgen nur der Mutmaßung; doch Mutmaßung ersetzt nicht Wahrheit.
Das war klar gesprochen und gründlich aufgeräumt, aber nur hinsichtlich der drei weiblichen Gottheiten. Neben ihnen
‘) Vgl. auch 87, 49-50.
‘) Diese zwei Verse könnten auch schon während des Streites über das Geschlecht der Engel in die ältere Fassung der Stelle eingesetzt sein.
Koranisehe Dogmatik. Dämonen und Heidengotter. 69
blieb noch eine nicht geringe Zahl männlicher Gottheiten übrig, von denen der Koran selbst fünf gelegentlich aufzählt, nämlich Wadd, Su\vä\ Jagüi, Jaüq und Nasr 1 ). Bei ihnen ver- bot sich die Leugnung ihrer Wesenheit wahrscheinlich dadurch, daß ihr Dienst im Gefühle vieler Araber einen Kult vergöttlichter Ahnen ») darstellte, woraus der Prophet einen Schluß auf ihre ehemalige Existenz zog und deshalb von ihnen einmal den Aus- druck gebraucht : Jetzt sind sie tot und leben nicht mehr und wissen nicht, — wann sie auferweckt werden. 3 )
Er entschließt sich daher, diese unter die Ginn zu versetzen, wo sie als Geschöpfe und Knechte Gottes ihrer bisherigen Bedeu- tung genügend entkleidet schienen:
34, 39—40. Am Tage, da Gott sie alle auferweckt, spricht er zu den Engeln: Pflegten diese euch zu dienen?
Sie aber sagen: Preis sei dir, du bist unser Herr, mit ihnen haben wir nichts zu thun; nein, sie dienten den Ginn.
Wie anstatt ihrer angeblichen Macht nur Hülflosigkeit und eigenes Hülfsbedürfnis bei ihnen vorhanden sei, hält der Koran den Mekkanern jetzt öfters vor:
35, 14—15 Die, welche ihr außer Allah anruft, beherrschen
nicht eine Dattelfaser.
Ruft ihr sie an, so hören sie nicht euer Rufen, und hörten sie auch, so gäben sie euch keine Antwort, und am Tage der Auferstehung leugnen sie die Gottähnlichkeit, die ihr ihnen zuteilt.
22, 72. Fürwahr, die ihr anruft außer Allah, erschaffen nicht eine Fliege, und wenn sie alle sich dazu vereinten; raubt ihnen aber eine Fliege etwas, so vermögen sie es ihr nicht wieder ab- zunehmen, so schwach auch die Fliege und gering das Fort- genommene ist *).
17, 59. Die, zu welchen sie beten, bitten selbst ihren Herrn um die Gunst, wer von ihnen der nächste sein dürfe, hoffen auf seine Barmherzigkeit und fürchten seine Strafe.
Hatte das Geschlecht der Ginn durch Aufnahme der männ- lichen Heidengötter schon von seinem früheren harmlosen Gha-
») 71, 22-23.
*) Vgl. die Erzählung des Genealogen el-Kalbi bei Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten III, S. 12. ») 16, 21 f.
4 ) Das Bild scheint auf die Opfergaben zu gehen, die man ihnen darbrachte.
70 Mohammed.
rakter eingebüßt, so erhielt es den Stempel des Menschenfeind- lichen und Verderbenbringenden bald noch dadurch, daß Mo- hammed mit ihm den jüdischen Satan und seinen Anhang von gefallenen Engeln zu einer Gruppe verband. Jetzt schwindet mehr und mehr der ursprüngliche Name Ginn aus dem Koran; alles, was ihn früher getragen, wird jetzt zum Schavan, und teilt die ganze Bosheit ihres Anführers Iblis *). Wie dieser es sich zur Auf- gabe gesetzt hat, mit Gottes Erlaubnis, ja in seinem Auftrage, den bösen Trieb im Menschen beständig zu stacheln, so geht jetzt jeder Ginn oder Schavan darauf hinaus, den Menschen von den ihm von Gott gesetzten Zielen zu entfernen. Ob sie auch mit äußeren Zwangsmitteln nicht einzuwirken vermögen, so hand- haben sie doch die Waffe der Überredung, des Vorspiegeins, des Beschönigens ; sie operieren mit Suggestionen des Bösen, ja sogar mit Offenbarungen. Nur am festen Glauben und an der Hingabe an Gott scheitert ihre Macht :
- 101 f. Keine Macht hat der Satan über die, welche glauben und auf ihren Herrn vertrauen; — sondern seine Macht geht nur auf solche, die ihn zu ihrem Herrn machen, ihn zum Götzen nehmen.
Am jüngsten Tage wird der Satan vor den von ihm Ver- führten sein Spiel selbst aufdecken und sagen :
14, 26—27. Ja, Gott hat euch wahre Verheißungen gegeben ; ich aber habe euch mit meinen Verheißungen getäuscht, wenn ich auch über euch keine Macht hatte, — als nur, daß ich euch rief, und ihr gäbet mir Antwort. So scheltet nicht mich, son- dern scheltet euch!
•) Einige Mal steht bei Satan das Beiwort marid odermarid, rebellisch; viel häutiger aber ist ragim. Dieses übersetzt man gewöhnlich mit .gestei- nigt”, wobei Steinigen und der Vorgang des Sternschnuppenwerfens angeblich gleichbedeutend sein soll. Dagegen läßt sich Verschiedenes einwenden. Rafcim wird unsprünglich nur von Satan, nicht von den Ginn ausgesagt, und noch S. 15, 17 scheidet zwischen dem Schaitän rafcim und den Öinn; das Sternschnuppenwerfen aber gilt ursprünglich nur den Öinn. Weiter zeigt die Stellung von ragim in manchen Versen z. B. 15, 17 : Wir behüteten die Stern- bilder vor jedem Schaitln raglm, daß der Begriff des ragim ein dem Satan in- härierender sein muß ; und so wird ragim wohl überall mit ,. verflucht* ru übersetzen sein, vgl. S. 15, 34—35 : Gott sprach : Fort von mir, du sollst ver- flucht (ra#m)sein, und der Fluch soll an dir haften bis zum Gerichtstage.
Koranische Dogmatik. Heilsvermittlung und Offenbarung. 71
Hatten nach der früheren Darstellung der Ginn nur die Sün- digenden oder mit späterem Ausdrucke die von Gott Irregeleiteten die Strafe der Hölle verdient so ist dagegen mit dem Begriff Satan auch der seiner dereinstigen ewigen Verdammnis eng verknüpft: 26, 94 f. Dann werden sie in den Abgrund gestürzt, die Verführten — und ihre Verführer, die Heerscharen des Iblis allesamt.
Heilsvermittlung nnd Offenbarung.
Die Erschaffung der Menschen, einschließlich ihres Stamm- vaters, muß in der Darstellung des Korans fast als ein verun- glücktes Werk Gottes erscheinen, da die ihnen zugeteilten Kräfte nicht ausreichend sind, um über die vor ihnen getürmten Hinder- nisse hinweg zur Vollkommenheit und Seligkeit zu gelangen. In Schwachheit erschaffen, vom bösen Triebe weit stärker beherrscht als vom guten, stets von Dämonen umgeben, die tausend Künste anwenden, das Böse zu wecken, vermag keiner von ihnen aus eigener Kraft sich auf dem Wege des Gehorsams gegen Gott zu halten. Ungerechtes Handeln gegen den Nächsten (azlama) und Götzendienst (atgä) heißen die Abwege, auf denen bald das ganze Menschengeschlecht wandelte ; jenes war die Wurzel, dieses die daraus entspringende Frucht, wie Sure 96, 6—7 andeutet:
Ja, der Mensch treibt Götzendienst, — weil er sieht, daß er (durch Ungerechtigkeit) reich geworden ist.
Waren alle gleicher Weise dem Dienste der Götzen ergeben, so standen sie im sozialen Leben in zwei Lagern sich gegenüber: hier Reiche und Bedrücker, dort Arme und Unterdrückte; aber nicht einmal die Leiden der Unterdrückten gewährten diesen die Aussicht auf ein besseres Loos im Jenseits als ihren Bedrückern, da ihr Unglaube alle Werke vor Gott nutzlos und un verdienst- lich machte :
39, 65. Schon ist dir und deinen Vorfahren geoffenbart: Wenn du Götzendienst treibst, so ist dein Werk nichtig, und du wirst zu den Verlorenen zählen.
24, 39. Die Werke der Ungläubigen sind gleich einem Wasserscheine in der Wüste; der Durstige hält ihn für Wasser,
») 32, 13; 11, 120; 7, 17, bes. aber 7, 178.
72
Mohammed.
bis er sich ihm nähert und nichts findet. Aber Gott findet er daselbst, der seine Rechnung mit ihm begleicht, denn er ist schnell im Abrechnen.
Und doch hat der Werkmeister sein Werk nicht darum auf eigene Füße gestellt, um es ewig allein gehen zu lassen, sondern die Sorge, die er seiner Erhaltung beständig widmet, geht auch noch so weit, daß er ihn öfters wieder an den rechten Weg leitet, den er verlassen hat. Von diesem Bilde ausgehend redet der Koran gern von der Religion als dem .Wege Gottes” und der „geraden Straße”.
Es verträgt sich aber mit der Hoheit Gottes nicht, persön- lich durch Theophanien in das Menschenleben einzugreifen; wenn er Belehrung erteilt, geschieht dieses stets durch Ven Mittelung, als deren Hauptfaktoren Gottes Koran oder Kitäb und ein da- mit begabter Mensch, sein Gesandter oder Prophet auftreten. Koran und Kitäb, wörtlich Lesung und Schreibung, sind Aus- drücke, die sowohl die Mitteilung einer Heilsbotschaft als auch diese selbst bezeichnen. Nicht ohne Mühe scheint Mohammed dahin gekommen zu sein, Ausdrücke für einen so transzenden- talen Vorgang zu finden ; behalf er sich doch in frühester Zeit gern mit dem einfachen Pronomen „ es”, unfähig seinem Gedanken deutlichere Form zu verleihet). Koran bedeutet nun anfänglich das Vorlesen Gottes aus dem ewigen, göttlichen Buche:
75, 16—19. Bewege nicht mit „ihm” deine Zunge in Eile — denn uns (Gott) liegt es ob, „es” zu vereinigen und vorzulesen — haben wir „es” aber vorgelesen, so folge seiner Vorlesung (Koran).
Da das Vortragen Gottes an einen Einzelnen erfolgt, da- mit dieser es vor weiteren Kreisen wiederhole und es zum In- halte seiner Predigt mache, so findet sich häufig synonym für Koran auch Tadkira, Dikra und Dikr, d. i. Predigt :
80, 11-13. Ja, dies ist eine Predigt; — Gott teilt sie mit, wem er will, — von ehrwürdigen Blättern 1 ).
Um aber das Vorgelesene und Gepredigte als Eingebungen von bestimmter typischer Form zu bezeichnen, wendet Mohammed gegen die Mitte der mekkanischen Periode gern den Namen Kitäb, Schreibung oder Geschriebenes, dafür an. Danach ist jede Offen- barung eine Abschrift, die Gott oder sein Engel nach dem himm-
«) Vgl. 85, 21—22: Dies ist ein preiswerter Koran — von wohlbehüteler Tafel.
Koranische Dogmatik. Heils Vermittlung und Offenbarung. 73
lischen Archetypus für die Erde anfertigten. Insofern sie aber das alles umfassende göttliche Buch nicht ganz, sondern nur teil- weise wiedergiebt, wird sie auch Tafsil und Furqän 1 ) genannt, d. h. Abteilung oder Abtrennung, z. B. in folgenden Stellen:
10, 38. Nicht ist dieser Koran etwas, das gedichtet sein könnte von einem anderen als Gott, vielmehr eine Bestätigung des Früheren und eine „Abteilung” (tafsil) des untrügerischen Buches von Seiten des Herrn der Welten.
25, I. Gepriesen sei, der die „Abtrennung 1 * (furqän) auf seinen Diener herabgesandt hat, damit er ein Warner für die Welten sei.
Endlich wird auch vom Umstände des Herabsendens des Buches (nazzala) ein eigener Name für Offenbarung abgeleitet, nämlich das häufige „Tanzil”.
Koran und Kitäb teilen beide die Eigenschaft, vor und nach ihrer Herabsendung in die Menschensphäre immateriell zu sein; ihre Umwandlung in ein greifbares Schriftstück kann zwar erfol- gen, muß aber als menschliche Zuthat von oft zweifelhaftem Werte angesehen werden :
6, 91. Sprich! Wer hat das Kitäb, das Moses vortrug, als Licht und Leitung für die Menschen herabgesandt (woraus ihr geschriebene Blätter macht, die ihr vorzeigt uud dabei manches unterdrückt), wodurch ihr belehrt wurdet über manches, was ihr nicht wußtet, noch eure Väter? Sprich! Gott hat es herabgesandt.
Auch beim Kitäb Mohammeds war in der mekkanischen Zeit die Niederschrift ein durchaus gleichgültiger Umstand, der von Gott nicht beabsichtigt war:
6, 7. Falls wir auf dich ein Kitäb mit geschriebenen Blättern niederließen, so daß sie es mit ihren Händen berühren könnten, würden sie doch sagen: das ist offenbares Blendwerk.
Mag in der medinischen Zeit auch dem Aufschreiben man- nigfaltige Sorge zugewandt worden sein, immerhin gab es bei Lebzeiten des Propheten keine authentischen Kopien seiner Offen- barung, weil das Wort und nicht die Schrift von Gott geoffenbart
‘) Vgl. 17, 107 : Ein Koran, den wir abgetrennt haben (faraqnä), damit du ihn den Menschen in Zwischenräumen vortragest. — Diese koranische Be- deutung von faraqa und furqän könnte sehr wohl in Anlehnung an das he- bräische „pereq* d. i. Paragraph entstanden sein.
74 Mohammed.
worden war. Auch wenn der Koran schon in Mekka die Juden als „Männer der Offenbarung” oder als „die, denen das Kitäb zuerst gebracht wurde”, bezeichnet, in Medina sie mit den Christen unter dem Titel „Leute dos Buches” zusammen- faßt, so soll damit immer nur ihr Vorzug als Nachkommen solcher, die das Wort Gottes von ihren Propheten hörten, nicht als Besitzer der Offenbarungsbücher bezeichnet werden. Wie wenig der Prophet das geschriebene Gesetz der Juden anerkannte, beweist sein Fluch über die, „welche das Kitäb mit eigenen Händen schreiben und sagen: dieses ist von Gott”;*) damit schrumpft auch die Verpflichtung der moslimischen Gemeinde, an die Offenbarung der Früheren 8 ) zu glauben, auf den Glauben zu- sammen, daß bereits frühere Geschlechter Offenbarungen er- halten hätten.
Jedes wahre Kitäb hat weiter noch die wichtige Eigenschaft, mit allen früheren und späteren ungefähr inhaltsgleich zu sein. Wenn Abweichungen vorkommen, sind sie nur formeller Natur, zum Zwecke der Erläuterung (bajjana) und Bestätigung (saddaqa) dunkler Stellen eines früheren Kitäbs.
Gleich dem himmlischen Buche teilt sich auch jedes daraus abgeleitete Buch in eine Summe von Einzelmitteilungen (äja); die beliebte Ubersetzung mit „Vers” führt irre, weil sie den Schein erweckt, als bezöge sich äja stets auf Mohammeds Koran, und zwar auf dessen vielfach durch Zufälligkeiten bedingte Vers- einteilung. Von den älteren Suren aber muß jede für sich nur als eine Äja gelten, in den späteren jede abgeschlossene Partie, sei sie Erzählung oder Auseinandersetzung über Dogmen. Gemäß ihrem göttlichen Ursprünge sollten alle Teile der Offenbarungen gleich richtig und klar sein; das stellt aber eine merkwürdig ge- schraubte Koranstelle aus medinischer Zeit einigermaßen in Abrede:
3, 5. Allah ist es, der auf dich das Kitäb niederließ ; einen Teil desselben bilden die „festgefügten Mitteilungen 14 — sie sind der Kern des Buches — einen andern aber solche von unbesti ro- terer Fassung; Leute, die einen Hang zum Unglauben in ihrem Herzen haben, folgen letzteren aus Drang nach Sektiererei und
») Ahlu-l-dikri, 21, 7 und 16, 45.
•) 2, 73.
•) 2, 3; 2, 131) und 4, 135.
Koranische Dogmalik. Heilsvermitllung und Offenbarung. 75
aus Verlangen, sie zu deuten. Doch nur Gott kennt ihre Deu- tung, und die Glaubensstarken sagen: Wir glauben daran, weil alles von unserem Herrn stammt.
Diese Stelle hat offenbar die Verlegenheit geschaffen, und zeigt deutlich, daß der damalige Koran schon allerlei Halbgültiges mit sich schleppte, dessen Bedeutung der Prophet durch Zusatz- verse herabzudrücken suchte oder durch gegenteilige Bestim- mungen abrogierte.
Gott hat im Laufe der Zeiten oftmals ein Kitäb auf die Erde herabgesandt und damit beliebige Menschen begabt 1 ). Jeder von diesen wird durch den Empfang des Buches zum Gesandten (rasül) Gottes, mit der Aufgabe, seine Umgebung über das sittliche Ver- derben, worin sie wandeln, aufzuklären, und die Nähe einer Strafe für die Verstockten, eines Lohnes für die Gläubigen anzu- künden. So ist er zugleich Nadir „Warner” und Baschir „Evan- gelist”, ein Mudakkir und Da i „Prediger”, ein Halifa „Stellver- treter Gottes auf Erden”, endlich ein Nabi „Prophet”, mit wel- chem Namen er von der Mitte der mekkanischen Zeit *) an am liebsten genannt wird. Der Gesandte oder Prophet bleibt auch nach seiner Berufung ein reiner Mensch 3 ) ; seine Lebensweise weicht in nichts von der der übrigen ab : er ißt und trinkt, wie sie, geht einher auf ihren Straßen 4 ), redet ihre Sprache 6 ), ja es steht ihm frei, zu heiraten und Kinder zu zeugen 6 ). Auch den Trieb zum Bösen tragt er noch in seiner Brust 7 ) und kann daher sogar sündigen 8 ). Die Menschlichkeit des Propheten zeigt sich ferner darin, daß ihm keine Wunderkraft beiwohnt, wenngleich im Ausnahmefall Gott durch ihn Wunder wirken kann. Das ein- zige Wunderbare und Übermenschliche an ihm ist aber der Besitz der Wahrheit inmitten einer Umgebung von Irregeleiteten und der Mut, dafür überall Zeugnis abzulegen.
Seine Mission ist eine rein friedliche; kein Zwangsmittel») soll angewendet werden, um der Predigt Eingang zu verschaffen.
‘) Vgl. 18. 12: Er teilt es mit, wem er will. *) Zuerst gebraucht in 48, 5; von S. 30 an schon allgemein. ») 14, 13. — *) 25, 22. – ») 14, 4. – •) 18, 38. T ) 88, 25. – •) 28, 15.
•) 88, 22 und 60, 44: Du bist Ober sie kein Gewalthaber — kein Zwingherr.
76
Mohammed.
Die Zahl der von Gott zu seinen Gesandten erkorenen Menschen läßt der Koran unbestimmt:
40, 48. Schon schickten wir vor dir Gesandte aus; von einigen derselben haben wir dir erzählt, von anderen nicht.
Auf jedes Volk und jede Zeitperiode kommt wenigstens ein Gottesbote:
35, 22. Es giebt keine Volksgemeinschaft, in der nicht schon ein Warner aullrat
Damit soll vor allem gesagt werden, daß jede Gegend, die eine eigene Sprache spricht, ihren Propheten erhält 8 ); denn dieser muß stets in der Sprache seines Volkes lehren, damit er ihnen deutlich und eindringlich rede *).
Die Geschichten dieser Propheten spielen im Koran eine wichtige Rolle; wenn sie auch in den älteren Suren meist nur mit wenig Zeilen abgemacht werden, so erweitert sich von der Mitte der mekkanischen Periode bis zu ihrem Schluß Zahl und Umfang derselben in fast aufdringlicher Weise. Einen ästhetischen Genuß gewähren sie zwar nur in den seltensten Fällen sowohl wegen des Mangels an feineren psychologischen oder phantasie- vollen Zügen, als wegen der oftmaligen Wiederholung des gleichen Themas. Doch wollte Mohammed auch keineswegs seinen Zu- hörern einen angenehmen Erzähler oder Poeten ersetzen; seine Absicht ging nur dahin, ihnen für die Wahrheit seiner Predigt Zeugen aus der Vorzeit heraufzubeschwören. Dabei stellte er immer etwas von ihrem Auftreten in Parallele zu seiner eigenen Wirk- samkeit, und zwar in früheren Suren besonders ihren Charakter als Warnboten Gottes und ihre Predigt von einem nahen, furcht- baren Strafgerichte, das die Vertilgung der Ungläubigen von der Erde bewirken werde. In der Herbeiziehung solcher Beispiele zeigte er sich wenig kritisch ; wo ihm Geschichte oder Sage die Kunde vom plötzlichen Untergange einer Völkerschaft zutrug, da erblickte seine Phantasie ein Gottesgericht dahinter, und der kleinste Zug, der für diese Auffassung sprechen konnte, wurde in auffälligster Weise in den Vordergrund geschoben. So gelang es ihm bald, wie aus dem Nichts sieben Kronzeugen für die Haupt-
») Vgl. auch 13, 8, und 10, 48.
*) Nicht hekommt etwa auch jede Stadt einen eigenen Boten, Tgl. 25, 53.
Koranische Dogmatik. Heilsvermitllung und Offenbarung. 7?
punkte seiner Predigt hervorzurufen, darunter drei Araber, die Gottesboten an die Stämme ‘Ad, Tamüd und Aika (oder Madjfm) und vier Hebräer, Noah, den Verkünder der Flut, Lot, den Pro- pheten der „umgestürzten Städte”, Abraham, den Prediger am Hofe Nimrods, und Mose, den Gottesboten an Pharao. Ganz kurz berührt er auch noch Strafgerichte über den „Herrn des Elephanten” d. h. Abraha und sein Heer von Äthiopiern über die südarabischen Landschaften Saba’ *) und er-Rass 3 ), und ora- kelt in ganz unbestimmter Weise noch von zahlreichen, deren Kenntnis verschleiert sei 4 ) ; aber alle diese sind nicht so beweis- kräftig, wie jene sieben, weil sich bei ihnen die Gestalt des warnen- den Propheten meist nicht einschieben ließ und dadurch die Ähn- lichkeit der damaligen Situation mit derjenigen der Mekkaner unklar blieb. Die Verkündigungen der sieben ersten Propheten, die sich auf ein nahes Strafgericht ihres Volkes bezogen, faßt der Koran unter dem Ausdruck : die sieben Matänt zusammen, d.i. wörtlich übersetzt, Wiederholungen oder Abbilder des himmlischen Buches ; da ihre Kunde mit der des nahen Gerichtes über die Mekkaner in das Kitäb Mohammeds eingezeichnet war, kann Gott zu diesem sagen:
15, 85. Schon haben wir dir sieben von den Maiäni und den großen Koran zugebracht 5 ).
Die Tendenz der Strafgerichtserzählungen war recht eigent- lich der Ausfluß der einseitigen Idee von einem strafenden Gotte. Mit der Erweiterung des Gottesbegriflfes zu dem des menschen- liebenden Trägers der Rahma oder Barmherzigkeit war aber der alten Prophetenidee die Unterlage entzogen. Doch baut Moham- med sie gleich darauf auf einer neuen Basis höher und kräftiger auf. Er läßt jetzt Gott in seiner unermeßlich großen Gnade zahl-
«) 105.
‘) 34, 14 fT.: Als .Volk des Tubba” schon 50, 13 und 44, 30 genannt •) 50, 12; 25. 40.
*) Keine Strafgerichtserzahlung darf man in S. 85 suchen ; die hier er- wähnten «Manner der Feuergrube” dürfen weder mit den meisten der orien- talischen Exegeten als Du Nuwäs und seine Leute, noch mit Geiger und Noldeke als die drei Manner im Feuerofen (Daniel c. III) gedeutet werden, sondern ganz allgemein als die zur Hölle verdammten Feinde und Verfolger der Gläubigen. V. 8—11 ist übrigens späterer Zusatz.
& ) Vgl. auch 3», 24, wo die Offenbarung Mohammeds ein Kitäb genannt wiid, das ähnliche „ Wiederholungen’ gehabl habe.
78 Mohammed.
reiche Menschen in solcher Weise auszeichnen, daß sie mitten in einer argen Welt als Musterbilder an Weisheit und Frömmigkeit einherwandeln und das Licht des wahren Gottesdienstes in der Finsternis des Heidentumes erglänzen lassen sollen. Zu diesem Zwecke hat jeder von ihnen ein Kitäb erhalten, das ihn, wie die Tugend in der Sokratischen Philosophie, gut und tauglich zu allem macht, ihm jeglichen Vorzug, des Wissens ( ihn), der rechten Entscheidung (hukm), des rechten Handelns (ruschd), der Originalität (nubuwwa), Erleuchtung (dijä) und Heilung (schifä) verleiht und deshalb auch seihst mit jedem dieser Namen ge- legentlich bezeichnet wird. Jetzt erst wird der Gesandte (rasül) Gottes zu seinem Stellvertreter (balifa) und Propheten (nabi), zum Gesegneten (mubärak) des Herrn und Gerechten (sälih).
Kann der Typus des Strafgerichtspredigers als eigenes Ge- bilde der Phantasie des Propheten bezeichnet werden, so ward der neue Begriff des Nabf unter starker Beeinflussung seitens des Spätjudentums geschaffen, hat aber auch schon zum Teil im Neuen Testamente sein Gleichnis l ). Der hieran schon ersicht- liche jüdisch-christliche Einfluss wird auch an der Auswahl hei- liger Personen deutlich, mit denen sich von nun an die Suren anfüllen, alles Gestalten, die eine verbesserte Kenntnis des alten Testamentes und eine Annäherung an die Evangelien und die christliche Legende dem Propheten zuführt. Dabei wird das anachronistische Verfahren der Verähnlichung von Charakter, Zeitalter und Wirkungskreis dieser Heiligen, wie es der früheren Periode eigen war, aber auch der talmudischen Auffassung der biblischen Vorzeit entspricht, immer weiter fortgesetzt: das Kolorit wird ganz mekkanisch, und Mohammeds Züge blicken von allen Seiten durch.
Gemäß der neuen Prophetenidee, die nicht plötzlich, sondern in langsamem Vorwärtsschreiten die frühere ersetzte, begann Mo- hammed auch seine sieben Strafgerichtsboten umzuformen; das gelang wohl bei einigen, wo die biblische Tradition Stoff genug zu neuer Charakteristik bot, wie bei Abraham und Mose; für Noah und Lot erfand er selbst neue Einzelheiten ; hingegen versagte ihm die Kraft, die drei arabischen Propheten mit einer
‘) Vgl. Lac. 11, SO ff.
Koranische Dogmatik. Die Prophetengeschichten des Korans. 79
passenden neuen Maske zu versehen, weshalb sie beim Übergang zur medinischen Periode ganz aus dem Koran ver- schwinden.
Ungefähr um die gleiche Zeit schließen sich die übrigen Prophetengestalten wegen der Gleichmäßigkeit ihrer Mission enger zu einer Kette zusammen, um zum Beweis zu dienen, daß Gott kein Zeitalter ohne Vertreter seiner Wahrheit gelassen habe. Wenn bei die- ser Kette auch die Familienabstammung ‘) eine gewisse Rolle spielt, so soll doch Vererbung oder Übertragbarkeit des Kitäbs von einem zum andern als unmöglich gelten; jeder Prophet knüpft immer nur an Gott, sein Kitäb an das im Himmel aufbewahrte an. Die beliebteste Anordnung der Propheten wird jetzt folgende: Propheten vom Samen des Adam, von der Begleitung des Noah, vom Samen Abrahams und Israels, sowie andere, die recht ge- leitet und auserwählt werden *). Nach dieser Disposition werden wir darum im Folgenden die Hauptzüge der koranischen Pro- phetengeschichten andeuten, ihnen aber die Erzählung von den drei arabischen Strafgerichten wegen ihres Alters voraus- schicken.
Die Prophetengeschichten des Korans.
In Urzeiten bewohnte das Volk ‘Ad die säulenreiche Stadt Iram, die ihresgleichen nicht hatte in allen Landen 8 ). Zu ihnen schickte Gott einen Gesandten, als dessen Namen Mohammed erst in Sure 26, 125 Hüd, d. i. Jude anzugeben weiß. Dieser verwies ihnen ihren Hochmut: Was erbaut ihr auf jedem Hügel ein Denkmal, um euch berühmt zu machen, und errichtet euch Burgen, daß man ewig an euch denke, und wenn ihr Krieg führt, stürmt ihr einher wie Kiesen *) ! Seine Warnung vor naher Strafe schalten sie aber hartnäckig Lügen; da begann über sie ein Wirbelwind loszubrechen, sieben Nächte und acht Tage hinter- einander, der sie alle niederstreckte wie morsche Palmbäume und ihre Spuren von der Nachwelt verwischte 5 ). An historischem Gehalte wird in dieser Erzählung keine Spur vorhanden sein;
*) Vgl. 57, 26 : Wir machten in der Nachkommenschaft des Nuah und Abraham das Prophetentum und das Kitäb ; so wurde mancher von ihnen recht geleitet, viele aber sind Frevler. 3,30: Gott bevorzugte den Adam, Noah, das Haus Abrahams und ‘Imr&ns vor den Welten als ein zusammenhängendes Geschlecht.
*) 19, 50. – ») 68, M; 89, fv-7. – «) 36, 128— i:k> — »j 69, 7 f.
80
Mohammed.
Volkssage und Phantasie des Propheten haben etwa vorhandenes Thatsächliche vollständig verdunkelt *).
Dagegen knüpfte Mohammed das, was er vom zweiten Straf- gerichte zu sagen wußte, an einen historischen Namen und das Bild noch erhaltener Gräberbauten in dem von den Karawanen viel durchzogenen Tale el-Hifcr an. Das Volk Tamüd hegte den freventlichen Stolz, in diesem Thale sich Wohnungen in den Fels zu hauen. Ein Gesandter, vom Koran wiederum erst in Sure 26 §älih 2 ) (Gerechter) getauft, warnt sie, nicht zu selbstgefällig auf ihren augenblicklichen Besitz zu bauen, sondern Allah zu furchten. Als man von ihm ein Zeichen forderte, befahl er ihnen, mit der „Kamelkuh Allahs”, von deren wunderbaren Herkunft erst die nachkoranische Tradition etwas zu berichten weiß, ihr Trink- wasser zu teilen 3 ), und sich nicht an ihr zu vergreifen. Auf Anraten eines Bösewichts schlachteten sie aber dennoch das Tier, worauf ein plötzliches Unwetter *) sie im Nu alle vernichtete, „daß sie wurden wie ein Haufen trockenes Holz” ft ).
Das dritte Volk arabischen Ursprungs, das ein Strafgericht Gottes erfuhr, waren die »Waldleute” 6 ), später auch Madjän genannt 7 ). Ein Prediger, der ihnen gesandt wurde — erst S. 29, 35 mit Namen Scho’aib genannt — sollte außer ihrem Götzendienste auch soziale Schäden rügen: Gebt richtiges Maß und verkürzt es nicht! Wäget mit rechter Wage! Enthaltet den Leuten nicht das Ihrige vor, und schädiget nicht freventlich auf Erden! Da er aber tauben Ohren predigte, kam über sie ein plötzlicher Schlag, daß sie in ihren Häusern tot niederfielen. Etwas That-
‘) Die Annahme Geigers, daß Hüd „offenbar” der biblische ‘Eber, und das ‘aditische Strafgericht mit der Zerstreuung der Menschen nach dem Turm- bau zu Babel ursprünglich identisch sei, sowie alles andere, was er bezüglich Ads und Tamüds aus jüdischen Schriften vergleicht, laßt sich kritisch be- trachtet nicht halten.
») Die Vermutung Geigers, daß ihm der biblische Schelah, Vater des ‘Eber, entspräche, ist ganz haltlos.
») Vgl. 91, 13; 54, 28; 36, 100, bes. 7, 71.
*) tagwü, tügija, saiha.
6 ) 64, 31. Ad und Tamüd werden zeitlich Irflher als Mose angesetzt, vgl. 40, 32.
•) Zuerst erwähnt 60, 13.
») In 11, 91 wird ihre Zeit nach der von Ad, Tamüd und Sodom angesetzt.
Koranische Dogmatik. Die Prophetengeschichtcn des Korans. 81
sachliches dürfte in diesem Berichte ebensowenig wie in dem von 4 Äd zu entdecken sein.
Zeitlich der erste Prophet ist Adam, wenngleich seine Cha- rakteristik zwischen der eines Propheten und eines blos Begnade- ten schwankt. 1 ) Mit ihm hatte Gott von früh an einen Bund ge- schlossen, *) und nachdem dieser durch die erste Sünde hinfallig geworden war, erfolgte zum zweiten Male die Auserwählung :
2, 35. Da empfing Adam von seinem Herrn Mitteilungen (Kalimät = Kitäb). Dann verzieh er ihm, denn Gott ist der Verzeihende, der Barmherzige.
Auch Abel, von dem der Koran allerdings den Namen ver- schweigt, ist als Auserwahlter gedacht; er vertritt seinem Bruder gegenüber die Idee des wahren Gottesdienstes. s )
Die Gestalt des Noah (Nüh), des Predigers der Sündflut, reiht sich mit Sure 54 den übrigen Strafgerichtsboten an, um von da ab nächst Mose am häufigsten behandelt zu werden. Die er- sten Berichte gehen nicht über diejenigen der Bibel hinaus ; aber mit der allmäligen Ausgestaltung seines Charakters zum Nabi werden zahlreiche Anklänge an Mohammeds Lage in Mekka auf ihn übertragen:
11, 27 ff. (Noah hat sich einen Anhang von Gläubigen aus den niederen Schichten des Volkes gebildet, worüber die Reichen ihn zur Rede stellten. Darauf sagt er:) „0 Volksgenossen, wer wird mir helfen gegen Gott, wenn ich sie entließe V Ich sage doch nicht zu euch, bei mir sind die Schätze Allahs; auch weiü ich das Wellgeheimnis nicht, behaupte auch nicht, ein Engel zu sein, und sage solches auch nicht bei denen, die euer Auge ver- achtet.” Ein anderes Mal (36, 105 ff.) erbittert Noah das Volk durch seine Predigt so sehr, daü sie drohen, ihn zu steinigen. 4 )
‘) Zum Nabi eignet er sich deshalb nicht, weil, wie der Koran öfters sagt, die Menschen schon ein Volk bildeten, bevor die Nabis kamen; vgl. 2, 209.
•) 20, 114.
‘) Vgl. 5, 30—35. Was Ober sein Begräbnis gesagt wird, ist schon von Geiger (S. 103 f) als ein Anklang an spätjüdische Sage erwiesen, die Moham- med nur halb verstanden wiedergiebt.
*) Beide Züge zusammen in 26, 114—116. Das Androhen der Steinigung kehrt 1», 47 bei Abraham, 44, 19 bei Mose, 11, 93 bei Scho’aib wieder und dürfte einer Episode aus Mohammeds Leben entsprechen.
Gr im in o, Mohammed, n. 0
82 Mohammed.
Nachdem er 950 Jahre unter seinem Volke gelebt hatte (29, 13), baut er sich die Arche und steigt ein, „als der Ofen glühte”, d. h. als die Sündflut ihre nach spätjüdischer Sage >) siedend heißen Wasserwogen über die Erde ergoß.
Ein unbenannter Sohn will trotz der Abmahnung des Vaters lieber auf einem Berge Rettung suchen ; die Woge aber erfaßt und verschlingt ihn. Wie die Flut sich verlaufen hat, senkt die Arche sich auf den Berg örtdi, wo sie als Wahrzeichen für die Welt erhalten bleibt, *) während Noah unter dem Segen Gottes für sich und seine Nachkommen herniedersteigt.
Auch Abraham (Ibrahim) durchläuft im Koran verschiedene Stadien der Darstellung. Obwohl schon sehr früh (87, 19) die Buchrollen Abrahams, d. h. die an ihn ergangene Offenbarung, Erwähnung erfahren, taucht sein Bild doch erst mit dem Beginn der Rahmaperiode (S. 43) auf, wo er im Auftreten und Pre- digen vor seinen Haus- und Volksgenossen und weiterhin im strengen Gehorsam gegen Gottes Willen sich mehr und mehr zum Idealpropheten von stark ausgeprägter Portraitähnlichkeit mit Mohammed entwickelt. Wie keinen anderen sieht dieser ihn als sein von Gott gesetztes Vorbild an, besonders aber als die Auswanderung Abrahams aus seinem Vaterlande in ein fernes Land sich durch die Flucht von Mekka nach Medina bei ihm zu wie- derholen schien. Diese enge Anlehnung könnte bewirkt haben, daß Mohammed Züge der Ungleichheit zwischen sich und dem Patriarchen entweder gar nicht aufnahm oder später tilgte, so vor allem das Eintreffen eines irdischen Strafgerichts über seine heimatlichen Bedränger. Diese in der syrisch-christlichen Le- gende entstandene Fabel muß er gekannt haben ; denn der Koran deutet sie zweimal kurz an:
22, 43. Wenn sie deine Predigt nun verleugnen, so haben vor ihnen dasselbe schon gethan das Volk Noahs ‘Ad, Tamüd, das Volk Abrahams, das Volk Lots und die Leute von Madjan; auch den Mose nannte man einen Lügner. Da gab ich den Un- gläubigen erst noch eine Frist, und dann ergriff ich sie mit ge- waltigem Griff.
•) Vgl. Geiger, S. 110. ») 2», 14;. 54, 15,
Koranische Dogmatil:. Die Prophetengeschichten des Korans. 83
21, 70. So wollten sie auf ihn (Abraham) einen Anschlag inachen, doch ließen wir sie dabei zu Schaden kommen.
Endlich kann auch die Zahl der sieben Empfanger von Ma- tani oder Strafgerichtsbotschaften nur durch das Einsetzen von Abraham, wozu die vorstehenden Stellen uns das Recht geben, ihren Abschluß erhalten.
Auffällig aber bleibt bei diesem zu Ausmalungen geeigneten Stoffe die Wortkargheit des Korans, so daß man fast an spätere Til- gung einiger Stellen denken möchte ; erlaubte sich doch Mohammed noch gewaltsamere Änderungen mit der Person des Abraham, indem er sie in frühmedinischer Zeit mit grotesker Mystification als Prie- ster des mekkanischen Heiligtums nach Arabien versetzte, — aus welchen Gründen, ist schon Bd. I, Seite 63 ff, näher dargelegt. *)
Mit der Persönlichkeit Abrahams ist die des Lot(Lüt) auch im Koran eng verknüpft, jedoch noch nicht in den Suren, wo er nur als Prediger des nahen Strafgerichts auftritt. Hier steht er als Warner vor den Bewohnern seiner Stadt, deren biblischer Name durch die Bezeichnung Mu’tafika, ) d. h. die Umgestürzte, vertreten wird. Spätere Suren schließen ihn enger an Abraham an , 8 ) lassen ihn durch diesen bekehrt werden , mit ihm in das gelobte Land auswandern und schreiben ihm die Berufung zur Weisheit und Wissenschaft, d. h. das Kitftb zu. Sein Predigen gegen die Unzucht Sodoms ist die Folge seiner Berufung, nicht des Besuches der Engel. 4 ) Diese treten nur bei ihm ein, um ihm den Eintrilt des Strafgerichtes über die Stadt, bei der auch seine Frau umkommen würde, anzukündigen. Bei Sonnenauf- gang trifft das Unheil ein: »Da machten wir ihr Oberstes zu Unterst und ließen Steine von Ziegelerde auf sie regnen. 1 )
») Auch der neueste Forscher mohammedanischer Sagenkunde, Grün- wald, kann nicht die leiseste Spur auswärtiger oder altarabischer Tradition ausfindig machen, worin dem Propheten der mekkanische Typus von Abraham vorgezeichnet gewesen wäre, und beschränkt sich darum auf die Meinung, dieser Sagenkreis sei bei den Arabern anknöpfend an die Verstoßung der Hagar gebildet ; vgl. Neue Beiträge zur semit. Sagenkunde S. 102 ff.
«) Vgl. öS, 54; 60, 9 und 9, 71 steht richtiger der Plural. Der Ausdruck geht zurück auf Gen. cap. 19, 25: Und Gott stürzte diese Städte um.
•) 29,25; 21,71,
<) », 27 f.: 1H0 ff. u. öfter.
G ?
«4 Mohammed.
Lot aber rettet sich und wird nach seinem Tode in die Rahma, d. h. Seligkeit Gottes, eingeführt.
Isak tritt erst mit der RaJjmaperiode in die Reihen der Propheten. Daß er unter dem „trefflichen Sohne” gemeint ist, dessen Opferung Gott von Abraham verlangt, ■) kann kaum be- zweifelt werden; denn v. 112: „und wir verhießen ihm in Isak einen Nabi” fügt nur die weitere Verheißung, daß Isak die pro- phetische Berufung nach seinem Vater erhalten solle, hinzu und besagt wohl nicht die Ankündigung seiner Geburt. Immerhin hat die unklare Fassung dieser Stelle zur Folge gehabt, daß die mo- hammedanischen Exegeten den Ismael in die Rolle des „trefflichen Sohnes” eingesetzt haben. In späteren Suren s ) wird an Isak noch Jakob eng angeschlossen, wobei der Ausdruck die Möglich- keit offen läßt, Mohammed habe in ihnen zwei Söhne Abrahams erblickt. *)
Ismael (Isma’il) steht in mekkanischen Suren weit abseits von Abraham und seinem Hause und wird der Gruppe der am wenigsten bemerkenswerten Gerechten oder Propheten ange- schlossen. 6 ) Seine Wirksamkeit auf Erden enthält keinen eigen- artigen Zug: „Er hielt treu an der Verheißung (des Weltgerichts) fest und befahl seinem Volke zu beten und die guten Werke zu verrichten.” Erst als in der medinischen Periode Abraham die Wandlung zum Araber durchmacht, wird Ismael als sein echter und erstgeborener Sohn bezeichnet, 8 ) der deshalb das Anrecht hat, in der Prophetenreihe zuerst hinter seinem Vater genannt zu weiden. 7 ) Als Hauptwerk seines Lebens gilt jetzt die Mit- wirkung am Baue des mekkanischen Gotteshauses und die Ein- ladung der Menschen zur Wallfahrt dorthin. 8 )
Von Joseph (Jüsuf) redet S. 40, 36 beiläutig als einem Ge- sandten Gottes zu den Ägyptern; aber erst in S. 12 folgt die
‘) 15, 74.
37, 99 ff. ») 2», 26; 21, 72; 11, 74.
<) Besonders spricht für diese Auffassung 11, 74, wo Ahrahams Weihe erst Isak „und nach ihm* Jakoh verheißen wird. *) 38, 48 ; 21, 85; 6, 86. *) 2, 126: 14, 41. T ) 2, 130, 134 ; 3, 78; 4, 161. •) 2, 119 ff.
Koran ische Dugmatik. Die l’roplietengeseliichten des Korans. 85
Geschichte seines Lebens, „die schönste der Oflenbarungserzäh- Iungen”, wie Vers 3 bekennt. Der der spätjüdischen Sage ent- lehnte Stoff wird in einer für Mohammeds Erzählerkunst charak- teristischen Form dargestellt. Nicht in gleichmäßigem Flusse, son- dern im Wechsel lose geschürzter Szenen schreitet die Handlung vorwärts, der Dialog überwiegt die Schilderung und läßt jede Person in deutlicher Charakterisierung hervortreten : kurz, Moham- med offenbart sich hier weit mehr als Dramatiker denn als Epiker. Joseph erzählt seinem Vater von seinem Traume; dieser heißt ihn darüber vor seinen Brüdern schweigen, während er selbst erkennt, daß Joseph zum Auserwählten des Herrn bestimmt sei. Das Ein- treffen der Berufung Josephs zum Propheten erfolgt erst mit seiner Mannesreife, nachdem er von seinen Brüdern in die Zisterne geworfen, von Wassersuchern einer Karawane dort ge- funden und nach Ägypten als Sklave verkauft ist. In der Ver- suchung, die ihm die Frau seines Hausherrn bereitet, wäre er beinahe erlegen, „wenn er nicht das Eingreifen seines Gottes ge- sehen hätte – , worunter wahrscheinlich ein Gesicht, das ihm seinen Vater zeigte, gemeint ist. ») Vor seinem Herrn vermag er sich als unschuldig zu rechtfertigen, weil sein Untergewand von hinten und nicht von vorn zerrissen erscheint. Das Gerücht aber be- mächtigt sich des Vorfalles, und um die Liebe zu ihm, der nur ein Sklave war, begreiflich zu machen, lädt die Hausfrau sämt- liche Weiber ihrer Verwandtschaft zum Gastmahle ein, giebt jeder ein Messer in die Hand und führt dann plötzlich den Joseph mitten unter sie. Verwirrt vom Eindrucke seiner Schönheit ver- gessen sie, was sie in der Hand tragen, und verwunden sich sämt- lich mit den Messern. Dadurch bringt die Frau die gegen sie gerichteten Spottreden zum Schweigen. Jetzt geht sie den Jüng- ling abermals um seine Liebe an, doch wiederum erweist er sich standhaft. Um ihn gefügig zu machen, läßt man ihn in das Ge- fängnis werfen. Wie ihn hier zwei Mitgefangene um Deutung ihrer Träume angehen, nimmt er als eifriger Prophet die Gelegen- heit wahr, ihnen zuerst ihren Götzendienst zu verweisen und deutet ihnen dann den Sinn der Traumbilder. Etliche Jahre später, da er immer noch im Kerker schmachtet, befragt der König von Ägypten seine Großen nach dem Sinne zweier Träume, die ihn
‘) Vgl. Jerusal. Talmud. Horaj. foL 8 b.
8«
Mohammed.
beunruhigen ; einer unter ihnen, der ehemalige Mitgefangene des Joseph, wird dadurch an diesen erinnert, begibt sich in seinen Kerker, erträgt von ihm die richtige Deutung und überbringt sie dem Könige. Dieser heißt den Joseph zu sich zu führen, der jedoch erst dann in seiner Befreiung einwilligt, nachdem durch den Mund seines früheren Herrn öffentlich Zeugnis für seine Unschuld abgelegt ist ; alsdann tritt er vor den König, um nach kurzer Besprechung von ihm zum Range eines Vertrauten erhoben zu werden. Nun kommen Josephs Brüder zum ersten Male nach Ägypten; er, der sie wohl erkennt, entläßt sie mit reichlichen Vorräten, bedeutet ihnen aber, nur wenn sie ihren abwesenden Bruder mitbrächten, würden sie fernerhin Zutritt zu ihm erlangen. So nehmen sie das zweite Mal ihren jüngeren Bruder mit auf die Reise und finden infolge dessen wieder die beste Aufnahme. Joseph giebt sich dem Benjamin allein zu erkennen und weiß ihn durch die List mit des Königs Becher bei sich zurückzuhalten, ohne den Schein der Gewaltthat auf sich zu laden, seine Brüder aber ziehen mit Ausnahme des Ältesten zum Vater zurück und überbringen ihm die Trauerbotschaft. In diesem weckt der neue Kummer den früheren mit solcher Gewalt, daß ihm seine Augen von Weinen erblinden; doch klammert er sich nur um so fester an die Hoffnung, die ihm Gott zu einem geheimen Wissen ver- stärkl, daß er seine verlorenen Kinder wiedersehen werde und ent- sendet deshalb zum dritten Male seine Söhne nach Ägypten. Angesichts ihrer Dürftigkeit und Not beschließt Joseph das Ver- steckspiel zu endigen, ruft ihnen ihre ehemaligen Frevel ins Ge- dächtnis und erwähnt dann die Gnade Gottes, die ihn, ihren Bru- der, gerettet habe; zugleich heißt er sie heimkehren und über- giebt ihnen sein Unterkleid, um es über das Gesicht des Vaters zu legen und ihn sehend zu machen. Ehe noch der Überbringer sein Reiseziel erreicht, umweht den Vater schon eine Ahnung, „ein Duft* von Joseph, ob man ihn deshalb auch blödsinnig schalt. Da tritt der Bote zu ihm ein und durch die Wunderkraft von Josephs Gewände öffnen sich seine Augen wieder. Triumphierend be- deutet er seiner reumütigen Umgebung, wie sein Wissen von Gott sich bewährt habe. Als sie nun alle nach Ägypten hinüberge- zogen waren, will Joseph den Eltern seinen Thron einräu- men ; sie aber sinken ihm unterwürfig zu Füßen, und Joseph er- kennt jetzt den Traum seiner Kindheit buchstäblich verwirklicht.
Koranische Dogmatil;. Die Prophetengesehichten des Korans. 87
Von Moses (Müsä) berichten schon sehr alte Teile des Korans, und seine Gestalt bleibt so lange die herrschende unter den Propheten, bis ihr Abraham in der medinischen Fassung den Rang streitig macht. Auch sie zeigt an ihren wechselnden Konturen deutlich jene Wandlungen, die der mekkanische Pro- phet mit den Jahren an sich selbst erfuhr. Zuerst begnügt sich der Koran mit der Andeutung, daß Moses gleich Abraham und Mohammed Offenbarungen von Gott erhalten habe *). Daß diese sich auf die Voraussagung eines Strafgerichtes für Pharao und sein götzendienerisches Volk beziehen, wird bald darauf ausgeführt :
79, 15—25. Kam zu dir die Kunde von Moses ? — Einst rief ihm sein Herr an im heiligen Thale Juwä : — Geh hin zu Pharao, denn er treibt Götzendienst, — und frage ihm : Willst du dich nicht reinigen? — so will ich dich zu deinem Herrn lei- ten, daß du ihn fürchten lernst. — Da ließ er (Moses) ihn (Pha- rao) die größte Mitteilung sehen;*) — der aber schalt ihn einen Lügner und widersetzte sich, — wandte den Rücken eilig, — ver- sammelte (sein Volk) und rief aus: — Ich bin euer höchster Herr! — Da aber ergriff ihn Gott mit Züchtigung im Diesseits und Jenseits. •)
Der Oflfenbarungsauftrag an Moses wurde später entsprechend dem Geiste der Rahmaperiode dahin erweitert, daß er ein eifriger Prediger der Grundsätze der monotheistischen Religion gewesen sei; am Hofe Pharaos spielen sich jetzt langatmige Religions- disputationen ab ; *) die Besiegung der Zauberer wird zum öffent- lichen Schauspiele vor dem festlich geschmückten Volke ; *) die Zauberer empfangen die Gnade des Glaubens und erklären sich für Muslime; Pharao wütet und will sie samt Moses hinrichten lassen, woran ihn ein Mitglied seiner Familie, das wenigstens im Herzen gläubig geworden war. hindert 6 ) und zugleich die War- nungen des Propheten zu beherzigen empfiehlt. ‘) Pharaos Un-
‘) 87, 19; 63, 37.
») Die Kunde vom nahen Strafgericht.
•) Ähnlich 51, 38-40.
*) Z. B. 26, 17 ff; 20, 51 ff.
») 20, 61 ff. – •) 40, 26 ff.
‘) In der Gestalt dieses Ägypters wird Mohammed wohl einen ihm wohl gesinnten Mekkaner, vielleicht dem Abu JUib, ein Denkmal haben setzen wollen, wie Oberhaupt noch viele EinzelzOge in den Prophetengeschichten An- spielungen auf seine Zeitgenossen enthalten werden.
88
Mohammed.
glaube und Hochmut versteigt sich dann noch so weit, daß er seinem Ratgeber Hämän anbefiehlt, einen Riesenbau, d. h. wohl eine Pyramide, aufzufuhren, um von seiner Höhe zum Himmel emporsteigen und zum Gotte des Moses gelangen zu können. x ) Damit ist sein und seines Volkes Untergang im Rate Gottes be- siegelt, während alle Gläubigen gerettet werden.*)
Nach diesen breiten Ausführungen folgen andere , worin Pharao zur Nebenfigur herabsinkt , seine Bestrafung nur als Episode in der Prophetenlaufbahn des Moses erscheint, der jetzt seine ganze Größe als Prophet und geistiges Haupt des Stammes Israel in der Wüste entwickelt. Zum Mittelpunkte seiner Thätig- keit wird die Szene, da er von Gott die Gesetzestafel erhält und sie dem Volke überbringt, 3 ) die auffälligsten der biblischen Wunder- geschichten zum Teil in talmudischer Umgestaltung begleiten dieses Bild. 4 )
Den seltsamsten Anhang zur Geschichte Moses bildet S. 18, 59—81, wo auf ihn Züge aus dem syrischen Alexanderroman samt einer moralischen Talmudfabel 5 ) übertragen weiden. Er soll ausgezogen sein mit einem Diener, um „zur Vereinigung der beiden Meere”, des salzigen und des süßen 0 ), zu ge- langen. Er trifft einen unbeoannten Gottesmann und bittet ihn, des gleichen Weges mit ihm gehen zu dürfen. Jener willigt ein unter der Bedingung, daß er ihn niemals frage,
‘) 40, 38 ff.: 28, 38.
■j Geiger (Was hat Moh. aus d. Judent. aufgen. S. 162— 64) und andere lesen aus 10, 90— 92 heraus, daß auch Pharao noch im letzten Augenblicke gläubig geworden und deshalb gerettet sei. Die Verse enthalten jedoch keineswegs diesen Sinn, sondern sind folgendermaßen zu übersetzen : Wir führten die Söhne Israels durch das Meer; da folgte ihnen Pharao mit seinen Heerscharen voll feindlichen Übermutes nach, bis ihn das Verderben (‘araq statt garaq) er- reichte. Da rief er : Ich glaube, daß kein Gott ist außer dem, an den die Söhne Israels glauben, und ich gehöre zu den Muslimen. — (Da sprach Gott:) Jetzt also?! Und vorher widersetztest du dich und warst ein Unheilstifter! — Darum schwemmen wir dich heute als Leiche ans Ufer, um für die Nachwelt ein warnendes Beispiel (vgl. 25, 29) zu sein.
») Bes. 7, 138 ff.
*) In medinischen Suren wird Moses meist nur beiläufig bei Erwähnung von Zügen des Ungehorsams seitens der Israeliten genannt.
*) Diese läßt den Josua ben Levi in Begleitung des Klias die Wan- derung unternehmen, vgl. Bacher, Agada der palüet. Amoräer. S. 194.
e ) Zu dieser Vorstellung vgl. 55, 19 f.; 25, 55.
Koranische Dogmaük. Die Prophetengeschichten des Korans. 89
was Wundersames auch sich seinen Augen darbieten würde. Beim Weiterziehen macht nun der Fremde erst eine Fähre, in der sie übergesetzt waren, schadhaft, erschlägt dann einen harmlosen Jüngling und stützt endlich in einer Stadt, wo man ihm Gastaufnahme verweigert, eine baufällige Mauer. Moses kann sich nicht enthalten, nach den Gründen dieser seltsamen Handlungsweise seinen Begleiter zu fragen ; diese Frage scheidet die Wege beider, doch zuvor deutet der Fremde die Absicht in seinem früheren Handeln: Das Schiff machte er leck, damit es nachher mit einem gewaltthätigen Fürsten untergehen sollte; der Jüngling würde, wenn er länger gelebt hätte, seine gläubigen Eltern zum Unglauben bestimmt haben ; unter der Mauer aber ruhte ein Schatz, der für zwei Waisenkinder bis zu den Jahren ihrer Mündigkeit aufgespart bleiben mußte.
Aron (Härün) tritt erst in der Rahmaperiode dem Moses in seiner Sendung nach Ägypten an die Seite, um sein Wesir, d. i. Gehilfe zu sein; deshalb mußte ihm Gott auch ein Kitäb zutei- len ‘) und ihn zum Propheten machen. 2 ) Aus seinem späteren Leben wird nur erwähnt, wie er dem Volke Israel bei der Ver- fertigung des goldenen Kalbes durch Sämiri s ) seine Warnungen nicht vorenthält, dann aber aus Furcht vor Parteispaltungen oder um nicht getötet zu werden, den Frevel duldet, weshalb Mo- ses in heiligem Zorne ihm nachher Haar und Bart rauft. 4 )
Als Träger der Offenbarung nach Moses werden in medini- scher Zeit, wo Mohammed schon auf eine gewisse Kontinuität der Prophetenreihe sah, 5 ) „die Stämme” (el-asbät) genannt, d. h. die Generation der Israeliten, die in der Wüste von Moses das Gesetz erhalten hatte. Doch wie schon aus ihnen einzelne sich nicht von Gesetzesübertretungen fern hielten , “) so wurde ihr Nachwuchs im gelobten Lande trotz der ererbten Offenbarung
‘) «7, 117. ‘) 1», 54.
■) Mit Grünbaum als verdreht aus Zimri (Num. cap. 25, 14) und nicht aus Samrön-Aschmadai zu nehmen. «) 20, 92-95 ; 7, 149 f.
•) Nach judischem Vorhilde, das zwischen Moses (resp. Josua) und die Propheten noch die Ältesten als Vermittler der wahren Lehre treten lAfit. Vgl. Traktat Aboth I, L
•) 17, e&
90 Mohammed.
verweltlicht und zum Prophetentume untauglich. *) Gott mußte aus ihrer Mitte wieder einzelne mit besonderer Offenbarung be- gnadigen. Es waren dies David und Salomo, sowie „die Nabi” oder Propheten im engeren Sinne.
David (D&wüd) wird dargestellt als ein Dienerund Stellver- treter *) Gottes, bei dem sich Macht und Weisheit, mit Ergeben- heit und Buligesinnung paarten. Berge und Vögel mußten mit ihm Gott lobpreisen. 3 ) Zur Buße nach begangener Sünde demü- tigte er sich, als er im Rechtsstreite eines, der 99 Schafe hatte, gegen den Besitzer eines einzigen *) in der Habgier des ersteren sein Ebenbild erkannte, worauf ihm bald wieder die Verzeihung Gottes zu Teil ward. Aus seiner Jugendgeschichte holt S. 2, 252 kurz die Überwindung des Goliath (Gälüt) nach. Der Zug, daß Gott ihn die Kunst, Panzer zu schmieden, gelehrt habe, 5 ) beruht auf Verkennung eines bei altarabischen Dichtern beliebten Ausdruckes „Davidische Panzer”, d. h. solcher aus der Werkstatt eines hochberühmlen Schmiedes mit Namen David. Daß David etwas mit der Abfassung des Psalmbuches zu thun habe, behaup- tet der Koran nirgendwo, wenngleich die bisherigen Übersetzun- gen es wahrscheinlich zu machen suchen; denn S. 17, 57, heißt nur: Wir begnadigten den einen Nabi mehr als den andern und haben auch dem David eine Offenbarung (zabür = kitäb) gebracht. Ä )
Von dem Fabelwerk, mit dem die jüdische Haggada die Fi- gur Salamos (arab. JSulaimän) um woben hat, finden sich die buntesten und am wenigsten biblischen Züge auch im Koran wie- der, wobei jedoch das Bestreben zu erkennen ist, im Zauberer
«) 17, 167-68.
») Halifa, wie es auch Adam war, vgl. 2, 28. Beide sollen als Herrscher üher die Menschen die Macht Gottes repräsentiere!).
»J 38, 17 f.; 21, 78. Anlaß zu dieser Darstellung wird Ps. 14*, 9 f. ge wesen sein.
«) Nathans Gleichnisrede ist hier als Faktum aufgefaßt ») 21, 80.
•) Der Schlußsatz wird 4, 161 geradeso wiederholt. Das angebliche Zitat aus Ps. 37, v. 29 in 21, 105: „Wir haben in die Offenbarung nach dem Wortlaute des himmlischen Buches (dikr, vgl. 3, 51) geschrieben: Unsere frommen Diener werden die Erde erben,” ist derart, daß es sehr wohl durch mündliche Mitteilung an Mohammed gelangt sein kann.
Koranische Dogmatik. Die Proj.hetengeschichten des Korans. Ol
möglichst auch den Gottesmann hervorzuheben. ] ) So gebietet Salomo über den sanften Morgen- und Abendwind, der auf sein Geheiß ihn trägt, wohin er will, ‘) und ist Beherrscher der Ge- nien, die teils in seinem Dienste thätig sind als Künstler, Bau- meister und Taucher, teils gefesselt seine Macht anerkennen müssen.*) Er versteht die Sprache der Vögel und der Tiere; dadurch erfahrt er vom Wiedehopfe auf einem seiner Züge, daß die Königin von Saba’ und ihr Volk noch der Sonne ihre Anbe- tung darbrächten und sendet deshalb an diese einen Brief mit der Aufforderung, sich zu unterwerfen und gläubig zu werden. Reiche Geschenke, womit die Königin ihn zuerst zu befriedigen sucht, weist er zurück, und sie muß sich bequemen, selbst vor ihm zu erscheinen. Während ihrer Reise hat Salomo in Augen- blicksfrist durch einen seiner Geister ihren Königsthron vor sich bringen lassen, und dieses Wunder sowie die Pracht des ganz aus Glas erbauten Palastes Salamos bestimmen die Königin, zu «einer Religion sich zu bekennen. Proben demütiger Gesinnung legt er ab, indem er eines Abends seine Lieblingspferde mit eige- ner Hand verstümmelt und in Ergebenheit erträgt, daß Gott einmal zu seiner Prüfung eine ihm «ähnliche Menschenerscheinung auf seinen Thron setzt. 4 ) Als der Tod ihn auf seinem Königsstuhle überrascht, entgeht dieses lange Zeit seinen untergebenen Ge- nien, bis endlich ein Wurm den Stab zernagt, an dem die Leiche gelehnt war, und sie zu Falle bringt. 6 )
Uber Jonas (Jünus) zeigt sich der Koran in spätmekkani- schen Suren ziemlich gut unterrichtet. 6 ) Er erwähnt seine Sen- dung, Flucht und den Fisch, der ihn verschlingt. „Hätte er dort nicht unser Lob gesungen, so wäre er in seinen Eingeweiden ge- blieben bis zum Tage der Auferstehung.” 7 ) Seine Mißstimmung und das Aufschießen der Kürbisstaude wird vor seinen Eintritt in die große Stadt gesetzt, die bald darauf durch ihn gläubig wird.
*) Vgl. den Protest gegen die angeblich jüdische Auffassung von ihm als Zauberer in S. 2, 96.
‘) Das wird der Sinn von 38, 35 siin. •) 84, 12; 84. 36 f. «) 38, 30-33. ») 34, 13.
•) 37, 139- 48 ; 21, 87 f. ») 37, 143 f.
92 Mohammed.
Iii ob (Ajjüb), ein Gottesmann aus dem Geschlechte Abra- hams *), bewährt seinen Glauben in Unglück und Krankheil, die ihm der Satan verursacht hatte. Auf sein Flehen läßt Gott eine Quelle unter seinem Fufie entspringen, dessen Wasser sein Siech- tum heilet, worauf ihm seine Familie zurückgegeben und ver- mehrt wird. f )
Elias (Iljäs, einmal Iljäsin) mit dem Beinamen „Mann des Mantels” 3 ) wird zu seinem Volke gesandt, um den Baalsdienst zu unterdrücken. Sein Erfolg ähnelt dem des Mohammed in Mekka: Die meisten schelten ihn einen Lügner, einige glauben seinen Worten. 4 )
Elisaeus (Eljasa’) ist nur zweimal beiläufig als gerecht und von Gott begnadet erwähnt. 5 )
Loqmän, der typische Träger der Weisheit in der altarabi- schen Sage, soll nach S. 31, 11 ff. ein Organ des göttlichen Wis- sens gewesen sein und seinem Sohne die Gesetze des Glaubens in leichtfafibarer Form eingeprägt haben.
Wer Idris ist, den S. 19, 57 ff. einen Gerechten und Nabi nennt, steht dahin. Die landläufige Erklärung setzt ihn dem Henoch gleich, indem man v. 58: „Wir erhoben ihn zu einer erhabenen Stätte” auf das Versetzen von der Erde zum Himmel deutet. «)
Im weiteren Verlaufe der Rahmaperiode vervollständigt Mo- hammed seine Entlehnungen aus christlicher Lehre durch die Aufnahme einiger neutestamentlichen Gestalten , nämlich Jesus, Maria, Johannes und Zacharias, in die Reihe seiner Propheten und Heiligen. In medinischer Zeit begreift er diese Gruppe zu einer einzigen Familie von Begnadigten zusammen , die er das Geschlecht des ‘Imrän nennt. 7 ) Zu diesem Namen gelangte er infolge eines groben Anachronismus, indem er Marjam (Maria),
») Unklar bleibt mir 38, 13: „Wir sagten ihm: Nimm ein Büschel in deine Hand und schlag damit, doch sei nicht ausschreitend”, worin man gewöhn- lich eine Aufforderung zur Züchtigung seiner Frau sieht.
•) 38, 48 : 21, 85. Grund für diese Bezeichnung ist II. Könige, cap. 1,7.
*) 37, 123-32; 6, 65.
») 38, 48; 6, 86.
°) Es kann aber ebenso gut bedeuten: Wir gaben ihm einen hohen Hang unter den Propheten, vgl. 43, 31; 12, 76; 6, 83. 0 3, 30.
Koranische Dogmatik. Die Prophetengeschichten des Korans. 93
die Mutter Jesu, gleichsetzte mit Marjain (Mirjam), der Schwester von Moses und Aron, und sodann den Vater der letzteren drei, den biblischen ‘Amram, zum Stammvater der christlichen Prophe- tenfamilie erhob. So erscheint denn das, was er von ihnen zu berichten weiß, nur als eine Episode innerhalb der alttestament- lichen Geschichte. *)
Von Imrän wird nichts als der Name berichtet. Es hatte aber sein Weib in der Hoffnung, daß sie einen Knaben gebären werde, die Frucht ihres Leibes Gott zu weihen gelobt; als sie aber einem Mägdlein das Leben schenkte, glaubte sie dennoch ihr Gelübde halten zu sollen. Wenn sodann der Koran sagt: „Ihr Herr nahm das Kind in gute Hut und machte, daß es schön heranwuchs”, so wird damit nichts anderes als ihre Erziehung im Tempel gemeint seint. *) Ihr Pfleger war Zacharias, s ) ihr Ernährer Gott selbst, der ihr auf wunderbarer Weise Nahrung zutragen ließ, 4 ) Als die Zeit ihrer Reife gekommen war, wur- den die Lospfeile über sie geworfen, °) um zu entscheiden, wer der Hüter ihrer Jungfräulichkeit sein solle. Daß den Zimmer- mann Joseph das Los traf, erwähnt der Koran nicht weiter. Bald darauf erschienen ihr Engel und verkündeten ihr, daß Gott sie unter den Weibern gereinigt und auserwählt habe, und ver- hießen ihr einen Sohn, der ein Wort von Gott sei, mit Namen Jesus, der Messias. Sie sprach: „W f ie soll mir ein Sohn werden, da mich kein Mann je berührt hat,” worauf ihr geantwortet wurde: „Gott schafft, was er will, und beschließt er etwas, so sagt er nur: Es werde, und es wird.”
So weit geht die medinische Darstellung 6 ) dessen, was der Geburt Jesu vorhergeht ; sie verfolgt sichtlich den Zweck, eine
») Er scheint sogar diese Prophetengeschichten vor die Gesetzgehung am Sinai zu datieren; denn 5, 158 wird der Frevel, den die Juden an Jesus aus- übten, als Grund angegeben, daß ihnen im Gesetze vieles verboten wurde, was anderen erlaubt blieb.
*) Vgl. Protoevangelium Jacobi. cap. 7 ; Evang. Pseudo-Hatthaei cap. 4. Daß mihräb soviel wie Tempel ist, geht aus 3, .’11 und 19, 12 hervor,
‘) Im Protoevangelium Jacobi, cap. 8 wird Zacharias wenigstens als derjenige Priester genannt, der sie dem Joseph zuteilt.
*) Vgl. Protoevang. Jacobi, cap. 8.
*) Arabisierung v. Protoevang. Jac, cap. 9.
•) *, 31-32, 37— 4i.
94
Mohammed.
früher gegebene Fassung *) teils zu ergänzen, teils zu berichtigen. Diese lautet : Marjam hatte sich früh von den Ihrigen getrennt, um in Abgeschlossenheit für sich allein zu leben. Da erschien ihr der Geist Gottes in der Gestalt eines schönen Mannes; er- schreckt rief sie aus: Ich flüchte mich vor dir zu Gott, dem Erbarmer! Der Geist aber antwortete ihr, er sei nur ein Bote des Herrn und verkündete ihr dann die Geburt eines reinen Kna- ben. Als sie ihn in Jungfräulichkeit empfangen hatte, indem Gott ihr von seinem Geiste einhauchte,») flüchtete sie sich tiefer in die Wüsle. Gelehnt an den Schaft einer Palme fühlte sie die Wehen der Geburt kommen und rief: 0 wäre ich doch früher gestorben und vergessen! Doch ihr zum Tröste tönte eine Stimme von unten: 8 ) sie möge guten Mutes sein ; der Boden werde eine Quelle ent- springen lassen und die Palme ihr frische Datteln darreichen. 4 ) Wenn sie aber später wieder unter die Menschen gehe, solle sie auf alle an sie gerichteten Fragen schweigen, als wenn sie ein Fasten gelobt habe. Nachdem Maria längere Zeit auf einem Hü- gel im Genüsse der wunderbar geschenkten Speisen gelebt hatte, 6 ) ging sie zurück zu ihrem Volke. Angesichts ihres Zustandes über- schüttete man sie mit Vorwürfen, auf welche, da sie selbst schwieg, das Kind in ihrem Leibe antwortete und sprach: „Ich bin der Diener Gottes, der mir das Buch gab und mich zu einem Propheten machte. 6 )
Die Reinheit und Gerechtigkeit der Maria wird nicht so sehr hervorgehoben, um sie als Prophetin zu kennzeichnen, sondern um das, was sie geboren, als die edelste Frucht, die je aus menschlichem Schöße hervorgegangen, hinzustellen. Jesus (‘Isä) 7 )
•) 19, 16—34. «5 21, 91; 66, 12.
‘) Es könnte die Stimme des Kindes in ihrem Leibe gemeint sein.
4 ) Mohammed nimmt die Züge aus der Sage von der Flucht nach Ägyp- ten (Evang. Pseudo-Matth. cap. 20) hier hinüber.
& ) Nur hier läßt sich der auffällige Vers S. 23, 52 einfügen.
•) Gegen die schmählichen Verleumdungen, die der Talmud gegen das Ehe- leben Maria vorbringt (vgl. H. Laible: Jesus Christus im Talmud S. 10–28) scheint Sure 4, 155 gemünzt zu sein.
T ) Die Namensform des Korans scheint jüdische Verdrehung aus Esau zu sein, vgl. Noldeke ZDMG., Bd. 41, S. 720 Anm.
Koranische Dogmatik. Die Prophetengeschichten des Korans. 95
vereinigt in sich alle Vorzüge, die Golt einem Menschen nur mit- teilen kann: Er ist sein Diener, dem Gnade zuteil wurde, ‘) ein Nabi und Gesegneter, *) ein Gesandter, der den Juden das Bei- spiel der Gottesmacht darstellen soll. 9 ) Die medinische Zeil legt ihm noch den Ehrentitel Messias bei 4 ) und vergeistigt seine Na- tur durch die Bezeichnung „Wort von Gott” 5 ) und „Ruh von ihm” 6 ), und sein Wirken durch die Angabe, daß er durch den Iii Geist dafür gekräftigt sei. Solcher und anderer Tilel ‘) kann sich kein anderer Prophet im Koran rühmen. Nur den einen: Sohn Gottes, verweigert ihm Mohammed sowohl angesichts der Mekka- ncr, die vermuteten, Mohammed wolle mit einem neuen Gotte ihre Götter ersetzen 8 ), als auch gegenüber den Christen Me- dinas 9 ). Seine Art der Polemik gegen die Gottheit Christi ist bemerkenswert. Er bekämpft sie mit der Formel : „Allah isl nicht Jesus”, statt zu sagen: „Jesus ist nicht göttlicher Natur.” Daö der Gottesbegriff für mehrere Formen des göttlichen Wesens Kaum habe, giebt der Koran zu; 10 ) nicht aber, daß der Name Allah auch anderen Namen, sei es dem von Jesus oder von Jesus und Maria n ) gleichzustellen sei. So verschleiert sich ihm das Dogma von der Gottheit Christi wesentlich durch übermäßige Betonung des Eigennamens Allah.
Von der Wirksamkeit Jesu enthalten die mekkanischen Su- ren nur wenige Proben; er ist gesendet, um dem Volke Israel klare Beweise für die ihnen früher gcoffenharle, dann aber viel- fach mißverstandene und verdrehte Wahrheit zu bringen ‘*), wo- bei besonders das Gebet, die guten Werke und die Elternliebe neu empfohlen werden ! *). Dagegen offenbart die medinische Periode Kenntnis von zahlreicheren Einzelzügen ; es wird von Wundern geredet, mit denen er vor dem Volke seine göttliche Mission be-
«) 43, 59. *) 19, 31—32.
») 43, 59. Die dunkle Bezeichnung in Vers 61 Ilm dürfte mit BaidäwT als Vorzeichen (für das Weltgericht) zu übersetzen sein ; doch wird nur da9 erste Krscheinen Chriati, nicht ein nochmaliges Kommen gemeint sein.
*) 4, 156, IG », 170; 5, 19 u. s. w.
•) 3, 40; 4, 169. – •) 4, i69. — ») 8, 40. — •) 53, 51 f. D ) 5, 19 u. 76; 9, 30. ,0 ) Vgl. Seite 50 ff.
•’) 5, 116. — ») 43, GS. – 1S ) 19, 32 f.
96 Mohammed.
stätigt habe, wie er aus Thon Vögel formte und mit flottes Er- laubnis belebte 1 ), einen Blinden und Aussätzigen heilte, Tote ins Leben zurückrief, den Leuten ihre Geheimnisse aufdeckte *). Vor seinen Jüngern (I.lawärijjün) wirkte er das Wunder, daß er einen flachen Tisch vom Himmel herunterkommen ließ, „damit er eine Feier sei für die Ersten und die Spätesten unter uns” s ), womit dunkel die Einsetzung des hl. Abendmahles angedeutet wird. Als Inhalt seiner Lehre gilt jetzt außer der Bestätigung der Thora durch das ihm mitgeteilte Infcil (Evangelium) noch die Ein- schränkung der Speisegesetze 4 ) und endlich die Hindeutung auf einen in der Zukunft erscheinenden Propheten, der Ahmed heiße 5 ), in welchem Namen jeder arabische Hörer den Namen Mohammeds vorgedeutet finden mußte.
Seine Marter und sein Tod am Kreuze, deren die Juden sich als ihr Werk rühmten, wird in doketischer Weise als bloß scheinbar hingestellt ß ) ; während dessen soll Gott den Messias von der Erde hinweggenommen, zu sich erhöht und belohnt haben, nachdem er von ihm erst feierliches Zeugnis gefordert, daß er nie den Menschen gepredigt habe : Nehmet mich und meine Mutter zu zwei Göttern neben Allah an 7 ).
Von Johannes (Jahjä) 8 ) wissen die Suren 21,89 f., 19,1— 16 und 3, 33—36 zu berichten, und zwar verkennen die mekkani- schen Ausführungen noch seinen Zusammenhang mit Jesus, die medinische Tradition aber setzt eine verwandtschaftliche und geistige Verbindung mit ihm fest. In der älteren Fassung wird erzählt, wie der Greis Zacharias (Zakarja), ein Diener des Herrn, heimlich zu Gott um einen Sohn und Erben betete. Darauf er- ging an ihn im Heiligtume das Wort des Herrn, daß ihm Johannes geboren werden sollte. Als er ein göttliches Zeichen für die Wahrheit dieser Verheißung erbat, ward er drei Tage lang mit Stummheit geschlagen. Johannes aber entwickelte sich nach seiner Geburt als regelrechter Prophet, ausgerüstet mit Buch und Weisheit, Milde, Gottesfurcht und Liebe zu den Eltern.
‘) Vgl. Evang. Pseudo-Matthaei, cap. 27; Evang. Thomae, cap. 2. ‘) 8, 43 und 5, 110.
•) 5, 112-15. – *) 3, 44. – «) 63, 0. – •) 4, 156. T ) 4, 156; 8, 48; 5. 116 f.
8 ) Wahrscheinlich aus Jochai, der aramäischen Diminutivform von Jo- hannes, entstanden.
Koranische Dogmalik. Die Prophetengeschichten des Korans. 0?
Hierzu macht Sure 3, 33—36 einige bezeichnende Zusätze: Das Gebet des Zacharias soll in die gleiche Zeit fallen, in der er Pfleger der Maria im Tempel war; nicht Gott selbst, sondern seine Engel verkündigen ihm Gewährung seiner Bitte; von Jo- hannes aber wird mitgeteilt, daß er ein Zeuge für „ein Wort von Gott” d. i. für Jesus, ein Obmann d. h. der Obere einer Jünger- schar, und Aszet gewesen sein.
Die Apostel und Jünger Christi erwähnt der Koran nicht als Propheten; doch wird einmal eine Prophetengeschichte mitge- teilt, die aus einer Apostelsage zurechtgestutzt zu sein scheint. Die syrisch-christliche Tradition wußte nämlich von der Bekehrung Antiochias folgendes zu erzählen l ) : Petrus und Johannes haben den göttlichen Auftrag erhalten, dieser Stadt das Evangelium zu predigen. Ihre Worte finden keinen Erfolg, sie selbst werden vom Volke gegeißelt und zum Spotte kahl geschoren. So trifft sie Paulus, der ihnen den Rat giebt, auf dem Wege der List die Bekehrung zu versuchen. Er giebt sich vor dem Volke der Stadt als Heiden aus und fordert öffentlich von den beiden Aposteln ein Wunderzeichen. Wie jene einen Blinden heilen, heilt er eben- falls einen solchen; als Petrus aber einen Toten zum Leben er- weckt, stellt sich Paulus überwunden und beredet leicht die Übrigen, sich dem mächtigen Ghristengotte zu unterwerfen und taufen zu lassen. Von dieser Sage scheint Mohammed die Ein- kleidung eines Strafgerichtes hergenommen zu haben. Er er- zählt wie Gott zwei Gesandte 3 ) in eine Stadt schickte, um dort zu predigen, wie sie jedoch nur Verachtung ernteten. Dar- auf ließ er einen Dritten 4 ) zu ihnen stoßen; aber auch dem ver- einten Warnen der Drei gelang es nicht, mehr als einen einzigen Städter für ihre Lehre zu gewinnen. In Folge dessen wurde der Ort durch einen plötzlichen Schlag zerstört.
Nur von christlicher Seite kann endlich die Gestalt des Du- 1-Qarnain oder Doppelgehörnten d. i. Alexanders dem Koran ver- mittelt worden sein, um hier als Gottesheld den Propheten an-
•) Vgl. Codex Syr. Vaticanus 117 (Homilien des Jakob von Sarug), fol. 022-26.
‘) 3«, 12 ff.
*) Baidäwi bezeichnet sich als Johannes und Jonas. 4 ) Nach Baidawi Simon (Petrus) geheißen. Grimm«, Mohammed U. 7
Mohammed.
gehängt zu werden l ). Gott hatte ihm auf seinen Zügen vom Untergange bis zum Aufgange der Sonne jegliches Ding erreich- bar gemacht, und ließ durch ihn die sündigen Völker strafen. Einst gelangte er zu einem Stamme, der hart an der Grenze von Gog und Magog (Jä&flg u. Mägüg) wohnte, so daß nur ein Berg- thor sie von ihnen trennte. Auf ihre Bitten füllte er dieses mit Eisenbarren aus und schmiedete einen gewaltigen Riegel, den die Barmherzigkeit Gottes währen läßt bis zum Erscheinen des großen Gerichtstages «).
Stellang Mohammeds unter den Propheten.
Als das letzte Glied in der Reihe der Propheten tritt Mo- hammed ein. Aus den Charakteristiken seiner Vorgänger kann zum größten Teil schon entnommen werden, zu welchen Aufgaben er sich auf Erden berufen fühlt; ob es auch nicht immer sich gleichbleibende sind, stets erweisen sie sich als solche, für die ein göttlicher Auftrag, mit späterem Ausdruck ein Kitäb erfor- derlich ist. Zunächst tritt er auf als Prediger des Weltgerichts. Obschon dieses Ereignis einen ungleich wichtigeren Vorgang be- deutet, als die von anderen Gesandten vorhergesagten irdischen Strafgerichte, und seine Verkündigung eine Botschaft für die Welten ist a ), so stellt er dennoch seine Persönlichkeit noch nicht über die seiner Vorgänger. Er fühlt keinerlei anderes Verdienst in sich, als daß ihn Gott erwählt habe, und zwar nicht etwa von Geburl, sondern erst in späteren Lebensjahren, nachdem sein Weg gleich dem seiner Mitwelt in die Irre gegangen, sein Herz von der Dumpfheit des Heidentums zusammengeschnürt gewesen war 4 ). Mit den Augen der göttlichen Seherschaft erblickt er in dem Überhandnehmen der Laster, vor allem aber denen der Ungerechtigkeit und des Götzendienstes, die Gewähr für die nahe
») 18, 82-97.
*) „Die Leute der Höhle”, die Siebenschläfer, deren Abenteuer in Sure 18, 8—25 erzählt wird, sind nicht den Propheten anzureihen. Sie erscheinen als Gläubige, die ihren Glauben standhält bekannten, dann vor ihren Verfolgern auf göttlichen Rat sich in eine Grotte flüchteten, in der sie 300 Jahre lang verborgen schliefen.
«) 81, 27.
«)tM; »M.
Koranische Dogmatik. Stellung Mohammeds unter den Propheten. 99
Ankunft eines die ganze Erde treffenden Gerichtes. Wie unab- wendbar es aber sich naht und über alle ergehen wird, so soll sich doch die Strafsentenz durch frühzeitige Umkehr zu sittlichem Handeln und heilsamer Gottesfurcht in Zuweisung zu ewiger Se- ligkeit noch umändern lassen können.
Das ist Mohammeds geistiger Horizont während der ersten Hälfte der mekkanischen Periode. Seine Anschauung von der Herabkunft der Offenbarung auf ihn ist dabei von einer solch unbestimmten Fassung, daß man den Eindruck erhält, er habe seine Mission vorerst nur mit dem lebendigen Gefühle erfaßt, ohne sich vor dem Verstände Rechenschaft darüber abzulegen. Einige Mal fühlt er sich seinem Gott so nah, daß dieser selbst ihm sagen kann: Uns liegt es ob, die Offenbarung zu sammeln und (dir) vorzulesen, — haben wir sie aber vorgelesen, so folge ihr l ). Mit dieser naiven Anschauung kreuzt sich aber eine an- dere, wonach geistige Wesen über die Kluft hinüber, die zwischen den Erdenwesen und Gott gähnt, ihm eine Himmelsbotschaft überbringen. Im Halbdunkel metaphysischen Schauens erblickt er sie um sich her thätig, in solcher Eile, daß ihre Form dem Auge verschwindet und nur von ihren Bewegungen Eindrücke zurückbleiben, bald wie von dahinrennenden Stuten, bald von sausenden Winden und schwebenden oder tauchenden Gestalten. Da die Verse, welche diese Vorgänge schildern, zu den dunkelsten des Korans gehören, scheint ein näheres Eingehen auf ihren Sinn nicht überflüssig.
Sie sind sämtlich in Schwurform eingekleidet und stehen zu Beginn von älteren Suren an der Stelle, wo sonst kürzere Be- teuerungen Gottes, später besonders häufig die Versicherung steht, daß das Folgende eine göttliche Offenbarung wiedergäbe. Die orientalischen Erklärer räumen die Möglichkeit ein, daß von Engelswesen die Rede sei; die neuere Exegese verwirft solches in Anbetracht, daß diese Ausdrücke weibliche Geschlechtsform zeigen, womit der Prophet keine Wesen in der Nähe Gottes be- zeichnen könne. Über diesen Einwurf aber kommt man leicht hinweg durch Hindeutung auf die Stellung, die einmal die früher besprochenen drei arabischen Göttinnen als Gurnaiqe bei Gott inne hatten; und auch nach der Tilgung ihrer Spuren weist
‘) 76, 7 f.
7*
100
Mohammed.
noch Sure 13, 12 das bedeutungsvolle Femininum mo’aqqibät „die auf der Ferse Nachfolgenden” auf, womit ohne Zweifel Engel bezeichnet sind. Bedenkt man ferner, daß mit der weib- lichen Form häufig auch das Neutrum oder Abstractum ausge- drückt wird, so konnte sich das Anstößige in der Annahme weib- licher Engel bei den Hörern des Korans wohl zum Begriffe von Wesen unbestimmten Geschlechts abschwächen. Also darf man an- nehmen, daß an den bezeichneten Stellen Mohammed wirklich von geistigen Mächten redet, die als Werkzeuge Gottes für die Ver- mittlung der Offenbarung dienen, und ihre Übersetzung unter einigem Vorbehalt in folgender Weise formen:
100, 1- 5. (Ich schwöre) bei den Himmelswesen, die wie schnaubende Stuten dahineilen, — Funken beim Anschlage sprühen lassen, — in der Frühe sich niedersenken, die Mitteilung be- ständig sammeln, — zusammenstellen und vermitleln.
79, 1—5. Bei den Himmelswesen, die hinabtauchend eilen, — hurtig sich tummeln, — schwimmend dahingleiten ‘), — allen zu- vorkommen, — den (göttlichen) Befehl vermitteln *).
77, 1—6. Bei den Himmels wesen, die hintereinander herge- schickt sind, — gleich Winden dahinwehen, das (geschriebene) Buch entrollen 8 ) — es in Teile zerlegen, — die Mitteilung niedertragen, — sei sie Verheißung oder Warnung.
51, 1 —4. Bei den Himmelswesen, die (wie Gazellen) einher- springen, — Schwerwiegendes tragen*), — und doch leicht lau- fen, — den (göttlichen) Befehl vermitteln 5 ).
37, 1 — 4. Bei den Himmelswesen, die in Reihen stehen, — mächtig erschüttern, — die Offenbarung lesen.
In die gleiche Zeit, wo die Phantasie Mohammeds vpn sol- chen ihn umgebenden Wesen erfüllt war, fallen auch koranische Berichte über Visionen 6 ). Der Hauptunterschied zwischen dem eben erwähnten Schauen von Himmelswescn und diesen Vi- sionen liegt darin, daß er in letzteren einen einzigen Himmels- boten erblickt haben will, und zwar so scharf, daß er keinen Einwand der Sinnestäuschung gelten läßt. Der erste Bericht in S. 80, 19-24 redet nur von einer einzigen Vision:
‘) Vgl. !*}, 4<». – ») Vgl. 32. 4; 13, 2; 10, 3. ») Vgl. 81, 10. – «) Vgl. 73, 5. ») Qassama wird mit dabbara synonym sein. •) arab. wahj.
Koranische Dogmatil*. Stellung Mohammeds unter den Propheten. 101
Ja, die Rede ist’s eines hochedlen Sendboten, — eines machtbegabten, vielvermögenden beim Himmelsthroner, – dem man gehorchen muß, da er zuverläßig ist. — Haltet euren Lands- mann nicht etwa für besessen! — Kr sah ihn am klaren Himmel, — und da enthielt jener ihm die geheime Botschaft nicht vor.
Mit derselben Vision beschäftigt sich S. 53, 1 — 12 und •be- richtet außerdem von einer späteren :
Beim Sterne, wenn er hinabgleitet! — Euer Landsmann irrt und thört nicht — und redet nicht aus bösem Triebe; — sondern eine Vision ist es, die geschehen, — wo ihn der Kraftreiche be- lehrte, — der Weisheitsvolle: Erst stand er still — und war am höchsten Himmel, — dann nahte er sich in schwankender Bewe- gung — bis auf zweier Bogenschüsse Nähe oder noch weniger — und teilte dann seinem Diener die Mitteilung mit. Nicht trog sich das Herz bei der Erscheinung. — Oder wollt ihr dennocli zweifeln an dem, was er erblickte P —
Sah er ihn doch herabkommen ein anderes Mal beim Lotos- baume von el-Muntahä — in der Nähe des Gartens el-Ma’wä: — da bedeckte die Erscheinung den Lotosbaum. — Nicht versah sich das Auge oder irrte, — und da erfuhr er von den Mitteilungen Gottes die größte l ).
Soll man diese Visionen als thatsächliche Vorgänge im Seelenleben Mohammeds gelten lassen oder in ihnen nur ein Effektmittel seiner Predigt erblicken? Für jenes spricht die im großen und ganzen ehrliche und überzeugungstreue Haltung des Propheten während der mekkanischen Periode, für dieses aber eine autfallende Ähnlichkeit mit der ihm nicht unbekannten Vision des Moses auf Horeb; besonders die zweite Fassung scheint nach diesem Modell geformt, dabei aber noch mit einigen mög- lichst unbestimmten Zügen ausgestattet, so daß nicht zu entschei- den ist, ob Muntahä und Ma wä himmlische oder mekkanische Ortlichkeilen bezeichnen sollen. Auch daß in der ersteren Gott und Engel nicht genau geschieden sind *), erinnert an das biblische Vorbild. Wären endlich diese Visionen von epochemachender
l ) D. i. die Botschaft vom Weltgerichte, die auch sonst der große Koran (15, 87), Hie große Kunde (78, 2) heißt.
“) Denn 53, 10 kann nur Gott gemeint sein, da Mohammed sich als .seinen Diener ‘ bezeichnet.
102
Mohammed.
Bedeutung für Mohammed gewesen, so sollte man vermuten, er würde ihrer auch in späteren Suren häufiger Erwähnung gethan haben. Doch im Gegenteil : sie verschwinden mit dem Aus- gange der ersten mekkanischen Lehrperiode ganz aus seiner Pre- digt. Den Grund dafür haben wir in einer bedeutend verän- derten Auffassung der Stellung Mohammeds als Propheten zu suchen, wie sie die folgende Epoche brachte.
Als Weltgerichtsprediger war er je länger um so mehr dem Hohne und der Mißachtung seiner Mitbürger verfallen ; denn die Welt ging ihren Lauf ruhig weiter, ohne daß nur eines der sie bedrohenden Vorzeichen, die er angekündigt hatte, wahrzunehmen war. Und als er, um den Verzug zu begründen, von einem noch vorher abzuhaltenden speziellen Gerichte über Mekkas Bewohner zu predigen begann, erweckte er auch damit nichts als den spöt- tischen Wunsch nach möglichster Beschleunigung. Jetzt galt es, Ruf und eigene Überzeugung neu zu befestigen durch tiefere Be- gründung seiner bisherigen Lehren, und diese fand sich einesteils in der Betonung der göttlichen Kahma oder Menschenliebe, an- dererseits in der Annahme einer Offenbarung, in der nicht Dro- hungen und Verheißungen, sondern ethische Wahrheiten die Hauptstelle einnahmen. Damit trat Mohammed von seiner ein- samen Höhe als Weltprediger zurück in die zahlreiche Schar gleich- gearteter Propheten der Vorzeit, deren Tradition er für Arabien fortsetzen zu müssen glaubte. Dieser Schritt vom maßlos-phan- tastischen zum besonneneren Denken schafft auch dem Modus der Offenbarungsvermittlung eine philosophische Begründung:
42, 52. So haben wir dir einen Ruh (Geist), entsprungen aus unserm Amr, mitgeteilt; vorher wußtest du noch nicht, was das Kitäb, noch was der Glaube war; aber wir machten es (das Kitäb) zum Lichte, mit dem wir jeden beliebigen unserer Diener leiten ; und so sollst auch du (mit ihm die anderen) auf einen geraden Weg führen.
Mit dem Umzüge nach Medina leitet sich wieder eine neue Wandlung in seiner Stellung als Prophet ein. Während die Ge- schichten der anderen Propheten fast ganz aus den Suren ver- schwinden und an ihrem Wesen kein Strichlein geändert wird, wachsen die Befugnisse Mohammeds stetig weiter, bis er sich als „strahlende Leuchte” und „Siegel der Propheten” — d.h. sowohl als zeitlich der Letzte und als der, welcher das entscheidende
Koranische Dogmatik. Stellung Mohammeds unter den Propheten. 103
Wort zu sprechen hat — über sie alle erhebt. Infolge des An- schlusses vieler neuen Volkselemente an den Islam, bei denen der Wille zum Glauben größer war als das Verständnis, bricht der Prophet manche frühere Spekulation ab, um an ihrer Stelle mit grobsinnlichen Begriffen und praktischen Schlagwörtern sicherer zu wirken. So läßt er jetzt den Vorgang seiner eigenen Inspira- tion als eine persönliche Mitteilung von Gott, übertragen durch seinen Diener Gibril (Gabriel) erscheinen ‘)• Diese Auffassung fügte sich bequem der in spätmekkanischer Zeit vorgetragenen Erzählung von der Verkündigung Maria») an, nach welcher der Ruh, der zu Maria gesandt war, „ihr erschien wie ein schön gebildeter Mensch. – Hier wird zwar der Name Gabriel noch ver- schwiegen, aber die Kenntnis von ihm muß bei Mohammed jeden- falls vorhanden gewesen sein; denn zu Anfang der medinischen Periode steht bereits dieser Name an Stelle seines ehemaligen Ruh, was wohl nur dem neutestamentlichen Berichte nach- gebildet ist:
2, 91. „Wer ein Feind Gibrils ist (er aber hat es auf dein Herz niedergebracht mit Gottes Erlaubnis zur Bestätigung dessen, was früher geoffenbart worden war, als Rechtleitung und frohe Botschaft für die Gläubigen). . . .
Noch in einer zweiten späteren Stelle wird Gabriel mit dem Titel Herr oder Patron (Maulä) Mohammeds ausgezeichnet. Ob letzterer sich in Medina auch den Betrug erlaubt hat, von per- sönlichen Beratungen mit Gibril zu reden, ist nach dem Koran zwar nicht zu entscheiden, hat jedoch alle Wahrscheinlichkeit für sich; denn die Offenbarung hatte inzwischen einen Charakter angenommen, der wesentlich verschieden war von derjenigen in Mekka. Während hier alles in großen Umrissen vorgetragen war, wurde die medinische Offenbarung mosaikartig aus kleinen Stücken aufgebaut, die meist infolge noch erkennbarer Anlässe entstan- den. Aus zuverlässigen Traditionen wissen wir, daß die ko- ranische Entscheidung über eine schwere Frage oft längere Zeit auf sich warten ließ; in diesen Zwischenraum eigene Ober-
») Und doch hatte er nicht lange vorher (25, 9) das Ansinnen der Mekkaner: „Käme doch nur ein Engel auf ihn hernieder 4 als absurd zurück- gewiesen !
») 1», 17.
lOl Mohammed.
legung einzuschieben, hatte zu Zweifeln am Wesen der prophe- tischen Intuition führen können: Beratungen mit dem Engel selber mußten daher diese zeitweilige Unschlüssigkeit bemänteln.
Weiterhin stellt Mohammed in Medina Gott zu sich in ein weit intimeres Verhältnis, als er es je bei einem der früheren Pro- pheten behauptet hatte, und zwar bedeutet dieser Verkehr nicht eine innerliche Erhebung des Propheten zu der Grenze der gött- lichen Sphäre, sondern ein Herabziehen Gottes in die aller- menschlichsten Angelegenheiten. Soll es ja nur ein Mittel sein, um möglichst sklavischen Gehorsam bei den Gläubigen zu er- zielen. In den seltenen Fällen, wo andere Propheten das Wort „Gehorche mir” auf die Lippen nehmen klingt es wie eine dringende Bitte, bei Mohammed aber bedeutet es den absoluten Befehl, dem gegenüber der wahre Gläubige nur die Antwort „Wir hören und wir gehorchen” zu geben hat*). Und wenn früher jeder Zwang auf religiösem Gebiete verpönt war, so be- gann jetzt die ärgste religiöse Tyrannei.
Mit dem Wachsen des Eigenwillens bei Mohammed hing es auch zusammen, wenn er sich jede richterliche Entscheidung allein anmaßte. Bei keinem der früheren Propheten war dieses Recht noch betont worden. Den Anstoß mag die spätjüdische Gerichtspraxis gegeben haben, welche von den Weisen, Schrift- gelehrten und Rabbinen ausgeübt wurde. Doch wenn bei ihnen nie der Einzelne*), sondern immer ein Kollegium entschied, und auch diese Entscheidung nicht als unfehlbar angesehen wurde, so fühlte sich Mohammed als die einzige und irrtumslose Ge- richtsinstanz. Wenn ferner im Judentum die Rechtspflege zu den übertragbaren Befugnissen eines Standes gehörte, so ließ Mo- hammed sie als Domäne eines einzigen Menschen erscheinen, der davon nicht einmal einem Nachfolger mitteilen konnte, weil sie eine Seite des auf Gott zurückgehenden Propheten- tums darstellte.
So weit sich also Mohammed übermenschlich geben konnte, ohne Gefahr zu laufen, des offenbaren Betrugs überführt zu
“) Z. B. 71, 8; 43, 68; 108, 110, 12« u. s. w. ■) 34, 50.
•) Nur der Bann konnte auch von jedem einzelnen Rabbi verhängt wer- den; vgl. über die jüdische Reclitspllegu Weber: System, i; 2W.
Koran. Dogmatik. Verhältnis d. Menschen zu den Heilmitteln. 106
werden, hat er es gethan. Seine Menschlichkeit betont er nur da, wo eine Kontrole seiner Handlungen möglich war. Aus die- sem Grunde legt er sich auch nie die Kraft, Wunder zu wirken, bei, und das einzige Mal, wo er ein nicht durch ihn, sondern mit ihm geschehenes Wunder andeutet, nämlich die nächtliche Reise vom mekkanischen Tempel zur „äußersten Moschee” J ), d. h. zur Marienkirche in Jerusalem, nennt er es bald darauf nur ein Traumbild *). Somit konnte die spätere Theologie, die die Wunderkraft als einen Hauptbeweis für Mohammeds Propheten- natur anführt, nur mit abgeschmackten Traditionen ihre Mei- nung stützen 8 ).
Verhältnis des Menschen zn den ihm gebotenen Heilsiuitteln.
Die im Vorstehenden gegebene Einleitung zur moham- medanischen Rechtfertigungslehre: ein Gott, der menschliche Boten mit überirdischem Wissen ausstattet, damit sie den Ihrigen die Mittel an die Hand geben, um dem nahenden Verderben zu entrinnen und Einsicht in die Schätze der göttlichen Weisheit zu erhalten, diese Voraussetzung müßte zum Schlüsse führen, daß es nun am Menschen selber liege, die Mittel zu seinem Heile anzunehmen oder abzulehnen. Denn in der menschlichen Natur, wie sie Mohammed zeichnet, herrscht ein freier Wille zur An- wendung der beiden Triebe, des guten wie des bösen, und die Sinne sind in der Erkenntnis der Wahrheit durch nichts getrübt. Deshalb mahnt Gott den Menschen des öfteren, doch nur sein Gehör, Gesicht, Gefühl zu gebrauchen, um die überall ausge- streuten Hindeutungen auf die Wahrheit zu erkennen. Folglich sollte der Mensch auch im stände sein, durch sie in der Botschaft des ihm zugesandten Propheten die Wahrheit zu erkennen und durch diese Erkenntnis seinen Willen zum Glauben zu bestimmen.
Dieser einfache Gedankengang tritt in verschiedenen der äl- teren Koransuren wirklich zu Tage:
81, 27 f. Dieses ist nichts anderes als eine Botschaft für die Welten, — für jeglichen von euch, der da will, daß er sicher stehe.
) 17, 1. – ■) 17, 68.
■) Vgl. die Aufzählung der angeblichen Wunder Mohammeds bei en- Nasafi, Pillar of the Creed (herausgegeben von W Curetun), S. 16.
106
Mohammed.
76, 29 (=73, 19). Dieses ist fürwahr eine Botschaft; wer darum will, ergreife den Weg zu seinem Herrn *).
76, 2—3. Wir erschaffen den Menschen mit Gehör und Ge- sicht, — wir leiten ihn zum Wege, wo er sich entweder dank- bar oder undankbar beweisen mag.
Ganz das Gleiche besagt auch eine bisher als besonders dunkel angesehene Stelle:
90, 8—13. Machon wir dem Menschen nicht zwei Augen, — dazu Zunge und Lippen — und führen ihn hin zum Doppel- wege ? ») — Doch er wagt sich nicht auf den steileren Weg. — Und was meinst du, was der steilere Weg bedeute? — Los- lassung von Sklaven u. s. w.
Nur durch eine solche Rede konnte Mohammed hoffen, seinem Evangelium Anhänger zu verschaffen: er veränderte sie erst zu einer Zeit, als er sah, daß die natürliche Erkenntnis und Selbstbestimmung die Mehrzahl der Mekkaner nur zur Ablehnung seiner Predigt führten, und daß selbst Leute, deren Charakter er seine Achtung nicht versagen durfte, wie etwa sein väterlicher Be- schützer Abu Tälib, bei ihrem Heidenglauben beharrten. Nun suchte er nach einer Lösung dieses früher ungeahnten Problems. War etwa der Mensch doch anders beanlagt, als er bisher an- genommen hatte, oder war der Grund im Schöße der göttlichen Weisheit verborgen? Und wie man die Erklärung des Dunklen lieber jenseits der Wolken vermutet, als bei sich selbst sucht, so ergriff auch Mohammed den Ausweg, daß eine göttliche Gnadenwahl und Bestimmung zum Glauben oder Unglauben über die Menschen herrsche 8 ). Seltsamer Kontrast in seiner Lehre von der gött- lichen Natur! In dem Augenblicke, da er ihr als Grundzug die
‘) Die Fortsetzung : „Aber ihr wollt nicht, es sei denn daß Gott will ; er ist allwissend, allweise; — er führt in seine Gnade ein, wen er will und hereitet den Ungläubigen eine schlimme Strafe*, ist ein abschwächender Zu- satz aus späterer Zeit ; als solchen kennzeichnet er sich deutlich durch die in der Alteren Zeit noch nicht gebrauchten Epitheta : allwissend, allweise und durch den Begriff der Rahma oder Gnade. Ein ähnlicher Zusatz ist ohne Zweifel auch 81, 29.
‘) D. i. der Weg des Guten und des Bösen ; vgl. dazu die neutestamentl. Ausdrucksweise vom schmalen Wege des Guten und dem breiten des Bösen.
‘) Die spätjfldische Theologie kennt nur eine göttliche Vorherbestim- niung der äußeren Schicksale des Menschen, nicht auch seiner innerlichen Ge- sinnung, vgl. Weber, System, S. 217 ff.
Koran. Dogmatik. Verhältnis d. Menschen zu den Heilsmitteln. 107
Rahma oder Liebe zuspricht und sie damit der Menschheit so nahe wie möglich entgegenkommen läßt, rückt er sie durch die Gnadenwahl in die entlegenste Ferne der Unerforschlichkeit zurück *), Die Hinwendung zum Glauben verwandelt sich jetzt aus einem menschlichen Willensakte in einen Gnadenakt Gottes, und nicht auf die Gesamtheit der Menschen, sondern nur auf Auserwählte ergießt sich diese Gnade.
Diese Ansicht, die mehr und mehr den Charakter eines Grunddogmas des Islams bekommt, ist dem Koran in zahlreichen Wiederholungen und Wendungen einverleibt, aus denen wir fol- gende hervorheben:
42, 6. Gott würde, wenn er wollte, sie alle zu einer ein- zigen Religionsgemeinde machen; aber er führt nur ein in seine Gnade, wen er will, und die Ungerechten werden weder Für- sprecher noch Helfer haben.
32, 13. Falls wir wollten, so könnten wir jeder Seele ihre Leitung (zum Glauben) bringen ; doch fest steht mein Wort : Füllen will ich die Hölle mit Vertretern aller Genien und Menschen !
10, 100. Es ist keinem gegeben, gläubig zu sein, außer mit Erlaubnis Gottes.
Am häufigsten aber wiederholt sich der Gedanke in der ty- pischen Formel : Gott führt zum Glauben, wen er will, und zutn Unglauben ebenfalls, wen er will.
Die furchtbare Schroffheit der Annahme, daß der Mensch unfähig sei, sich selbst zum Glauben zu bestimmen, versuchte der Koran in einer Anzahl älterer Suren durch einen wichtigen Zug zu mildein; er setzte das aus der religiösen Beanlagung des Men- schen, seiner Hanifennatur*) fast mit Notwendigkeit hervor- keimende Streben nach innerer Vollkommenheit, wenn es vom festen Willen getragen ist, als ein Mittel, das die Gnaden wähl Gottes beinflussen könne. Diese Hinneigung zu Gott wird zuerst durch das Zeitwort anäba ausgedrückt s ) :
‘) Wie ganz anders die neutest. Lehre hei II Petri, cap. 3, 9.: Der Herr verziehet die Verheißung nicht, wie einige meinen, sondern er ist lang- mütig euretwegen und will nicht, daß etliche verloren gehen, sondern daß sich alle zur Buße wenden.
») Vgl. Seite 59 f.
») So in Sure 50, 42, 40, 39, 38, 34 , 31, 30, 13, 11, 60, in den neiden letzteren Suren aher nicht mehr von den Menschen im allgemeinen, sondern nur von Ahraharn gesagt.
108 Mohammed.
40, 13. Niemand läßt sich predigen, es sei denn, daß er Hinneigung hat.
39, 19. Solchen, die sich vom Götzendienste anwenden und zu Allah hinneigen, gilt die frohe Hotschaft.
42, 12. Gott wählt zu sich, wen er will, und leitet zu sich hin, wer Hinneigung fühlt.
Während dieser Ausdruck aber bald veraltete, entwickelte sich ein anderer, last gleichzeitig aufgekommener zu solcher Be- deutung, daß er der Religion Mohammeds den Namen geben konnte : aslama bezw. Islam. Auch er soll zunächst Hinneigung und Hingebung an Gott ausdrucken, zu der der Mensch sich selbst bestimmt, damit die Berufung zum Glauben ihn um so leichter erreiche *) :
28, 53. Wenn ihnen die Offenbarung vorgetragen wird, so sagen sie: Wir glauben, daß sie die Wahrheit ist von unserm Herrn, und vorher schon hatten wir uns der Hingebung beflissen.
In der Folgezeit wurde aber an Stelle des freien Willens vielfach Gott als Meister über diese Hinneigung zur Religion angesehen :
6, 125. Wen Gott leiten will, dem macht er die Brust für den Islam offen; wen er irre führen will, dem macht er sie enge und gepreßt, so daß ihm ist, als wenn er gen Himmel aufstiege.
Dadurch erhält in späteren Suren der Ausdruck Islam, wenn er in die Initiative des Menschen verlegt wird, fast mehr den Be- griff von Resignation als von hoffnungsvoller Hinneigung.
Wie Gott es anstellt, um die natürliche Regung zum Glau- ben in solchen Menschen, die er irre führen will, zurückzuhalten, wird noch durch andere bildliche Ausdrücke angedeutet:
IT, 47 f. Wenn du die Offenbarung liest, so machen wir zwischen dir und jenen, die noch nicht an das Jenseits glauben, einen unsichtbaren Vorhang;
Und breiten über ihre Herzen Decken, so daß sie die Lehre nicht begreifen und legen in ihre Ohren Schwerhörigkeit.
*) Ursprünglich hezeichnet Mohammed sich seihst als den ersten, der sich an Gott hingieht (Muslim), vgl. 39, 14: Sprich: Es ist mir hefohlen, daß ich Allah diene, indem ich ihm den Wandel weihe und ferner, daß ich der erste tler Muslime sei. Sehr bald aber beehrt er seine Vorbilder im Pro- pheten! ume, sowie jeden Gläubigen mit dem gleichen Titel ; ja, er behauptet , daß jedes Wesen im Himmel wie auf Erden gottergeben sei, einerlei, ob frei- willig oder gezwungen, vgl. 8, 77.
Koran. Üogmatik. Verhältnis des Menschen zu den Heilsmitteln. 109
2, 6. Gott versiegelt ihre Herzen, und über ihr Gehör und Gesicht ist eine Decke gelegt.
Die Entfernung alles dessen, was eine Zeillang mildernd auf die Gnadenwahl wirken konnte, ließ endlich diese zur vollkom- menen Prädestination werden, d. h. zur Annahme einer Schei- dung der Menschen in Begnadete und Verworfene vom Augen- blicke des Erschaflens an:
7, 178. Wir haben viele von den Genien und Menschen für die Hölle erschaffen; darum haben sie Sinne, womit sie nicht er- kennen, Augen, womit sie nicht sehen, Ohren, womit sie nicht hören ; solche sind wie Tiere, ja, noch tiefer wie jene in die Irre geführt, und leben achtlos 1 ).
‘) Am Zustandekommen der I^ehre vom Qadr und Qadä, d. i. dem ur- voizeitlichen Ratschlüsse Gottes, der jedes individuelle Eigenhandeln zur mechanischen Verrichtung heral »drückt, jener Lehre, vor der dieThatkraft der muslimischen Völker immer mehr abstirbt, trägt nicht so sehr der Koran, als die spätere theologische Wissenschaft die Hauptschuld. Nach jenem steht zwar alles, was einmal in Erscheinung treten soll, schon vorher im göttlichen Küche eingezeichnet, und schöpft Gott aus ihm ein allumfassendes Wissen ; aber ob und wie diese himmlischen Faktoren das Handeln des Menschen be- einflussen, bleibt fast ganz unerörtet. Daß sich Mohammed im allgemeinen die irdiseben Vorgänge aus einem Zusammenwirken himmlischer und mensch- licher Thätigkeiten erklärte, dürfte aus zwei mediniseben Surenslellen zur Genüge hervorgehen:
!$, 159 f. Wie? Nachdem euch ein Schlag getroffen, da ihr schon (vor- her) zweimal soviel schlüget, sprecht ihr: Von wannen ist dieses: Sprich : Solches stammt von euch selbst. Gott aber hat Macht über alles.
Und was euch traf am Tage, da die beiden Heere auf einander stießen, geschah auf Gottes Zulassung und damit er wisse, wer stark und werschwach im Glauben sei u. s. w.
ft t 80 f. . . . Wenn ein Glücksfall ihnen begegnet, so sprechen sie: Dieses ist von Gott! Doch wenn etwas Übles ihnen begegnet, so sprechen sie: Sol- ches stammt von dir (o Mohammed)! Sag ihnen: Alles kommt von Gott.. . . Was einem an Gutem begegnet, das kommt von Gott, und was einem an Schlimmem begegnet, das kommt von dir selbst . . .
Lehre von den Pflichten.
Die Pflichten im allgemeinen ; Begriff der Rechtfertigung.
Der koranische Sprachgebrauch unterscheidet als zwei ver- schiedene Begriffe : von Gott recht geleitet und selig werden. Das Erstere gilt zwar als Vorbedingung des Andern, und wer nicht zum Glauben geleitet ist, kann nichts thun, um der Verdammnis zu entgehen; aber dem Gläubigen ist keineswegs die Erlangung der Seligkeit von Gott gewährleistet. Mag der Mensch durch sich selbst oder durch Gottes Gnadenwahl auf den rechten Weg (sabil, hudä) geleitet sein, in jedem Falle muß er seine Kraft und Willensenergie einsetzen, um die grade Richtung bis ans Ende einzuhalten. Hierin kommt ihm Gott durch verschiedene Anord- nungen zu Hilfe; zunächst dadurch, daß er , keiner Seele mehr aufbürdet, als sie zu leisten im stände ist” l ). Weiter vermittelt er jedem Gläubigen die vollständige Kenntnis seiner Heilsmittel:
9, 116. Gott pflegt nie ein Volk irre gehen zu lassen, nach- dem er es zum Rechten hingeleitet hatte, bevor er ihm klar macht, wovor es sich zu hüten habe.
Die Nichtbenutzung der Heilsmittel bedeutet demnach bei den Gläubigen einen Akt unentschuldbarer Sorglosigkeit.
Das Maß der Forderungen, das Gott an die Gläubigen stellt, ist für alle gleich und fest bestimmt; es wird gewöhnlich durch zwei Begriffe ausgedrückt, mit denen der Koran an überaus vielen Stellen operiert: Glaube und Verrichtung der guten Werke:
95, 6 (= 84, 25 und 41, 7). Die, welche glauben und die guten Werke thun, ihrer wird ein unvergänglicher Lohn sein.
85, 11 (u. sonst häufig wiederholt). Die, welche glauben und die guten Werke thun, ihnen werden Gärten zuteil, an deren Fuße Wasserbäche fließen.
) 23, 64; 2, 2fiG.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im allgemeinen. Rechtfertigung. 111
5, 12. Gott hat denen, die glauben und die guten Werke thun, die Verheißung gegeben: Verzeihung und großer Lohn soll ihnen werden.
Es bedeutet aber in dieser ständigen Verbindung der Glaube (Imän) die religiöse Gesinnungstüchtigkeit, das Fürwahrhalten dessen, was Gott durch Mohammed geoffenbart hat l ) also einen Begriff, dessen Ursprung man eher in der christlichen Theologie als in der des Judentums vermuten darf. Unter der Verrichtung der guten Werke, (salih oder sälihät) wird die praktische Bethä- tigung der religiösen Gesinnung durch Ausüben bestimmter Pflichten gegen Gott und die Menschen verstanden; dieser Be- griff deckt sich ungefähr mit dem jüdischen Doppelbegriff der Gesetzeswerke (miswöth) und Liebeswerke (gemilüth hesadim), aus denen eine spätere Zeit auch nur die eine Klasse der Miswöth im allgemeinen bildete *). Es fragt sich nun, ob Mohammed von Anfang an das Heil an die Zusammenwirkung der beiden Mittel des Glaubens und der Werkthätigkeit geknüpft gedacht hat. Für die frühmekkanische Zeit wird das kaum anzunehmen sein; denn hier steht vor allem die Ausübung von guten Werken im Vorder- grunde, mit denen der Mensch am Gerichtstage erscheinen muß :
101, 5 f. Wessen Wage schwer (an guten Werken) ist, der wird sich in einem glücklichen Leben sehen; — wessen Wage aber leicht ist, dessen Mutter ist der Abgrund »).
99, 1—8. Wenn die Erde in gewaltige Erschütterung gerät, — wenn sie ihre Lasten (Toten) ausspeit, und der Mensch fragt: Was geschieht mit ihr? — Dann teilt sie ihre Kunde mit, — daß dein Herr es ihr bedeutet habe. — Dann steigen die Menschen getrennt hervor, um ihrer Werke ansichtig gemacht zu werden. — Wer dann am Guten soviel wie ein Körn- chen gethan hat, sieht es wieder; — wer aber an Bösem soviel wie ein Körnchen gethan hat, sieht es ebenfalls.
Zu den guten Werken tritt aber schon bald als Unter- lage und treibendes Motiv die Furcht vor dem richtenden Gotte 4 ) und der Glaube an die Verheißung des Gerichtes 5 ) hinzu, ohne
M Das Nähere darüber siehe im Kapitel von den Einzelpflichten. *) Weber, System, S. 273 ff.
“) Arabisch: hawija, entsprechend dem syrischen: haulä-. Die Flflgel- sche Einteilung der Verse ist verfehlt; jeder von ihnen ist in zwei zu zerlegen. «1 »2; 5; 79, 40; W, 7; 67, l c .’. •) W 16.
112 Mohammed.
•
daß jedoch der Sprachgebrauch schon eine beständige Verbin- dung zwischen den zwiefachen Forderungen geschaffen halte. Erst der Rahmaperiode war es vorbehalten, die feste dogmatische Formel : Glauben und die Werke thun, zu schaffen und die ge- genteiligen Ansichten als ketzerisch zu bekämpfen. Eine dersel- ben, die wohl aus dem Kreise der Heiden stammen mochte, war, daß die guten Werke allein ohne Hinzutritt des Glaubens ewigen Nutzen brächten. Gegen sie sind unter anderen folgende Stellen gerichtet:
39, 65. . . . Wenn du Götzendienst treibst, so ist dein Werk nichtig und du wirst zu den Verdammten zählen.
14, 21. Ein Gleichnis derer, die ihren Herrn nicht anerken- nen, ist dieses: Ihre Werke sind wie Asche, in die der Wind an einem stürmischen Tage mit Macht bläst,; so haben sie nichts von dem, was sie gewirkt haben
Auch die sentimentale Auffassung von einem bloß theo- retischen, nicht praktischen bethätigten Glauben findet ihre Verurteilung :
6, 159 Am Tage, da eines der Zeichen deines Herrn
eintrifft, nützt der Seele nicht ihr Glaube, wenn sie nicht schon vorher gläubig geworden ist oder in ihrem Glauben Gutes gewirkt hat.
Zu der offiziellen Zweizahl der religiösen Pflichten gesellt sich im weiteren Verlaufe der Rahmaperiode gelegentlich noch eine dritte, die Buße (lauba), gedacht als Verbindung von Reue (istagfara) und Umkehr zum Guten (täba):
19, 61. Die, welche Buße thun, glauben und Gutes verrich- ten, werden das Paradies betreten, und ihr Verdienst wird nicht geschmälert.
Die Wichtigkeit dieser neuen Forderung wird in dem Maße stärker betont, als sich Mohammed von der nutzlosen Beschäfti- gung mit den heidnischen Mekkanern zur Sorge um die inneren Bedürfnisse seiner Gemeinde wendet, also gegen Ende der mekka- nischen und Beginn der medinischen Periode. Zum Verständnis dieser Pflicht muß aber erst die Betrachtung vom Wesen der Rechtfertigung vorausgeschickt werden.
) Vgl. auch IS, 115; 5, 17; 24, 39; 2, 1H; 9, 70.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im allgemeinen. Rechtfertigung. 113
Den Einfluß, den die Heilsmittel auf die Seele des Menschen und auf den göttlichen Ratschluß bezüglich der Vergeltung aus- üben, hat sich Mohammed in verschiedenen Zeiträumen ver- schieden vorgestellt. Anfänglich vertritt er den Standpunkt, daß die Erfüllung der Pflichten den inneren Menschen reinige, die Sünde wegnehme und einen Zustand in ihm schaffe, wodurch er der Seligkeit würdig erscheine. Hierin spiegelt sich wieder der Geist der jüdischen Synagoge, die sich vornehmlich auf dem Gedanken von der Reinigung durch das Gesetz auferbaut hatte. So kann es nicht auffallen, daß der jüdische Ausdruck für den Vorgang der inneren Reinigung „zakkä” im Koran sich wiederfindet, worunter hier wie dort nur die Ausübung der guten Werke verstanden werden soll 1 ). Diese Reinigung vorzunehmen, wird anfangs noch in die Macht des Menschen gestellt; aber vom Momente an, wo die Gnadenwahl den ganzen früheren Gedankengang des Islams unterbricht, muß auch die Idee der Selbstreinigung jedes Einzel- nen absterben, und nachdem damit das Wesentlichste an diesem Begriffe verschwunden ist, geht auch das Wort dem Untergange entgegen. Vereinzelt wird es noch gebraucht, um die Selig- sprechung auszudrücken , die Gott am jüngsten Tage für den einen Teil der Menschen bestimmt :
2, 169 (vgl. 3, 71) . . . Gott redet mit ihnen (den Verheim- lichern der Schrift) am Tage der Auferstehung nicht und erklärt sie nicht für gerecht, und ihrer wartet eine schmerzliche Strafe.
4, 52. Siehst du nicht die, welche sich selbst für gerecht erklären? Aber nur Gott erklärt für gerecht, wen er will 2 ).
In noch engerer Begrenzung erscheint dieser Begriff, wenn er auf die Reinigung durch den Mund des Propheten angewandt wird, da dieses nicht viel anderes als das Quittieren über empfangene Al- mosen bedeutet 3 ). In dem Maße, wie die Idee der inneren Rei- nigung sich verflüchtigte, erhob sich die populärere Ansicht zu dauernder Herrschaft, daß die Rechtfertigung nur einen Akt ge- rechter Lohnverteilung darstelle 4 ). Auch sie ist dem Judentume
‘) Vor allem das Almo.senspenden, weshalb das Substantiv zakkät im Koran später nur noch mit Pflichtalmosen zu übersetzen ist.
*) Es ist nicht ausgeschlossen, daß in beiden Stellen das Reinigen nur die während des Lebens erfolgende Berufung zur Rechtleitung bedeute.
») Vgl. 2, 123; 2, 146; «2, 2; 3, 158; «. 104.
*) 41, 7 kann als erste Belegstelle hierfür betrachtet werden. Urimm«, Mohammed. II. 8
X
114 Mohammed.
nicht fremd, entspricht aber ungleich mehr dem Geiste des Chri- stentums, das von den alttestamentlichen Gesetzeswerken wenig beibehalten hatte, und so mag ihr Eindringen in den Islam als ein weiterer Beleg der christlichen Strömung während der Rahraa- periode betrachtet werden.
Jetzt stellen Übung des Glaubens und Verrichtung der Pflichtwerke Handlungen von bestimmtem Werte dar, wofür Gott einen gleich großen Wert im Himmel anschreibt *) und dem Men- schen nach seinem Tode unverkürzt auszahlt; das Gegenteil, die Fflichtversäumnis, repräsentiert einen Verlust, dessen Höhe eben- falls von Gott dem Menschen in seine Lebensrechnung eingestellt wird. Die Konsequenz hiervon würde nun sein, daiä beim Eintritt des Menschen ins Jenseits Lohn und Schuld genau verglichen und der überwiegende Teil den Ausschlag für seine Seligkeit oder Verdammnis gebe. Doch Mohammed konnte sich mit dieser in der jüdischen Theologie *) genau durchgeführten Begleichungsweise nicht befreunden; er trachtete danach, den Gläubigen ihr Verdienst als unvertilgbar, ihre Schuld dagegen als tilgbar erscheinen zu lassen. So redet er denn von einer verschiedenen Berechnungsweise des Guten und des Bösen; jenes soll mit Zinsen zu doppelter, ja zehnfacher Höhe anschwellen können, das Böse aber wird im all- gemeinen stets einfach angesetzt, weil Gott nie ungerecht ver- fahre. Schon hierdurch kann die Aburteilung eines Gläubigen im Jenseits nicht leicht zu seinen Ungunsten ausfallen. Bleibt aber. doch noch ein kleiner Posten vom Bösen in seiner Rech- nung stehen, so giebt es Mittel genug, auch diesen verschwinden zu lassen. Gott in seiner Gnade bedeckt oder übersieht nämlich dem Gläubigen gern kleine Vergehen und läüliche Sünden:
53, 32 f. Gott gehört alles im Himmel und auf Erden, um denen, die Böses thun, ihre Werke zu vergelten und denen, die Gutes thun, Gutes wiederzugeben:
Ihnen, die schwere Verbrechen und Schändlichkeit meiden oder sich der Sünde nur auf halbem Wege nähern •) ; denn dein Herr ist reich an Vergebung.
‘) 21, 9-4.
»; Vgl. Traktat Qidduscbin, 1, 10.
*) Das sind wahrscheinlich die in der Vorstellung begangenen Sünden, hebräisch : harhür, welche auch das Judentum durch geringe Sübnopler getilgt werden läßt, vgl. Weber, System, S. 232.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen. l.l ‘•
4, 35. Wenn ihr nur die schweren Übertretungen meidet, so bedecken wir euch euer Böses und führen euch an einen ehrenreichen Ort.
Alle schwerwiegenden Verschuldigungen kann aber die Buße auf Erden sühnen, und so erklärt es sich, weshalb mildem Fortschreiten der Lehre vom Lohne des Guten die Notwendigkeit der Buße mehr und mehr betont wird. Durch ihre Kraft wer- den alle Folgen des Bösen bedeckt oder verwischt, ja sogar in Lohn umgewandelt :
25, 70. Wer Buße thut, glaubt und Gutes verrichtet, ihnen verwandelt Gott ihr Böses in Gutes; denn er ist verzeihend und barmherzig.
Den umgekehrten Fall , daß einem Ungläubigen Ver- dienst von seinen guten Werken anzurechnen wäre, wo die jüdische Lehre irdischen Lohn eintreten läßt, giebt der Koran überhaupt nicht zu, da es nicht in der Macht eines Ungläubigen läge, verdienstliche Werke zu verrichten.
Die Pflichten im besonderen.
Nach der Festlegung der Formel für die Forderungen Gottes an die Menschen : „Glauben und die guten Werke thun”, ging Mohammed weiter dazu über, nach diesen Gesichtspunkten die von ihm gelegentlich eingeschärften Einzelpflichten zu einem abgerundeten Ganzen zu vereinigen. Hierbei standen ihm als Vorbild deutlich die zehn Gebote Gottes vor Augen, von deren Mitteilung an Moses, allerdings ohne Nennung ihrer Zahl, einige spätmekkanische Suren zu berichten wissen l ) ; machte er sich nun ihre innere Disposition ganz zu eigen, so änderte er an ihrem Inhalte auch nur da, wo sie ihm entweder nach seiner Auffassung zu viel boten oder Lücken aufwiesen. So schuf er gegen das Ende der mekkanischen Lehrperiode dem Islam einen Pflichten- kodex, der in zwölf knappen Artikeln alle hisherigen Vorschriften zusammenfaßte und den meisten derselben einen Anhang von Erläuterungen und Begründungen beifügte»):
“) Vgl. 19, 53 f.; 7, 142 ff.
*) Mohammed unterscheidet wie der Dekalog zunächst Pflichten gegen Gott dann solche gegen die näherund entfernter stehenden Menschen. Die ersten macht er in zwei Artikeln ab, indem er für da» jüdische Sabbatgebot damals noch
8 •
116
Mohammed.
17, 23—40. I. Mache nicht neben Allah einen anderen Gott, auf daß du dereinst nicht verurteilt und hülflos dasitzest.
II. Angeordnet hat dein Herr: Ihr sollt nur ihm allein dienen und
III. die Eltern mit Güte behandeln, mag nun einer von ihnen, oder mögen beide in deinem Hause ihr Alter verbringen ; und sage nicht pfui und rede nicht unfreundlich, sondern ehrer- bietig mit ihnen. Und neige zu ihnen den Fittich der Unterwür-
/ figkeit aus liebreichem Sinne und bete: Herr, sei barmherzig ge-
gen sie, gleichwie sie mich erzogen haben von klein auf. — Euer Herr kennt am besten und weiß in allen Fällen die Gesinnung eurer Seele, wenn ihr gerecht sein wollt.
Gegen die Bußfertigen aber ist er voll Verzeihung.
IV. Und gieb den Verwandten, Bettlern und Wande- rern den Anteil, der ihnen zukommt; doch fall dabei nicht in Verschwendung; denn die Verschwender sind Brüder des Sa- tans, und der Satan war voll Undank gegen seinen Herrn.
Wenn du ihnen etwas abschlagen mußt, weil du selbst auf die Barmherzigkeit deines Herrn angewiesen bist und von ihr hoffst, so sprich wenigstens zu ihnen ein freundliches Wort.
Laß deinen Arm weder unbeweglich an deiner Schuller sein,
ni«hts Ähnliches einzusetzen wußte. Um wieder in die Reihe zu kommen, teilt er das IV. Gebot in zwei. Dem Verbote der Tötung giebt er ebenfalls eine doppelte Fassung, indem das, was die Kinder anbelangt, dem Ober die Eltern- liebe Gesagten angeschlossen wird, was aber die übrigen Menschen betrifft, erst nach dem familienrechtlichen Verbote des Ehebruches kommt. Bei den Vor- schriften für das Verhalten gegen entfernter Stehende verläßt er in etwa Zahl und Anordnung des Dekalogs; so entspricht bei ihm Gebot VIII und X dem siebenten, XI dem achten in jenem; das neunte und zehnte des Dekalogs faßt er zu einem, dem XU, nicht unpassend zusammen; endlich fügt er mit Gebot IX eine nur dem Islam eigene, wichtige Bestimmung an einem nur fast zu unter- geordneten Platze bei. — Die Beeinflussung durch die 10 Gebote Gottes wird indirekt durch folgende dem Schlüsse der späteren Fassung angehängten Worte eingestanden:
6, 155 f. Einst brachten wir dem Mose das Kitäb in thunlichster Voll- kommenheit, als eine Spezifizierung jeglichen Thuns, als Kechtleitung und Barmherzigkeit, auf daß sie (die Juden) an die Ankunft ihres Herrn glau- ben möchten;
Dieses aber ist auch ein Kitäb, das wir geoffenbart haben, ein heiliges; so folgt ihm denn und fürchtet Gott, auf daß er euch Liebe erweise.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen. 117
noch reiche mit ihm, so weit du nur eben kannst; sonst wirst du einmal verachtet und bloß dasitzen.
Gott verleiht das tägliche Brot, wem er will, und sorgt vor; denn er erkennt und sieht seine Diener.
V. Tötet nicht eure Kinder aus Sorge vor Verar- mung, denn wir nähren sie und euch; es ist aber ihre Tötung ein großer Irrwahn.
VI. Begeht nicht Unzucht, sie ist Schändlichkeit und Sünde.
VII. Tötet nicht die von Gott für unverletzlich er- klärte Seele, es sei denn nach dem Rechte; wer aber mit Unrecht getötet wird, dessen Anwalt verleihen wir Vollmacht (zur Rache), falls er nicht die Grenze im Töten überschreitet, und Beistand.
VIII. Rühret nicht das Gut der Waisen an, außer zu ihrem Besten, bis sie zu ihren Mannesjahren kommen, und
IX. haltet den Vertrag; denn er wird eingefordert.
X. Gebt volles Maß, wo ihr meßt, und wägt mit rechter Wage; das ist die beste und schönste Weise.
XI. Verdächtige nicht, wenn du nichts Sicheres weißt; denn von Ohr, Auge und Herz wird einst Rechenschaft gefordert.
XII. Schreite nicht übermütig auf Erden; denn die Erde wirst du nicht spalten können und bis zur Höhe der Berge nicht reichen.
Die Übertretung alles dieses ist deinem Herrn ein Greuel.
Wenn die Wichtigkeit dieser Aufstellung hier erst in einer Schlußbemerkung hervorgehoben wird : »Solches hat dir dein Herr aus der göttlichen Weisheit geoffenbart*, so leiten die be- deutsamen Worte: „Heran! ich will euch vortragen, was euer Herr euch verboten hat u , eine abermalige Zusammenstellung der Pflichten ein, an Zahl zwar etwas gekürzt und in der Motivierung beschränkter, doch nach Disposition und Auswahl der früheren fast gleich l ) :
6, 152 f. Gesellt eurem Herrn nichts bei; behan- delt die Eltern mit Güte; tötet nicht eure Kinder aus Armut, wir ernähren euch und sie; begeht nicht Schänd-
‘) Man beachte, daß das neunte Gebot hier mit Nachdruck an das Ende ‘ gesetzt wird.
118 Mohammed.
lichkeiten, weder offen noch heimlich; tötet nicht die von Gott für unverletzlich erklärte Seele, es sei denn nach dem Rechte. Solches hat er eucli verordnet, vielleicht daß ihr einsichtig werdet.
Rühret nicht das Gut der Waisen an außer zu ihrem Besten, bis sie zu ihren Mannesjahren kommen. Gebet rech- tes Maß und Gewicht; (wir belasten keine Seele mit mehr, als was sie tragen kann). Wenn ihr redet, redet wahr, trifft es auch einen Verwandten. Haltet den Vertrag Gottes. Solches hat er euch verordnet, in der Annahme, ihr würdet euch belehren lassen wollen l ).
In Medina scheint der Prophet auf diese Fassungen nicht mehr viel Gewicht gelegt zu haben; denn nur S. 4, 40 wiederholt sie in stark veränderter Form und mit verkürztem Inhalte. Die Ur- sache hierfür mag daran liegen, daß er über der Sucht, neue Pflichten und Kulteinrichtungen zu dekretieren, die großen ethi- schen Gesichtspunkte der früheren Zeit aus dem Gesichte verlor; und da er die Grenze des pflichtmäßig Gebotenen immer weiter rückte, handelte er in seinem eigenen Interesse, wenn er die Ge- meinde nur auf das allgemeine Prinzip : „Glauben und gute Werke thun* verpflichtete, ohne die Einzelheiten anders als ge- legentlich zu erwähnen. Wir werden jedoch in der folgenden Betrachtung der Heilsmittel des Islams uns an die Disposition halten, welche der Prophet in der mekkanischen Lehrperiode auf- gestellt hat, dabei aber die wichtigeren Zusätze der medinischen Zeit, die fast alle Pflichten gegen Gott betreffen, in diese als Unterparagraphen einreihen.
Krnt«’s Gebot.
i
Mit dem ersten Gebote des Islams: Mache nicht neben Allah einen anderen Gott, soll im allgemeinen die Pflicht des Glaubens an die Wahrheiten der von Mohammed gelehrten Religion ausgedrückt werden. Das Wort „Glauben” (ämana, subst. imän oderamäna) be- deutet ursprünglich sich einer Sache versichern; im religiösen Sinne ist es der Willensakt, sich bestimmte Lehrsätze so tief zu eigen zu machen, daß, wie der Koran einmal bezeichnend sagt,
‘) Kürzere, weniger vollständige Zusammenfassungen der gebotenen Pflichten finden sich noch in 81. 12-18; 25, 64-68; 16, 92.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen.
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das Herz darin ausruht ‘)• Der von dem Menschen geforderte Glaube betrifft nicht die Entschließung zu seiner Annahme; denn diese wird von Gott nach eigener unberechenbarer Gnaden- wahl bestimmt :
10, 100. Keiner Seele ist es gegeben, gläubig zu werden, außer wenn Allah es erlaubt.
Einige Widersprüche hiergegen müssen der noch nicht ge- nügend abgeklärten Lehre von der Gnadenwahl zu gute gehalten werden, z. B. wenn vom Unwerte des Glaubens, den der Mensch angesichts des Gerichtes sich aneignen könne, geredet wird*). So beschränkt sich der koranische Glaubensbegriff auf die Fest- hall ung des von Gott zum Geschenk gegebenen Glaubens ver- mittelst eines energischen Willensaktes.
Das Aufkommen der Glaubenspflicht hatte zunächst den Zweck, das Dogma von dem einen Gotte und allenfalls noch das vom zukünftigen Gerichtstage zum festen Besitz jedes Anhängers des Islams zu machen ; solches unterschied damals zur Genüge den Muslim vom Heiden.
Mit dem Eintritte in die medinische Wirkungssphäre wurde aber dem Propheten klar, daß zwischen seiner Religion und der (iottesgläubigkeit noch weite Unterschiede bestanden. Abgesehen von den Juden und Christen, die noch manche spezielleren Lehren ver- traten, machte sich auch in der Gemeinde der Muslime eine dop- pelte Religionsauffassung geltend: neben solche, die in keiner Weise von der Meinung des Propheten abzuweichen wagten, stellten sich andere, die nicht ganz auf das Recht verzichteten, sich selbst das Maß der religiösen Einzelheiten zurecht zu legen, und zwischen Vorschriften Gottes und Zuthaten seines Propheten einen Unterschied herausfanden 8 ). Gegen diese Partei, die der Koran im Gegensatze zu den Starkgläubigen (Mu’minün) die Schwachgläubigen oder Zweifler (Munäfiqün) nennt, führte Mo- hammed, um nur eine religiöse Meinung in den Reihen der Mus- lime herrschen zu lassen, die Fehde fort, die früher nur gegen die Ungläubigen gerichtet gewesen war. Gleich die erste Sure der medinischen Zeit eröffnet den Angriff gegen sie in folgen- der Weise:
2, 7—12. Mancher von den Leuten spricht: Wir glauben an Gott und den jüngsten Tag; allein sie glauben nicht.
‘) 13. 28. – ‘) 40, 85; 6, 159. – •) Vgl. 47, 28; 4, 149.
120
Mohammed.
Sie suchen Gott und die Gläubigen zu betrügen; doch sie betrügen nur sich selbst und merken es nicht.
In ihren Herzen ist Siechtum (Zweifel); so läßt sie Gott daran zunehmen, und eine schlimme Strafe erwartet sie dafür, daß sie lügen. —
Sagt man ihnen: »Richtet kein Unheil auf Erden an!” so sagen sie: Wir stiften Heil.
Nicht doch, nur Unheil ; aber sie wissen es nicht.
Sagt man ihnen: „Glaubet wie die Übrigen!” so sagen sie: .Sollen wir glauben wie die Thoren ? u Aber Thoren sind sie selbst und wissen es nicht.
Ihrem Schwanken zwischen Glauben und Unglauben ; gött- licher Leitung und eigener Bestimmung widmet der Koran einige seiner bezeichnendsten Gleichnisse :
2, 16 — 19. Sie sind wie Leute, die sich ein Feuer ange- zündet haben; da sein Glanz einmal das, was um sie herum war, bestrahlt hatte, nahm Gott ihr Licht hinweg und ließ sie im Fen- stern, so daß sie nichts sahen.
Taub, stumm und blind (sind sie); darum finden sie nicht den Rückweg.
Oder wie wenn ein Gewitter vom Himmel kommt mit Finsternis, Donner und Blitz. Sie stecken ihre Finger in die Ohren ob des Krachens in Todesangst; doch Gott umfaßt die Leugner.
Der Blitz raubt ihnen fast das Gesicht; so oft er ihnen leuchtet, gehen sie, und dunkelt es über ihnen, so stehen sie wieder. Wollte aber Gott, so nähme er ihnen ganz ihr Gehör und ihr Gesicht.
Als mit der Zeit diese Partei auch noch einen stark politi- schen Anstrich bekam, da sie in gleichem Maße, wie Mohammed den Islam zu verstaatlichen strebte, ihn in seine religiösen Gren- zen zurückzustauen trachtete, suchte ihr der Prophet mit zwei Mitteln entgegenzutreten. Dem religiösen Liberalismus begegnete er mit einem Credo von genauer bestimmten Einzelheiten :
2, 130 (= 3,78). Sprecht: Wir glauben an Gott und das, was uns geoffenbart ist, und was geoffenbart ist an Abraham, Ismael, Isak und Jakob und die Stammeshäupter, und was Mose empfan- gen hat und Jesus, und was die Propheten von ihrem Herrn em- pfingen, ohne daß wir zwischen einem unter ihnen eine Schei- dung machen, und wir ergeben uns in Gottes Willen.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen.
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Späterhin ward auch noch die Engellehre in das Dogma aufgenommen ! ). Um aber der Opposition gegen den Staats- begriff des Islams die Spitze abzubrechen, wurde allmälig die Idee des religiösen Glaubens in die eines allgemeinen Gehorsams gegen Gott und den Propheten hinübergespielt; dem Propheten ge- horchen wird als Kehrseite des Gottesglaubens hingestellt:
2, 285. Der Gesandte glaubt an das, was ihm sein Herr offenbart, und so sollen alle Gläubigen auch an Gott, seine Engel, seine Bücher und seine Gesandten glauben, ohne zwischen letztern eine Scheidung zu machen, und sollen sagen: »Wir hören und wir gehorchen.”
Dieser Gehorsam wird zuerst nach dem Siege von Bedr ge- fordert, wo es in betreff der Beute heißt : Gehorchet Gott und seinem Gesandten, wenn ihr gläubig sein wollt *). Er erfuhrt in der Folgezeit zwar eine kleine Abschwächung 8 ), dringt aber nach Verwindung der Niederlage bei Oljod mit doppelter Kraft wieder durch und wird an die Spitze aller religiösen Pflichten des Islams gesetzt, so daß der Koran einmal den übergetretenen Beduinen sagen kann :
49, 14. Der Glaube ist zwar noch nicht in eure Herzen ein- gegangen; doch wenn ihr Gott und seinen Gesandten gehorcht, so wird er euch von euren Werken nichts entziehen.
Damit war jetzt nicht nur für die Einzelpflichten, sondern auch für ihre beiden höchsten Kategorien „Glauben und die guten Werke thun” ein Oberbegriff gefunden, dessen Äußerlichkeit die gewaltige Geistesknechtung der Gemeinde während der medini- schnn Periode unwiderleglich charakterisiert.
Zweites Gebot.
A. Das Gebet.
Unter Gottesdienst verstand der Prophet während der mek- kanischen Periode nichts als die Verrichtung der Gott schuldigen Gebete. Vom Menschen, dem Geschöpfe und darum Sklaven Gottes, wurde ein sichtbares Zeichen seiner Dienstbarkeit verlangt ; es steht ihm kein anderes zu Gebote, als das Gebet, das sich darum im Islam unter einer Reihe von Formen giebt, die dem Zeremoniell gegenüber einem von Sklaven umgebenen Herrn
*) i, 135. – ») 8, 1. – ») U, 58.
122 Mohammed.
entnommen sind. Es besteht im unterwürfigen Stehen (qäma), im Beugen des Rückens (sallä), im Knieen (raqa’a), im Ausgestreckt- liegen (sa&ada) 1 ); und auch dort, wo die Ausdrücke nicht von Körperstellungen hergenommen sind, wie bei dem aus dem Ara- mäischen stammenden sabbaha (Preisen) und dakkara, Er- wähnung thuen, hat doch das so gestaltete Gebet nicht als frei- williges Opfer, sondern als schuldiger Tribut zu gelten. Erst in der Rahmaperiode ist vorübergehend von sittlichen Einwirkungen des Gebetes auf den Menschen die Rede:
29, 44. … Es hält das Gebet von Schändlichem und Schmäh- lichem ab.
Doch veräuüerlicht die medinische Zeit es wieder zu einer reiner« Demonstration vor den Augen Gottes.
Schon von Anfang an scheint das Beten nicht Privatsache gewesen zu sein, sondern eher einen gemeinschaftlichen Charakter als Anlaß zur Versammlung der Gemeinde gehabt zu haben. Der Tadel, den S. 107, 6 gegen das Beten vor den Augen der Leute richtet, beweist nichts dagegen ; denn unter der Öffentlichkeit kann hier sehr wohl die Heidenschaft allein verstanden sein. Jedenfalls mußte das Zusammenwohnen und Zusammenhandeln der Gemeinde in späterer Zeit die Abhaltung der täglichen Pflicht- gebete zu einem öffentlichen und gemeinschaftlichen Akte werden lassen, wobei, wenn eben möglich, der Prophet die Rolle des Gebetleiters spielte *). Auch stecken die koranischen Gebete so tief im Formelhaften und tragen so wenig Individuelles an sich, daß sie weit besser in den Mund einer Gebetsversammlung oder eines Vorbeters, als für den stillen Verkehr des Einzelnen mit Gott zu passen scheinen 9 ).
‘) Wie weit die Gemeinde in medinischer Zeit hierin ging, mag man aus 48, 29 folgern : „Infolge ihres im Liegen verrichteten Betens ist eine Marke auf ihren Gewehtem ! u
») Vgl. 4, 103.
») Man vergleiche das sogenannte Vaterunser des Islams, die erste Sure, ein Gebet von ziemlich dürftigem Inhalte, da» dem Lobpreise Gottes die Bitte um Leitung zur wahren Keligion anschließt :
Preis sei Allah, dein Herrn der Welten, – dem Erbarmer, dem Barm- herzigen, — dem Könige des Gerichtstages! — Dir dienen wir und dich rufen wir um Hülfe an : – Führe uns die grade Stnße. — die Straße derer, denen du Gnade zukommen läßt, auf die du nicht zürnest und die nicht in die Irre gehen!
Pfl ich tenlehrc. Die Pflichten im besonderen.
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Das Formelhafte des Gebetes wird erhöht durch eine Reihe von äußerlichen Anordnungen. So wird betreffs der Tonstärke der Stimme festgesetzt:
17, 110. Mache dein Gebet weder zu laut noch zu leise, sondern wähle die Mittelstraße
Weiter ist das Gebet von jeher an bestimmte Tageszeiten gebunden gewesen $ ) ; diese waren während der mekkanischen Periode Morgendämmerung, Sonnenuntergang und Nacht:
50, 38—39. Ertrage in Geduld, was sie sagen, und preise . deinen Herrn vor Aufgang der Sonne und vor ihrem Untergange — und preise ihn in der Nacht.
11, 116. Verrichte das Gebet an den beiden Tagesgrenzen und während eines Teils der Nacht 3 ).
Von diesen drei Pflichtgebeten durften die zwei ersten weder verschoben noch abgekürzt werden, das Nachtgebet aber war wie im Spätjudentume 4 ) an weniger strenge Gesetze gebunden:
73, 1—4. 0 du in Decken Eingehüllter! — Durchwache die Nacht bis auf ein Kleines, — etwa die Hälfte oder darunter — oder auch darüber und rezitiere den Koran.
Die Festsetzung der drei Gebetszeiten lehnt sich deutlich an die drei Pflichtgebete der Juden, vielleicht auch an die bei den christlichen Mönchen üblichen Hören an. In Medina erfolgte eine Umges(altung und Erweiterung des früheren Gebetsritus. Das Nachtgebet, ehemals als Probe eines guten Gläubigen ge-
Inniger klingt die Bitte, mit der die zweite Sure endigt: Herr, straf uns nicht, wenn wir vergaßen oder fehlten; Herr, leg* uns nicht eine Bürde auf, wie du sie denen vor uns aufgelegt hast ; Herr, laß uns nicht tragen, was wir nicht vermögen, und vergieb und verzeihe uns und erbarme dich Ober uns! Denn du bist unser Schutzherr. Darum hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen !
Nicht für die gemeinschaftlichen Gebetsübungen, sondern für den Privat- gebrauch scheinen die 2 Stoßgebete zur Abwehr des Bösen (S. 113 und 114) bestimmt, deren letztes so lautet: Ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Menschen, – dem Könige der Menschen, – dem Gotte der Menschen — vor dem Übel des Einbläsers, des Schleichers. — der einbläst in das Herz der Menschen, — (und) vor den Genien und Menschen.
) Nachahmung einer jüdischen Vorschrift, vgl. Geiger, Was hat Moh. u. s. w. S. 89.
“) Es ist ein „KitÄb mauqüt”, vgl. 4, 104.
■) Vgl. auch 20, 130; 17, 80 f.
«j Vgl. Traktat Berachöth 1,1.
124 Mohammed.
priesen ! ), ward jetzt, um der Gemeinde von Kriegern den Genuß des Schlafes nicht zu rauben, bedeutend verkürzt:
72, 20. Es weiß dein Herr, daß du bald fast zwei Drittel, bald die Hälfte, bald ein Drittel der Nacht durchwachst, desglei- chen auch eine Anzahl deiner Genossen ; da Allah die Nacht und den Tag mißt, so weiß er, daß ihr es nicht berechnen könnt und verzeiht es euch. So rezitiert nur einen Korantext. Er weiß auch, daß unter euch Kranke sein werden und Reisende, die von Gottes Gnadenfülle Erwerb suchen, und andere, die für Gottes Sache kämpfen ; so rezitiert den Koran, verrichtet das Gebet u. s. w. Ein neues Gebet wurde ferner in die Tagesmitte eingeschoben : 2, 239. Verrichte sorgfältig die (früheren) Gebete, dazu auch das mittlere.
Ob auch das fünfte der später üblichen Pflichtgebete schon von Mohammed eingerichtet worden ist, läßt sich aus dem Koran nicht beweisen *). Ohne Zweifel werden jedoch manche der jetzt bestehenden kleineren Gebetsgebräuche auch auf Anordnungen Mo- hammeds zurückgehen, wenn auch der Koran sie nicht ausdrück- lich erwähnt ; giebt er sich doch mit Ritualbestimmungen mei- stens nur da ab, wo früher gepflegte Gebräuche modifiziert wer- den sollen. Deshalb erfahren wir aus ihm einiges über die Qibla d. h. die Richtung, nach welcher der Betende sich zu wenden hat. Mohammed hatte eine Zeitlang, vielleicht schon in Mekka, die Seinigen angehalten, nach der Sitte der Juden beim Beten das Gesicht gen Jerusalem zu richten. Politische Gründe be- stimmten ihn aber im Jahre 2 der Flucht, den Gläubigen die Qibla nach Mekka aufzuerlegen, und läßt darum Gott im Koran sprechen :
2, 139 (u. fast wörtlich noch v. 144 u. 145). Wir sehen, wie dein Gesicht am Himmel hin und her irrt; so wollen wir dich zu einer Qibla weisen, die dir wohlgefällt: Wende dein Antlitz hin zum heiligen Gebetshause, und wo immer ihr seid, wendet euer Gesicht dorthin.
Als eine medinische neue Bestimmung muß auch das Wa- schen vor jedem Gebete angesehen werden, ein Zug, der in Ver-
‘) Vgl. 61, 17.
*) Eine Hypothese über seine Entstehung siehe Mohammed, Bd. I, S. M, Anm. 5.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen. 125
bindung mit der Lehre vom rituell Reinen und Unreinen dem Judentum entlehnt ist. Noch geraume Zeit nach der Ohodschlacht wurden religiöse Waschungen nur in Ausnahmefällen vorgenommen :
4, 46. Ihr Gläubigen, nahet nicht dem Gebete in trunkenem Zustande damit ihr wisset, was ihr sprecht, auch nicht be- fleckt, es sei denn auf der Reise, bevor ihr euch gewaschen habt.
Später aber erweitert Mohammed das Gebot der Waschung nach der Pollution zu einer allgemeinen vor jedem Gebete zu verrichtenden Pflicht:
5, 8 — 9. Ihr Gläubigen, wenn ihr zum Gebete euch erhebt, so wascht euer Gesicht und eure Arme bis an die Ellenbogen und reibt euren Kopf und eure Füße bis zu den Knöcheln.
Ein Zusatz, wonach in Fällen, wo kein Wasser zur Stelle ist, die Abreibung mit feinem Sande vorgenommen werden soll, fin- det sich ebenso im spätjüdischen Ritus.
Einen weiteren Nachtrag zur Gebetspflicht bildet die Bestim- mung, daß an einem bestimmten Tage der Woche, dem Freitage, sich die ganze Gemeinde zum Beten und Anhören einer Predigt in der Moschee versammeln solle :
62, 9. Ihr Gläubigen, wenn am Freitage zum Gebete geru- fen wird, so beeilt euch, das Gedächtnis Gottes zu feiern und laßt den Handel; jenes ist euch besser, wenn ihr es wissen wollt.
Erst das Gefühl vollständiger religiöser Unabhängigkeit konnte eine solche Demonstration schaffen ; deshalb ist kein Grund vor- handen, ihr Vorhandensein schon für die Periode der Unfreiheit in Mekka anzusetzen, um so mehr, als der Koran nichts davon erwähnt. Im Übrigen ähnelt der mohammedanische Freitag nur sehr wenig dem Sabbat der Juden oder dem Sonntag der Christen. Die Bedeutung eines Ruhetages geht ihm vollständig ab *), und Mohammed bezeichnet die Sabbatruhe ausdrücklich als eine Einrichtung für Juden und Christen:
16, 125. Die Sabbatruhe ist nur für jene gemacht, welche in betreff ihrer (d. i. ihres Tages) uneins sind; dein Herr aber entscheidet zwischen ihnen am Tage der Auferstehung hinsichtlich ihres Streitpunktes.
‘) Nachahmung einer jüdischen Vorschrift, vgl. Wünsche, Babyl. Talm. 1,202.
*) Vgl. 62, 10. Wenn das Gebet zu Ende ist, so zerstreut euch über die Erde hin und suchet vom Überflüsse Gottes euren Teil d. h. geht euren ge- wohnten Beschäftigungen nach.
126 Mohammed.
Deshalb räumt er auch in seiner Nachahmung des Dekalogs in höchst auffälliger Weise dem Sabbatgebote gar keine Stelle ein. Wenn er trotzdem von zwei Gottesgerichten erzählt, die auf Sabbatschänder herabgekommen seien, indem die einen in Affen verwandelt 1 ), die anderen mit Entziehung der sonst regelmäßig ihnen zuschwimmenden Fische bestraft wurden »), so sollen diese Vorhaltungen nur das gesetzeswidrige Treiben der Juden be- leuchten, nicht aber den Gläubigen zu warnendem Beispiel dienen.
B. Wallfahrt und Opfer.
Aus verschiedenen mekkanischen Suren und Traditions- berichten geht mit Gewißheit hervor, daß Mohammed seit seinem Auftritte als Prediger das uralte Heiligtum von Mekka nicht als heidnischen Tempel, sondern als Stätte der wahren Gottesver- ehrung betrachtete und darum keinen Anstand nahm, bei ihm seine Andacht zu verrichten und die Seinigen zum Besuche an- zuspornen. Diese auffällige Thatsache erklärt sich, wie schon früher bemerkt wurde, aus der Idee, daß, wie einstmals alle Men- schen Monotheisten gewesen seien, auch alle Gotteshäuser im . Dienste Allahs gestanden hätten:
72, 18. Die Bethäuser sind Allahs; so rufet (in ihnen) neben Allah keinen anderen Gott an.
Daß der Prophet dieser Ansicht bis zu seinem Ende treu geblieben ist, geht aus der spätesten Sure hervor:
9, 17 f. Nicht ziemt es den Götzendienern, der Bethäuser 3 ) Allahs zu pflegen, da sie gegen sich selbst ihren Unglauben be- zeugen; es sind darum ihre Werke tot, und sie selbst werden ewig in der Hölle weilen.
Der Bethäuser Allahs soll nur der pflegen, wer an ihn und den jüngsten Tag glaubt, das Gebet verrichtet, Almosen giebt und nichts fürchtet außer Gott.
Die Bestätigung für unsere Ansicht liefert die Geschichte der Kriegszüge Mohammeds. Nirgends wurden von ihm auf seinem Siegeslaufe durch Arabien Heidentempel zerstört 4 ), während die
‘) 2, 61 (wohl auch 7, 1«6). *) 7, 163.
*) Der Ausdruck bezieht sich auf alle Tempel, nicht auf die mekka- tiische Moschee allein.
4 ) Nur HAlid erlaubte sich in seiner Rohheit den Tempel der el-‘Ozza in Nahja zu zerstören.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen. 127
Bilder der Götzen überall, wo man ihrer habhaft wurde, der Ver- nichtung anheim fielen; auch kein Brief, worin unterworfenen Stämmen die Bedingungen des Islams diktiert werden, spricht mit einer Zeile von der Zerstörung ihrer alten Heiligtümer. Es hielt eben Allah von neuem seinen Einzug in die früher ihm geraubten Stätten.
Aber mit der Meinung, daß alle Tempel ursprünglich Stätten der wahren Gottesverehrung seien, war in der mekkanischen Pe- riode nicht auch die andere verbunden, daß alle Tempelgebräuche dem Dienste Allahs anständen; dadurch wäre zu vieles, was den Islam prinzipiell vom Heidentume trennte, erschüttert wor- den. Der heidnische Araber sah den Schwerpunkt der Re- ligion in dem äußerlichen Tempeldienst, der vornehmlich im Schlachten (dabh) von Opfertieren, Bestreichen der heiligen Steine mit ihrem Blute ; ma.-h) und dem feierlichen Reigen rings um das Heiligtum (tawäf oder saj) bestand. Wichtigere Kultstätten hatten ihre Feste, wobei aus den genannten Gebräuchen ein fest- stehendes Zeremoniell gebildet worden war. Für Mittelarabien war das Fest (el-fcagg), das in der zweiten Woche des Monats Pu-l-$ig£a in der Ebene von ‘Arafa unweit Mekka gefeiert wurde, ein Ereignis von großer religiöser und kommerzieller Bedeutung; doch auch die Ka’ba von Mekka zog zumal in den vier heiligen Monaten zahlreiche Pilger zur ‘Omra d. h. Besuchung an. Der Geschäftssinn der Qoraischiten hatte zu Mohammeds Zeit zwischen Ha£g und ‘Omra eine Verbindung hergestellt, die zur Folge hatte, daß die ursprüngliche Verschiedenheit der beiden Feiern sich mehr und mehr verwischte.
Da der Koran in seinem mekkanischen Bestandteile dieser Feste und ihrer Gebräuche keine Erwähnung thut, so darf man schließen, daß der Prophet sie zum mindesten für überflüssig ge- halten habe. Nur in der ältesten Zeit gebraucht er einen Aus- druck, der dem Schlachtopfer den Charakter einer rituellen Hand- lung zu geben scheint:
108, 1—3. Fürwahr, wir gaben dir Vermehrung; — so bete zu deinem Herrn und schlachte! — Dein Hasser aber wird kinderlos sein.
Ob hiermit aber das Tempelopfer oder jedes andere Schlachten, das seinen ursprünglichen Sinn als Opfer bei den Arabern nie ganz verloren hatte, gemeint ist, läßt die abgebrochene Form der Sure nicht erkennen.
128 Mohammed.
Erst die Kriegspolitik des Propheten in medinischer Zeit beschenkte den Islam mit der zweifelhaften Bereicherung von offiziellen Wallfahrts- und Opfergebräuchen. Der Zustand der Ruhe und Sicherheit, den die Gemeinde durch die Übersiedelung nach Medina erlangt hatte, erweckte in Mohammed die Sorge, daß ein Kriegszug gegen die von ihm gehaßte Stadt Mekka nicht populär sein würde, und bestimmte ihn, durch künstliche Mittel das Verlangen nach dem Wiederbetreten der kaum verlassenen Stätten hervorzurufen. Deshalb appellierte er an das stärkste Gefühl, das in seiner Gemeinde lebte, das religiöse, indem er die Ka’ba als das vorzüglichste Heiligtum Allahs hinstellte und ihr sowie den Bräuchen von Hagg und Omra durch eine kluge Fiktion die Weihe des Verehrungswürdigen erteilte. Er läßt den Patri- archen Abraham auf Gottes Geheiß bei der Ka ba seinen Wohn- sitz nehmen und dort als ersten Festleiter auftreten:
22, 27—31. (Gott spricht): Geselle mir hier nichts abgöttisch bei nnd reinige mein Haus für die, welche es umgehen, betend bei ihm stehen, sich beugen und niederwerfen;
Und verkündige unter den Menschen die Wallfahrt (ha&g), daß sie zu dir herkommen zu Fuße und auf schlanken Kamelen, hervor aus den tiefen Felsschluchten,
Damit sie ihren Vorteil hier besorgen und den Namen Gottes aussprechen an bestimmten Tagen über dem, was wir ihnen an Vieh zur Nutzung geben: Esset davon und speiset auch den Elenden und Bettler !
Sodann auch, daß sie den Zustand ihrer Unreinheit beenden, ihre Gelübde einlösen und das uralte Gebetshaus umwallen.
Also sei es; wer aber die heiligen Gebräuche Allahs ehrt, für den wird es bei seinem Herrn ein Verdienst sein. Erlaubt ist euch aber alles Vieh, ausgenommen solches, das euch durch die Offenbarung verboten ist »). Doch meidet den Greuel der Götzen- bilder und trügerische Rede!
Damit war außer der Verehrung der Götzenbilder und den früheren Gebetsformeln alles, was dem heidnischen Pilger in Mekka Pflicht gewesen war, dem Kultus des Islams angehängt.
‘) D. h. verendetes Vieh, Schweine und alles, bei dessen Tfitung der Name eines anderen Gottes ausgesprochen war.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen. 129
Nach dieser allgemeinen Freigebung der altheidnischen Ge- bräuche erfolgten noch verschiedene Einschränkungen und Er- weiterungen. Während unter den Opfern ausdrücklich die ge- mästeten Opferkameele (badana) als Allahs würdig bezeichnet wurden erging ein bestimmtes Verbot gegen die früher den Tempeln zugehörigen Kamele und Hengste 5 ). Erweitert wurde der Umfang des heiligen Gebietes durch Freigebung des Tawäfs um die zwei kleinen raekkanisclien Heiligtümer «?afä und Marwa 9 ), und endlich auch von der Zeremonie am Berge “Arafa*).
War so, längst bevor ein xVluslim’die heiligen Stätten wieder zu betreten wagen konnte, die religiöse Weihe über sie ausge- gossen, so holte die folgende Zeit, als Mekka für den Islam wie- dergewonnen war, noch manche Kleinigkeiten an Wallfahrts- verordnungen nach, z. B. das Verbot der Jagd und die Erlaubnis des Fischfanges 5 ).
Als obligatorische Pflichten haben allerdings alle dem Hei- dentume nachträglich entlehnten Gebräuche nicht zu gelten; Gott hat sie aus Gnade den Gläubigen freigegeben 6 ), damit sie sich auch durch Befolgung des geratenen Guten (tatawwa’) Verdienste erwürben 7 ). Doch der Umstand, daß der Prophet selbst von der göttlichen Erlaubnis in Bezug auf ‘Omra und Hag£ Gebrauch machte, genügte, um später strengen Gläubigen eine einmalige Pil- gerfahrt nach Mekka als religiöse Pflicht erscheinen zu lassen.
Eine ablehnende Stellung nimmt Mohammed gegenüber der heidnischen Unterscheidung von Geweihtem, das dem profanen Gebrauche entzogen war (harum), und Erlaubtem (baläl) ein. Schon gegen Ende der mekkanischen Zeit spricht er sich ganz allgemein hiergegen aus :
10, 60 f. Was hallet ihr von dem, was Gott euch an Nah- rungsmitteln herabsendet, wobei ihr Geweihtes und Erlaubtes an«
•) 22, 37. — ») 5, 102.
‘) 2, 153. fawaf muß hier wohl als Umgang genommen wer Jen, nicht, ie die tjäteie Sitte es forderte, als Lauf zwischen beiden Stätten, d<i in die- sem Falle statt bihimä bainahutuä gesagt werden müßte. *) 2, 192. – •) 5, 1, 96 f.
«) Vgl. 22, 38: Auf diese Weise haben wir sie euch unterworfen (d. i. in euern Dienst gestellt), auf daß ihr Gott für eure Hecbtleitung preisen möget ‘) Vgl. 21, 27; 2, 91. 153.
Grimm«, Mohammed II. 9
Mohammed.
terscheidel? Sprich! Hat Gott euch solches erlaubt oder dichtet ihr es Gott nur an ?
Was bedeutet aber Mutmaßung derer, die auf Gott Lügen ersinnen, am Tage der Auferstehung? Nein, Gott ist voll Gnade gegen die Menschen, aber die meisten danken ihm nicht 1 ).
Sodann erwähnt Sure 6, gewissermaßen ein Abschiedswort an die Mekkaner vor der Flucht nach Medina, in Vers 187 bis 145 eine Reihe von Einzelheiten, wobei die Widersinnigkeit dieser heidnischen Begriffe gegeißelt und der Schluß gerechtfertigt wer- den soll, daß sie Erfindungen von Menschen seien, um Unwis- sende irre zu führen. Die Besprechung der arabischen Gebräuche führt den Propheten dann dazu, die verwandten jüdischen Begriffe von rituell Reinem und Unreinem *) als göttlichen Ursprungs anzuerkennen, ohne jedoch seine Gemeinde an sie zu binden, da sie eine Strafe für die Vergehen Israels darstellten a ). Zwischen beide von ihm bekämpften Meinungen stellt er aber die, welche für seine Anhänger Gültigkeit haben solle:
6, 146. Sprich: Nicht finde ich in dem, was mir geoffenbart wurde, daß etwas dem Genüsse verboten sein soll, außer es wäre verendetes Vieh oder ausgeschüttetes Blut oder Schweinefleisch, (denn solches ist Unreinigkeit) oder Lästerliches, was einem an- deren als Allah zu Ehren geschlachtet wurde; wer aber ohne eigene Lust oder Übertretung dazu gezwungen wird, dem wird Gott verzeihen und sich barmherzig erweisen.
Zu dieser Verordnung setzt die medinische Zeit nur weniges hinzu : der Begriff Verendetes wird in Sure 5, 4 genauer definiert als Ersticktes, zu Boden Geschlagenes, zu Tode Gefallenes, durch die Hörner eines andern Tieres Getötetes und von wilden Tieren Zerrissenes, außer wenn eine rituelle Schlachtung unter Anrufung
‘) Im Anschlüsse an die Aufhebung der Unterscheidung vun Geweihtem und Profanein wird auch die Gewohnheit unterdruckt, sich unbekleidet den Heiligtümern zu nahen, vgl. 7. 29 f.
*) Vgl. Smend, Lehrbuch der alttest. Religionsgeschichte, S. .’J.’l4: Rein- heit erscheint im Gesetz vielfach als Vorbedingung der Heiligkeit. Aber auch Reinheit bedeutet ursprünglich die Freiheit von Beziehungen zu übersinnlichen Potenzen, die man meiden will und die auch der Gott von sich stoßt, dem man dient.
•j «, 147 ; 4, 1Ö8.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen.
131
des Namens Gottes vorher noch erfolgen konnte; für die Zeit der Wallfahrt, während welcher nach altheidnischer Sitte der Pilger sich im Zustande der Weihe (Ihram) befand, wird auch der Genuß von Wildpret untersagt *).
C. Beobachtung der helligen Monate und den Fastens.
Im altmekkanischen Sonnenjahre gab es vier Monate Du-1- Qa’da, Du-1-Hi££a, Moharram und Ragab, d. i. den elften, zwölf- ten, ersten und siebenten Monat, während deren jede Fehde schwieg, die Blutrache aufgeschoben wurde und Gelegenheit zu friedlicher Annäherung von sonst getrennt lebenden Stämmen vorhanden war. Ihren heiligen Charakter verdankten sie ur- sprünglich bestimmten Tempelfesten, deren Feier in diese Jahres- zeiten fiel und Veranlassung zu Jahrmärkten und sonstigen Ver- sammlungen gab. Da die Araber es aber nicht verstanden, Jahr und Monate in ein richtiges Verhältnis zu einander zu setzen, so waren starke Verschiebungen der Monate aus ihrer ursprüng- lichen Jahreszeit eingetreten, und die ungeschickte Einfügung eines Schaltmonats hatte nur dazu geführt, data die natürliche Ordnung der Zeiten sich noch mehr verwirrte. Dieser Zustand der Jahreseinteilung forderte dringend eine Regelung heraus.
So lange Mohammed nur religiöse Zwecke verfolgte, lictä ihn die Jahresordnung gleichgültig 8 ); die heiligen Monate hatten keine innere Bedeutung für ihn, da er noch keine Feste in seinen Kultus eingesetzt hatte, und dieser Gleichgültigkeit gab er noch von Medina aus den deutlichsten Ausdruck, indem er einmal einen Beutezug im Monat Ragab anordnete Ä ). Erst durch Übernahme des mekkanisjhen Festes in den Ritus bekam einer der heiligen Monate, Du-l-Hig&a, von neuem Geltung, wodurch die Institution von heiligen Monaten überhaupt eine Stütze er- hielt. Als daher das Interesse der islamischen Staatseinrichtungen im Jahre 9 der Fl. den Propheten bewog, die Irrtümer der bis-
4 ) 5, L
*) Daß Mohammed noch in spätmekkanischer 7. \ sich nach dem Sonnenjahre richtete, beweist u. a. 17, 13 : Wir haben Tag und Nacht als zwei Mitteilungen eingesetzt: so lassen wir bald die der Nacht verschwinden und machen die des Tages sichtbar . . . damit ihr die Zahl der Jahre und die Zeitrechnung kennt.
•) Vgl. Bd. I, S. 83.
132 Mohammed.
herigen Jahresrechnung durch Proklamirung des reinen Mond- jahres ohne Schaltmonat zu korrigieren — ein Unternehmen, das im Verlaufe der Zeit die orientalische Chronologie zu einer der allerverwickeltsten gemacht hat — da versuchte er auch die Einrich- tung aller vier heiligen Monate zu retten und bezeichnete sie als von Gott eingesetzt 1 ); da er aber das, was ehemals ihre Heilig- keit ausmachte, das Kampfverbot, nicht aufrecht hielt son- dern in ihnen nur die Beobachtung eines moralischen Wandels verlangte, so waren sie doch für die Folgezeit so gut wie abgeschafft.
Kann mithin die Hochhaltung der heiligen Monate kaum unter die Pflichten des Muslims gegen Gott gezählt werden, so wurden auf den Gläubigen während des ehemals durch nichts ausge- zeichneten Monats Ramaclän schwere Pflichten gehäuft, die des Fastens. In Mekka war dem Propheten das Fasten nur eine ge- lehrte Reminiszenz aus dem Judentume gewesen *) ; in Medina aber räumte er ihm einer» Platz im Kult des Islams ein. Die diesbezügliche Bestimmung wurde dem Koran wahrscheinlich um die Mitte des Jahres 2 der Flucht eingefügt:
2, 179 — 81. O ihr Gläubigen, das Fasten ist euch wie ehe- mals euern Vorgängern geboten.
Eine Reihe von Tagen (sollt ihr fasten); wer von euch aber krank oder auf Reisen ist, der soll die gleiche Anzahl Tage nach- fasten, und wer es vermag, auch einen Armen speisen; will einer sich letzteres freiwillig auferlegen, so wird es ihm verdienstreich sein; aber auch euer Fasten allein ist schon etwas Ver- dienstliches —
Da der Monat Ramadan derjenige ist, worin der Koran als Leitung für die Menschen als Beweis für die Recht leitung und als Abschnitt des göttlichen Buches herabgesandt worden ist, so soll jeder von euch, der zu Hause weilt, darin fasten ; wer aber krank oder auf Reisen ist, soll die gleiche Zahl von Tagen nachfasten.
Alle Wahrscheinlichkeit spricht nun dafür, daß der Prophet unter den , Vorgängern” der Gläubigen hier die Christen verstan- den hat und nicht die Juden. Bei diesen war die Pflicht des Fastens auf einen einzigen Tag des Jahres, den grolien Versöh- nungstag, beschränkt, an dem jedoch die strengste Enthaltung
») », 86. – ») Vgl. 1», 29.
I
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen.
133
von Speise und Trank, von Waschen und Salben, von Schuh- tragen und Beischlaf während 24 Stunden gefordert wurde. Die beiden Hauptmomente des judischen Fastens, Kürze der Zeit- dauer und Strenge der Enthaltung, vermißt man durchaus in Mo- hammeds Vorschrift. Die festgesetzte Dauer von einem Monate gleicht aber zu sehr den 36 Tagen welche die Christenheit des Orients damals dem Fasten widmete, um nicht als eine verein- fachte Nachahmung derselben zu erscheinen. Innerhalb dieser Zeit bestand das christliche Fasten in der Enthaltung von Speise und Trank am Tage, während bei Anbruch der Nacht eine Sättigung erlaubt war. Auch für den Islam galt dasselbe; nur läßt es sich nicht ausmachen, ob von Anfang an schon die ganze Nacht für den Genuß von Nahrungsmitteln freigegeben wurde. Daß endlich das mohammedanische Fasten dem Anden- ken an die Herabkunft der Offenbarung an den Propheten gelten solle, mag auch Nachahmung der christlichen Anschauungsweise sein, wonach die Fastenzeit dem Andenken an die Vorbereitung Christi zum Lehramte gewidmet ist.
Zu dieser ersten Fastenverordnung des Islams*) giebt Vers 183 offenbar eine spätere Zusatzbestimmung. In der Ge- meinde mußte wohl in Folge jüdischer Beeinflussung Meinungs- verschiedenheit entstanden sein darüber, ob der Fastende sich auch des Beischlafs zu enthalten habe. Solches verneint der Prophet und bezeichnet die strengere Auflassung als einen aller- dings verzeihlichen Selbstbetrug. Zugleich scheint er erst jetzt die einmalige abendliche Sätligung zur Freiheit, während der ganzen Nacht Speise zu sich zu nehmen, ausgedehnt zu haben.
Eine geistige Seite hat Mohammed dem Fastenbegriff nicht ab- zugewinnen vermocht, so daß er ganz außerhalb der Ideen der
M In Constantinopel und Antiochien waren es 7 Wochen, wovon jeder Samstag (außer dein Charsamstag) und Sonntag angerechnet wurden, in Alexandrien und Jerusalem *i Wochen ausschließlich der Sonntage, vgl. Du- chesne, Origines du culte chretien, S. 233 f.
*) Daß Vers 179—81 mehrere zeitlich verschiedene Stadien der Fasten- gesetzgebung enthalten, wie ich mit Sprenger Bd. L S. 56 angenommen habe, ist mir jetzt unwahrscheinlich ; denn auch der letzte dieser Verse ist nicht über das Jahr 2 hinaus zu datieren. Das beweist der Umstand, daß unter den vom Fasten Ausgenommenen nur Kranke und Reisende, aber noch nicht die Glaubenskämpfer genannt werden, die in späteren Dispensen ausdrücklich mitfigurieren, vgl. 73, 2U.
134
Mohammed.
Rechtfertigungslehre steht. Nur zu sehr bedeutete die Zeit seiner Entstehung schon die der Ideenlosigkeit in Glaubenssachen. Ge- schaffen, um zur Probe des Gehorsams zu dienen, wurde das Fasten auch weiterhin als bequemes Strafmittel für Vergehungen gegen Ritus und Recht angewandt, so daß z. B., wer eine ver- botene heidnische Formel bei der Ehescheidung anwandte, zwei Monate ‘), wer einen Gläubigen aus Versehen tötete, ebenfalls zwei Monate *), wer falsch schwor, drei Tage 8 ) zu fasten hatte, Strafen, wozu wiederum die christliche Bußpraxis ähnliche Fälle aufweist.
I). Der Glaubenskrieg.
Am spätesten trat in den Kreis der von Gott verlangten Flüchten diejenige ein, worin der Islam sich zwar am meisten original zeigt, aber auch am weitesten vom Begriffe Religion ab- schweift : die Forderung des Kampfes gegen die Ungläubigen, die Heiligung des Krieges als Gottesdienst. Der Weg zu diesem Ge- danken ging erst von Medina aus. Mit dem Eintritte in diese Stadt begann der Prophet den religiösen Zwang sich zur Norm zu machen, den die mekkanische Periode als unnötig und un- würdig hingestellt hatte und auch die erste medinische Sure mit Heuchlermiene noch verleugnet 4 ). Er ließ ihn zuerst die heidnischen Stadtbewohner fühlen, bis sie dem Namen nach fast alle zu Muslimen wurden, verfolgte mit ihnen die Juden und Christen und suchte sich dann weitere Opfer im heidnischen Arabien. Aus dieser Intoleranz, verbunden mit dem persönlichen Rachebedürfnisse des Propheten gegen Mekka entsprang sodann die religiöse Mißgeburt des Glaubenskampfes (Gihad) 5 ). Es kam Mohammed hierbei gut zu statten, daß er in seinen Ansichten über Rächen und Vergeben nie ganz den Araber verleugnet hatte. Vergeltung des Bösen mit Bösem im gleichen Maße war von ihm in Mekka als gutes Recht hingestellt:
42, 38. Vergeltung für etwas Übles sei das Üble in glei- chem Maße.
lft, 127. Wenn ihr Rache ausübt, so thut es in dem Maße, wie man es euch vorgegeben hat.
i) 58, 5. — «) 4, 94. – ») 5, 91. – •) 2, 2bl. •) Alttestamentliche Ansätze zum Gotteskriege, z. B. bei JoH, cap. 4, 0 werden ilim kaum bekannt gewesen sein.
Pflichtenlehre. !>ie Pflichten im besonderen. 136
Dabei hielt er jedoch die heidnische Pflicht zur Hache nicht aufrecht und fügte an die Racheerlaubnis beide Mal einen Zusatz an, der Verzeihung und Nachsicht als ein Verdienst bei Gott hinstellt. In rnedinischer Zeit that er jedoch alles, um diese Nachsätze wieder zu entkräften. Durch andauerndes Reizen trug er in die Gemeinde der Fluchtgenossen die Überzeugung, daß sie von den Mekkanern zu schwer gekränkt seien, um anders als durch thatsächliche Rache in Gestalt des Kampfes gegen sie zu reagieren:
22, 40 f. Erlaubnis zum Kampfe ist denen erteilt . . ., welche aus ihrer Heimat vertrieben sind einzig deshalb, weil sie sagten, unser Herr ist Allah . . .
Da aber durch diese Motivierung nur die Fluchtgenossen, nicht auch die Mediner in Harnisch zu bringen waren, so wurde weiter die Beleidigung von Gemeindemitgliedern zu einer Beleidi- gung Gottes und des Propheten gestempelt, da das Heidenthum ein dauerndes Ärgernis darstelle, das die Rache Gottes und eines jeden, der religiösen Eifer besäße, herausfordere. Jetzt tauchte zuerst die berüchtigte Phrase auf: Auf Gottes Wege, d. i. für seine Religion kämpfen, womit sein Pflichtcharakter ange- bahnt wird :
2, 186, 87 u. 89. Kämpfet auf Gottes Wege gegen die, welche euch bekämpfen, ohne jedoch damit zu beginnen ; denn Gott liebt solche nicht.
Und tötet sie, wo ihr sie findet; verjagt sie, von wo sie euch verjagt haben ; denn schlimmer als Tötung ist Ärgernis in der Religion . . .
Und bekämpft sie, bis kein Ärgernis mehr besteht, und ihr Gottesdienst nur Allah gilt . . .
Die Einschränkung, daß die Gemeinde nicht selbst den An- fang zum heiligen Kampfe machen solle, wurde dem Propheten wohl weniger durch religiöse Bedenken, als durch politische Vor- sicht vorgeschrieben; denn er wußte sich der Hülfe seiner medi- nischen Gläubigen nicht sicher, wenn er ihnen die Offensive be- fahl, da sie vertragsmäßig nur dann zur Schilderhebung ver- pflichtet waren, falls Medina von Feinden bedroht wäre *). Als aber auf Mohammeds Kriegsreizungen hin der erste Auszug der
«) Vgl. Od. I. S. 81.
136 Mohammed.
Mekkaner erfolgte, und die Mediner halb gegen ihren Willen zur Teilnahme an der Schlacht und dem Siege bei Bedr veran- laßt worden waren, da fiel die Klausel : Beginnt nicht selbst den Kampf.
Jetzt gießt der Koran alle seine Segenswünsche und Lohn- verheißungen über die kämpfende Gemeinde aus, und besonders als Schade und Schande der Niederlage von Ohod beschönigt werden mußten, erhebt er die Verdienstlichkeit des Glaubens- kampfes über alles, was der Mensch je für Gott leisten könne :
4, 97. Nicht gleich stehen unter den Gläubigen die Zurück- bleibenden (Schadhafte ausgenommen), und die auf Gottes Wege arbeiten mit ihrem Gut und Blut. Diese hat Gott über die Zu- rückbleibenden um eirte Stufe erhöht ; ob Gott gleich Allen das Schönste verheißen hat, so begnadigt er doch die Kämpfenden gegenüber den Zurückbleibenden mit größerem Lohne.
Vollends der Tod im Glaubenskampfe bedeutet ein so hohes Verdienst, daß dadurch alle Sünden des Erdenlebens bedeckt und die ewige Seligkeit gewährleistet wird :
3, 151 f. Werdet ihr auf Gottes Wege getötet und sterbt ihr für ihn, so gereicht das zur Verzeihung bei Gott und zur Gnade in höherem Maße als alles, was ihr sonst sammelt.
Sterbt ihr oder werdet ihr getötet, dann werdet ihr zu neuem Leben bei Gott gelangen.
Sodann wird nach den Anempfehlungen des Kampfes auch das entscheidende Wort seiner Pllichtmäßigkeit gesprochen — wahrscheinlich zu einer Zeit, da die großen Kriegserfolge des Is- lams schon begonnen hatten:
2, 212 f. Vorschrift ist für euch der Kampf, auch wenn er euch Widerwillen einflößt!
Denn gar leicht äußert ihr euren Widerwillen gegen etwas das euch gut ist, und zieht solches vor, das euch zum Bösen ge- reicht: Gott weiß das Rechte, ihr jedoch wißt es nicht.
In der spätesten Sure l ) erscheint die Kampfespflicht schon so bindend, daß den Kriegsunlustigen Gottes Strafe angedroht und die Aussicht gegeben wird, ihrer bevorzugten Stellung unter den Völkern verlustig zu gehen. Auch wird jetzt das Ziel der frü- heren Kämpfe, die ungläubigen Mekkaner, nach ihrer Niederwer-
•) 9, 39.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen. 187
fung und Bekehrung auf weitere Kreise ausgedehnt und der Angriff auf alle Ungläubigen in der Nachbarschaft des Islams gepredigt:
9, 124. Ihr Gläubigen, bekämpft die euch Benachbarten von den Ungläubigen, daß sie Strenge bei euch finden mögen !
Nachdem Mohammed das Prinzip der Kampfespflicht bei den Seinigen genügend betont hatte, erteilte er später im Interesse der Fortentwicklung des inneren Staatswesens eine wichtige Dispens :
9, 123. Es brauchen die Gläubigen nicht stets allesamt aus- zurücken ; wenn nur von jedem Verbände ein Teil ausrückt, daß sie belehrt würden im rechten religiösen Handeln, und wenn sie zu ihrem Volke zurückkommen, diese ermahnen, sich (vor dem Unrechten) zu hüten.
Dieser Nachsatz führt recht deutlich in das Verständnis des Geistes des späteren Islams ein. Das Kriegslager dient als Schule der Religion, die Begeisterung, der Fanatismus und die Idee des soldatischen Gehorsams stehen an der Spitze aller Tugenden; die Hingebung im Geiste an Gott ist zur Hingebung des äußeren Menschen an seinen Stellvertreter umgewandelt, vom ehemaligen Harren und Hoffen war die Religion zum sich Wehren und Wagen endgültig übergegangen.
Man würde aber den Ausdruck Gihäd, Bemühung für Gott, nicht erschöpfen, wenn man ihn lediglich auf die Kriegsarbeit bezöge; er umfaßt zugleich die Übernahme all der Opfer, die eine Kriegszeit mit sich bringt, vornehmlich das Aufbringen der zu den Rüstungen nötigen Steuern. Solches wird als „Gihäd mit dem Gute” bezeichnet ■). Über das Verhältnis dieser Abgaben zu den gebotenen Almosen wird im folgenden Kapitel die Rede sein.
Dritt«»* hin fünfte* Gebot. Pflichten gegen die am nächsten stehenden Menschen.
Die Gesinnung, welche das Christentum als Grundzug für das Verhalten gegen Gott und die Menschen aufstellt, die Liebe, schärft der Koran nur gegen diejenigen unter den Menschen ein, die entweder von Natur oder in Folge großer Hülfsbedürftigkeit ein Anrecht auf näheres Entgegenkommen haben; der großen
‘) Z. B. 61, Ii.
138
Mohammed.
Masse gegenüber genügt das Vermeiden von ungerechten Hand- lungen, die die Menschenrechte verletzen könnten.
Die Liebe, genauer gesagt das Wohlthuen 1 ), soll sich zu- nächst auf die Eltern erstrecken, als Vergeltung besonders dafür, daß „die Mutter die Kinder mit Beschwerde trug und mit Be- schwerde gebar und dreißig Monate das Tragen und Säugen dauerte 1 ‘ *). Die frührnekkanischen Suren schweigen noch von dieser gottgebotenen Elternliebe; sie war zu natürlich, als daß Mohammed sie, wie so manche spätere Pflicht, im Namen Gottes vortragen zu müssen glaubte. Erst als die Rahmaperiode alle sittlichen Begriffe auch als religiöse auffaßte, und vor allem, als in der Gemeinde zwischen den Pflichten gegen die Eltern einer- seits und den Islam anderseits Konflikte sich erheben mochten, da setzte der koranische Entscheid ein. Mit Festhaltung der thä- tigen Liebe als obersten Begriffs wird ausgeführt, an welcher Grenze der aus ihr entspringende Gehorsam endige :
31, 14 (=29, 7). Setzen sie dir zu, daß du mir etwas ab- göttisch beigesellen sollest, wovon du kein festes Wissen hast, so gehorche ihnen nicht ; begegne ihnen im Leben freundlich, doch folge der Religion derer, die zu mir Hinneigung haben.
4, 134. Ihr Gläubigen, seid standhaft in der Wahrheit und gebt Allah das Zeugnis, sei es auch gegen eure eigene Seele, eure Eltern und Anverwandten.
Umgekehrt soll über solche, die den Mahnungen ihrer gläu- big gesinnten Eltern zum Trotze im lleidentume verharren, einst das Gericht ergehen a ).
Die gleiche Zeit bestimmt auch das fürbittende Gebet für ungläubige Eltern, wie es schon Noah und Abraham 4 ) geübt haben sollen, der letztere sogar gegenüber der Drohung seines Vaters, ihn zu steinigen. Es soll aber die Elternliebe sich außer im Gehorsam und Gebet vor allem in ehrerbietiger Behandlung offenbaren: den Eltern wird ein Anrecht auf Wohnung und Pflege im Hause ihrer Kinder erteilt; wie sie ihrerseits gebunden sind, im Testamente ihrer Kinder zu gedenken 5 ), so soll auch das Vermächtnis der vor ihnen sterbenden erwachsenen Kinder sie in billiger Weise berücksichtigen •). Auch bei der Verteilung von Liebes-
‘) Arab. IslAh. – •) 46, 14. – •) 46, 16.
•) 71, 20; 1», 48; 14, 42. – * 4, 8. – •) 2, 176.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen.
139
gaben dürfen die Eltern, wenn sie ihrer bedürftig sind, nicht übergangen werden.
Die zweite und wichtigste Bethätigung der Menschenliebe besteht in der Ausübung von „Liebes werken 14 im engeren Sinne. Ihren Begriff hat Mohammed der spätjüdischen Theologie ent- lehnt, wo sie unter den Rechtfertigungsmitteln eine nicht un- wichtige Rolle spielen 1 ). Doch erscheint ihr Wert in Moham- meds ältester Predigt so erhöht, daß sie als unerläßliche Bedin- gung des Heiles, ja zeitweilig als wichtigste der Pflichten auf- treten. Diese ihre starke Betonung mute zu dem Schlüsse führen, daß die sozialen Verhältnisse Mekkas in einer für arabische Begriffe unerträglichen Weise verschoben waren, indem Reich und Arm sich zu zwei Klassen von scharfer Scheidung ausge- bildet hatten. Als praktischer Politiker redet nun Mohammed nicht der vollständigen Entäußerung von Reichtum und der Ein- schränkung auf das Notdürftigste das Wort, sondern sieht das Heil der Gesellschaft in einer solchen Ausgleichung der Gegensätze, daß alle Teile das zum Leben nötige Auskommen (rizq) besäßen. Das Streben nach irdischem Gute wird sogar als lobenswert bezeich- net, falls darüber das Streben nach dem Jenseits nicht vernach- läßigt werde»).
Entsprechend dem Prinzipe des genügenden Auskommens sollen die Liebesgaben nur vom Überschusse des Vermögens ge- nommen werden ») und solchen zufließen, die weniger als das Notwendige besitzen, besonders armen Anverwandten, Waisen, überhaupt jeglichen Armen, Wanderern, Bettlern und Sklaven 4 ). Alle Unterstützungen an solche faßt der Koran unter den ur- sprünglich abstrakten Begriff Zakät d. i. Reinigung zusammen, weil sie die jeder Seele notwendige Reinigung am sichersten be- wirken. Auch nachdem später das Gebet an die erste Stelle un- ter den Rechtfertigungsmitteln gerückt war und Buße, Glaube und Gehorsam ihren Pflichtcharakter erhalten hatten, ja auch als die Anschauung der Seelenreinigung durch die der himmlischen Lohnerteilung verdrängt wurde, hebt der Koran doch noch gerne die sühnende Kraft der Almosen hervor :
») Vgl. Weher, System d. altsyna«. Theol. S. 273 ff. ») 2, 197, f. — ») 2. 21« f. – *) 2, 172.
140 Mohammed.
2, 273. Wenn ihr offen die Almosen spendet, so sind sie gut ; doch wenn ihr sie heimlich den Armen gebt, so ist solches für euch verdienstlicher und deckt euer Böses zu.
9, 104. Nimm, o Prophet, von ihren Gütern Almosen, auf daß du sie dadurch reinigest und sühnest.
Wenn in früheren Zeiten der einfache Akt des Almosen- gebens als Verdienst angesehen wurde, so verlegt Mohammed später den Hauptwert in die sie begleitende Gesinnung :
2, 266 f. O ihr Gläubigen, macht eure Almosen nicht ver- dienstlos durch Dankesforderung und Unfreundlichheit, wie solche thun, die nur spenden, um von den Menschen gesehen zu wer- den, aber nicht an Gott und an den jüngsten Tag glauben. Diese sind wie ein Kiesel, auf dem etwas Erde liegt; trifft ihn ein Re- genguß, so läßt er ihn hart. Sie haben nichts von dem, was sie wirken . . .
Die aber ihre Güter ausspenden aus Verlangen, Gott wohlzu- gefallen und ihre Seele zu befestigen, solche sind wie ein Garten auf einem Hügel : trifft ihn ein Regenguß, so bringt er seine Früchte doppelt . . .*).
Die Praxis des Almosengebens machte schon zu Lebzeiten Mohammeds die Entwicklung vom Freiwilligen zum gesetzlich Geregelten durch. Lange Zeit blieb das Maß des zu Gebenden jedem selbst überlassen ; ferner konnte man geben, was man wollte, bald Geld *), bald Produkte 3 ). Auch stand es in jedes Belieben, seine Gaben offen oder geheim zu spenden 4 ). Dadurch verliert die An- sicht 5 ) an Wahrscheinlichkeit, daß der Prophet von Anfang an das Amt eines Einsammlers und Vermittlers der Gaben bekleidet habe. Vor allern blieb noch nichts an seinen Händen kleben, wie er denn in Mekka auch noch jeden irdischen Lohn für seine Lehrbemühungen als seiner unwürdig ablehnte 6 ). Erst als der Islam staatliche Formen annahm, kam das Bestreben auf, die nach allen Seiten zerstreut gespendeten Gaben zu einem Strome zusammenzufassen und diesen dann der Staatskasse zuzuleiten, mit anderen Worten, die Almosen in Steuern umzuwandeln. Den Anlaß hierzu boten die kostspieligen Kriegsunternehmen, in die
l ) Vgl. auch 2, 174. •) 2, 264. – ») 2, 269.
*) 14, 36 u. öfters.
») Von mir Band I, S. 26 geäußert.
«) 42, 22; 11, 31 u. s. w.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im hesonderen. 141
Mohammed sich von Medina aus einließ ; zur Deckung ihrer Kosten wurde der Gemeinde jetzt häufig und dringend ans Herz ge- legt, .Almosen für Gott” zu spenden oder ihm ein .verzinsbares Darlehen* vorzuschießen 1 ):
64, 17. Wenn ihr Gott ein schönes Darlehen vorstreckt, so giebt er es euch verdoppelt wieder und verzeiht euch (eure Sun- den); denn Gott ist dankbar und milde*).
2, 263. Die, welche ihre Habe hingeben an Gottes Sache, gleichen einem Samenkorn, das sieben Ähren hervorbringt, deren jede hundert Samenkörner enthält . . .
Solche und andere Gaben, z. B. die. welche der Prophet sich für Privataudienzen zahlen ließ 3 ), wurden unter Staatsver- waltung gestellt. Aber während in der Stadtgemeinde gewisse Kreise die Neuerung des Gottesalmosens bekämpften 4 ) und lieber am alten Begriff der Privatwohlthätigkeit festhielten, sah Moham- med bei neubekehrten Stämmen schon eine andere Almosen- praxis vor. Kaum daß ihnen die Pflicht die Armenabgaben zu leisten gepredigt worden war, so schickte er ihnen auch schon Beamte zu, die dieselben erhoben und geraden Wegs der Staatskasse zu- führten. Bald nach der Schlacht von Honain läßt sich auch der Koran darüber vernehmen, daß die Privatalmosen und Kriegs- abgaben zu einem Begriffe zusammenzufassen seien :
9, 60. Die Almosen (sadaqät) sind nur für die Armen und Dürftigen, für die Almoseneinnehmer, für die (Gegner), welche man sich günstig stimmen muß, ferner für den Loskauf der Ge- fangenen, für arme Schuldner, für’ Zwecke des Glaubenskrieges und für Heisende nach Anordnung Gottes; Gott aber ist all- wissend und allweise.
Es war dem Propheten aber nicht mehr beschieden, für das, was somit der Idee nach eines geworden war, auch eine einheit- liche Form der Erhebung einzurichten, und so trat das Almosen in die nachkoranische Zeit unter zwei nicht genügend abge- grenzten Formen über: als Privatalmosen und als Staatssteuer.
■
l ) Vgl zu diesem Ausdrucke Pror. cap. 19, IT: Es leiht dem Ewi- gen, wer gegen den Armen rnildthätig ist — wozu Rabbi Jochanan bemerkt : Wenn dieser Vers nicht geschrieben stände, sagen könnte mau es nicht. Vgl. Wünsche, Babyl. Talm. IL, % S. 130.
»I Vgl. 57, 17. – ) .V. 1.1 f. – ‘) 9, 80.
142 Mohammed.
Jede von ihnen konnte je nach Zeit und Bedürfnis stärker be- tont werden, zusammen aber bildeten sie eine Institution, durch die im Islam jeder Zeit eine opferwillige Gesinnung lebendig er- halten worden ist.
Mit der Mahnung, keine unnützen Reichtümer aufzuhäufen, geht schon früh Hand in Hand ein Verweis gegen zwecklose Ver- schwendung. So sagt Sure 80, 6 f.:
Er (der Reiche) spricht : Ich habe unermessenes Gut ver- than ; — glaubt er aber, daß keiner ihn beobachte ?
In der Folgezeit wird sowohl die überschwänglicho Wohl- thätigkeit »), als auch die Verzettelung der Habe in Prozessen *) und gewagten Spekulationen 8 ) — Handel ausgenommen — un- tersagt. Nur solche, die die Mitte zwischen den beiden Ex- tremen, Geiz und Verschwendung, einzuhalten wissen *), die „ihren Geberarm weder zu sehr ruhen lassen noch zu weit ausstrecken* 5 ), sollen im Sinne Gottes handeln.
Einen Anhang zum dritten und vierten Gebote bildet das fünfte über das Verhalten der Eltern zu ihren Kindern. Hier- für wird jedoch kein allgemeiner Grundsatz aufgestellt, so daß nicht zu entscheiden ist, ob Mohammed mehr ein Pflichtverhältnis oder das der Liebe befürwortet, sondern es wird nur ein einziger Mißbrauch verboten, der im arabischen Heidentume anstandslos unter die Rechte der Eltern gezählt worden war : die Sitte, die eigenen Kinder töten zu dürfen. Die Motive zu dieser barbarischen Sitte dürften bald profaner, bald sakraler Natur gewesen sein. Von jenen erwähnt der Koran zwei, Furcht vor Verarmung 6 ), die Moham- med durch Hinweis auf die alles umfassende Fürsorge Gottes entkräftet, und Widerwillen gegen das Überwiegen des weiblichen Geschlechts in der Familie 7 ), wobei man die überflüssig er- scheinenden Mädchen mit rücksichtsloser Grausamkeit zu ver- scharren pflegte 8 ). Dieser Gebrauch wird ohne weitere Begrün- dung untersagt. Daß aber auch religiöse Motive bei der Kinder- tötung mitspielten, scheint aus Sure 6, 138 hervorzugehen, wo bei Gelegenheit von Angritren gegen die den Göttern geweihten Früchte und Tierabgaben gesagt wird:
Desgleichen haben vielen von den Götzendienern ihre
) 17, 28. – «) 2, 184. – ») 4, 33. – •) 25, 66. – •) 17, 31. – «j 17, 3′). – »j 1«. 00 f. – •) 81, 8 f.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen.
143
Götzen die Tötung der eigenen Kinder als verdienstlich vorge- spiegelt, um sie ins Verderben zu stürzen und ihre religiösen Ideen zu trüben. Wollte aber Gott, so thäten sie es nicht; darum laß sie und ihren Trug !
Hiernach wäre die Kindertötung wohl auch als ein Akt des heidnischen Opferwesens angesehen 1 ) und in diesem Zusammen- hange vom Koran verdammt worden.
Gebote über das Verhalten gegen ferner stehende Menschen; Gebot 6—12.
Das sechste Gebot des Islams verbietet in einer Formu- lierung, die stark an das sechste des alten Testamentes anklingt, die Unzucht. Was darunter zu verstehen ist, läßt sich besser für die medinische als für die mekkanische Periode darthun. In dieser wird dem Begriffe der Unzucht nie eine genauere Erklä- rung angefügt, und in Sure 70, 29 (= 23,5), wo denen die Se- ligkeit versprochen wird, „die ihre Scham hüten”, erregt der darauf folgende Vers „außer gegenüber ihren Gattinnen und Sklavinnen, deshalb sollen sie nicht zu tadeln sein”, schon aus äußeren Gründen den Verdacht späterer Einfügung *).
Wenn aber Mohammed und seine Gefährten in Mekka sich mit einer Frau begnügten, so darf man wohl daraus die Vermu- tung ableiten, daß ihnen die Vielweiberei als unmoralisch er- scheinen mochte.
In medinischen Suren wird unter Unzuchttreiben deutlich jeder außereheliche Geschlechtsumgang sowohl für Mann wie Weib verstanden. Dabei gilt als Ehe vor allem der Kontrakt, den der Ehemann mit dem Wali (Vater oder Vormund) seines Weibes abschliesst, wodurch letzterer das Weib in den Besitz des Mannes übergehen läßt, wenn an sie als Aussteuer eine be- stimmte Zahlung (agr oder saduqa) entrichtet worden ist. An diese aus dem Heidentume übernommene Form der Eheschließung heftet der Koran noch einige einschränkende Bedingungen. Die Heirat wird solchen Personen verboten, die in zu nahem Grade der Verwandtschaft zu einander stehen :
‘) Einige Fälle von Kinderopfern im alten Arabien siehe bei Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten III, S. 112 f.
») Vgl. was S. 8 f. über die mit der Partikel illä eingeleiteten späteren Einschaltungen gesagt ist.
144 Mohammed.
4, 26—28. Heiratet nicht solche Weiber, die schon Gat- tinnen eurer Väter waren (auser es sei schon in der früheren Zeit geschehen); denn solches ist schändlich, häßlich und gegen die Religion.
Verboten sind euch Heiraten mit euern Müttern, Töchtern, Schwestern, Vaters- und Mutterschwestern, Nichten, Nährmüttern, Milchschwestern, Müttern eurer Weiber und Stiertöchtern, soweit sie bei euch leben und von solchen eurer Frauen stammen, denen ihr schon beigewohnt habt ; war dieses noch nicht der Fall, so ist die Ehe mit ihnen nicht Sünde ; ferner sind euch verboten die Güttinnen eurer leiblichen Söhne und zwei Schwestern (auüer es sei schon in der früheren Zeit geschehen). . . . endlich verhei- ratete Frauen, solche ausgenommen, die ihr als Sklavinnen be- sitzt. Das ist für euch göttliche Vorschrift.
Diesen Hinderungsbestimmungen darf man nach 5, 7 auch noch die der widernatürlichen Unzucht hinzufügen.
Als weitere Bedingung der islamischen Ehe wird Gleichheit des Glaubens von beiden Teilen gefordert:
2, 220. Heiratet keine heidnischen Weiber, so lange sie nicht gläubig geworden sind; denn besser ist eine gläubige Skla- vin, als eine ungläubige Freie, selbst wenn sie euch mehr ge- fällt. Gebt auch eure Töchter nicht heidnischen Männern, so- lange diese nicht gläubig geworden; denn besser ist ein gläubiger Sklave, als ein ungläubiger Freier, selbst wenn er euch mehr gefällt.
Dagegen ist es dem Muslim erlaubt, Jüdinnen und Chri- stinnen zur Ehe zu nehmen, da diese unter die Bekenner einer geoflenbarten Religion gehören l ). Von weiteren Bedingungen und Formalitäten weiJA der Koran nichts zu sagen ; vor allem leiden solche, durch die der Ehe eine religiöse Weihe verliehen würde *).
«) 5, 7.
*) Die von Wellhausen (Die Ehe bei den Arabern, Nachr. d. Gesellsch. der Wissensch, zu Göttingen 1893 S. 433) beigebrachten Gegengründe aus dem Koran vermag ich nicht anzuerkennen; denn unter den „kalimär, die Adam nach dem Sündenfalle von Gott empfangen haben soll (2. 35), wird kein Un- befangener etwas anderes als ein göttliche? Kitüh, die Berufung zum Propheten verstehen, und die Phrase „sie (die Ehefrauen) nahmen von euch ein festes Gelöbnis” (4, 25), sagt nichts davon, daß dieses Gelöbnis im Namen Gottes und der Beligion gegeben sei. Von religiösen Formeln bei der Eheschließung redet erst die Tradition, woraus man vielleicht schließen darf, Mohammed habe in späteren Jahren, angeblich bei der Abschiedswallfahrt, dem Ehebunde die religiöse Weihe erteilt.
tWchtenlehre. Die Pflichten im besonderen. 145
Das Weib gilt als der gebundene Teil ; sie steht eine Stufe unter dem Manne 1 ), ist stets an einen Gatten gekettet und gilt als dessen Besitz oder (nach 2, 223) Acker. Der Mann aber hat zu seiner Oberstellung noch die Freiheit, sich mehrere Gattinnen zu gleicher Zeit zu nehmen. Die Hauptbestimmung hierüber er- folgte einige Monate ») nach der Niederlage von Ohod, als dem Propheten die Aufgabe zufiel, die Waisen der Gefallenen unter- zubringen, sodann auch womöglich ihre Witwen in der Gemeinde wieder zu verheiraten. Aus dieser Doppelpflicht erklärt sich die Fassung folgender Koranstelle :
4, 3. Fürchtet ihr, den Waisen [über die ihr als Vor- münder gesetzt seid] Abbruch thun zu müssen, so heiratet zwei, drei oder vier Weiber, wie es euch gut dünkt; fürchtet ihr aber, ihren Ansprüchen nicht gerecht werden zu können, so nehmt nur eine einzige oder heiratet eure Sklavinnen.
Die Vorschrift des Vierweibersystems ist demnach in einer Form niedergelegt, aus der sich für begüterte Leute leicht eine weitergehende Freiheit der Ehe ableiten lassen konnte, wie denn Mohammed selbst und mancher der späteren Herrscher sich nicht scheute, darüber hinauszugehen.
Die Freiheit der Ehe wird für den Mann noch stark erwei- tert durch die Erlaubnis, gläubige Sklavinnen in unbeschränkter Zahl zu heiraten:
4, 29 f. Wem von euch sein Vermögen nicht erlaubt, le- gitime, gläubige Weiber zu heiraten, der nehme Sklavinnen . . . heirate sie mit Erlaubnis ihres Herrn und bringe ihnen ihre Morgengabe, wie es recht ist ; doch müssen sie ehrbar sein, nicht im Rufe der Unzucht stehen und sich keine Buhlen halten. . .
. . . Hiernach mag handeln, wer von euch fürchtet sonst auszuschweifen ; besser aber ist es für euch, ihr enthaltet euch ihrer.
Noch weiter aber dehnte Mohammed den BegrilT von Ehe aus, ja hob ihn nach unseren Begriffen ganz auf, wenn er den Männern Heiraten auf beliebige Zeit gestattete unter der einzigen Bedingung, daß sie für die Befriedigung ihrer Lust einen be- stimmten Lohn an das Weib zahlten, der dann als Morgen- gabe angesehen werden sollte :
‘) Vgl. 2, 228 ; 4. 38.
*) Denn nach 2, 134 mußten Witwen nach dem Tode ihrer Männer wenigstens 4 Monate und 10 Tage ledig bleiben.
♦
Grimm», Mohammad. II. 10
140
Mokammed.
4, 28. . . . Außerdem ist euch noch erlaubt, für euer Geld euch Weiber zu verschaffen, mit denen ihr ehelich und ohne Un- zucht leben könnet: doch gebt ihnen für das, was ihr von ihnen genießt, ihren Lohn, den verabredeten Satz und darüber hinaus nach eurem Belieben, was ihr gütlich abmacht.
So besteht das „ feste Bündnis” ) und „das Band der Ehe *) in Wirklichkeit nur für das Weib, der Mann ist in seinen Be- gierden dadurch kaum beschrankt. Die bevorzugte Stellung des Mannes hat auch noch zur Folge, daß er mit Leichtigkeit sich von unliebsamen Frauen scheiden kann; doch würde die Auf- zählung der Einzelbestimmungen hierüber wie über manches An- dere im Eherechte des Islams an dieser Stelle zu weit führen.
Das siebente Gebot spricht die Unverletzlichkeit des Menschenlebens aus: Tötet nicht die Seele, welche Gott geweiht hat. Diese Weihe oder Unverletzlichkeit muß als uranfanglich von Gott mit der Menschenseele verbunden gedacht werden, im Gegensatz zu den Seelen anderer Lebewesen, deren Schonung von Gott nicht vorgesehen ist Ausnahmen vom Verbote des Tötens sollen nur dann zulässig sein, wenn ein Recht dafür be- steht, und hierunter kann für die mekkanischen Suren nur das durch altarabische Rechtsauffassung geheiligte jus talionis für begangenen Mord verstanden werden. Nähere Bestimmungen über die Grenzen, in denen sich die Blutrache zu bewegen habe, geben erst die medinischen Suren:
2, 173 f. 0 ihr Gläubigen, vorgeschrieben ist euch die Blut- rache für Getötete: ein Freier für einen Freien, ein Sklave für einen Sklaven, ein Weib für ein Weib. Wem aber von Seilen seines Bruders etwas erlassen wird, der soll demgemäß behandelt und mit Milde bestraft werden.
Solches ist eine Gesetzeserleichterung und ein Gnadenakt seitens eures Herrn; wer sich hiergegen vergeht, soll streng be- straft werden 8 ).
Es haftet somit auch nach islamischem Rechte die Blutschuld nicht allein an der Person des Mörders, sondern auch an dessen ganzem Stammesanhange, und die Rache richtet sich im Grunde gegen diese Gemeinschaft. Später unterscheidet Mohammed noch zwischen Bestrafung für vorsätzlichen und unvorsätzlichen
*) 4, 25. — ») 2, 236.
•) Vielleicht ist das Letzte zu Obersetzen: Wer aber ein anderes Mal ■ich (durch Tötung) vergeht, soll nach der Strenge bestraft werden.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen. 14t
Mord innerhalb der gläubigen Gemeinde. Auf ersterem ruht die ewige Höllenslrafe und, was als selbstverständlich vorausgesetzt wird, die Anwendung der früher festgesetzten Rachepflicht. Bei unvorsätzlicher Ermordung werden mehrere Fälle unterschieden*): Geschieht der Mord in der Gemeinde, so soll der Thäter zur Sühne einen Sklaven freilassen und den Angehörigen Bußgeld zahlen, falls dieses nicht erlassen wird; ist der Gläubige, der getötet worden ist, ein Angehöriger eines feindlichen Stammes, so genügt für den Töter die Befreiung eines Sklaven; gehört er aber einem verbündeten Stamme an, so erfolgt die Ahndung wie beim Mord innerhalb der Gemeinde.
Außer den Fällen, wo das Rachewerk die Tötung verlangt, setzt der spätere Koran die Todesstrafe noch auf mehrere andere Vergehen fest. Er erlaubt dem Ehemanne, sein Weib, das durch vier Zeugen des Ehebruchs überführt worden ist, einzukerkern und verhungern zu lassen s ) ; vor allem aber gebietet er, jeden Heiden, der sich nicht bekehren will, als todeswürdigen Verbre- cher zu verfolgen :
2, 187. Tötet sie, wo ihr sie findet . . . Ärgernis ist schlim- mer als Tötung*).
Das achte Gebot stellt die Pflichten der Vormünder gegen die ihnen anvertrauten Waisen fest. Schon sehr früh hat Mo- hammed, wahrscheinlich in Erinnerung an die eigene elternlose Jugend, die unfreundliche Behandlung der Waisen gerügt 6 ) und die Reichen zur Linderung ihrer Not angespornt 6 ). Wie er so- dann später in Medina erklärt, soll die Brüderlichkeit das Band zwischen Vormund und Mündel sein und das Wohlthun den Grundzug der Waisenpflege bilden 7 ). Vom Ende der mekka- nischen Periode an wird besonders die gerechte Verwaltung der Güter unerwachsener Waisen in den Vordergrund gestellt, worüber nach der Ofcodschlacht angesichts der vielen Hinterbliebenen von gefalle- nen Kämpfern eine Regelung bis in die Einzelheiten erfolgt 8 ). Hier-
‘) 4, 95. — «) 4, 94. – s ) 4, 19.
4 ) Mohammed kennt sowohl die jüdische wie auch die christliche Auf- fassung der Rache. Von jener sagt er 5. 49: Wir verordneten ihnen in der Thom : Seele um Seele, Auge um Auge, Nase um Nase, Ohr um Ohr. Zahn um Zahn, für alle Wunden Wiedervergeltung; wer aber dafür mit Almosen genug thut, dem soll Verzeihung zu Teil werden. Daneben wird das christ- liche Gebot des Verzeihens einmal erwähnt.
») 107, 2; 88, 9. – •) 90 14 f. – ‘) 2, 218 f. – •) 4, 2-11.
10*
148 Mohammed.
nach sollen, so lange die Waisen noch unmündig sind, ihre Güter unter der Verwaltung der Vormünder stehen, die von ihnen nichts nehmen dürfen, als was zur Nahrung und Kleidung des Mündels erforderlich ist; nur notorisch Arme sollen das Recht haben, für sich ein Geringes vom Gute ihrer Mündel zu verwenden. Im übrigen gilt die Drohung: „Wer Waisengüter in ungetreuer Ver- waltung verzehrt, der frißt Feuer in seinen Leib und wird in der Höllenglut braten.” Hat der Vormund die Überzeugung er- langt, dati sein Mündel die nötige Lebenserfahrung (ruschd) be- sitzt, um zu einer Heirat schreiten zu können, so muß er ihm die Güter, wie er sie einst übernommen, unvermischt und unver- mindert wieder ausliefern und solches durch Zeugen verbürgen lassen.
Das neunte Gebot ist von umstrittener Deutung: die Übersetzer erblicken darin die allgemein gefaßte Mahnung, seinen Versprechungen und Verpflichtungen *) nachzukommen *). Jedoch ist damit etwas viel Spezielleres von Mohammed beabsichtigt. Die Parallelstelle S. 6, 15:» hat einen genaueren Wortlaut: „Er- füllt den Vertrag Gottes”. Was hiermit gesagt sein soll, ergiebt sich mit Sicherheit aus medinischen Surenstellen s ). Der Eintritt in die Gemeinde fand nämlich durch eine Zeremonie statt, die die Form eines Rechtsvertrages zwischen dem Neugläubigen und Gotl b?zw. seinem Propheten nachahmte. Beide Teile gelobten eidlich die Er- füllung gewisser Bedingungen ; der Gläubige versprach die Ge- setze des Islams zu beobachten :
60, 12 . . . Neben Allah keine andere Götter zu setzen, weder zu stehlen noch Unzucht zu treiben, seine Kinder nicht zu töten, nicht Lug vorzubringen , . . . und in billigen Dingen dir (dem Propheten) nicht entgegen zu handeln ;
‘) Hiergegen spricht aber der Umstand, daß immer nur von „dem ‘ahd* geredet wird, und der Plural dieses Wortes im Koran garnicht vorkommt
*) Baidäwi kommt dem rechten Sinne schon näher, wenn er erklart: Erfüllet dasjenige, was Gott an I/eistungen mit euch ausgemacht hat, oder was ihr mit ihm ausgemacht habt.
n ) Die Ausführungen von A. Müller über „Gottes Hund” (in Rückerts Koran Übersetzung, Anm. zu 16, 93) sind ganz verfehlt. Er mochte darin ent- weder einen Bund sehen, den die Mekkaner im Namen Gottes mit irgend wel- chen Leuten geschlossen haben könnten, oder lieber noch die Bündnisverträge, wodurch in der Vorzeit die verschiedenen Geschlechter der yoraischiten sich zu einer einheitlichen Gemeinde zusammenthalen.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen. 149
Golt aber leistete Gewähr für eine ewige Belohnung im Jenseits :
9, 112. Gott hat von den Gläubigen Gut und Blut erkauft für den Preis, daß ihnen das Paradies zu Teil werden solle ; . . . und wer hält seinen Vertrag getreuer als Gott ?
Diese scheinbar rein religiöse Zeremonie, deren Ursprung schon ziemlich hoch in die mekkanische Periode hinaufreichen dürfte 1 ), führte jedoch auch wichtige politische Folgen nach sich : sie sollte alle Gläubigen wie zur Einheit des Glaubens, so auch zur Gemeinschaft eines Rechts Verbandes vereinigen und von allen trennenden Stammesunterschieden befreien. Diese Absicht läßt der Koran schon deutlich in Mekka durchblicken:
16, 93-9»;. Haltet den Vertrag Gottes, nachdem ihr ihn geschlossen habt, und trennt nicht die Eide auf, nachdem ihr sie abgelegt; ihr habt Gott über euch zum Bürgen gesetzt, und er weiß, was ihr thut;
Und seid nicht wie ein Weib, das ihr Gespinnst zu Fetzen reißt, nachdem es stark gemacht war, indem ihr eure Eide zu Verdächtigungen unter einander benutzt, als sei ein Stamm mächtiger als der andere . . .
Falls aber Gott gewollt, so hätte er euch zu einem einzigen Stamme gemacht ….
So gebrauchet eure Eide nicht, um euch gegenseitig anzu- feinden, wodurch der Fuß, der vorher feststand, zu gleiten be- ginnt, und ihr selbst die üble Folge davon kostet, daß ihr von Gottes Wegen ablenkt . . .
In medinischer Zeit erging daher der Mahnruf zum Fest- halten am Bunde Gottes zuerst an die Partei der sog. Munäfiq, die sich zwar religiös dem Propheten anschließen, politisch aber eigene Wege wandeln wollten:
2, 25. Die, welche den Gottesvertrag auflösen wollen und was Gott darin zu halten befohlen hat, abtrennen und dadurch Unheil auf der Erde stiften, diese gehen verloren.
Wenn Mohammed anfangs bescheiden genug war, um die
‘) Schon Sure 70, 34 (= 23, 8) erwähnt als Eigenschaft der zur Selig- keit Bestimmten das Halten ihrer Verpflichtungen (amanat) und ihres Vertrages, was aller Wahrscheinlichkeit nach im Sinne von Gottesvertrag zu nehmen ist. Die Geschichtsschreiber erwähnen seine Schließung zuerst in der sog. ersten ‘Aqaba vgl. Bd. 1. S. 42.
l.V) Mohammed.
Pflichten gegen Gott in den Vordergrund treten zu lassen, so sorgte er doch später, daß der ganze Vertrag sich zu einem Akte der Huldigung und Anerkennung seiner politischen Maßnahmen entwickelte. So ließ er sich auf dem Feldzuge nach Hodaibijja, als durchaus nicht die Religion, wohl aber das Gelingen eines wichtigen Kriegsunternehmens auf dem Spiele stand, von den Seinigen ein feierliches Gelöbnis der Treue ablegen und behandelte darauf im Koran diesen Akt ganz im Sinne des Gottesvertrags:
- Die, welche dir huldigten, huldigten nur Gott, seine Hand lag in ihren Händen; wer den Verlrag bricht, thut es sich zum Schaden, wer aber hält, was er Gott zugesagt hat, dem wird er großen Lohn zuteilen. ‘)
Das zehnte Gebot predigt Redlichkeit im Geschäftsverkehr, besonders mit Maß und Wage, eine Mahnung, die in einer Handelsstadt wie Mekka wohl am Platze gewesen sein mag. Zuerst in Sure 83. 1 — 3 vorgebracht, taucht sie noch in vielen späteren Stellen auf, wo sie besonders auch als Evangelium des Propheten Scho aib typisch geworden ist. ») In Medina wird dieses Verbot ergänzt durch Maßregeln gegen das Überteuern und Zins- nehnien (ribä).
Der Prophet konstatiert zugleich einen grundsätzlichen Unter- schied zwischen Handelsgewinn (ribfe) und Wucher; jenen hat Gott dem Menschen erlaubt, diesen als sündhaft verboten. Daher wird allen Wucherern als Werkzeugen des Satans der Krieg Got-
M Was im Koran im allgemeinen über Zulässigkeit von Schwören sich findet, ist Folgendes: Der Sucht der heidnischen Araber unter Anrufung eines Gottosnaiiiens eine Sache zu beteuern, tritt der Prophet sowohl durch Vermei- dung jedes derartigen Scbwures im Koran als auch in späterer Zeit durch ein striktes Verbot entgegen:
2, 22ii. Machet nicht Allah zur Grundlage bei eurem Schwören, gut und fromm zu sein und recht zu handeln unter den Menschen !
Nur beim Zeugeneide (schahäla, läßt er in manchen, wenn nicht in allen Fällen die Anrufung Gottes bestehen. Sosoll ein Ehemann, der gegen sein Weib den Vorwurf des Ehebruches erhebt und nicht die in solchem Falle geforderten vier Zeugen aufbringen kann, seinerseits vier Zeugeneide unter Anrufung Gottes schwören, daß er die Wahrheit spreche, und mit einem fünften auf sich selbst, falls er lüge, Gottes Fluch herabwünschen. Demgegenüber darf aber auch das beschuldigte Weib einen Entlastungseid bei Gott schwören, vgl. 24, 6—9; ebenso sollen die Testamentszeugen bei Gott schwören, vgl. 5, 105 f.
») 26, 181-183; 11, 85 f: 7, 83.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im besonderen.
151
tes und seines Gesandten angekündigt. Geben sie ihr Gewerbe auf, so soll ihnen das Eigentumsrecht auf ihre ausgeliehenen Ka- pitalien gesichert bleiben; wenn nicht, so werden sie, wie wohl zu ergänzen ist, als verfallen angesehen. Da die Durchführung einer so einschneidenden Bestimmung das schnelle Zurückziehen vieler ausgeliehenen Gelder befürchten ließ, so wurden die Gläu- biger ermahnt, unvermögenden Schuldnern die Darlehen zu stun- den oder, was noch besser sei, als Almosen zu schenken. Als einziger erlaubter und sogar empfohlener Wucher wird bezeich- net, wenn der Muslim Almosen gäbe, da diese zu Gott gelangen, Zinsen tragen und dereinst doppelt an die Ausleiher zurückge- zahlt werden. l )
Gegen die Lüge als wissentliche Aussage einer Unwahrheit richtet der Koran kaum ein eigenes Verbot; denn der Ausdruck in Sure 33, 70: „ Fürchtet Gott und redet gerade Rede” dürfte vielleicht einen speziellem Nebensinn haben, der uns undeutlich ge- worden ist. Dagegen eifert das elfte Gebot kräftig gegen das Vorbringen von falschen oder nicht genügend begründeten Aus- sagen, die zur Schädigung anderer dienen könnten. Durch ältere wie jüngere Suren läßt sich dieses Gebot verfolgen:*) es richtet sich später sogar gegen Verleumdungen, die nur in Gedanken ge- schehen, und gegen das Anheften von Spitznamen (laqab) s ). So- fern aus den Verleumdungen eine Schädigung der bürgerlichen Ehre erwachsen kann, wird gegen sie auch noch mit polizeilichen Strafen vorgegangen, z. ß. gegen den unbegründeten Vorwurf des Ehebruches. *)
Das zwölfte Gebot enthält die Mahnung zu demütigem Be- nehmen, wie es dem Geiste der mekkanischen Periode beim Har- ren und Bangen vor Gottes Gericht entsprach. Von dieser Demut soll das ganze Äußere der Gläubigen geregelt werden, sein Gesicht soll verachtungsvolle Gebärden meiden; der Gang gemessen, die Stimme nie zu laut sein 5 ); wenn ein Thor, d.i. ein Ungläubiger,
«) 2, 246, 277 u. öfter. – ‘) 104, 1 ; «8, Iii 26, 72; 49, 6. – *) 49. 11 f. 4 ) 24,4.
*) 31, 17f; 24, 30. Ähnliche Bestimmungen finden sich im Talmud, z. B. : Machet keine großen Schritte (Wünsche, Babyl. Talmud, I, S. 432) oder Der Mensch darf nicht vier Ellen mit aufgerichteter Gestalt gehen (Babyl. Talm. U, 1, S. 92).
152 Mohammed.
einen Gläubigen anredet, soll die Antwort den Friedensgruß ent- halten. ») Diese Regeln, die in Mekka noch ethischen Charakter tragen, dürften in Medina nur noch als Anstandspflichten be- trachtet worden sein; das zeigen die mannigfachen Hinzufügungen, aus denen sich eine umständliche Etiquette für die Gläubigen herausbildete. Vor allem wurde dem Propheten gegenüber fast sklavische Unterwürfigkeit gefordert “) und dem weiblichen Ge- schlechte die unwürdige Abschließung von der Außenwelt durch Verhüllen und Absperren im Frauengemach aufgezwungen. 3 )
Außerhalb des Rahmens der zwölf Gebote finden sich noch einige wenige Bestimmungen, die wohl mehr als Disziplinarvor- schriften, denn als Sittengebote gelten sollen : so das Verbot des Diebstahls, dts Weintrinkens und Maisirspiels.
Gegen ersteren vorzugehen finden die mekkanischen Suren noch nicht Gelegenheit; erst in der frühmedinischen Sure 60, 12 wird den Weibern, die zum Islam übertreten, unter anderem auch der Diebstahl verboten. Geraume Zeit später erfolgt dann die polizeiliche Maßregel:
5, 42. Dem Diebe und der Diebin haut ihre Hände ab zur Strafe für ihr Vergehen, als Züchtigung von Gott.
Das für den Islam charakteristische Verbot des Weintrinkens und im Anschluß daran das des Maisirspiels *) entwickelte sich in Medina erst allmählich zu seiner strengen Fassung. Moham- med war anfangs gewillt, diese zu den Freuden des altarabischen Lebens zählenden Gewohnheiten den Seinigen nicht geradezu zu untersagen; 5 ) doch sprach er sich auf eine Anfrage über ihren Wert in warnendem Sinne aus:
2, 216. Sprich! In beiden liegt sowohl große Sünde als auch mancherlei Nutzen für die Menschen; die Sünde überwiegt aber noch ihren Nutzen. «)
l ) 25, 64. – *) 33, 53; +», 1 ff. – ■) 33, 33, 59.
*) Es war dieses ein Glücksspiel, wobei um die Stücke eines vorher geschlachteten Kamels Loospfeile geworfen wurden.
8 ) In Mekka hatte er das Weintrinken für so wenig anstflfiig gehalten, daß er es sogar unter die Paradiesfreuden aufnahm.
“) Unter dem Nutzen des Maisirspieles wird wohl zu verstehen sein, daß die Sitte von dein Gewinner es forderte, den Armen von dem gewonnenen Fleische mitzugeben, vgl. Huber fher da« .Maisir” genannl” Spiel ■!i*r heid- nischen Araber, S. 4.
Pflichtenlehre. Die Pflichten im hesonderen.
153
Doch geraume Zeit später sah er beides mit strengeren Augen an und erließ nun die endgültige Bestimmung:
5, 92 f. O ihr Gläubigen, der Wein, das Maisirspiel, die Götzenbilder und die Orakelpfeile ‘) sind ein Greuel und stammen vom Satan; darum meidet solche! Vielleicht werdet ihr dann noch selig werden.
Der Satan möchte mit Wein und Maisirspiel nur Feind- schaft und Haß unter euch stiften und euch vom Denken an Gott und vom Gebete abwendig machen. Werdet ihr euch nun davon abhalten lassen?
‘) Gemeint sind die Pfeile, mit denen man auf eine dem aligermanis<hen Runenorakel ähnliche Weise das Schicksal zu erfragen pflegte.
Lehre von der Vollendung.
Auferstehung, Weltgericht, Paradies and Hölle.
Eschatologische Vorstellungen bilden einen der ältesten und notwendigsten Bestandteile der Lehre Mohammeds; ihre starke Betonung charakterisirt in besonderer Weise den Frühislam und begründet den stäten Weckruf zur Ergreifung des Heiles in der letzten Stunde der Welt. Ihre Bedeutung bleib! ihnen jedoch auch in der Zeit bewahrt, da die Frage nach dem pflichtmäßigen Ver- halten in diesem Leben in den Vordergrund tritt, und noch in medinischer Zeit bedeuten sie die endgültige Vollendung des auf Erden zwischen Gott und den Menschen angebahnten Ver- hältnisses.
Die koranische Eschatologie gipfelt in vier Begriffen: Auf- erstehung, Weltgericht, Paradies and Hölle. In ihrer Gesamtheit weichen sie stark von denen der Vollendungslehre des Spätjuden- tums ab, indem sie besonders die auf Erhöhung des Volkes Israel zielende Idee der Vereinigung sämtlicher Juden, der lebenden wie der gestorbenen, zu einem Reiche, das der Messias ») gründen und regieren würde, gänzlich unberücksichtigt läßt. Auch in der Ausfüh- rung jedes einzelnen dieser Begriffe entfernt sich der Koran oft recht weit von dem entsprechenden jüdischen. Eine viel nähere Verwandt- schaft aber bekunden sie zu den christlichen Anschauungen über die letzten Dinge, so daß man ziemlich sicher hierin die ältesten Einflüsse der christlichen Lehre auf die koranische erblicken darf.
Den Übergang der Menschen zu den Erscheinungen des Jen- seits und der Vollendung bildet der Tod. Bestand das irdische Leben in der Vereinigung von Leib und Seele, so erlischt es bei der Trennung dieser beiden Teile, die vom Engel des Todes oder
‘) Zwar findet sich der Name Messias in medinischen Suren, doch nur in Anwendung auf Jesus und seine geistige Oberherrschaft.
Lelm- von der Vollendung.
156
von Gott selbst *) nach Anordnung des himmlischen Buches vor- genommen wird. Während der Leib wieder zu Erde wird, kommt über die Seele, die man sich nach jüdischer Anschauungs- weise in der Nähe Gottes aufbewahrt denken muß, 1 ) ein Zustand teilweiser Bewußt- und Empfindungslosigkeit, die als Trunkenheit des Todes 3 ) oder Todesschlaf gedeutet wird, über dessen Zeit- dauer die Seele keine klaren Vorstellungen besitzt. 4 ) Nur eine einzige Stelle läßt in dieser Zeit der abwartenden Ruhe die Bösen gleichsam im Traume eine Andeutung zukünftiger Strafe empfinden:
40, 49. Den Leuten Pharaos wird das Höllenfeuer morgens und abends vorgerückt; aber einst, wenn die Stunde kommt, wer- den sie hineingeschickt in die schlimmste Strafe.
Im Übrigen soll in diesem Zwischenstadium kein Unterschied zwischen Guten und Bösen gemacht werden.
Einen nicht ausgeglichenen Widerspruch enthalt der Koran über die Verbreitung des Todes. Spätere Suren konstatiren häufig, daß jeder Mensch mit Notwendigkeit dem Tode erliegen werde, denn es heißt: Jede Seele schmeckt den Tod 5 ), wir haben kei- nem verliehen, ewig zu leben. ö ) Andererseits aber wird nirgendwo gesagt, daß die von der Stunde des Gerichtes überraschten Men- schen vor ihrer Aburteilung erst noch dem Tode anheim fielen; im Gegenteil, das Schauspiel der Totenet weckung geht vor den Blicken der entsetzten Lebenden vor sich. 7 ) Dieser Widerspruch erklärt sich aus der Fortentwickelung der islamischen Lehre, in- dem in früherer Zeit das Weltgericht als ein in nächster Nähe befindliches Ereignis den Menschen angekündigt wurde, später aber seine Ankunft sich in immer unbestimmtere Zeit hinausschob, wobei der Gedanke an ein vorheriges vollständiges Aussterben der Menschheit nicht ausgeschlossen sein mochte.
Gilt die Todesstunde noch nicht als Zeitpunkt des Eintretens der ausgleichenden Gerechtigkeit, so ist dafür ein späterer allen Menschen gemeinsamer Termin eingesetzt, das Weltgericht, vom Koran teils einfach die Stunde genannt, teils wiedergegeben durch die bezeichnenden Ausdrücke: Tag der Auferstehung (qijäma), der GrabesöfTnung (fath), des Hervorgehens (hurüg), der Samm-
») 8», 43. – ») 3», 43. – •) 60, 18. – «) 30, 54 f.; 20, 103 f. – ») 2», 57; 21, 36; 8, 182. – *) 21, 35. – ») tt, 3; 76, 27.
lf>6 Mohammed.
lung (£am’), des Gerichtes (dm), des Urteils (fasl) und viele an- dere, woneben die orakelhafte Sprechweise der ältesten Suren von ihm als dem Klopfenden *), Hereinbrechenden »), Überfallen- den •), Eilenden *) redet.
Gewaltige Ereignisse leiten den Gerichtsakt ein, indem die Welt, die für die Menschheit gemacht ist, deren Ende mit eige- nen fundamentalen Umwälzungen begleitet. Das Signal hierzu wird ein gewaltiger Schlag (säfrba, §ailia, zagra) oder Schall (rägifa) geben, der später als Posaunenstoß & ) oder Ruf 6 ) eines Engels gedeutet wird. Alsdann gerät die Erde in bebende Be- wegung ‘), die Berge schwanken gleich einer Wasserspiegelung oder laufen dahin wie Wolken 8 ) und wer<»?n zu Staub zesmalmt 9 ), das Meer schwillt an und ergießt sich 10 ), die Sonne beginnt sich um sich selbst zu drehen n ), der Mond wird düster und spaltet sich lf ), die bterne vergehen und stürzen zur Erde herab 1S ), der Himmel endlich öffnet sich und enthüllt die Stätten der zukünf- tigen Welt den Augen der Menschen. 14 )
Die spiitmekkanische Zeit setzt unter die Vorzeichen des Gerichtes das Hervorbrechen der Völker Jä&üg und Mägüg (Gog und Magog) aus ihren am Ende der Welt befindlichen Sitzen ,& ) und das Hervorheben eines mysteriösen Tieres aus der Erde, das den Menschen ihren Unglauben vorhält. 1Ä ) Diese Folge uner- hörter Ereignisse erzeugt im Menschengeschlechte das Gefühl der tiefsten Furcht und löst alle Banden der bestehenden Ver- hältnisse:
32, 2. Dann vergißt die Nährende den Säugling, die Schwan- gere gebiert vorzeitig, und die Menschen siehst du wie trunken, obgleich sie nicht betrunken sind.
80, 34 — 37. Der Mann flieht von seinem Bruder, — seiner Mutter und seinem Vater, — seiner Frau und seinen Kindern ; — denn jeden beschäftigt nur sein eigenes Schicksal.
») 101, 1. – ») 56, 1. – •) 88, 1. — «) 53, 58. – •) 78, 18; 74, 8; 60, 19 u. öfter. – •) 54, 6; 50, 40; 20, 107. – ) 00, 1 ; 73, 14. – ■) 78, 20; 27, 90. – ■) 79, 10; 73, 14; 56, 6. – tt, 3; 81, 6. – ») 81, 1. – »•) 76, 8; 54, 1. – “) 77, 8; 81, 2. – ‘) 81, 11 f.; 78, 19; 73 18 u. 8. w.
“) 21, %; IS, 98, f. Der Zug entstamm! der jadischen Lehre, nach der durch diese Völker das Messiasreich zu Grunde gehen soll.
27, S4. Wie Mohammed zu diesor Anschauung kam, ist unklar. Die heiden Tiere in der Apokalypse Gap. 13. v. 1 u. 11 erscheinen als Werk- zeuge des Bösen, während dns d#s Korans in Gottes Auftrage auftritt und redet.
Lehre von der Vollendung. 167
Inmitten dieser Szenen des Aufruhrs in der Natur, der Fassungs- losigkeit der Menschen vollzieht sich an den vorher Gestorbenen des Menschengeschlechtes der Vorgang der Auferstehung: der Körper ersteht neu aus dem Moder, die Seele verbindet sich aber- mals mit ihm und die Erde giebt sie als lebendige Wesen von sich:
75, 26—30. Fürwahr, wenn die Seele in die Brust dringt, — und gefragt wird: Welcher Zauberer treibt sein Werk? — und man ahnt, daß dies die Trennung (vom Grabe) sei, — und sich Bein an Bein fügt, — dann geht zu deinem Herrn der Gang.
Diese Auferstehung von dem Tode bot den heidnischen Gegnern Mohammeds die besle Gelegenheit zu Einwürfen und Angriffen, deren Echo der Koran an ungemein vielen Stellen wiedergiebt. Wie können wir neugeschaffen werden, nachdem wir schon einmal Staub geworden sind ? so lautete die beliebteste Frage an den Propheten. Die Erwiederung hierauf enthält bald den Hinweis auf die Allmacht Gottes, die Himmel und Erde geschaf- fen »), das Wunder der ersten Menschenschöpfung gewirkt habe $ ) ohne dadurch seine Kraft ») zu verbrauchen; bald aber sucht sie durch Gleichnisse aus der Natur diesen Vorgang als einen begreif- lichen hinzustellen: 4 )
7, 55: Er (Gott) ist es, der die Winde als Vorboten seiner Gnade entsendet, bis sie schwere Wolken aufsfeigen machen, mit denen wir totes Erdreich tränken, Wasser hineindringen lassen und jeg- liche Frucht daraus hervorbringen: auf dieselbe Weise lassen wir auch die Todten wieder herauskommen v ).
In medmischerZeit wird dann noch von einigen Fällen wirklicher Totenbelebung geredet, die Gott an Menschen der Vorzeit ausgeführt haben soll: so an einem Unbenannten, der angesichts einer zerstör- ten Stadt Zweifel an der Auferstehung ihrer Bewohner äußerte, worauf Gott auf ihn einen hundertjährigen Schlaf kommen ließ und ihn
‘) 17, 101. — ! ) 20. 5. – “) 56, 7; 4«, 82.
*) Sehr beliebt sind bei den Talmudisten die Analogieen der Aufer- stehung mit natürlichen Vorgängen, z. B. mit dem Hervorkeimen des Samen- korns nach dem Hegen, dem Gebären aus dem Schooße der Mutter, der Ent- stehung von Schnecken nacb einem Regengüsse, von Mäusen aus dem Er lboden u.a., vgl. Wünsche, Jerusal Talm. S. 22, Babyl. Talm. I, S. 33 u. Ö„ dazu auch I Korintherbrief Cap. 15. 35 ff.
b ) Wiederholungen desselben Gleichnisses siehe 50, 11 ; 48, 10; 86, 1U 30, 4«; 22,
«
158
M ohammed.
dann „zum Zeichen für die Menschen” wieder ins Leben rief. *) Auch um das Herz Abrahams zu beruhigen, soll Gott diesem ein- mal Macht gegeben haben, vier zerstückelte Vögel durch blo&en Zuruf ins Leben zurückzurufen *).
Wenn die vorbereitenden Ereignisse in der Natur und im Menschenleben vor sich gegangen sind, dann beginnt das eigent- liche Weltgericht. Auf dem von acht Engeln getragenen himm- lischen Throne 8 ) enthüllt sich Gott den irdischen Blicken, wobei Scharen von Engeln 4 ) in Reihen geordnet ihn umschweben. Ihm entgegen wenden sich sodann die auf weitem Plane 5 ) versammelten Menschen 6 ), stürzen auf die Kniee und wagen nicht die Augen zu erheben.’)
Das Gericht besteht nach der Darstellung der ältern Suren fast nur in der Öffnung des himmlischen Buches 8 ;, worin der Bestand aller menschlichen Thaten in untrüglicher Weise aufge- schrieben steht, und weiter in der Mitteilung des Urteils. In der Form eines Schriftstücks wird jedem ein Verzeichnis dessen, was sich auf ihn bezieht, eingehändigt, damit er es selbst vorlese 9 ) und seiner Thaten noch einmal ansichtig werde 10 ); wem es in die rechte Hand gelegt wird, der liest zugleich das Maß seiner Belohnung, wer es in die Linke bekommt, erkennt daraus das Urteil seiner Verdammung. Il ) Aus jenen bildet sich nun eine Gruppe zur Rechten Gottes, aus diesen eine zur Linken 1 *); aus den auserlesensten Frommen aber setzt sich eine dritte Schar zusammen, die in nächster Nähe Gottes ihren Platz erhält. l3 )
‘) Nach A. Möller (ZDMG, 42, S. 80) ist der Unbenannte mit Ebedmelek, dem Freunde des Jeremias, zu identifizieren, von dem ein ähnliches Abenteuer im äthiopischen Baruchbuche enthalten ist; dieses aber stände nach M. Schreiner (ZDMG, 42, S. 436 ff.) mit der talmudischen Erzählung vom Schlafe Ghoni’s, des Kreiszeichners, in Verbindung.
*) 2, 262. Die Erzählung scheint späterer Zusatz zum Vogelopfer Abra- hams (Gen. Cap. lf>, 9 ff.) zu sein, ist jedoch bei den Talmudisten nicht nach- weisbar
‘) «9, 27. – *) *», 23 : 78, 38. – ») 79, 14. – •) 18, 46; 14, 44. — : ) 45, 27; 88, I. – “j HS, 10. _ ») 0», 90; 17, 15. – ,0 ) 81, 14.
“) 69. 19 ff.; 17, 73 Die mysteriösen Worte ‘Ilijjün und Sigfgin, womit in Sure 83 die Urteilsschriften der Guten und Bösen bezeichnet werden, vermag ich nicht zu deuten. Wahrscheinlich verband Mohammed selbst keinen klaren Begriff mit ihnen.
“) 90, 18 f.; 60, 8 f – ‘•) *6, 10 f.
Lehr« von der Vollendung. 159
Aus diesem einfachen Vorgange macht der spätere Koran ein dramatischeres Gemälde. Eine Wage wird aufgestellt *) und alles Geschehene von Gott darauf gewogen. Wessen Wagschale voll und schwer wird, der ist zur Seligkeit bestimmt; bei wem sie aber leicht bleibt, zur Verdammnis. *) Sodann werden die Verdammten beginnen, Entschuldigungen für ihr Thun vorzu- bringen; 3 ) doch die Propheten und Bekenner, die einstens unter ihnen geweilt hatten, werden sie durch das Zeugnis der Wahr- heit überführen und sie zum Schweigen bringen 4 ), umsomehr als auch ihre eigenen Glieder, die sie zu Werkzeugen der Sünde ge- macht hatten, gegen sie zeugen. *)
Die spätmekkanische Zeit, die in den Genien Seitenstücke zu den Menschen erblickte, mufite das Weltgericht auch auf jene ausdehnen. •) Angesichts ihrer erhebt Gott gegen die Götzendiener unter den Menschen seine Stimme und frügt, wo denn nun seine Milgötter seien; 7 ) die Genien aber läßt er Zeugnis ablegen, daß die Menschen aus freien Stücken in die Irre gegangen seien. 8 )
Dem Urteile folgt unverzüglich die thatsächliche Beloh- nung und Bestrafung. Der Anteil der Gerechten besteht in der Erwerbung ewiger Freuden und ewigen Friedens. Zum Ge- nüsse der Freuden werden sie in „den Garten”, d. i. Eden») oder das Paradies l0 ), versetzt, der auf ragender Bergeshöhe gedacht ist n ). Dort sprudelt ein lebendiger Quell, um ihn herum stehen Thron- sessel mit Kissen bedeckt auf prächtigen Teppichen ls ) Hier sitzen die Seligen mit freudigglänzenden Gesichtern, angethan mit Gewändern von grünem Sundus und Atlas, mit silbernen Spangen geschmückt und trinken teils das Naß der Quelle, das mit kostbaren Essenzen, Tesnlm und Käfür, gemischt ist, oder genießen köstlichen Wein
‘) Einmal wird sie schon in früherer Zeit erwähnt, vgl. 101, 5 f. >) 23, 104 f.; 21, 48; 7, 7 f. – •) 40, 54. – *) 39, <>9; 16, 91. ») 24, 24; vgl. auch 17, 38. Die Ansicht entstammt dem Judentume, vgl. W Ansehe, Babyl. Talmud, I, S. 433.
•) Vgl. r», 39 ff.; 25, 18. – ‘) 28, 62; 16, 29.
*) Daß alle Genien endlich zur Hölle verdammt würden, sagen nur späte Suren, vgl. 6, 128, während die frühere Zeit unter ihnen Gute und Hflse an- nimmt, vgl. 72, 11.
u ) Zuerst 40, 8. — ••) 28, 11; 18, 107. — “) HS, 10 vgl. Ephram, de paradiso Eden, 1, str. 4, 5.
‘») KS, 12-16.
160 Mohammed.
aus mosch us versiegelten Krügen ; den Hunger stillen sie mit Obst und Trauben, die von schattigen Baumen sich zu ihnen herab- neigen ; von einem zum andern gehen geschäftig ewig lebende Diener, schön wie hingestreute Perlen. »)
Die früher erwähnte Teilung der Seligen in Gute und Aus- gezeichnete bedingt keinen größeren Unterschied in ihrer Beloh- nung; wenn jene außer den genannten Wonnen noch Wein, „der weder Kopfschmerzen nocli Krankheit hervorbringt”, Fleisch von Vögeln, wie ein jeder es sich wünsch ?n mag, und endlich gazellen- äugige Jungfrauen (hür), rein wie Perlen in Muscheln, zuteil werden, so erfreuen sich die andern nicht minder im Schatten von dornen- losen Sidrabäumen und Akazien am Genüsse von fließendem Wasser und Früchten der Bäume, am Besitze von jungfräulichen Genossinnen, denen Gott ewige Jugend zugeteilt hat.*)
Während die bedienenden Jünglinge in späteren Suren in Engel umgewandelt werden, s ) erscheinen die Paradiesjungfrauen, bei denen infolge des Streites über das Geschlecht der Engel diese Wandlung nicht vorgenommen werden konnte, zwar auch als reine Wesen 4 ), doch mit der ausgesprochenen Bestimmung, den Seligen als Gattinnen zu dienen. ö ) Da so die Paradiesfreuden fast alle nur für Männer Wert haben, so kann man sich fragen, wel- ches der Freudenanteil der gläubigen Weiber und Kinder sei, deren Eintritt in den gleichen Paradiesgarten an mehreren Stellen auch behauptet wird. fi ) Ihnen wird der Friede genügen müssen, der die Seele eines jeden Paradiesbewohners umfangt, 7 ) jeden Haß und Neid daraus entfernt, 8 ) sich in frommen Reden und Gebeten wiederspiegell. jedes thörichte oder beleidigende Wort fern hält und im Gruße Gottes an die Gläubigen sowie dieser unter einander einen endlos tönenden Ausdruck erhält. 9 )
‘) Dieses Gemälde ergiebt sich aus der Zusammenfassung der in zahl- reichen Suren, z. B. 88, 83, 77, 76, 46 u. a.. zerstreut vorkommenden Züge.
») Vgl. 66, lt ff.; auch die Aufzählung der Paradiesfreuden in 55, 4«$ ff. kann auf «lie Zweiteilung der Gerechten bezogen werden.
“) 21, 103; 13, 23. – *) 2, 23. – Ä ) 52, 20; 44, 54; 2, 23; S, 13: 4 t>0. – 8 ) 13, 23; 4, 123: », 73. – 5 > 89, 27. – •) 15, 47; 7, 41. —
•) 39, 73; 36, 58; 13. 23. Die Phantasie Mohammeds dürfte bei der Be- schreibung der Paradiesfreuden stark durch Erinnerungen an die Bilder vom Paradiese befruchtet sein, die Ephram der Syrer in seinem Hymnenzyklus über das Paradies gebraucht, wobei jedoch dessen Versuch, die irdischen
Lehre von der Vollendung.
161
Daß das höchste Glück der Paradiesbewohner in dem An- schauen des Antlitzes Gottes bestehe, wie die spätere islamische Theologie mit Vorliebe behauptet, l ) kann nur künstlich in den Koran hineingedeutet werden. Zwar wird einmal eine gewisse Verbindung der Guten mit Gott behauptet:
54, 55 f. Die Gottesfürchtigen werden in Garten bei Flüs- sen wohnen — am Orte der Gerechtigkeit, bei einem mächtigen Herrscher j
und dem entsprechend werden auch die Bösen einmal als von ihrem Herrn geschieden bezeichnet 2 ); doch ist das Gott- anschauen nirgends in die sonst so farbenreichen Schilderungen von den Vorzügen der Seligen eingesetzt. Auch wenn von den Gläubigen ausgesagt wird, daß sie das Gute thäten für „Got- tes Antlitz” oder „im Verlangen nach Gottes Antlitz”,*) so soll das w ohl nicht mehr bedeuten, als „sich um Goltes willen” bemühen. Wie sollte das Anschauen Gottes sich auch ermöglichen lassen, da das Paradies, der Wohnsitz der Seligen, ob auch nirgendwo im Koran genau lokalisiert 4 ), so doch stets vom Himmel, der Woh-
Ausdrüeke möglichst geistig zu fassen, unbeachtet blieb. So sagt Ephram: Eden umfängt die Glieder mit der Fülle seiner WoblgerüVhe, die Herzen durch seinen Schmuck, das Gehör durch seine Klänge, Mund und Nase durch seinen Geschmack und Geruch (VI, Str. 8.). Er redet von duftenden Quellen (II, Str. 8), von Lustgezelten, von Blumenschmuck und Kronen der Gerechten (V, Str. 6) als Diener sind luftige Geister da; die einen hauchen daher und sättigen die Seligen, andere gießen ihnen Trank ein (IX, Str. 8). Auch Reben fin- den sich bei ihm: Wer sich des Weines einst klug enthielt, den tränken jetzt um so mehr die Weinstöcke des Paradieses, deren jeglicher ihm seine Traube darreicht, daß er sie sich nehme (VII, Str 18). Auch unterscheidet er ver- schiedene Gezelte (V, Str. 6), einen unteren und oberen Garten, je nach den Verdiensten der Seligen. Endlich finden sich in Hymne X, Str. 5 erwähnt vier Flüsse von Wein, Milch, Honig und Rahm, ähnlich wie im Koran (S. 17, 16 f.), nur daß hier statt Rahm Wasser, das nicht verdirbt, eingesetzt ist.
») Vgl. Krehl, Koranische Lehre von der Prädestination, S. 84, Anm. — Das Spätjudentum schreibt den Seligen das freudevolle Schauen des Ulanzes der Schechina zu, vgl Wünsche, Babyl. Talmud, I, S. 3«>.
*) 83, 15. – >) 92, 20; 76, 9; 13, 22: 2, 274.
*) Nur über seine Breite wird zweimal (57, 21 und 3, 127) gesagt, daß sie der von Himmel und Erde gleich sei, also eine Ausdehnung habe, die weit über die talmudische Angabe geht: Der Garten Eden hat 400 Parasangen im Geviert und ist der sechzigste Teil von Äthiopien, vgl. Wünsche, Babvl. Talm. I, S. 431.
Grimm«, Mohwnmed. II. ||
Itä Mohammed.
nung Gottes und seiner Heerschaaren, unterschieden wird ! Ein thatsächliches Anblicken Gottes kennt der Koran nur bei der Welt- gerichtsszene, wo aber nicht allein die Guten, ») sondern alle Men- schen ») dieses Schauspieles teilhaftig werden. .
Zu gleicher Zeit, wenn den Guten das Paradies erschlossen wird, fahren die Verdammten zur Hölle hinab. Diese ist nach der ältesten und stets vorherrschend gebliebenen Meinung ein Ab- grund (häwija) 3 ) oder eine Grube (uhdüd) 4 ), angefüllt mit feu- riger Lohe (gahirn, saqar, när), deren Name Gahannam»), d. i. das hebräische Gehinnom, ist. Wie ein Vulkan wird sie 77, 30—33 geschildert:
Hinein in das Schattenreich mit dreifacher Kluft, — das doch nicht Schatten beut, sondern Glut, die nichts abwehrt; — ihre Klüfte werfen Funken, groß wie Thürme – und rotgelb wie Kamele.
Etwas spätere Suren fassen die Hölle und ihre Flammen als lebende Wesen auf:
70, 15—17. Ja die Flamme — begierig zu verbrennen — ruft zu sich jeden, der auf Erden sich abwandte und den Rücken kehrte.
Als wütendes, unersättliches Tier hören die, welche in sie hineingeworfen werden, sie brüllen, und sie wogt, daß sie vor Grimm fast birst 6 ). Ja sie hält sogar mit Gott Zwiesprache:
50, 29. Einst, wenn wir Gahannam fragen: Bist du voll? wird sie antworten: Giebt es noch mehr zu verschlingen?
Das Feuer der Hölle hat nach den älteren Suren den Zweck, die Verdammten zu sengen und zu braten; später wird eine an- dere Ansicht bevorzugt, wonach diese durch ihre Körper das Feuer unterhalten und seinen Brennstoff bilden ,: ). Die Gruridvorstellung von der Hölle als Feuerschlund wird nicht so einheitlich festge- halten wie die von dem Paradiese als Garten; mit ihr mischen sich noch allerhand andere schreckhafte Bilder.
Auch die jüdische und christliche Auffassung enthält ähn- liche Züge; doch während hier die Absicht zu erkennen ist, be-
‘) 75, 22. ■) 39, 69. – ») 101, 6. – *) 85, 4. – 5 ) «7, 7 f.
ft ) Die medinische Phrase „das Feuer, deren Brennstoff die Menschen und die Steine sind”, kann ich nicht sicher deuten. Sollen mit den Steinen die Genien, insofern sie von den Menschen in Götzenbildern und heiligen Steinen verehrt wurden, bezeichnet werden, oder ist die Starke des Feuers so groß, daß Steine wie Holz brennen?
Lehre von der Vollendung. 16S
stimmten Klassen von Sündern solche Strafen zuzuerkennen, die dem Wesen des von ihnen begangen Frevels möglichst genau entsprechen, ‘) häuft Mohammed alles, was ihm Gedächtnis oder Phantasie an höllischen Strafen vermittelte, ordnungslos auf die Verdammten in ihrer Allgemeinheit. *) So führt er ein Gegen- stück zu dem paradiesischen Quell an ; jener ist siedend heiß, schmutzig und stinkend, so daß er die Eingeweide zerreißt, *) wenn ihn die Verdammten in ihrem Durste trinken, oder wenn er ihnen gewaltsam eingegossen wird, so bringen sie ihn vor Würgen nicht herunter. 4 ) Statt köstlicher Früchte reicht man ihnen ein Stinkkraut „das nicht nährt und den Hunger nicht stillt.* 6 ) Später wird an seine Stelle der Baum Zaqqüm gesetzt, „der vom Grunde der Feuersglut aufsteigt, mit Früchten wie Satansköpfe.” 6 ) Mit der Beschreibung 7 ) dieses Baumes scheint Mohammed aber die Wirkung auf seine Zuhörer einigermaßen verfehlt zu haben; wenigstens bekennt S. 17, 72, daß dadurch der Unglaube der Gegner nur gemehrt worden sei. An andern Stellen erscheint die Hölle als eine Folterkammer voll Hals- eisen, eisernen Zäumen und Kelten, von denen eine Elle so lang sei wie siebzig irdische. 8 ) Mit ihrer Handhabung sind Höllen- wächter betraut, die Zabänija 9 ), strenge, harte Engel 10 ), neunzehn an der Zahl u ), deren Oberster Mälik, d. i. Herrscher heißt.
Je später die Darstellung, desto verzerrter erscheinen die Bilder:
22, 20—21. Den Ungläubigen sind Kleider von Feuer zu- geteilt und heißes Wasser wird über ihre Köpfe gegossen; — da- durch wird ihnen die Haut und, was in ihren Leibern ist, gesengt; auch eiserne Keulen sind für sie da.
4, 59. Sobald ihre Haut abgesengt ist, erneuern wir sie ihnen, damit sie die Strafe fühlen.
‘) Statt vieler Einzelheiten sei hier nur auf die Schilderungen der Halte in der Apokalypse Petri hingewiesen.
*) Nur einmal erwähnt er eine Klasse von Sündern, denen eine besondere Strafe zukomme, nämlich die Geizigen, denen nach 9, 34 f. ihr aufgespeicherte» Gold glühend gemacht und Stirn, Seite und Kücken damit gebrandmarkt wird.
■) 78, 24; 69, 36; 66, 6; 47, 14. — 4 ) 56, 54 f.; 14,19 f. — *) 88, 5-7; 7S, 18. _ e) 3 7> 62 f. _ i) 66, 52 ff.; 44, 43 ff. – •} 76, 4; 73, 12; 6», 32. — 9 ) 96, 18. — l0 ) 6«, 6. – ») 74, 30 f.
164 Mohammed.
Zu solchen Martern des Körpers kommen weiter noch Qua- len der Seele hinzu, die sich in Selbstanklagen, Verwünschungen und fruchtlosen Bitten nach Erlösung zu erkennen geben. l )
Wenn Paradies und Hölle gewöhnlich als weit von einander getrennte Bezirke angesehen werden, so verringert Sure 7, 44 — 47 ihre gegenseitige Entfernung so sehr, daß eine gemeinsame Scheide- mauer ihre Grenze bilden solle; auf dieser ständen Männer, die die Vorgänge auf der einen wie der andern Seite wahrnehmen. Zu den Paradiesgenossen hingewendet rufen sie: „Friede sei über euch, 14 da es ihnen nicht gegeben ist, sich ihnen anders zu nähern; blicken sie aber auf die Verdammten, so flehen sie zu Gott: „Ge- selle uns ihnen nicht bei!” und halten einzelnen der Frevler, die sie von der Erde her kennen, ihre Schuld vor.
Man hat es hier offenbar mit einer vorübergehenden Anlehnung an die jüdisch-christliche Lehre von den Halbguten zu thun; doch scheint Mohammed bald erkannt zu haben, daß diese Meinung mit seinen früheren Ansichten, zumal seiner Gnaden wahllehre, nicht vereinbar war, und ließ es daher bei ihrer einmaligen Andeutung bewenden.
Sowohl Paradiesfreuden wie Höllenstrafen gelten im Koran stets als ewig: der jüdischen Meinung von der Endlichkeit der Strafen für das Volk Israel setzt Mohammed in Medina den schärf- sten Protest entgegen:
2, 74—76. Auch sagen sie (die Juden), das Höllenfeuer wird uns nur eine Anzahl von Tagen berühren. Sprich! Habt ihr das mit Gott kontraktlich abgemacht (einen Vertrag wird Gott nicht brechen), oder redet ihr gegen Gott, was ihr nicht wißt?
Nein, die welche Böses gewirkt und ihre Sünde noch an sich haben, sind Genossen der Hölle und zwar für ewig.
Die aber geglaubt und das Gute gewirkt haben, sind Ge- nossen des Paradiesgartens und zwar auf ewig.
Wie es gegenüber den Genossen Edens kein Ermüden und Ermatten giebt, so erlöst auch die Verdammten kein Tod von den Strafen. -) Ebenso ist die Möglichkeit einer Umänderung des einmal zuerkannten Schicksals ausgeschlossen, und mit Entlehnung einer neutestamentlichen Redensart wird deshalb gesagt: „Ihnen, die unsere Zeichen leugnen und sich stolz abwenden, öffnen sich
») 48, 77; 7, 36. – «) 85, 32 f.
Lehre von der Vollendung. 185
die Pforten des Himmels nicht eher, noch werden sie in den Gar- ten eintreten, bis ein Kamel durch ein Nadelöhr geht.” Uber- haupt hat alles, was der Gerichtstag geschaffen hat, als definitiv und ewig zu gelten; so Himmel und Erde, nachdem sie zu einer neuen Erde und einem neuen Himmel umgeschaffen worden. ‘) Nur ein einziges Mal läßt der Koran in spätmekkanischer Periode die Mög- lichkeit durchblicken, daß der allmächtige und unerforschliche Wille Gottes auch in die Zustände der Ewigkeit nach Gutdünken ändernd eingreifen könne :
11, 108—10. Die, welche unselig sind, werden dem Feuer angehören, darin ihnen Ächzen und Stöhnen ist — auf ewig, so lange Himmel und Erde währen, außer es müßte dein Herr (anders) wollen; denn er vermag alles, was er will. — Die aber selig sind, werden im Garten wohnen auf ewig, so lange Himmel und Erde währen, außer es müßte dein Herr (anders) wollen, als unvergängliche Belohnung.
‘ ) 14, 49.
Schlusswort.
Das geistige Werk, welches Mohammed nach zweiundzwanzig- jähriger Arbeit hinterließ, mag man wohl als Religion, nicht aber als Kirche bezeichnen. So fest ihre dogmatischen und moralischen Fundamente auch gelegt waren, der Oberbau einer kirchlichen Verfassung fehlte ihm ganz und gar. Das könnte verwunderlich erscheinen in Anbetracht der langen Zeit, die dem Propheten hierfür zur Verfügung gestanden hätte, nicht aber im Hinblick auf die Art und Weise, wie er alle äußeren Verhältnisse in der Gemeinde einzurichten pflegte. Sein Ziel war während der ganzen medinischen Periode die vollständige Zentralisation aller Gewalten, mochten sie nun geistlicher oder weltlicher Natur sein, in seiner eigenen Hand. Zur Prophetenwürde mit den Kompetenzen des religiösen Lehramtes fügte er langsam die priesterlichen Befug- nisse, soweit sie als Vermittlung zwischen Gott und den Gläu- bigen aufzufassen sind. Hiermit aber noch nicht zufrieden er- hob er die richterliche Gewalt, die er ursprünglich auf dem Wege des Vertrages mit den Medinern erworben hatte >), auch in die Sphäre der geistlichen Befugnisse und handhabte sie während seiner ganzen Lebenszeit in theokratischem Sinne. Den alten Stammesvorstehern will der Koran zwar noch einen gewissen ehr- erbietigen Gehorsam gezollt wissen;*) auch soll ihre Autorität zur Belehrung und Aufklärung in schwierigen Fragen benutzt werden 3 ) und ihnen das Vermittlungsamt zwischen hadernden Parteien in der Gemeinde zukommen ; *) aber ihr früheres wich- tigstes Vorrecht, das der richterlichen Entscheidung, blieb ihnen, so lange Mohammed lebte, entzogen.
») Vgl. Band I, S. 77. ») 4,62. – •) 4, 86.
•) 4, 87 u. 49, 9 wird wohl auf sie zu beziehen sein.
Schlußwort. 167
Die einzigen öffentlichen Ämter, in denen der Prophet die Mitwirkung anderer duldete, waren exekutiver Art; doch auch hier schuf er keine frei außer ihm wirkenden Eigengewalten, son- dern nur Vertretungen der in ihm konzentrierten Allgewalt. Des- halb wurde die Heerführung im Kriege immer nur für die Dauer eines einzigen Feldzuges an andere übertragen und sogar das Er- heben der alljährlichen Steuer stets wechselnden Händen an- vertraut.
Jede Gewalt aber, die Mohammed besäte, betrachtete er als göttlichen Ursprungs, wie alles, was von Gott kommt, durch einen unverdienten Gnadenakt mitgeteilt, und deßhalb an andere Men- schen nicht übertragbar. Bot eine solche Häufung exklusiver Ge- walten in der Hand eines Mannes wie Mohammed die Gewähr für großartige politische und kriegerische Erfolge, so mußte alles Erworbene wieder in Frage gestellt werden vom Augenblicke an, da der Träger dieser Befugnisse sie mit sich in das Grab nahm. Einen Nachfolger mit ihnen zu bekleiden, stand aus dogmatischen Gründen nicht in der Macht des Propheten, und darum ist es kein Versehen von ihm gewesen, wenn er den Koran nichts über seine Nachfolge anordnen lünt.
So begreift man die Bestürzung, die die Kunde von seinem Tode unter den Gläubigen hervorrief. Die angesehensten Gefähr- ten handelten im Interesse des Islams, aber auf eigene Rechnung, wenn sie kurz entschlossen sich zur Wahl eines provisorischen Stellvertreters des Propheten ffjalifa) zusammentraten, ohne wohl kaum sich klar gemacht zu haben, in welchem Maße der Prophet überhaupt vertreten werden könnte. Der Gewählte war der be- scheidene Abu Bekr, der seine Stellung lediglich als die des ersten Dieners der Gemeinde auffaßte, und so sprach er in seiner Antrittspredigt zur Gemeinde: „Ich bin euer Obmann geworden, ob ich schon nicht der Beste unter euch bin; wenn ich recht handele, so unterstützt mich, wenn aber unrecht, so leistet mir Widerstand.” l ) Das Schicksal erleichterte ihm durch die Pflicht der Fortsetzung der von Mohammed begonnenen Kriegspolitik sein Amt und ließ es über den äußeren Erfolgen noch nicht zu inneren Konflikten kommen. Sein von ihm empfohlener Nach- folger Omar faßte das Kalifat wesentlich anders auf; der Titel
•> Vgl Sujüti, Kalifengeschiehtc, Kairo, irwfi. S. 27.
168 Mohammed.
„Fürst der Gläubigen – , den er zuerst annahm, sollte nicht weniger eine Ehren- als eine Machtstellung in der Gemeinde andeuten. Doch schon seine beiden Nachfolger Otmän und Ali, bei deren Wahl sich die engere Gemeinde noch bethätigt hatte, scheiterten bald in ihren Ansprüchen mangels einer genügend umgrenzten und anerkannten Macht. Aus dem darauf folgenden ersten Bürger- kriege des Islams ging einesteils eine Königsherrschaft, andern- teils eine Kirchenspaltung hervor. Im Osten des Reiches gewann die gAnzlich unkoranische Lehre von der Übertragbarkeit der geistlichen Gewalten immer mehr Hoden und bewirkte das Auf- treten zahlreicher Imame oder Vorsteher, die mit den zweifel- haftesten Beweisgründen Anspruch auf weltliche und geistliche Führung der Muslime erhoben. Der Westen schied sich eine Zeit lang in zwei Hälflen, deren erstere, Syrien, nach dem Beispiele ihres Königs Moäwija den Islam als Gottesgeißel für die Nachbar- staaten auffaßte, wahrend die andere, mit den klassischen Sitzen Mekka und Medina und den Frühgründungen des Islams Küfa und Rasra, sich mehr der Beobachtung der koranischen Pflichten sowie der Sammlung der mündlichen Tradition des Propheten befliß und zudem nach politischer Selbstständigkeit trachtete. Das Schwert Jazids und ‘Abdelmaliks schuf aus diesen beiden Hälften gewalt- sam wieder eine Einheit, einen Staat, an dessen Spitze ein erb- licher Herrscher mit absoluter Machtfülle stand, in die auch eine äußerliche kirchliche Repräsentation einbegriffen war. Konnte sich in der Folgezeit die islamische Welt auch mit Gestalten wie der des koranergebenen ‘Omar II und Hischäm befreunden, so brachten doch ihre freigeistigen Nachfolger die Familie der Omajjaden und ihre auf Waffengewalt gegründete Herrschaft wieder in Miß- kredit, und als im Osten, im schi itischen Lager, auf das Schlag- wort: Das Kalifat müsse der Familie des Propheten zurückerobert werden, sich eine revolutionäre Bewegung erhob, da schwoll bald die Woge des Aufruhrs von Volk zu Volk höher an, schwemmte die omajjadische Herrschaft und Königsfamilie vom Boden weg und hob einen Nachkommen des schlauen Oheims Mohammeds, den Abba- siden Abu-l-‘Abbäs unverdienterweise auf den Kalifenthron. Jetzt nahm das Kalifat ganz im Geiste der Schi’a das Recht kirch- lichen wie staatlichen Oberleitung der Gläubigen für sich in An- spruch und hielt daran auch dann noch fest, als aus politischen Gründen die Herrscher sich zu Sunniten umwandelten. Nach wie
Schlußwort. 169
vor ward aber auch dieses Kalifat als provisorische Einrichtung gefühlt, hinter der fast nie der gesamte Islam stand, wenngleich die ‘abbasidischen Kalifen noch in den Zeiten ihres Niedergangs mehr geistliche Autorität besaßen, als irgend ein Mitglied späterer Dynastien des Ostens und Westens, die sich mit dem Titel Kalif schmückten.
Während sich die theologische Wissenschaft bemühte, den Begriff des Kalifats zu definieren und denjenigen, der die Vorzüge des Wissens und Gerechtigkeitssinns, der Thatkrafl und leiblicher wie geistiger Gesundheit vereinigte, dazu auch noch qorai- schitische Abstammung nachwies als rechten Nachfolger des Propheten ansah, so schwand doch in den breiteren Volksschichten mehr und mehr das Vertrauen gegenüber den Trägern dieses Namens; dafür aber ließ bei ihnen die Sehnsucht nach geregelten Verhältnissen in Religion und Staat schon früh das Bild des Mahdi entstehen, in dem sich der jüdische Messias ein wenig verändert wiederspiegelt. Ein Mann, hoffte man, werde am Ende der Zeiten aus den Nachkommen Mohammeds erstehen, um die Religion zu stärken, Gerechtigkeit wieder einzuführen, sich an die Spitze der Gläubigen zu stellen und sein Reich über alle mus- limischen Länder auszudehnen. *) Diese Hoffnung wuchs und wächst weiter in den Herzen der gläubigen Menge, und selbst das Auf- treten zahlreicher falscher Mahdis hat sie nicht zerstört, so daß noch vor einem Jahrzehnt die Welt das Schauspiel der Bethörung großer Völkerschaften durch einen religiösen Schwärmer erlebt hat.
Als Staatswesen verfügt der Islam jetzt weder über moralische Kraft noch physische Machtmittel und steht in der Periode der vollständigen Zersetzung. Solches gestattet den Schluß, daß der Tag nicht allzu fern ist, wo auch das Gebäude der islamischen Religion, haltlos geworden durch die Beseitigung der ihr vom Propheten selbst gelegten staatlichen Fundamente, dem fortge- setzten Anprall der europäisch-christlichen Kultur sich neigen und zusammenfallen werde.
*) Vgl. Ibn rjaldün, I, 161.
») Genaueres über die Mahdiidee siehe bei Ibn rjaldün, I f 260 ff.
Exkurs.
Dif Benutzung des II. Briefes Petri in spätmekkanischen Suren.
Wenn der Koran aus den Evangelien nur verzerrte Bilder bringt, die Apostelgeschichte gar nicht kennt, aus den Briefen Pauli keinen großen Gedanken auch keine auffallige Redensart entlehnt zu haben scheint, kurz den Hauptschriflen des neutestamentlichen Kanons durchaus fremd gegenüber sieht, so muß es nicht wenig auffallen, daß er eine ganze Reihe von Anklängen an eines der kleinsten neutestamentlichen Bücher enthält, die auf eine Benutzung desselben seitens des Propheten schließen lassen: ich nieine den II. Brief des Petrus. Da hiervon bisher noch kein Buch Notiz genommen hat, so sollen hier mit Übergehung des weniger Auf- fälligen kurz die Hauptberührungspuukte zwischen Brief und Koran betrachtet werden.
Dif Entlehnungen bestehen in der Herübernahme besonders prägnanter Gedanken und Bilder und finden sich nur in den Suren der Rahmaperiode, vor allem in S. 22 und der mekkanischen Episode von S. 24. Es ist mir wenig wahrscheinlich, daß Mo- hammed sie direkt aus dem Originale herübergenommen habe; denn die Art der Nachahmung ist immer eine durchaus freie, mündlicher Mitteilung entsprechend, vielfach sogar eine mißver- standene, so wie sie bei einem auch nur einige) maßen genauen Studium des Brieflextes unmöglich gewesen wäre. Man muß daher annehmen, der Prophet verdanke seine Kenntnis der Brief- stellen mündlicher Belehrung seitens eines dem Cbristentume ent- stammenden Gewährsmannes, der den Brief selbst gelesen zu ha- ben scheint — in welcher Sprache, das läßt sich wohl nie ent- scheiden. Verfolgen wir die Ähnlichkeitspunkte jetzt von Kapitel zu Kapitel.
Exkurs. Die Benutzunp des H. Briefes Petri u. s. w. 171
Im ersten Kapitel ermahnt Petrus die Gemeinde, sich im Glauben auch der Ausübung guter Werke zu befleißen und des- sen nach seinem Hinscheiden weiter zu gedenken, indem der Apostel das Evangelium von Christus selbst gehört habe, der durch Gott den Vater und durch Weissagungen als göttlichen Wesens erklärt worden sei. Den ersteren Hauptgedanken hat sich der Koran zu eigen gemacht, spricht ihn allerdings erst in medinischer Zeit aus. l ) Der Grund dafür dürfte sein, daß Mo- hammed in Mekka die Heiden eher zur Verrichtung guter Werke als zum Glauben bringen konnte und darum mehr betonen mußte, wie die Werke ohne Glauben nutzlos seien als um- gekehrt. *)
Außer diesem Gedanken scheinen einige bildliche Ausdrücke des Kapitels vom Propheten nachgeahmt zu sein. In v. 9 nennt Petrus die, welche den Glauben ohne die guten Werke haben, der Reinigung ihrer Sünden uneingedenk sind und dadurch ihre Envählung zweifelhaft machen, Blinde. Dieses Bild von der geistigen Blindheit wendet nun der Koran von S. 41 an sehr häufig an, zunächst auf diejenigen, die nicht zur Hechtleitung berufen seien 8 ), die Lehre hörten, dann aber abwiesen oder vergäßen «), später in Medina auch auf solche, denen Gott das einmal ange- zündete Licht des Glaubens wieder fortnähme. 5 )
Weiter bringt Petrus in v. 19 einen länger ausgesponnenen Vergleich zwischen dem prophetischen Worte und einer „Leuchte, die an einem düsteren Orte scheint, bis der Morgen anbricht und der Morgenstern in euern Herzen aufgeht.” Dieses Bild könnte den Propheten zu dem ähnlichen begeistert haben, mit dem die mekkanische Episode von S. 24 (v. 35 — 44) anhebt: „Gott ist das Licht des Himmels und der Erde; das Gleichnis seines Lich- tes ist wie eine Nische: in ihr ist eine Leuchte, die Leuchte ist in einem Glase, das Glas ist wie ein funkelnder Stern; angezün- det ist sie (mit Öl) vom gesegneten Baume, dem Ölbaume, nicht aus Osten noch aus Westen.” 6 )
•) Vgl. oben Seile 112. — *) Vgl. oben Seite 112. •) In 41. IG amä Blindheit geradezu als Gegensatz zu huda Recht- leitung gebraucht.
<) Vgl. 20, 126. — •) Vgl. 2, 1« f.
•) Also nicht irdischen, sondern himmlischen Ursprungs: A. Möller (Koran im Auszüge übersetzt . Anm. zu 24. 35) weiß sich nicht zu helfen: .Es i«t schwer zu bestimmen, vva-s das für ein Ölbaum sein >oIl. a
1T2 Mohammed.
Gap. II geht gegen die falschen Propheten vor, welche Gott ähn- lich wie einstmals die sündigen Engel, die Menschen zu Noahs Zeit und Sodoma und Gomorrha mit dem Gerichte treffen werde, während die Gerechten aus der Anfechtung gerettet hervorgehen sollen. Pseudopropheten hatte Mohammed unter seinen raekka- nischen Gegnern zwar nicht, dafür aber solche Ungläubige, die, wie er meinte, vom Satan angetrieben falsche Lehre über Gott und die Auferstehung gegen ihn vorbrächten Gegen sie wie- derholt der Koran in der Babmaperiode unablässig die Andro- hung eines Gerichts, wie es über die früheren Völker ergangen sei, hebt auch geradeso wie Petrus und im Gegensatz zu den Gerichtsschilderungen der frühmekkanischen Zeit die Rettung der Gläubigen hervor. Zur Vermehrung der Ähnlichkeit stellt sodann Sure 15, 31 ff. auch den Sturz des sündigen Engels Iblis, den man sich nach 17, 66 kaum ohne Anhang denken darf, an den Anfang der Strafgerichtsreihe.
Auf die Nichtigkeit der falschen Propheten wendet Petrus in v. 17 Bilder an, die etwas besonders Augenfälliges haben: „Sie sind wasserleere Quellen und Xebelwolken vom Sturmwinde ge- trieben; das Dunkel der Finsternis ist ihnen aufbehalten.” Hieran kann nun sehr wohl eine Beihe von koranischen Vergleichen, die dem oben erwähnten Bilde von der Leuchte sofort nachfolgen, in mehr oder weniger freier Weise sich angelehnt haben. Das erste Bild von der wasserleeren Quelle wäre dann leicht verschoben zu dem naheliegenden einer Wasserspiegelung in der Wüste, hin- ter der man Wasser sucht, aber keines findet, und von den un- gläubigen Personen weg auf ihre Werke übertragen, so daß es zu folgender Form gelangt:
v. 39. Was die Ungläubigen betrifft, so gleichen ihre Werke einer Wasserspiegelung in Steppen, die der Durstige für Wasser hält, bis er hin zu ihr kommt und nichts (derartiges) findet: aber Gott rindet er daselbst, der ihm seine Rechnung schnell begleicht.
Das Warten des Ungläubigen „im Dunkel der Finsternis* findet man in konkreterer Form im gleich darauf folgenden Verse wieder:
v. 40. (Die Lage des Ungläubigen *) ist wie Finsternis im ‘) Vgl. z. B. 22, 3, 8.
*) Es können nicht mehr die Werke gemeint sein, da das Bild dazu keraerlei Anhalt gewährt.
Exkurs. Die Benutzung des II. Briefes Petri u. s. w. ll&
Meeresabgrunde: es bedecken ihn Woge über Woge und über diesen noch dunkle Wolken, eine über der anderen; streckt er seine Hand heraus, so sieht er sie kaum. Wem Gott kein Licht schafft, der hat keines.
Endlich mag es auch nicht zufällig sein, daß, wie Petrus noch ein von Wolken eingenommenes Bild bringt, so auch der Koran in v. 43 von Wolken redet, die Gott hertreibt, verbindet und schichtet, bis sie mit Regen und Hagel auf die, welche nach göttlichem Ratschlüsse getroffen werden sollen, herabkommen.
. Die Hauptbeweiskraft für unsere Ansicht von der Benutzung des petrinischen Briefes durch Mohammed liegt jedoch in der Gleichheit von Gedanken und Ausdrücken des Kapitels III, wo Petrus die Verzögerung der Ankunft des Herrn gegenüber ungläubigen Spöttern deutet. Der Lage des Apostels ähnelte frappant die- jenige Mohammeds um die Scheide der frühmekkanischen Zeit der Rahmaperiode. Seine Gegner hatten lange genug auf die Frage: Wann der Gerichtstag eintreffe, hinhaltende Antworten gehört und gingen jetzt dazu über, ihn zu verspotten und als Lügner hinzustellen. Dem gegenüber macht sich der Prophet in eigenartiger Verarbeitung die Erwiederungen Petri zu eigen, wel- cher ausführt, es sei nicht wahr, daß die Schöpfung sich bisher unverändert erhalten habe, da doch schon einmal die aus Wasser erschaffene Welt durch Wasser vernichtet worden sei und dann fortfahrt: „Eines aber möge euch nicht entgehen, Geliebte, daß ein Tag beim Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr verziehet die Verheißung nicht, sondern ist langmütig euretwegen . . .” Hieraus macht der Koran in Sure 22, 43- -4G folgendes: Er führt aus, so wie die Ungläubigen Mo- hammeds Verheißung leugnen, hätten ehemals schon die Volks- genossen der sieben Strafgerichtsprediger gethan, worauf Gott noch eine kleine Frist wartete, dann aber sie alle mit gewaltigem Schlage traf: wären die Mekkaner nicht an ihrem Verstände blind, so müßten sie auch an so manchen wüsten Städten, verschütteten Brunnen und leeren Burgen das Eingreifen der Strafe Gottes er- kennen; sodann sagt er:
v. 46. Ja sie möchten, daß die Strafe sich noch beschleu- nige; aber Gott wird seine Verheißung nicht verziehen, und beim
174 Mohammed.
Herrn giebt es einen Tag, (der) wie tausend Jahre (lang ist), so wie ihr sie zählt. »)
Hier ist Mohammed fast Schritt für Schritt der Beweis- führung des Briefes gefolgt, hat aber in dem wichtigsten Teile nur die Worte, nicht den Sinn bewahrt. Dieses Beispiel ist wohl das bezeichnendste für die oberflächliche Art, mit der, sei es der Gewährsmann des Propheten oder er selbst, den Text des Briefes sich angeeignet und wiedergegeben hat.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der gleiche äußerliche Aneig- nungsdrang aus v. 5 des Briefes: »und die Erde, die aus Wasser und durch Wasser entstand” die Idee zum Schlußverse der mek- kanischen Episode von S. 24 entnahm: „Und Gott schuf jedes Geschöpf aus Wasser,” ein Gedanke, der dann in S. 22, 5 noch genauer ausgeführt wird.
Einen anderen besonders auffälligen Gedanken des Briefes giebt v. 13: .Neue Himmel aber und eine neue Erde erwarten wir nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.” Nach dem Vorhergehenden ist es nun nicht zu verwundern, wenn auch er den Propheten zur Nachahmung reizte, und diese, bei Beibehal- tung fast derselben Form, dennoch mißverstanden ausfiel:
14, 48 f. Und halte nicht von Gott, daß er seine Verheißung an seine Gesandten versäume (denn Gott ist mächtig und ein Rächer),
Am Tage, da die Erde sich in eine andere Erde umwandelt und die Himmel (ebenso), und man (aus den Gräbern) herausgeht zu Gott, dem Einen und Mächtigen.
Während Petrus die Neuschöpfung offenbar als eine Ver- besserung ansieht, damit die Seligen würdig wohnen könnten, faßt Mohammed sie als Vernichtung der früheren Form, zum Zwecke, dem Gerichtstage eine auffällige Szenerie zu verleihen; und zwar wird er von der petrinischen Anschauung deshalb ab- gewichen sein, weil er sich sein Paradies, den Wohnsitz der Seligen, mit dein Himmel oder der Erde weder gleich noch auch nur verbunden vorstellte.
Man darf nicht, wie gewöhnlich geschiebt, übersetzen: Beim Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre; entsprechend unserer Übersetzung sagt auch 32, 4: Der Amr steigt zu Gott wieder auf an einem Tage, dessen Maß tausend Jahre betragt, so wie ihr sie zählt (d. h. am Gerichtstage).
Üxkurs. Die Benutzung des Ii. Rriefes Petri u. s. w. 1?’
Die Rahmaperiode des Korans ist wesentlich auf zwei Grundbegriffen aufgebaut: Barmherzigkeit (rahma) ‘) und Lang- mut (taul) *). Wenn wir schon früher beide als Beweise für das Eindringen christlicher Denkart in die Predigt Mohammeds auf- gefaßt haben, so dürfte man aus dem Vorstehenden wohl den Schluß ziehen, daß es vor allem der zweite Brief Petri war, von dem aus diese Ideen ihren Einzug in den Koran hielten.
‘) Zuerst erwähnt 46, 11. 4″>, 19 und in folgenden Suren ? ) Zuerst erwähnt 40, 3; das „Fristgehen – schon 72, 26.
Verzeichnis der in Band I und II des „Mohammed” übersetzten Koranstellen. *)
v. 1-6
V. fi . .
v. 7-12 v. 16—19 v 25 v. 35
V. 58
v. 20. v. II
v. 2a
v. 81 v. 85 v. äl v. 35 v. 104 v. 1DI v. 112-113 v. 118-124
v. 180 . v. 131 . v. 138—140 v. 132 . v. 141 . v. IM . v. lfiä il 168 v. lfia . . v.’ 173—174 v. 179-181 v. isa . .
v. 186—190 v. 186, 187, im v. 214 . v. 216 . v. 220 . v. 224 . v. 239 . v 247 . v. 254 . v. 256 .
Sure 1 .
. H 122 Anm.
Sure 2.
ii, loa. IL 119 f.
IL 120. II, LilL IL 81. L 53. 0 20, L 68 l L zo.
Ii, 52. L ß& IL Utt.
ii, a.
L 20, II, 188. L fil f.
II, 120, L 62. E TL II, 184 L 10. L 20.
L iVL
IL 113- II, 146. L 56_i II, 132,
L i^ü. L 23. II, 13a. L 84. IL 152. II, 144. II, 150 Ann. L 54j II, 124- L 59. II, 52. II, 42 f.
V.
263 . .
. . II,
V.
266-267
. . II, 140.
278 . .
. . II, 140,
285 . .
. . II, 12L
X.
286 . .
. . II, 123 Anm.
Sure 3.
V.
5 . .
. . II, 24 f.
V.
30 . .
. . II, 29 Anm.
V.
42 . .
. . IL 93.
V.
52 . .
. . L 125.
V.
58-fil .
. . I, £2.
V.
68 . .
. . L 69,
V.
21 . .
. . II, 113.
V.
22 . .
. . Lfia.
V.
28 . .
. . II, 120,
V.
90-93 .
. . L 65.
V.
138-139, 145,
142 . .
. . I, 1ÜLL
V.
151-152
. . D, 188.
V.
153 . .
. . L 1QL
V.
159 . .
. . L 100; IL 109 Anna.
V.
im . .
. . IL 109. Anm.
V.
162-164
. . LUE
Sure 4»
V.
3 . .
. . L 139; IL 145,
V.
26-28 .
. . IL 144.
V.
28 . .
. . H, 145.
V.
29-30 .
. . n, 145.
V.
35 . .
. . II, 115,
V.
- . . . . IL 125. V. 52 . . . . II, 113. V. 80—81 . . . II, 109 Anm. V. 92 . . . . II, 136, V. 104 . . . . I. 54. V. 134 . . . . IL 138, Sure ö. V. 8-9 . . , II, 125. V. 12 . . . . II, HL V. 15 . . . . L *5 Anm. V. 16 . . . . L Til
‘) V«T«f, von denen nur kleinere Teile überaetst «ind, sind hier übergangen.
y Google
Verzeichnis der übersetzten Koranstellen.
177
42 . . . 40 . . . 56—57, 60 92-93 . .
1 .
Iii .
92 .
125 .
138 .
im .
152-153 155—156 159 . .
19 u. 2ii 55. . IM .
17K . 119 .
1
5-6 . 22 . 40-41 42 . 48 .
1-24 17—18
25-26
28 .
29 . 36-87 40
48, 58- 60 81 95 98 IM 112 IM 123-124 125 129
II, 152.
II, 141 Anm.
L 93. f.
n, 153.
Sure IL
Sure IL
II, 73,
II, 13.
II, ALL
II, 108.
n, 142 f.
II, 130.
II, IM f.
II, llü Anm.
II, 112.
Sure
IL 62. IL, ir>7.
L 142. II, HILL II, LL
Sure 8.
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L
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MI Anm.
Sure 9.
60
L 129-133. II, 126. II, 53 f. L ML L 153. L 162 f.
I. 47. L 15LL IL LLL L 150,
II, 6, L 15L.
n, hü.
IL LLLL TL 110. IL 132. IL ß
I, 112.
Sure 10.
38 . … II, 23,
88-39 … II, 3 und 23.
60-61 . . . II, 129 f.
90-92 … II, 88 Aniu.
100 …. II, MI und 119.
Grimm”. Mohammed II.
V.
lfi . .
. . II, 3 und 23.
V.
93 . .
I. 29.
V.
llfi . .
. . II, 123.
b,,.. 10 rMIrt* Lü.
V.
101 . .
. . L 3L
Sure IL
V.
21 . .
. . II, 112.
V.
26 -27 .
. . II, KL
V.
31 . .
. . II, 38.
V.
48 f. .
. . II, 124.
Hure 15,
V.
LT . .
. . II. 20 Anm
V.
34-35 .
. . II, 20 Anm.
V.
85 . .
. . II, 22.
Sure 16,
v
5—16
II f
• • 11, I •
V.
iO ., AA Sil U. ^tl
. . I, Qii All III.
v.
82
— • •
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• • 11) tw,
v.
II 149
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93
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V
101 — 102
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II 134
Sure HL.
V .
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V.
13 . .
. . II, 131 Anm.
V.
23-40 .
. . IL llfi f.
V
3ü . .
. • L 25,
v
44
II 37
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46
211
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II 69
V.
62 . .
. . L 38,
V.
65-66 .
. . II, 61.
V.
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. . 11, 3.
V.
81 . .
. . II, 52.
V.
107 . .
. . II, 2 u. 23 Anm
V.
1 in
II 1 9<t
Sure 19,
V.
31 . .
. . II, 94,
V.
58 . .
• * II. 3.
V.
fil . .
. . II, 112.
V.
92 . .
. . 11, 2.
Sure 20.
V.
118—123
. . II, 61 f.
Sure 2L
V.
22 . .
. . II. 3L
v.
10 . .
. . II, 83.
v.
105 . .
. . II, 90 Anm.
11
178
Verzeichnis der übersetzten Koranstellen.
v. ia . v. 27-31 v. 39-41 v. 40-41 v. 43 v. 46 . v. 51 v. 62, «4 v. 22 .
v. 6
v. 35 v 30 v. 40
v. 1 v. 5— 6 v. 34 v. 10
v. 94—95 . v. 111—114 v. 128—130 v. 191 . . v. 224- 228
v. 22 v. 23
v – 53
v . 71-73
v. 1 v. 44 v. 41
29
v 14
v. 2 v. 4
v,
V.
B 19
Sure 22,
II, 55,
L 65. f. ; U, 12& L 12.
u, m
iL &L II, 123 II, I f. n, 39. II, 69.
Hure 23,
. . IL 143,
Hure iL
. . II, 171.
. . IL 71 f. u. 122.
. . iL 122 f.
Sure 25,
. . U, 73.
. . I, 32.
. . II, 2.
. . IL. 115.
Bure 26,
H, 71.
I, 33 Anm. II, 79. I, 52 Anm. IL 9.
Sur« 22.
. . II, 6.
. . II. 35.
Sure 2fi»
. . I, 52 Anm. . . II, 108. . . II, 32.
Sure 21L
. . IL 13Ö. . . TL” 122. . . IL” 4.
Sure ‘&),
. . II, 60.
Sure 3L
. . II, 188.
Sure £L
. . II, 156,
. . II, 52 u. 174 Anm.
. . n, 5& . . n. iöl
19
V.
26-27 .
v.
70
V.
149-152
V.
89-40 .
v.
13
v
14 — 15
11 Iii
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22
V.
1-4. .
v.
143-14-1
v.
15 . .
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v.
43 . .
V.
62 . .
v.
71—72 .
V.
73— *5 .
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4
v.
8 . .
v.
14
V.
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v.
43
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V.
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15
V.
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11 LL
V.
24 . .
V.
30 ■ .
V.
V .
1 0 LS
V.
11 . .
V.
38 . .
V.
48-49 .
V.
52 . .
.
66 . .
V.
15-18 .
V.
25-27 .
V.
- . .
Sure 33,
. . L löö. . . L HO, . . II, 151.
. . L Sure 34,
. . iL sa.
Sure 35.
. . II, 45. . . II, 69. . . IL ItL
Sure 37.
. . IL 100. . . II, 9_L
Sure 3iL
I, SO,
II, 92 Anm. L 33 Anm. II, 58,
IL so f.
Sure 31L
II, 66 Anm. IL 58
II, 108 Anm. II, 10A II, 51L
n, Ii u. na,
Sure 40,
. . IL 108,
. . II, 52,
. . II, 26,
. . II, 155.
Sure 4L
Ii, im
II, 4L II, 5L IL ÜL IL 49,
Sure LL II, 102.
iL loa.
I, 30.
II, 134. II, 45.
iL m
L 29. Sure 43.
. II, 68, . L 6L
, . T, 29.
v. 1—4 . .
v. aa=a8 .
v. 58 . .
v. 28-30
v. 4-6 . . v. 35, 37 .
v. 10 . v. 11-12 v . 18 . v. 22—25
v. 14 v. 60
v. 15—17 v. 38—39
v. 1—4 . .
v. 5a . .
v. 45, 41
v. 1-18 . v. 19—27 . v. 32- 33 .
v. II . . v. 52—53 .
v. 58—71 . v. 77-78 .
v. 2fi
v. 6-8 . . v. 22 -24 .
v . 12 v. 4 .
Verzeichnis der übersetzten Koranstellen.
Sure 44. Sure i
. . II, 5L . . II, IL . . II, 2.
Sure 4ü.
. . II, 65.
Sure 42.
. . Ij Hf). . . L 85.
Sure 48,
. . II, 154L
. . L U2- . . II, 53.
. . L lik
Sure 49.
. . II, 12L . . II, 52«
Sure 50,
. . II. 49, . . II, 12a.
Sure fiL
. . II, 100. • I, 30»
Sure 52.
. . L 30.
Sure 53.
. . II, 1ÜL . . II, 68, . . II, 114.
Sure 54,
. . II, 2. . . II, 44 Anm.
Sure 56,
. . II, 38. . . II, 44,
Sure 52.
. . II, 29 Anm.
Sure 59,
. . L 92, . . II, 43.
8ure 60,
. . II, 148,
Sure fiL
. . L 81 Anm.
vf>9-
11 .
v. 9 .
II, 125,
V. 1U
• •
Ii, izd Anm
Sure 03.
v 4.
I 10″,
Sure 64,
v. II
. . II, 14L
Sure 6äl
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. . II, &L
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v. 1 .
. . L 14LL
Sure 69,
v. 12
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. . IL 48,
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v. 44
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. . II, 4.
Sure iü.
v. 3 .
. II, 36,
v. 5—
•8 . .
v. 19-
-21 .
. . n, 59.
v. 30
• •
. . II, 143.
Sure 71,
v. 22-
-23 .
. . II, 69,
Sure 22.
v 6 .
v. 11-
-12 .
. . H, 65,
v. 18
• •
. . II, 126.
v. 20
• ■
. . IL 124.
v. 1— v. 2— v. 19 v. 2Q
v. 1—17
v. 7- v. 16 v. 26 v. 37
8 . -19 30
B9
Sure 23,
. . II, 123, . . L 26. . . II, 106.
. . a 2.
Sure 24,
. . L 22 f .
Sure 25.
. . U, 99, . . II, 22, . . II, liL
. . n, 52.
Sure 16,
v. 2-
v. 29
v. 23
v. 30
-3 . -31
-31
n, 106.
II, 9. IL 106, II, 106 Anm.
12 *
ISO
Verzeichnis der übersetzten Koranstellen.
v. 1—6 . £. 20-23
v . 40 .
Hure TL
. . IL 100. . . iL 52.
Sure 28*
. . I 30.
Sure 12.
V.
1-
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. . n, 100.
V.
15-
-2p .
. . n, hl
V.
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. . n, 3L,
Sure m*
v.
1-
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. . L 22,
V.
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. . n, U2.
V.
11
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. . II, 22.
V.
13
-15 .
. . II, IL
V.
19
-23 .
. . II, 1ÜL
V.
24
-32 .
. . II, 32.
V.
34
-37 .
. . II, 15JL
v. 27—28 . v. 27-29 .
v. 10-12 v. 1—6 .
v. 25 .
v. 11
v. 21-22 .
v. 1-4. .
v. 6—7 . .
v. 17—20 .
v. 14-30 .
v. 1-lfi .
Sure 8L
. . n, im. . . n, h.
Sure 82. . . 1 1 , I – ,
Sure 83,
. . L 22.
Sure &L . . n, 110.
Sure 85.
. . II, 110.
. . IL 22 Am».
Sure HL . . II, ü
Sure 82.
. . U, iL
Sure 88.
. . H, 81.
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. . Ij 21 f .
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V.
5 . .
. . II, 36.
V.
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. . n, km;.
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V.
1 — 10
. . . I, 20.
V.
5—7 .
II. 21 Anm
V.
7-8 . .
. . II, 59.
V.
9-10
. . . I, 15.
Sure 92,
V.
1-21
. . I, 2Q.
Sure 93,
V.
3-8 .
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Sure 2D_
V.
6 . .
II, 110.
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V.
1-19
. . L 18 f.
V.
1-2 .
. . II, 5JL
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. . II, IL
Sure 98.
Sure 99.
V.
1—8 .
. . n, in.
Sure ML
V.
1-11
. . L W.
V.
1—5 .
. . II, 100.
Sure 1ÖL
V.
5-6 .
. . II, LLL
Sure 104.
V.
1-9 .
. . I, 18; ü, 20.
Sure lflfi.
V.
1-4 . ,
. . II, 35,
V.
3—4 .
. . II, 32.
Sure 102.
V.
1-7. .
. . Ii 13,
Sure los.
V.
1-3. .
. . II, 12L
Sure LLL
V.
1-6 . .
. . II, 123 Anm.
Verzeichnis der Eigennamen und wichtigeren theologischen Kunst- ausdröcke in Band I und II des „Mohammed”.
A.
Aaroo i Härtini II, 25, Sä
el-‘Abhas ben el-Mottalib l j£ f., 121.
- 135, 14t». el- Abbäs ben Obäda L 4fL Abd-Alläh (S(amm) L 4<i ‘Abd-Alläh ben Mohammed I, 9_ ‘cn Abd-Allah b’Abbäs L 124 f. Abd-Alläh ben Abd-el-Mottnlih J, 8. ‘Abd-Allah ben Gahsch I, 83. *~ Abd-Alläh ben Ruwäha ^ 12L ‘Abd-Alläh ben Suhail I, 115. Abd-Alläh ben Ubaj L Ii f., M, 95,
W± 104, 110. LÜ2. Abd ben Ta’laba L 12L Abd-Alläh ben ez-Zubair II, 15. ‘Abd-ed-Där L 3^ SfL Abd-el Aschhal L iL Ab.l-el-Malik II, 16*. ‘Abd-cl-Mottalib L 13ü Abd-el-Qais L 1 15L ‘Abd-er-Hahmän ben Auf ^ 24. 4t>, 115, IM.
Abd-er-Mahmän ben el-Harit II, 15. Abel II, 8JL Abessinien L 1 f-i 3JL Abraha II, IL
Abraham (Ibrahirn) L üÖftj II, 25^
7L 82 f. 128. Abu Afak L 02. Abu ‘Ämir I, 52, 74, 151; II, 33. Abu-l-Bahtari I, 88. Abu Bekr L 24, 3t. 37. 115. 151, 160,
164; II, 12 ff., lfiL Abu Gahl 1, 33 f., 86. ff Abu Hodaifa L 4fL
Abu Hodaima, II, 14.
Abu Lahab l u 28, iöi
Abu-l-Barä L 102.
Abu-l-Qäsim I, 9_
Abu Qais L 12.
Abu Räti Salläm L Öl
Abu Sufjän l 85 f., 95, 97 f., 126,
128, 133, 14« Abu Jälib L 8» 28, 36, 38i II, MUL Abu Zaid II, 15_ Ad, II, 77, m Adam II, 56, 58’ff, 8L adän, Gebetsruf I, 54. Aden I, £. Adt L 3fi.
Adi ben Ka b L 3ü. Adri’ät I, 93, 1Ü3. Aga L L
ag>, Morgengabe, II, 14a. Ahabisch L 106.
‘ahd-Allah, GelAbnis der Gläubigen an
Gott I, 25j II, 148 ff Ahmed = Mohammed II. «ÜL el-Ahqäf L & Aila L 2, 151
äja, Mitteilung, Einzeloffenbarung II.
46, TL Ainain 1, 9JL Aischa L 12, m
Alt ben Abi J&hb L L 2_L 46, 86, H& llä 122. 137, IM f., 157. 159; II. lfifi.
Alläh II, 25, 36 ff.
Allät L l±ü f.; II, «6,
Almaqah I, 5.
amana, Sichorheit. Gottesnähe II, HL
188
Verzeichnis der Eigennamen und KunsUusdrücke.
‘Amir L 40. amm-ha’ares r f. ummi. amr, Emanation Gottes II, 47, 5_L ‘ A mr Lüi el-‘As I t 108. 122. 137. 143, 118. anäba. Hinneigung zu Gott fühlen 1I< 101 f.
Ansär. medinische Hülfsgcnossen Mo- hammeds L 4«! 50, 53, ^ Sä f., ai
32 f.. in. 119. ia r >. yg.
Antiochia II, 9Z. Aqaba l A 2L, U ff., öl. 127. 135. Arabia Deserta I, 2. Arahia Felix L 2. Arabia Petraea I, 2. Arabien L 1 ff- Arafa L H, 12L 123. ‘Arrtd l 3. Asad L 4. Aslam L 1 aslama er. Islam. Asmä L 22. Ascluirätag i. 55. ‘Altar L 5. ‘Auf L 52. 28. Aujfis L 14iL
Aus L 40, 4L 5ü f., !ÜÄ 102, !£& 143. Aus hen el-Hadrami K fiL Azumilen L L Azd L i. 158.
B.
Badr 1. 73 T fliff. 98, 103, 1 12. Ht3; II. 5L Bähila L L Bahra L 15L
Bahrain I. 3 f.. 122. 157, 15Ü,
Bakk L L
Bakr, L 128.
Bali L -L läL
Baqi* L 168.
el-Bara L =43.
Batrik L 35.
Bekka K Bö.
Belqa I. 127. 163.
Benu ‘Abd-Allfth siehe unter Abd
Alläh u. s. w, Biläl L 34, 55. Bo &l L 4L Bostra I, L Btlhari L IL 5fL Buwat L 83.
C.
Chosroes L, ä.
I>.
Dahnä L 2. pakwän II, 102. Damascene L 4. där-en-nadwa, Bathau* L **. Darum L 133. Dal t i l i i n/.al L 1′ Oavid (Däwüd) II, ÜQ. dimma, Rechtsverband des Islams L 151. 153.
dikr, dikra, Predigt = Koran. IL 22. dln, Gericht II, lülL Du-l-Higga 1. 7; II. 127. 13L Du-l-Qa’da II, 13L
Du-l-Qarnain (Alexander» II. 31 Iii I Dumal-el-Gandal L LLL 15L
E.
‘Eden, Paradiesgarten. II, 153.
Edruh L 12L
Elias (Iljäs, IljAsin) II, 32.
Elisaeus (Eljasa’) II, 112.
‘Esra L *ifi.
Eva II. 32,
F.
Fadak L 123. Faid L 2. Falaf L L
fiscal* k Zibereiiea de« himmlitcb«n
1 Hurhee rär den irdischen «*br»wh
farraqa L H, «a.
Fälima L 3. Faz&ra L 152. el-Fulüs L 15L
furqan, Abtrennung Koran II, 23. G.
Gadima L 143.
Ga’far ben Abi Tälib L 34.
Gafna L 23.
Gahannam, Holle II, 132 ff.
gaib, Geheimnis himml. Buch II. iL
Garba L 151.
el-Gärfid l>en ‘Amr 1^ 157.
Gassän L 123.
Gassaniden I. 5
Gatafän L 3» 10L lflfi f., ÜB.
Gazawän L 144.
Gihril (Gabriel) L Iß t\ IL 49, 11)3. Gibt, L 68. Gifar L 133.
Verzeichnis der Eigennamen und Kunstausdrücke.
im
gihäd, Glaubenskrieg L 12. f., 90, 120j
D, IM ff. Ginn, Genien IL tä. ff el Gi’räna I, liß f., UÜ t fcizja, Kopfsteuer L IM f. Gohaina L .3* Goliath (GAlüt) IL 90, Güdt II, 82. Garasch L IMi 158, gurnaiq, weibliches Himmelswesen II,
fi&f., 99. Guscham L 78, 144,
H.
Hadiga L 9, 25, 38, 13iL Hadramaut L Ä haffafa,OffenbarungenerleichternII, HL Hafsa, L H, 15. Ha£ar L 3.
el-hagg, das mekkanische Fest, Wall- fahrt nach Mekka II, 29 Anm., 122.
Haibar L 2 f., 5. <M. 103. 111, 118, 120. 15L
halal, erlaubt II 124.
Halid L 9«, lOBj 122, 12^ 134, 1»L 143 ff.. 151, m
ballfa, Stellvertreter Gottes oder des Propheten H, 75, Uil ff.
Hamdan L 4, 158 f .
Hamza L iÜL SIL
hanif, religiös unvollkommen L 12 f..
63.6«. 157; n. aa f.
haqq, Wahrheit — himml. Buch II, LL haräg, Abgabe, Grundsteuer L 155. haräm, geweiht, verhüten L l’H ; H, I—’ el-Härit L 52. 78, 123, 12<i. 159. Härit el-Mahäsibi II, JiL Härita L 9_L 25. Harra, L 2. Häschim L &
Hasehimiden I. 28, iM f., 32.
Hassan ben TAbit 1,92.94, 102,148. 151
Hat’am L ±
Hatfb L IL
Hauda L 123,
Haurän L 2, 5, iüL
hawä, der hose Trieb II, 59.
hawärijjön, Apostel, IL 9JL
Hawazin L 4, 126, 133,
Hazraf L 40**., 50 ff , 01,93,1%, 111, 143.
Heraklius I, 128, 125 f., 149,
Htfäz L 5, 82; 86, 101, 111. 113,
120, 122. 153. el-Higr I. 4. 151; H f 80. himä, Bannkreis L 147. 158. rjimjär L 4, 158. Hiob (Ajjüb) II, 92. Hira L 4 f., 10, 123. Hischäm II. lfifi.
Hodaibijja L Ü?, 112 f., 11« f.. 120.
128; H r 53. Hodaifa ben el-Jamän II, 15. Honain I, 145 f., 148, 158; II, 53, Hubaib L 1ÜL Hubal L 9L Hud II, 3_L Iii
hudä, rechter Weg, gottl. Leitungll, 110. Hudail I, 4, 101, III, 143. Huza’a I, 3. 106, 113. 116. 128.
J.
Jügüg IL 33, 48, 15L Jagüt iL «2L Jakob (Ja’qub) II, 25. Jatrib L IQ IL 49 ff .la’üq II, «iL
Jazid ben Abi Hahib L 126,
Jazid ben Mo’äwija II, ISUL
Ihlis, Oberster der bösen Geister II,
50, ÜÜ f.
Ihn ‘Abbäs cf. Abd-Allah ben ‘Abbäs.
Ihn el-Atfr L 54,
Ibn Hischäm L 5J,
Ihn Ishäq L lö f., ü&
Ibn Mas’ud II, IL
Ibrahim L 12«.
Idris IL 92.
Jemäma h 24 f.. 123. 153.
Jemen, L ^ 153 f. 158.
Jesus (‘isa) H, 25, <>3 ff.
jezer hattöb und hara’, guter u. böser
Trieb il, 52. Ikrima L 148.
ihm, Wissen — himml. Buch II, 4fL imäm, rel. Vorsteher II, 168. Imän, Glaube II, 111, 118 ff Imrän, H, 23,
‘ingll, Evangelium L «Jj II» 26. Johannes (Jahjä) II, 96 f. Jonas (Jünus) II, ‘.’1 . Joseph (Josuf) II, 84 ff.
IM
Verzeichnis der Kigennnmen und Kunstausdrucke.
•Ir&q L 2,
Isaaq (Ishaq) II, 84,
islah, Liebe, Wohlthuen II, 138.
islam, Hingebung an Gott L 27j II, 108.
Ismael (Isina’ll) II, 8L
Juden Lfifi <L flO ff.. Iü2 f., f 109 f., LL8f.,
Ka’b hen Asad L 109 |
Ka’b ben el-Ascbraf L HL
Ka’b ben Malik L 22.
Ka’ba I, 6. Ü2 f. T 134. Hil: II, 12b.
Kadä L 123.
kähin. Wahrsager II, lü Kalb L 1
kalima. Wort Gottes — Jesus II, 52. el-Katlba l 112. Kinäna L i L Kinda K _L
kitab, göttliches Buch und seine offen- barten Teile II, 2A 44, 60, 12 f. Klein-Badr L &L
Koran iqor’än). Vorlesung des göttl. Buches, Mohammeds Offenbarungs- schrift L II, 1 £L 12 f.
Kuda L Uö.
L.
Lihj&n L 10L
Hilm, weibliche Nachtgeister II, 04.
Lot (LOt) II, IL 83.
Loqmän II. 22.
lüh, himmlische Tafel II, 44.
M.
Ma’ad L 4L Ma’äfir L laß, Madgaf L Madhig L 4. Madjän II, 80. Mägug II, 33, 98, 1ÄL Mahärib L l^L
Mähdi, der Zukunftsprophet II, 102.
Mahmud ben Maslama L 115.
Mahzüm L LLL
Maimüna L 14Q, lfil
maisir, ein altarabisches Glücksspiel,
II, 152 f. Mala* L §, l^i.
maläika, rnulak, Kngel II, 48 ff. Malik, oberster Höllenengel II, üOt 103- Mälik l.en Auf 1, 144, liO f.
Manät II, 60.
inunsuh, Abrogiertes (im Koran) Ii, Ui. Maqni l 1ÜL
maqöm, maqämu, Ort der Gottheit
Gott II, 46. Maria l 126^ 141. Maria (Marjam) II, 2^ f. Marwa I, 121; II, 122. Maslama I. 12fi. IM. matäni, Abhilder des nimmt Buches
II. 25, IL mä’ün, Almosen l lü. M&’öna 1, 102. el-Ma*wa II, 10L.
maziqqin, schädliche Geister, II, »iL
Mesgid el-aqsa L 3L
Mesgid el-haräm L ÜL IL üii.
Messias II, 95, IM.
MihlAf L l£&
Mikäl (Michael) II, 42.
Mikraz ben Hafs L Hö.
Minä I. 7. HX), 1Ü2.
Mirba’ 1, 7f>.
Mo’ad ben Gebel L lÖ-ii IL mo’aqqibat, Wachtengv! II, Uli, Mo’äwija 1, 148; IL li& Modar L
Motiammed lien ‘Abd-Alläh L LLL Moharram II, 131. el-Mottalib L 30. Moqauqis l 123, 120. Moqri L 42.
Mos’ab ben Omair L 42 f , 4L Moses (Musä) II. 2A IL 82 f. Mostaliq 104, 132. Muhägira oder Muhägirün, Fluchtge- nossen LiliiDOil^ILl^il!^^ Mulaika L 140.
munäfiq, schwachgläubig 1^ 74. 89. 22.
- 149, 151; iL IM f. .Mundil I, 123, el-Muntahä II, 1ÜL Muräd L 1, lii2. el-Muraisi’ L 1(V ^- Murra L 12L Musailima l l.*>8, 100. Muslim L IL Mu’ta L 12L
Mu’tafika Sodoma II, 83. Muzaina L 0« b’^- Muzdalifa L. L
y Google
Verzeichnis der Eigennamen und Kunstausdröcke.
Nabataerreich I, L
nabi, Prophet II, 25 ff.
Nadir I, 52, 21 f., 94, 102 f., 106, Ufl.
Na$£är I, ^ 58, 78.
Nagran L &, 1Ü3 f., 152.
Nahd I, 4.
NabJa I, 83, 85, 143.
näsih, Abrogierendes II, lü.
Nasr L 144.
Nasr II, 63.
Naqib L 35-
el-Natät 1, Hü f.
Negd I, 3 f., 102, 106, 111, 12L
Negus L 35. ‘
Nestor II, 33.
Nestorianer L 5.
Noah (Nüh) II, 77, ÜL
Numair ben Amir I, 4*
O.
‘Obaida I, 03.
Ohod It U f„ 9fi f., 99, 103. 106. 112.
- 163; IT, 54. Oraän L 2 f., 158.
‘Omar ben el-B>ttäb I, 35, 115, 120
- 164; IL 12. ‘Omar ben *Abd-el ‘A/iz I_L 11>L Omäjja (Stamm) I, 24, 34. Omajja L SJL 135.
‘omra, Besuch des mekk. Heiligtums
L 142. 161_l II, 12L ‘Ü ? ajja L HJ2. ‘Oschaira I, 83 f. ‘Otaibal, 28.
‘Otba I, 28j 33, 46, 86, S8.
‘Otmän ben Affän I, 24, 113 f.; II, 12,
15 f.. 16Ä. Otmän ben Talha L 135. el *Ozzä 1, 143_i II, 6Ü.
P.
Persien L 4, 160. Petra h 4.
Petrusbrief II, 32, 170—75.
qadr, urvorzeitl. Ratschluß Gottes H, lflä. qada f „ „ u IL 109.
Qaila L 40.
Qainuqu’ L ‘”>2, 91, 03, 103. 1QQ f. Qfisim I, IL
qibla, Gebetsrichtung L 57, 7lj II, 124. qijäma, Auferstehung II, 155. Qobä l 4& 2L Qo’ra L 144
Qoraisch I, 7, 25, 37, 58, 82 11., im tK,
114, 135, 137, 144. f., 148, UiQ f. Qoraiza I, 5g, 91, 109 f Qosaj L 8,
B.
rabb, der Mächtige, Herr (Gott) II, 25,a r >f. Rabl’a L 158. Rafab I, 83j II, 13L er-Ragi I, 1QL
rahma, göttliche Barmherzigkeit, 1, 31j
II, 25, 39 ff.. 175. er-rahmän, der Barmherzige (Gott)
II, 26, 4Ü Ramadan I, 10. 54: IL 132. er-Rass II, TL rasül, Prophet 11, 18. RH I, 102. Ro’ain I, läfi. Roqajja I, 9, 28.
roh, ruh-el-quddüs, hl. Geist IL 51 f., 1Ü2. 8.
Saba’ II, 77, SL Sabäer I, 4. Säbier L IL 53.
Sa’d ben Abi Waqqäs I, 24, 1 15. Sa’d ben Bakr L 144. Sa’d ben Mo’ad L 86. Sa’d ben Zaid I, U1L sadaqät, Almosen II, 141. Sadif L 155.
saduqa, Morgengabe II, 143.
Safä I, 121, 135; II, 123.
Safijja k L4Ö.
Sa’id ben el-‘As II, 15.
Sä’ida L 52, 78, 163.
saklna (Schechi na) Gottesnähe II. 51,53 f.
Sal* L HEL
salat. Pflichtgebet 1, 25. Sälih II, m,
sälihät.die religiösen Pflichtwerkell, 111. Salim l 15L Salma L L
Salomo (Sulaimän) II. 2Q f.
sallä,mit gebeugtem Rücken beten 11, 122.
Salü] L 3,
Samiri II, 8JL
San’ä L 159,
186
Verzeichnis der Eigennamen und Kunstausdrüeke.
Sarai 1 1 f.
s&rim. Engelsfürsten II, 5n. Sasaniden I, 5. Sauda L 232.
schahada, Zeugeneid H, LäQ Anm. Schaiba I, 33, 83. schaitÄn, SaUn L IL H, 2ü f. Schäm L 2. Schammar L L 4, 15L schedim, Dämone H, &L schl’a, das Ergebnis der islam. Kirchen- spaltung II, likt es-Schiqq Ij U9_ Scho’aib IL 80. Schotaiba I, IL Scbugä’ ben Wahb L 120. seg”, accentuirende Poesie H, 18 IT. Sufjän ben Halid L 11L Suhail ben ‘Amr L 114. suhuf, himmlische Rollen IL, 44. Sulaim L 3, 106, 133. sura, Schriftstück, Korankapitel II, 3, Suwä* L U3j II, ßü.
T.
Tabart L Mi U. 12.
Tabük L gi 151, 153. 157. 102.
tafzil, Abteilung des himml. Buches
= Koran II, 7JL Tägüt L SS.
tahannut, eine Art Gottesdienst der
Mekkaner L 10. Taj L 4, 157, Lütb Taif L 8j 39, 144, 142 f., 153. Taim L 24.
Taima 1, 3, 5^ 120, 153. Ta’laba ^ 52.
Talba ben ‘Obaid-Alläh L 24.
Talib, L 46,
Talmud II, 30, 32.
Talüt (Saul), L 59.
Tarn im L £ 152.
Tamüd L löjj II, 80.
tanzil, Herabsendung Koran II, 73
taqal. Körperwesen II, 48.
Taqif L 4, 39. 135, 144 14fi f .
taqwä, guter Trieb II, 59.
Targum II, 30.
tatawwa’, das geratene Gute üben II, 129
tauha, Bu£t II. 112. 115.
laul, göttliche Langmut II, Uih
Taur L 47j II. 53.
tawäf. Prozession um das Heiligtum
L 134i II, 122. Theodorus Ij 127, Theophanes b 122. Thora II. 43. f. Tihäma I, 3 t. 25, 144. Trachonen b 2. Tuwä H, 8L
U.
Ubaj ben Ka’b II, 15, IL Unna L 1Ü3. Ukaidir L 15L Umm Habiba L 140. Umm Kultum L 9, 28, Umm Salama I, 139. ummi, ungelehrt ü, 5, 3L Usair ben R&zim L HL Usäma ben Zaid b ML
W
wadd rc fia.
Waddän L 7J, 83. Wädi-l-Oora I, 5^ 120. 151 L Wa’il I, lfifi. Walid L 88.
Waqid ben Abd-Alläh L 83. WaqidJ L 108. Waraqa ben Naufal L 11 f. el-Watih L 119-
Z.
zabänija, Höllenengel iL 50, 103.
zabür. Offenbarungsbuch — Kitabll, 90.
Zacharias (ZakarijjaJ II. 93.
Zaid ben ‘Amr I, 12.
Zaid ben Hanta L 24, 101, 122,127, 139.
Zaid el-Hail L 15L
Zaid ben Tibi t II, 13 fi.
Zainab I, 9, 139 f.
zakät, innere Reinigung, Pflichtalmosen L 15, 29, 9L 154 f.; II, 132 IL
zakkä, sich innerlich reinigen durch gute Werke J!. 113.
Zaqqöm, der Höllenbaum II. 163.
Zamahscharl II, 17.
Zamzam b L
Zohra L &L
ez-Zohri L 120.
Zubaid b 159.
Zubair ben el-‘Awwäm b =LL
zubur, Blätter des himml. Buches II 44.
Zuraiq Jj ÜL
Die im Verlage der Aschendorffschen Buchhandlung in Münster i. W. erscheinende Sammlung von
Darstellungen aus dem Gebiete der nicht- christlichen Religionsgeschichte
stellt sich zur Aufgabe, die Ergebnisse der religionsgeschichtlichen Forschung unserer Tage den wissenschaftlich Gebildeten zugäng- lich zu machen und den Studirenden zum Weiterstudium auf dem betreffenden Gebiete das nötige Material an die Hand zu geben.
Dem Zusammenhang zwischen Religion, Geschichte und Cultur wird sie besondere Beachtung schenken und auch dieje- nigen Punkte, worin die nichtchristlichen Glaubens- und Cultus- formen Analogien zu Judentum und Christentum darbieten, ge- bührend hervortreten lassen, jedoch willkürliche Deutungen und waghalsige Gombinationen grundsätzlich vermeiden.
Jede einzelne der in Aussicht genommenen Darstellungen wird ein selbständiges Ganze für sich bilden.
Die Reihenfolge ihres Erscheinens richtet sich nicht nach chronologischen oder ähnlichen Gesichtspunkten.
Jeder Band der Sammlung wird einzeln abgegeben.
In Bearbeitung sind folgende Bände:
Kultus und Glaube der alten Germanen. Von Dr. E. Mogk, Privatdozent an der Universität Leipzig.
Die Religion der Sndseevttlker. Von Dr. W. Schneider, Paderborn,
Die Religion der Körner. Von Dr. Emil Aust in Frankfurt a. M .
Die Religion der Griechen. Von Dr. Paul Wetzet, Gymnasial- Oberlehrer in Breslau.
Chinas Religionen: L Teil. Confneins und seine Lehre. — II. Teil. Lao-tse und der Taoismus. Von Dr. Rudolf Dvorak, Professor a d. k. k. böhm. Univers. Prag.
Die Religion des Avesta von Dr. W. Bang, Professor an der Univers. Löwen.
Die Religion der Babylonier und Assyrer. Von S. Arthur Strong, M. A. in Cambridge.
HT Yenseiehniss der erschienenen Bünde s. folgende Seite.
Darstellungen aus dem Gebiete der nichtchrist- lichen Religionsgeschichte.
Erschienen sind bisher:
Band I: Der Buddhismus nach älteren Päli -Werken. Darge- stellt von Dr. Edmund Hardy, ao. Professor an der Universität Freiburg i. B. Nebst einer Karte „Das heilige Land des Buddhismus”. VIII und 168 Seiten. Preis ge- heftet Mk. 2,75, gebd. in Leinwandband Mk. 3,50.
Band II: Volksglaube nnd religiöser Brauch der Sfldslaven.
Vorwiegend nach eigenen Ermittlungen von Dr. Friedrich S. Krau ss. XVI u. 176 S. Preis geheftet Mk. 3, gebd. in Leinwandband Mk. 3,75.
Band III: Die Religion der alten Ägypter. Dargestellt von Dr. A. Wiedemann. IV u. 176 S. Preis geheftet Mk. 2,75. gebd. in Leinwandband Mk. 3,50.
Band IV: Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner.
Dargestellt von Dr. Heinrich v. Wlislocki. XVI u. 184 S. Preis geheftet Mk. 3, gebd. in Leinwandband Mk. 3,75.
Band V/VI : Die Religion der afrikanischen Naturvölker. Darge- stellt von Dr. W. Schneider. XII u. 284 S. Preis geh. Mk. 4,50. geb. in Leinwandband Mk. 5,50.
Band VII: Mohammed. I.Teil: Das Leben. Von Dr. H. Grimme, Professor an der Universität Freiburg i. Schw. Mit Plänen von Mekka und Medina. XII u. 168 S. Preis geh. Mk. 2,75, gebd. in Leinwand Mk. 3,50.
Band VIII: Volksglaube und religiöser Brauch der Magyaren.
Von Dr. H. von Wlislocki. XVI und 172 Seiten. Preis geh. Mk. 3, gbd. in Lwbd. Mk. 3,75.
Band IX/X: Die vedisch-hrahmanische Periode der Religion des alten Indiens von Dr. Edmund Hardy, ao. Professor an der Universität Freiburg i. B. VIII u. 250 S. Preis geh. Mk. 4, geb. in Lwbd. Mk. 5.
Band XI: Mohammed. II. Teil: Einleitung in den Koran, System der koranischen Theologie. Von Dr. H. Grimme, Professor an der Universität Freiburg i. d. Schw.